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StartseiteKultur heuteRisikofreude, Ruhmessucht und Einsamkeit27.04.2012

Risikofreude, Ruhmessucht und Einsamkeit

Das Neue Palais in Potsdam zeigt eine verschärfte Sicht auf Friedrich den Großen

Seit über 200 Jahren streiten Historiker über die Verdienste von Friedrich II. Die Ausstellung "Friederisiko" im Neuen Palais in Potsdam will dem auf den Grund gehen und einen Menschen und Herrscher vorstellen, den man so noch nicht kannte.

Von Sigrid Hoff

Gäste und Förderer feiern vor dem Neuen Palais in Potsdam die Ausstellung "Friederisiko". (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Gäste und Förderer feiern vor dem Neuen Palais in Potsdam die Ausstellung "Friederisiko". (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Friedrich im Bild – der Raum, der sich dem Konterfei des großen Preußenkönigs in Form seiner Porträts widmet, dient nicht etwa als Einstieg in die Ausstellung, erst im Obergeschoss des Neuen Palais trifft man auf die Königsbilder, erlebt, wie die Künstler ihn sehen: Eine Fülle prominenter bis skurriler Porträts, die zeigen, wie Friedrich allmählich zu einer Marke wurde, in blauer Uniform, mit Dreispitz und Krückstock. Der König saß zwar nicht gern Modell, welches Bild aber von ihm in die Welt ging, das wollte er schon kontrollieren. Auf den Mann hinter dem Bild trifft der Besucher in der Königswohnung im Erdgeschoss. Kurator Jürgen Luh:

"Friedrichs Wohnung ist der Gang durch den Tagesablauf des Königs, man sieht, was er gegessen hat, wie lange Zeit er am Tisch verbracht hat, er aß gern, unvernünftigerweise, da hat er sich drüber hinweggesetzt, Hauptsache, es hat Spaß gemacht, ein sympathischer Zug, wir sehen die Bücher, die er gelesen und geschrieben hat, wir gucken, wie es funktioniert hat beim Ankleiden, wie er geschlafen hat, wo er geschlafen hat, wir sehen da eben, dass Friedrich keineswegs immer in Uniform rumgelaufen ist, das ist das Bild, das er gern von sich repräsentiert hat, in einem anderen Raum in der 1. Etage, bei den Königsbildern, wenn wir dort einen Blick auf die Porträts werfen und genau hingucken, sehen wir, dass es keineswegs eine Uniform ist, was er dort auf vielen Porträts trägt, wenn man dann auf den Schatullrechnungen nachschaut, sieht man, na, so einfach ist es nicht gewesen, mehrere hundert Taler, die simple Uniform hat zehn bis zwanzig Taler gekostet, der König hat sich schon etwas mehr Luxus gegönnt."

Ein Ausdruck von Friedrichs Verschwendungssucht ist nicht zuletzt das Neue Palais: Als "fanfaronnade" – zu Deutsch: Prahlerei – hatte er selbst diesen letzten großen Schlossbau seiner Ära bezeichnet. Mit dem Prachtbau schuf sich Friedrich seine eigene Ruhmeshalle. Die Ausstellung macht diese in vielen Räumen versteckte Botschaft erstmals lesbar. Mitarbeiter Alfred Hagemann interpretiert die Ikonografie des riesigen Marmorsaals im Obergeschoss:

"Das Deckengemälde, wo Ganymed als Mundschenk an die Tafel der Götter im Olymp geholt wird, da ist offensichtlich Friedrich mit gemeint, es gibt auch noch das Monogramm FR in Bezug auf Ganymed, das hat er später übermalen lassen, es ist eher ein Marketing-Gag gewesen und hat zu dem Bild von Friedrich dem Bescheidenen geführt, das wirkte in der Öffentlichkeit bis heute. Voltaire schreibt ihm, wie beeindruckend es ist, dass er anders als Ludwig XIV. sich nicht an die Decke malen lässt."

Mit Voltaire verband Friedrich eine Geisteshaltung, er holte den Franzosen an seinen Hof, doch nach nur drei Jahren ergriff dieser die Flucht – eines der vielen, gut platzierten Zitate von Zeitgenossen des Königs, die besser als jeder Raumtext die Ausstellung kommentieren, stammt von Voltaire: Friedrich würde wiederholt gegen die oberste Regel der Gesellschaft verstoßen, kritisierte der französische Philosoph 1758, niemanden etwas Kränkendes zu sagen. Erst im Alter gab es eine Annäherung. Das zeigt eine Leihgabe des Louvre, die Marmorskulptur "Der nackte Voltaire", 1776 von Jean-Baptiste Pigalle geschaffen und von Friedrich mitfinanziert – ein Höhepunkt der Schau. Jürgen Luh:

"Voltaire ist da als alter Mann, man sieht die eingefallene Muskulatur, den eingefallenen Mund, die Glatze, nichts Heroisches, die glänzenden Augen hingegen zeigen den wachen Geist des alten Mannes an. Ich glaube, das hätte Friedrich gefreut, wenn er wüsste, dass diese Skulptur hier einmal gezeigt werden würde."

Die Ausstellung vermittelt kein neues, aber ein differenziertes Bild des Königs, seiner Geisteshaltung und seiner Politik. Die These: Dank seiner Risikofreude und Ruhmessucht konnte Friedrich zu einem der mächtigsten Herrscher Europas aufsteigen - und starb am Ende doch als einsamer Mann. In der Ausstellung sieht man Zeugnisse seiner letzten Freunde: Grabplatten für seine Hunde und das Skelett seines letzten Reitpferdes Condé.

Mehr zum Thema:
Sammelportal dradio.de: Friedrich der Große - 300. Geburtstag

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