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StartseiteForschung aktuellRiskante Unterbrechung13.02.2006

Riskante Unterbrechung

Therapiepausen schaden HIV-Patienten mehr als sie nützen.

Medizin. - Aids ist weiterhin unheilbar und im Endeffekt tödlich, doch lassen sich Ausbruch und Fortschritt der Krankheit inzwischen durch Kombinationspräparate verzögern. Allerdings haben die zum Teil gravierende Nebenwirkungen, so dass manche Mediziner zu mehrfachen Unterbrechungen der Therapie rieten. Keine gute Idee, wie jetzt eine groß angelegte internationale Studie zeigte, die auf der amerikanischen Aids-Konferenz CROI in Denver vorgestellt wurde.

Von Martin Winkelheide

Unterbrechungen in der Aids-Therapie haben keine positiven Effekte. (AP)
Unterbrechungen in der Aids-Therapie haben keine positiven Effekte. (AP)

John Mellors von der Universität Pittsburgh bringt es auf die denkbar kürzeste Formel:

"Once you start on Haart you need to stay on it."

Wer einmal mit einer HIV-Therapie beginnt, der darf sie nicht unterbrechen.

"Wer versucht, Medikamente zu sparen, um so Nebenwirkungen zu reduzieren und Kosten zu senken, der riskiert Krankheits- und Todesfälle."

Die Botschaft kommt überraschend. Hatten Forscher in den letzten Jahren doch gedacht, dass es möglich und sinnvoll sein könnte, die HIV-Therapie zeitweise zu unterbrechen. Denn HIV-Medikamente haben, je nach Wirkstoff-Kombination schwere Nebenwirkungen. So steigen die Blutfettwerte an. Hohe Cholesterin- und Triglycerid-Spiegel aber sind gleichbedeutend mit einem erhöhen Schlaganfall- und Herzinfarkt-Risiko. Und die Medikamente können das Aussehen der Patienten dramatisch verändern. Schlomo Stazewski von der Universität Frankfurt:

"Unter bestimmten Medikamenten-Kombinationen kann das Fett im Körper sich umverteilen, das bedeutet, dass die Patienten einen sehr dicken Bauch kriegen und sehr dünne Arme, und auch das Gesicht wird ziemlich entstellt durch die so genannte Lipodystrophie."

Vor drei Jahren haben Mediziner deshalb entschieden, eine neue Behandlungsstrategie zu testen. Therapie-Pausen, so die Überlegung, könnten helfen, mit weniger Medikamenten auszukommen und so Nebenwirkungen zu vermeiden. Das war der Beginn der so genannten Smart-Studie. Wafaa El-Sadr von der Columbia University in New York koordinierte diese bislang größte Studie zur Behandlung von HIV mit über 5500 Teilnehmern aus 33 Ländern. El-Sadr:

"Die Aids-Medikamente sind fantastisch, weil die Patienten länger leben und länger gesund bleiben. Aber die Medikamente sind nicht einfach einzunehmen, und sie haben mitunter schwere Nebenwirkungen. Deshalb wollten wir ausprobieren, ob es nicht gerade für Menschen die schon sehr lange HIV-infiziert sind, einfachere und komfortablere Behandlungsformen gibt. Deshalb vor allem haben wir die Smart-Studie begonnen."

Therapiepausen konnten Studienteilnehmer immer dann einlegen, wenn ihr Immunsystem stabil war. Sank die Zahl der Immunzellen im Blut unter einen kritischen Wert ab, nahmen die Patienten die Medikamenten-Therapie wieder auf. Die Smart-Studie war auf sieben Jahre angelegt. Die Zwischenauswertung der Studie aber wartete mit einigen unangenehmen Überraschungen auf. El-Sadr:

"Die größte Überraschung der Smart-Studie war, dass es den Patienten, die Therapiepausen eingelegt hatten, schlechter ging als den Patienten, die täglich ihre Medikament eingenommen haben. Sie hatten häufiger Probleme, die in direktem Zusammenhang stehen mit der HIV-Infektion, und sie hatten auch häufiger andere Probleme, mit denen wir gar nicht gerechnet hatten."

Patienten, die ihre Therapie regelmäßig unterbrachen, hatten ein höheres Risiko, an Immunschwäche zu erkranken - also an Aids. Sie hatten häufiger typische Nebenwirkungen der Medikamenten-Einnahme. Und sie hatten ein deutlich höheres Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko. Für Wafaa El-Sadr von der Columbia University bedeutet dies:

"Wir wissen jetzt: Therapiepausen sind nicht sinnvoll. Für Patienten ist es besser, täglich ihre Medikamente einzunehmen."

Eine weitere Konsequenz aus der Smart-Studie könnte auch sein, früher als heute üblich mit einer HIV-Therapie zu beginnen, so Jürgen Rockstroh von der Universität Bonn.

"Unter dem Eindruck der vielen Nebenwirkungen, der Komplexität der Therapie war man sehr zurückhaltend geworden. Aber jetzt sehen wir, dass wir dadurch vielleicht eben Patienten an der Erkrankung verlieren, und das lässt uns natürlich auch angesichts besser verträglicher Medikamente etwas zurück rudern und diese Zeitpunkte neu definieren."

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