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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWeder Hogwarts noch Camelot09.06.2016

RitterburgenWeder Hogwarts noch Camelot

Viele Vorstellungen über Architektur und Nutzung einer mittelalterlichen Burg entspringen der Fantasie. Die Mittelalterforschung räumt auf mit Legenden über zinnenbekrönte Herrschaftssitze und will neue Einblicke in die Herrschaftsstrukturen des Mittelalters eröffnen.

Von Matthias Hennies

Die Burg Katz ist eine der mächtigen erhaltenen Burgen am Mittelrhein (picture alliance / Hans-Joachim Rech)
Die Burg Katz ist eine der mächtigen erhaltenen Burgen am Mittelrhein (picture alliance / Hans-Joachim Rech)
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Mittelrhein Von Burg zu Burg

Ein kalter Wind pfeift über das westfälische Grünland. Die Ruinen der Holsterburg am Stadtrand von Warburg liegen noch gut geschützt unter grauen Plastikplanen, aber jetzt, da die trockenere Zeit des Jahres begonnen hat, fangen die Archäologen langsam wieder mit der Ausgrabung an. Mit einem Bagger tragen sie schon mal die dicken Erdmassen ab, die noch ein Stück von der Mauer der spektakulären Burg verdecken.

"Sie sehen hier die Erhöhung in den Planen, das ist die Südmauer des Wohnturms, in der Mitte diese tiefe Kuhle, das ist der Innenhof mit dem Bergfried. Und dort muss man sich die Torsituation vorstellen, weil auf diesem Hang, den wir hier sehen, hat sich die Ortschaft Holthusen befunden, also das Dorf, das zur Burg gehörte."

Was Dr. Hans-Werner Peine, den zuständigen Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, wirklich begeistert, ist leider noch zugedeckt: Die Außenmauer der Holsterburg bildet die Form eines Achtecks – eine sehr ungewöhnliche Bauform in Deutschland, vergleichbar dem berühmten Castel del Monte, das Kaiser Friedrich II. in Süditalien erbauen ließ. Ganz so grandios war das Oktogon bei Warburg nicht, aber auch diese Anlage ragte zwölf Meter hoch in den Himmel und wurde von erstrangigen Steinmetzen aus kunstvoll behauenen Kalksteinquadern zusammengefügt:

Hans-Werner Peine:

"Das macht wirklich auch nicht eine Mauer aus, dieses Oktogon, sondern eine Schaufassade, was richtig Repräsentatives, was wir sonst im westfälischen Bereich gar nicht so haben. "

Achtechigkeit drückte Macht aus

Militärische Vorteile bot die achteckige Bauform nicht, sie sollte Eindruck machen als ein Symbol der Macht – sowohl gegenüber der Stadt Warburg, die zur selben Zeit, um 1170, ausgebaut wurde, als auch gegenüber den Vasallen der Burgherren in den umliegenden Dörfern.

Die Burg war auch exklusiv ausgestattet, ergänzt der örtliche Grabungsleiter Kim Wegener: Durch einen Teil der Anlage lief eine Warmluftheizung wie einst durch die Villen der alten Römer.

Kim Wegener:

"Das ist auch ein Charakteristikum, was uns dazu veranlasst hat, die Holsterburg als Architektur von europäischem Rang darzustellen, das ist tatsächlich so, dass wir innerhalb der oktogonalen Außenmauern einen Warmluftkanal haben, der gilt als repräsentative Wärmequelle für unser Basisgeschoss."

Und in dem Wohnturm, in dem die Warmluftheizung fehlte, fanden die Archäologen Bruchstücke eines ebenfalls sehr repräsentativen Kachelofens.

Der Bau, der völlig unerwartet ans Licht kam, illustriert eine zentrale Erkenntnis der neueren Burgenforschung: Nicht allein zum Schutz und Trutz diente eine Burg, mindestens so wichtig war ihre repräsentative Wirkung. Die Burgherren auf der Holsterburg, die Brüder Hermann und Bernhard Berkule, versuchten, mit der spektakulären Architektur zu protzen. Aufsteiger-Mentalität, meint Hans-Werner Peine.

Hans-Werner Peine:
"Die Berkules versuchen wohl wenigstens in ihrem Wohnsitz, bei den Großen mitzuspielen."

Doch die Sache ging nicht lange gut, denn die Berkules gerieten zwischen die Fronten der wirklich Großen. Vor den Toren Warburgs stießen im Hohen Mittelalter die Einflusszonen dreier geistlicher Fürsten aufeinander: Die Stadt selbst zählte zum Gebiet des Paderborner Bischofs, das Land der Berkules gehörte teils dem Mainzer, teils dem Kölner Erzbischof. Details müssen Historiker noch klären, doch vermutlich wurde das kleine, aufstrebende Adelsgeschlecht zwischen diesen Mächten zerrieben.  

Im Jahr 1294 haben Truppen der umliegenden Städte die achteckige Burg zerstört. Und sie waren so gründlich, dass heute ein Bagger nötig ist, um die Ruine von den gewaltigen Erdmassen zu befreien, unter denen sie begraben wurde.

Hans-Werner Peine:
"Die Erde wurde von den Bürgern der Städte, die die Burg 1294 zerstörten, über die Burg eingebracht, sodass die wirklich dem Erdboden gleichgemacht wurde."

Kaum Belagerung der Herrschersitze

Und ein ziemlich untypisches Ende fand. Im Gegensatz zum verbreiteten Klischee sind nur etwa 5-10 Prozent aller Burgen jemals belagert worden, schätzen Forscher.

Charakteristisch ist jedoch die Aufsteiger-Mentalität der Herren von Berkule. Wer sich als Wohnsitz eine Burg zulegte, ahmte die Gepflogenheiten des Hochadels nach, um seinen sozialen Rang zu demonstrieren. Wenn er etwa die Mauern seiner Burg mit Zinnen bekrönen ließ, dann nicht etwa, um seine Kriegsknechte vor feindlichem Beschuss zu schützen, sondern weil Zinnen ein Symbol des Adels waren. Der versuchte folglich, die Verwendung solcher Bauelemente zu reglementieren. Der Burgenforscher Dr. Michael Losse hat entsprechende Passagen in mittelalterlichen Rechtsbüchern gefunden:

Michael Losse:
"Im Sachsenspiegel und im Schwabenspiegel beispielsweise ist beschrieben, was eine Burg ausmacht, da heißt es dann auch, dass Zinnen einer Erlaubnis bedürfen, nicht jeder durfte sein Gebäude mit einer Zinnenmauer umgeben oder auf sein Haus Zinnen setzen, das heißt, das ist schon ein adliges Motiv."

Und wer es verwendete, obwohl es ihm nicht zustand, musste damit rechnen, dass der Landrichter erschien und den Abbruch verfügte.

Michael Losse:
"Wir wissen es konkret aus dem 14. Jahrhundert, dass der Erzbischof von Trier mehrfach Adlige aufforderte, die Zinnen oder das oberste Geschoss ihres Wohnturmes wieder abzubrechen, da es ohne Genehmigung gebaut worden war - die Symbolträchtigkeit war doch so groß, dass es dem Erzbischof ein Anliegen war, solche Dinge beseitigen zu lassen."

Michael Losse ist Bauforscher. Er vermisst Burgen, analysiert die Funktion der Bauelemente und dokumentiert historische Veränderungen. Burgenforscher wie er, in Deutschland traditionell nicht an Universitäten, sondern selbstständig tätig, haben in den letzten Jahren viele verbreitete Klischees über Burgen widerlegt.

Der Bergfried zum Beispiel, der höchste Turm einer Burg, galt lange als letzter Zufluchtsort für eine bedrängte Burgbesatzung. Aber wie sollte sie sich darin verteidigen? Kaum einer der mächtigen Türme weist Schießscharten oder Pechnasen auf, durch die man Angreifer attackieren konnte. Nein, auch der Bergfried war eher ein symbolischer Bau, der zu den umwohnenden Vasallen sprach:

Bergfried diente der feuersicheren Lagerung

Michael Losse:
"Der mahnende Zeigefinger der Herrschaft, der über der Landschaft zu sehen ist!"

Wer von oben herunterblicken konnte, war eben in jeder Hinsicht ein "Höherer": Darum entstanden in vielen Städten Geschlechtertürme und darum begannen auch kleine und große Adlige im 11. Jahrhundert, ihre Burgen in die Höhe zu verlegen, auf schwerer zugängliche, aber weithin sichtbare Felsnasen und Berggipfel.

Genutzt wurde der Bergfried wohl als feuersicherer Lagerraum. Und unten im "Verlies" stapelte man Säcke und Fässer, Kästen und Truhen – als düsterer Kerker für schmachtende Gefangene war es nicht gedacht:

Michael Losse:
"Denn wenn Sie Gefangene aufbewahren wollten, gerade Standesgenossen, dann wollte man ein Lösegeld haben, das heißt, Sie legen ihn nicht in ein finsteres Loch, denn wenn das Lösegeld gezahlt ist, soll die Person ja auch wohlbehalten wieder zurückkommen. "

Die Burg war auch kein graues Gemäuer, angepasst an die gedeckten Farben von Fels und Wald. Im Gegenteil, ähnlich wie Kirchen der Romanik stachen auch Burgen durch kräftige Farben aus ihrer Umgebung hervor. Bei einigen hat man die Farbigkeit rekonstruiert: 

Michael Losse:
"Wenn Sie sich die Schönburg bei Oberwesel anschauen, ein hellroter eleganter Putz mit rotem Fugenstrich, wenn Sie in die ebenfalls farbig rekonstruierte Burgkapelle auf der Oberburg in Kobern an der Mosel gehen, haben Sie intensive Gelbtöne an den Kapitellen über schwarzen Säulen, teilweise sind diese Kapitelle mit Laubwerk versehen, das natürlich grün bemalt war und so kommen viele, teils grell wirkende Farben nebeneinander zum Einsatz."

Zwischen Repräsentanz und Funktionalität

Dass die Architektur der Burgen auf Repräsentation abgestellt war, auf den Eindruck, den hohe Türme und zinnenbekrönte Mauern auf adelige Standesgenossen und eigene Vasallen machten, ist eine wegweisende Erkenntnis aus den 1990er-Jahren, die sich nach heftigen Debatten in der Burgenforschung mittlerweile durchgesetzt hat. Nun wird wieder intensiver über die andere Seite der Medaille diskutiert, die praktische Funktion dieser eigenwilligen Adels-Wohnsitze.

Klar, dass eine Burg als militärischer Stützpunkt und Herrschaftsinstrument diente – darüber hinaus deuten aktuelle Untersuchungen immer stärker daraufhin, dass Burgen auch eine bedeutende Rolle als Wirtschaftsfaktoren gespielt haben. Zum einen fungierten sie selbst als Wirtschaftsbetrieb. In der Kleinburg ging es zu wie auf dem Bauernhof – aus dem sie sich ursprünglich auch entwickelt hat: 

Michael Losse:
"Wir wissen es auch von den Forschungen unter anderem aus der Schweiz, dass der kleine Ritter morgens aufstand, einen Käse aß und ein trockenes Stück Brot und dann mit den Knechten zur Arbeit ging, um Heu zu machen, das heißt, die Kleinburg ist ein Bauernhof."

Zum anderen bildeten größere Anlagen das Zentrum für die umliegenden Höfe, dort wurden die Abgaben der hörigen Bauern gesammelt, der Holzeinschlag reguliert und der Viehbestand verwaltet. Seit Langem kennt man auch Zollburgen wie auf den Höhen entlang des Rheins, die den Warenverkehr auf Flüssen und Handelswegen überwachten. Zudem zeigen jetzt archäologische Erkundungen: Viele Burgen, die bisher unbekannt waren, weil sie oberirdisch kaum noch sichtbar sind, kontrollierten den Abbau von Bodenschätzen. An der Schwäbischen Alb etwa wurde der systematische Eisenerzabbau offenbar von Burgen aus geschützt und beaufsichtigt.

Der Rand der Alb ist eine der dichtesten Burgenlandschaften in Deutschland. Daher ist es kein Zufall, dass eines der wenigen universitären Zentren der Burgenforschung ganz in der Nähe in Tübingen angesiedelt ist: Dort arbeiten insbesondere Historiker und Archäologen im Projekt "Burg und Adel" zusammen, denn, so die Leiterin Sigrid Hirbodian:

Sigrid Hirbodian:
"Man kann heute eigentlich nicht mehr weiterkommen, ohne dass man Archäologie und Geschichte zusammenbringt, denn die wenigen Schriftquellen, die wir haben, sind natürlich alle schon längst bekannt und interpretiert und jetzt kommt es eben darauf an, mit neuem Blick daranzugehen, das kommt einmal über die Archäologie rein und einmal über neue Fragestellungen in der Mediävistik, die sich mit der Adelsforschung beschäftigen."

Mit der Burg wird Herrschaft im Land "festgenagelt"

Die archäologische Spurensuche kann buchstäblich "den Horizont erweitern" und den Blick über die einzelne Anlage hinaus auf Burgen-Landschaften lenken. Historiker gewinnen dadurch neue Erkenntnisse, wie sich im Hohen Mittelalter Herrschaftsgebiete bildeten. Viele Adelsgeschlechter begannen im 12. Jahrhundert, ihre verstreuten Besitztümer räumlich zu organisieren. Der Adel entdeckte das Konzept der Fläche – und baute Burgen, um die Fläche zu strukturieren. Professor Hirbodian:

"Aus historischer Sicht ist es ganz klar, dass wir mit diesen Burgen Kerne räumlicher Herrschaftsbildung haben. Ein Kollege hat das mal so formuliert: Mit der Burg wird Herrschaft im Land "festgenagelt". Von da aus kann man allmählich Grenzen ziehen, also was wir Territorialisierung oder Entstehung von Landesherrschaften nennen."

Basis der Untersuchungen sind LIDAR-Scans, eine relativ neue Technik der archäologischen Bodenerkundung: Wenn man eine Fläche aus der Luft mit Laserstrahlen abtastet, werden die so reflektiert, dass kleinste Unebenheiten im Boden zu erkennen sind. Weder Getreidefelder noch dichte Wälder stellen ein Hindernis dar, denn sie lassen sich am Computer wegrechnen. Wo sich dann regelmäßige Strukturen im Boden abzeichnen, könnten längst zerfallene, oft auch nur hölzerne Burgen gestanden haben. Die Forscher rekonstruieren danach in einem zweiten Schritt, in welcher Beziehung die Anlagen zu einander standen. Christian Kübler, der in dem Tübinger Projekt seine Doktorarbeit schreibt, fasst Erkenntnisse aus der Umgebung des Ortes Hohenbodman am Bodensee zusammen:

"Erst einmal findet man sehr viel mehr Burgstellen, als man denkt, und man kann dann durch Computerprogramme, wo man Karten einliest mit Höhenlinien und so weiter, sehr genaue Sichtanalysen machen, also es gibt tatsächlich um Hohenbodman mehrere Burgen – natürlich immer mit dem Problem, wir wissen nicht genau, wann die entstehen – aber die sind in Sichtkontakt."

Und dienten vermutlich zur Überwachung der Region. Eine andere Reihe bisher unbekannter Burgen zog sich an einem Fluss entlang, der in den Bodensee mündet, eine stand genau an einer Furt: kontrollierten sie eine Schifffahrtsverbindung?

Bis Historiker verlässliche Antworten auf diese  Fragen geben können, wird es noch etwas dauern, denn die Kollegen aus der Archäologie haben das Gelände bisher nur erkundet – ohne irgendwo den Spaten zur Ausgrabung anzusetzen. Daher können sie die neu entdeckten Burgen noch nicht datieren.

Sigrid Hirbodian sieht aber das Potenzial für ein weiter führendes Projekt der Geschichtsforschung: eine Untersuchung zur frühen Entwicklung des Adels, die sich nun an der Errichtung von Burgen detaillierter ablesen lässt.

"Man wird von solchen Ergebnissen noch mal sehr viel genauer schauen müssen, wie ist der Adel hier präsent, wie ist der König präsent? Wie beginnt der Adel damit, selbstständig Herrschaft zu etablieren? Also wir sind hier mit der Burgenforschung mittendrin in der aktuellen Adelsforschung, die ja genau mit diesen Fragen sich auseinandersetzt.

 

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