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StartseiteBüchermarktRitter und Magie12.02.2006

Ritter und Magie

Andrzej Sapkowskis historischer Roman "Narrenturm"

Andrzej Sapkowski ist in Polen ein bekannter Mann. Er hat in den 80er-Jahren als erster seines Landes begonnen, erfolgreiche Fantasy zu schreiben. Abenteuer und Magie kann sich Sapkowski - schon um des kommerziellen Erfolges willen - auch in seinem ambitioniertesten Projekt nicht verkneifen, dessen erster Band nun mit dem "Narrenturm" auf Deutsch vorliegt.

Von Florian Felix Weih

Neben Rittern kommen in "Narrenturm" auch dunkle Mächte vor. (Haus der Bayerischen Geschichte)
Neben Rittern kommen in "Narrenturm" auch dunkle Mächte vor. (Haus der Bayerischen Geschichte)

Als Erster wurde Nikolaus Koppirnig zum Verhör abgeholt. Der Astronom, der bis dahin versucht hatte, die Fassung zu bewahren, verlor beim Anblick der vierschrötigen Folterknechte der Inquisition den Kopf. Erst versuchte er zu fliehen, was völlig sinnlos war - wohin hätte er auch fliehen können? Als er ergriffen wurde, schrie der Arme, weinte, schlug um sich, wand sich unter den Händen der Schergen wie ein Aal. Vergebens, das Einzige, was er durch seinen Widerstand erreichte, war eine Tracht Prügel. Sie hatten ihm die Nase gebrochen, durch die er, als er hinausgetragen wurde, vergeblich versuchte zu atmen, was komische Geräusche versuchte. Aber niemand lachte.
Koppirnig kam nicht wieder.
Als die Schergen am nächsten Tag den Institor holten, machte dieser keine Szene, er war still. Er weinte und schluchzte nur, völlig verzweifelt. Als sie ihn aufheben wollten, machte er sich in die Hosen. Da sie dies als eine Form des Widerstandes betrachteten, traten die Schergen heftig auf ihn ein, bevor sie ihn fortschleppten.
Der Institor kam auch nicht wieder.
Der Nächste - am selben Tag - war Bonaventura. Vor Angst völlig durchgedreht, begann der Stadtschreiber die Schergen zu beschimpfen, anzuschreien und ihnen mit seinen Beziehungen zu drohen. Die Schergen, das war klar, hatten davor keine Angst, sie scherten sich nicht darum, dass der Schreiber mit dem Bürgermeister, dem Propst, dem Münzmeister und dem Zunftmeister der Bierbrauer zuweilen Pikett spielte. Bonaventura wurde hinausgezerrt, nachdem man ihn ordentlich verprügelt hatte.
Er kam nicht wieder.


So gehen sie einer nach dem anderen in die "peinliche Befragung" der katholischen Inquisition, in diesem Herbst 1425. Die Lage ist ernst für Rom, zumal im Herzogtum Münsterberg, das umringt von der Grafschaft Glatz und den Herzogtümern Schweidnitz, Brieg und Grottkau am südwestlichen Rande Schlesien liegt. Aus dem benachbarten Böhmen infiltrieren hussistische Agenten die Bevölkerung, die sich von der ketzerischen Lehre des 1415 zu Konstanz verbrannten Theologen Jan Hus durchaus angetan zeigt. Im Städtchen Frankenstein steht ein von Mönchen bewirtschafteter Narrenturm, dessen sich - mangels anderer Gefängnisse - die Heilige Inquisition zur Arretierung ihrer Verdächtigen bedient. Dass es sich hierbei freilich um keine ganz dramatische Angelegenheit handeln kann, deuten die Namen der Delinquenten an: Ein Astronom namens Nikolaus Koppirnig, ein Stadtschreiber Bonaventura - da nicken die Gebildeten unter den Lesern wissend: eine Anspielung! Kopernikus freilich wurde erst 1473 geboren, der Autorenanonymus Bonaventura betrat gar erst in der deutschen Romantik die literarische Bühne. Anachronismen im historischen Roman sind entweder grobe Fehler oder bewusste Wegzeichen für den Leser, sich nicht mit Leib und Seele dem Text zu verschreiben. Auch bei Folterszenen, Häretikerverbrennungen, Schlachtengemälden kann er stets sicher sein, sich im Raum des Fiktionalen zu bewegen. Keine ganz grundlose Illumination mittelalterlicher Finsternis, lädt das Genre von allen literarischen Formen doch am stärksten zur Identifikation ein: Schon wegen der typischen Dickleibigkeit der Bücher versinkt man über Tage und Wochen in einem Stoff, der bis in die Träume hineinwirkt. Ein fürsorgliche Autor liefert daher alles, was zur Identifikation benötigt wird - und das Antidot ironischer Distanzierung gleich mit. Wann noch mal schrieb Shakespeare seinen "Macbeth"? Doch nicht im 15. Jahrhundert! Sondern irgendwann später.

Um das Feuer saßen drei Weiber. Zwei von ihnen verhüllte der aus dem Kessel aufsteigende Dampf. Die Dritte, die zur rechten Seite saß, schien ziemlich betagt. Ihre dunklen, aber von der Sonne ausgebleichten, stark von Grau durchzogenen Haare und ihr wettergegerbtes Gesicht konnten täuschen - die Frau konnte ebenso gut vierzig wie achtzig Jahre auf dem Buckel haben. Sie saß lässig da, wiegte sich und drehte auf unnatürliche Weise den Kopf. Sei gegrüßt, krächzte sie, worauf sie laut und vernehmlich rülpste, sei gegrüßt, Than von Glamis. Hör auf, dummes Zeug zu reden, Jagna, ermahnte sie die zweite Frau, die in der Mitte saß. Verdammt, du hast dich schon wieder betrunken.

Andrzej Sapkowski ist in Polen ein bekannter Mann. Er hat in den 80er-Jahren als erster seines Landes begonnen, erfolgreiche Fantasy zu schreiben, als das Phantastische noch bei Stanislaw Lem endete, der mit seinen philosophisch durchwirkten Science Fictions gebildete Schichten erreichte, während Fantasy in den Niederungen trivialer Abenteuer- und Magieschmonzetten stecken blieb. Abenteuer und Magie kann sich Sapkowski - schon um des kommerziellen Erfolges willen - auch in seinem ambitioniertesten Projekt nicht verkneifen, dessen erster Band nun mit dem "Narrenturm" auf Deutsch vorliegt. Aber er holt weit aus, will den vom Historienroman weitgehend ignorierten geographischen Raum östlich der Elbe ins Zentrum rücken und dabei einem wenig behandelten Zeitabschnitt Gerechtigkeit widerfahren lassen. Was während der Hussitenkriege in Zentraleuropa passierte, war für die europäische Geschichte von einiger Bedeutung, für die regionale von noch größerer. Der Versuch Jan Hus’, Gottesdienste nicht mehr in Latein lesen zu lassen, brachte die tschechische Schriftsprache hervor, während ansonsten Stammeszugehörigkeit, Sprache und Staatsmacht kaum je zur Deckung gelangten. Die Helden des "Narrenturms" - wir kommen gleich zu ihnen - bewegen sich in einem relativ engen Gebiet, das nominell der böhmischen Krone untersteht, aber entweder von schlesischen Herzögen und Grafen regiert oder von Raubrittern kontrolliert wird. Unter Gebildeten spricht man Latein, unter den Hussiten böhmisch, der Rest der Bevölkerung redet deutsch. Nur sehr selten erklingt ein drittes Idiom:

Schon von weitem hörte er die lauten, erregten Stimmen der Leute an der Anlegestelle, wobei nicht klar war, ob sie sich stritten oder nur im Handelseifer lauter sprachen. Mit Leichtigkeit ließ sich aber die Sprache erkennen, derer sie sich bedienten. Sie sprachen polnisch. Noch bevor er aus dem Gebüsch heraustrat und von der Böschung her die Anlegestelle betrachten konnte, wusste Reynevan, wem die Stimmen wie auch die an Pfählen verzurrten kleinen Schuten, Barkassen und Kähne gehörten. Es waren Wasserpolen. Oderflößer und -fischer, eher als Clan organisiert, denn als Zunft, eine Gemeinschaft, die neben ihrer Beschäftigung ihre Sprache und das starke Zugehörigkeitsgefühl einer nationalen Minderheit pflegte. In den Händen der Wasserpolen befand sich ein Großteil der schlesischen Fischereiwirtschaft, ein bedeutender Anteil am Flößereigeschäft und ein noch größerer am Kleintransport auf dem Fluss, in dem sie sehr geschickt mit der Hanse konkurrierten. Die Hanse hatte es oderaufwärts nicht weiter als bis nach Breslau geschafft. Die Wasserpolen hingegen beförderten Waren bis nach Ratibor. Oderabwärts fuhren sie bis nach Frankfurt, Lebus und Küstrin, ja sogar - unter Umgehung des strengen Frankfurter Stapelrechts mit unergründlichen Mitteln - weiter flussabwärts bis hinter die Warthemündung.

In diesem melting pot ist Reinmar von Bielau, genannt Reynevan, unterwegs. Kreuz und quer zieht er zu Fuß, zu Pferd und zu Schiff durch die schlesischen Provinzen. Der 23-jährige Edelmann befindet sich auf der Flucht. Nicht, weil er die dunklen Künste der Alchemie beherrscht - das tut er notabene auch -, sondern weil er mit Adele von Sterz eindeutig die falsche Frau liebt. Ihr kreuzzugsbedingt abwesender Mann ist nämlich mit etlichen wilden Brüdern gestraft, die den Ehebruch der Schwägerin rächen wollen, indem sie deren Liebhaber zur Strecke bringen. Der junge Reynevan könnte sein Testament machen, besäße er nicht Gönner, die seinen Schutz organisieren. Ein hoher Geistlicher besorgt ihm einen mit allen Wassern gewaschenen Überlebenshelfer namens Scharley, dessen Hauptqualifikation darin besteht, "Demerit" zu sein, also ein Mann ohne Meriten - sprich: ein straffällig gewordener Priester. Wofür Scharley im kirchlichen Gefängnis einsitzt, erfährt der Leser nicht, doch Diebstahl, Betrug, Spielleidenschaft und Hurerei werden es eher sein denn irgendwelche Gewalttaten. Mit diesem Schlitzohr an der Seite soll Reynevan nach Ungarn flüchten, doch bewegt sich die kleine Reisetruppe - zu der wenig später noch ein überaus gebildeter Kraftprotz namens Samson stößt, dessen debil wirkendes Äußeres ihn freilich vor der Unterstellung jeglicher Geisteskraft schützt - fortwährend im Kreis. Das liegt weniger an den beiden Begleiter Reynevans (auch nicht unbedingt an den Verfolgern, die sich ziemlich tumb anstellen), als an der Unreife des Jünglings, die ihn Gefahren suchen lässt, statt diese zu meiden: Die Liebe treibt ihn zurück in die Heimat, auch wenn sich Adele von Sterz längst einen anderen Tröster gesucht hat, was Reynevan glücklicherweise erst erfährt, als ihm schon die zweite große Liebe über den Weg gelaufen ist. Geschickt amalgamiert Sapkowski den Historienstoff mit Elementen des Schelmenromans, wovon nicht zuletzt die Kapitel-Untertitel Zeugnis ablegen.

Dreizehntes Kapitel, in dem Scharley Reynevan nach Verlassen des Benediktinerklosters seine existentielle Philosophie erklärt, die - vereinfacht - zu der These führt, dass heruntergelassene Hosen und ein Augenblick der Unaufmerksamkeit genügen, wenn dir jemand, der dir feindlich gesinnt ist, an den Arsch will. Etwas später bestätigt das Leben diese Ausführungen in ihrem ganzen Umfange und im Detail. Aus der Bedrängnis rettet Scharley jemand, den der Leser schon kennt, aber es scheint ihm nur so, als ob er ihn kenne.

Trotz dieser aufwändigen Verschnörkelung passiert auf den mehr als siebenhundert Seiten des ersten Trilogie-Bandes nicht allzu viel. Das heißt: Unaufhörlich trägt sich etwas zu - Morde, Schlägereien, Raubritterüberfälle und viele theologische Dispute -, doch eine kontinuierlich aufgebaute Handlung sucht man vergebens. Das Buch ist ein mittelalterliches Roadmovie, in dem es unentwegt voran geht - zu den erwähnten Verkehrsmitteln gesellt sich übrigens noch der Hexenbesen hinzu -, doch das eigentliche Augenmerk des Autors liegt auf dem Kolorit. Durchaus genretypisch, bedeutet dies für den Leser zunächst einmal, eine Vielfalt weit entrückter historischer Daten zur Kenntnis nehmen zu müssen. Dreißig Seiten Anhang helfen ihm dabei weiter, reichen aber beileibe nicht aus: Wer war beispielsweise jener so oft erwähnte John Wyclif? (Ein früher englischer Reformator.) Und was hat es mit den Schlachten des Hussitenführers Jan Žižka im Einzelnen auf sich? Atmosphärisch ergiebig, doch letztlich nervtötend, sind die unendlichen lateinischen Ausschweifungen, deren Witz man nur dechiffrieren kann, wenn man die Zitatherkunft im Anhang nachblättert. Etwa bei folgender Teufelsaustreibung:

Scharley machte mit einem kräftigen Räuspern seinen Hals frei. Offer nostras preces in conspectu Altissimi, sagte er laut und vernehmlich und rief dadurch ein noch stärkeres Echo hervor, ut cito anticipent nos misericordiae Domini, et apprehendas draconem, serpentem antiquum, qui est diabolus et satanas, ac ligatum mittas in abyssum, ut non seducat amplius gentes. Hinc tuo confisi praesidio ac tutela, sacri ministerii nostri auctoritate, ad infestationes diabolicae fraudis repellendas in nomine Iesu Christi Dei et Domini nostri fidentes et securi aggredimur.

Ein echter katholischer Exorzismus, der allerdings erst 1890 eingeführt wurde. Gemach - in diesem Buch verpflichtet die Dramaturgie niemanden auf Einhaltung zeitlicher Logik, am allerwenigsten das handelnde Personal. Während Reynevan als schlesischer Parsifal, der naiv von einem Unheil ins andere tappt, reichlich blass bleibt und damit in jede Epoche passt, bilden Scharley und Samson ein pikareskes Duo, wie es bei Cervantes oder Rabelais stehen könnte. Allerdings würden sie dort anders reden als bei Sapkowski, der schon mal das Wort "sponsern" einfließen lässt - nicht auf der Ebene des auktorialen Erzählers, sondern im zeitgenössischen Dialog. Das ist wieder ein Witz, doch irgendwie zündet der nicht richtig. So wechselt der Text zwischen ausschweifender barocker Rhetorik und schwindsüchtiger moderner Ironie hin und her, findet aber keinen entschieden eigenen Ton. Die meisten Figuren sind "derbe" und wenig kultiviert, wie es dem Mittelalterklischee entspricht, doch als Reynevan aus einer seiner Malaisen von einem berüchtigten Raubritter befreit wird, entpuppt sich dieser als Kopfgeldjäger mit erstaunlich modernen Prinzipien:

Herr Czirne ..., stieß Reynevan keuchend hervor, den starke Arme ergriffen hatten. Was denn ... Was ...
Es gibt ein bischöfliches significavit auf deine Person, junger Mann, erklärte Hayn von Czirne beiläufig. Und ein Kopfgeld, wenn man dich lebend ergreift. Siehst du, dich sucht die Inquisition. Wegen Zauber oder Häresie, das ist mir ganz egal. Aber du reitest gefesselt nach Schweidnitz, zu den Dominikanern.
Lasst mich frei... Reynevan stöhnte, denn die Fesseln schnitten ihm schmerzhaft in die Handgelenke. Bitte, Herr Czirne ... Ihr seid schließlich ein Ritter... Und ich muss ... Ich bin in Eile... Zu der Frau, die ich liebe!
Wie wir alle.
Ihr hasst doch meine Feinde! Die Sterz' und Aulock!
Das stimmt, gab der Raubritter unumwunden zu. Ich hasse diese Hundesöhne. Aber, junger Freund, ich bin kein dahergelaufener Wilder. Ich bin Europäer. Ich gestatte mir nicht, mich in Geschäftsangelegenheiten von Sympathie oder Antipathie leiten zu lassen.


Keine Frage, als gehobene Unterhaltungsliteratur muss der "Narrenturm" nicht vollkommen in sich konsistent sein. Es ist schon mutig vom Autor, die eindeutige Leser-Buch-Bindung des Genres durch augenzwinkernde Anachronismen in Frage zu stellen. Doch ein grundlegender Schachzug bringt alle literaturkritische Toleranz ins Wanken: Andrzej Sapkowskis Umgang mit jenen Elementen, die uns von der unerträglichen Schwere der Naturgesetze erlösen sollen, macht seine Bemühungen zunichte, die Grenzen zwischen U- und E-Literatur zu überwinden. Alle Fantasy-Zutaten des Buches sind im höchsten Maße ärgerlich, weil sie den sorgfältig etablierten historischen Rahmen unterminieren und weder aus der Handlung heraus, noch von den Personen her motiviert erscheinen. Dass die Menschen des 15. Jahrhunderts in magischen Vorstellungswelten lebten, erlaubt keinesfalls die simple 1:1-Umsetzung dieser Phantasien in erzählte Realität; jedenfalls nicht, wenn man den engen Rahmen der Trivialliteratur verlassen möchte. Das macht dieses Buch trotz seiner Ambitionen billig. Sapkowski flüchtet vor der Herausforderung, eine adäquate literarische Form für die magische Befangenheit des mittelalterlichen Menschen zu finden, und die unentwegte Ironisierung - wie durch den Macbeth-Hinweis bei den Hexen - wirkt wie eine kleinlaute Entschuldigung an all jene Leser, die Andrzej Sapkowski nicht bereits als Fantasy-Autor kennen, sondern von ihm als historischen Romancier mehr Seriosität erwarten. Auch wenn der Autor im Interview vom Genre der "historischen Fantasy" spricht und mit erstaunlichen Verkaufszahlen in seiner Heimat aufwarten kann, bleibt es ein überdehnter Spagat, beide Leserschichten auf einmal zufrieden stellen zu wollen. Vor allem Liebhaber historischer Stoffe reagieren verstimmt, wenn der Autor an entscheidenden Punkten der Handlung seinen Kopf durch deus-ex-machina-Magie der gröbsten Sorte aus der Schlinge zieht. Besonders ärgerlich ist die Einführung einer Schattenmacht, die halb Mensch, halb Vogel, wesentliche Teile der Erzähldramaturgie bestimmt:

Durch das offene Fenster flog, vom Wind getragen, ein großer Mauerläufer herein. Der Vogel beschrieb einen Kreis, warf einen gespenstischen Schatten auf die Fresken und setzte sich mit gesträubtem Gefieder auf die Lehne eines Stuhles. Er öffnete den Schnabel und krächzte, aber noch bevor das Gekrächz verklungen war, saß auf dem Stuhl kein Vogel, sondern ein Ritter. Ebenso wie die anderen in Mantel und Kapuze, glich er ihnen wie ein Zwillingsbruder.

Wer oder was diese "Mauerläufer" sind, wird im ersten Teil der Trilogie nicht verraten - wie auch sonst nach 750 Seiten alles wieder offen ist. Reynevan hat zwar seine einstmalige Geliebte Adele von Sterz eingebüßt, dafür aber eine neue gefunden, die er freilich bei einer deftigen Hexensabbat-Orgie aus den Augen verlor. Seine Häscher jagen ihn noch immer, und die Heilige Inquisition entließ ihn nur unter der Bedingung aus dem Narrenturm, dass er für sie als Spion bei den Hussiten agiere. Sich mit denen anzulegen, erfordert freilich Mut, denn zuallererst sind sie Böhmen. Das heißt: Leibesfreuden stehen ganz hoch im Kurs. Wehe dem, der sie an dieser empfindlichen Stelle trifft:

Herr Hynek Boczek von Kunsztat, ein böhmischer Adeliger, ein Hussit, war ein Liebhaber von Heringen. Kaum etwas aß er so gern wie baltische Matjesheringe, besonders zum Bier, zum Schnaps oder in der Fastenzeit. Aber der Oberlausitzer Ritter Heinrich von Dohna, der Herr auf Grafenstein, kannte den Appetit des Herrn Boczek. Da sich der Reichstag gerade über ein Handelsverbot beriet, beschloss Herr Heinrich, die Gespräche zur Tat werden zu lassen und den Hussiten eigenhändig in Bedrängnis zu bringen. Und so blockierte er ihm die Heringslieferungen. Herr Boczek wurde böse, verlegte sich aufs Bitten, denn Religion sei eine Sache, Heringe aber eine ganz andere! Streite dich mit mir um die Doktrin und die Liturgie, du Papist, aber lass mir meine Heringe, weil ich sie mag! Worauf Herr Dohna ihm entgegnete: Die Heringe lass ich nicht zu dir durch, du Häretiker, friss Speck, Boczek, meinetwegen auch am Freitag. Und das brachte das Fass zum Überlaufen! Der erzürnte Herr Hynek Boczek trommelte seine Truppe zusammen, fiel in Lausitzer Gebiet ein, Feuer und Schwert mit sich tragend. Als Erstes ging Schloss Karlsfried in Flammen auf, der Zollgrenzpunkt, an dem die Heringstransporte zurückgehalten wurden. Aber das genügte ihm noch nicht, so sehr war er ergrimmt. Rings um Hartenau brannten die Dörfer, die Kirchen und die Weiler, selbst in den Dörfern um Zittau sah man Feuersbrünste. Drei Tage lang brandschatzte und raubte Herr Boczek. Für die Lausitzer hat sich der Heringskrieg nicht ausgezahlt, o nein! Ich wünsche Schlesien nichts dergleichen.

Einen Krieg um Salzheringe gab es übrigens wirklich im Jahre 1426. Er fand zwischen den anhaltinischen Städten Magdeburg und Bernburg statt und hatte keinerlei religiöse Hintergründe, sondern ungelöste Zollfragen zum Anlass. So schön wie bei Andrzej Sapkowski ist der deutsch-deutsche Heringskrieg indes nie erzählt worden. Wäre das ganze Buch von dieser schwejkschen Fabulierlust durchzogen, könnte man es ohne Abstriche empfehlen.

Andrzej Sapkowski: Narrenturm
Aus dem Polnischen von Barbara Samborska
DTV, 738 Seiten, 15 Euro

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