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StartseiteThemen der WocheRitual in der Kritik21.07.2012

Ritual in der Kritik

Zur Beschneidung von Jungen

Stecken wir mitten in einem Kulturkampf? Müssen Juden und Muslime auswandern, wenn sie ihre religiösen Riten pflegen wollen? Wird Deutschland zur Komiker-Nation, wie die Bundeskanzlerin meint? Gemach, Gemach. Ein Landgericht hat ein Urteil gefällt.

Von Reinhard Müller, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Beschneidungen haben im Judentum und im Islam lange Tradition. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Beschneidungen haben im Judentum und im Islam lange Tradition. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Manche halten es für skandalös, andere für mutig. Aber es bleibt zunächst die Entscheidung eines Einzelfalls – und zwar eines ungewöhnlichen: Ein kleiner Junge wird beschnitten, es kommt zu Komplikationen, aufgrund einer wirren Geschichte wird die Polizei informiert. Es kommt zu einem Strafverfahren und Urteil: Beschneidung ist strafbare Körperverletzung. Der Arzt jedoch wurde freigesprochen. Er konnte nach Ansicht des Kölner Landgerichts nicht wissen, dass er sich strafbar machte.

Das wird jetzt anders: Eine breite Mehrheit im Bundestag fordert eine gesetzliche Klarstellung: Danach soll eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ohne unnötige Schmerzen grundsätzlich zulässig sein. Das wird keineswegs alle Probleme lösen – und kann auch weiter zu Strafverfahren führen. Wenn nämlich nicht medizinisch fachgerecht beschnitten wird.

Immerhin wird jetzt über die Grenzen der Religion geredet. Grenzen? Immerhin ist die Religionsfreiheit im Grundgesetz ohne Vorbehalt gewährleistet. Dieses Grundrecht kann also nur durch andere Werte von Verfassungsrang eingeschränkt werden. Also durch das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Aber täuschen wir uns nicht: Die Erziehung der Eltern ist voll von Eingriffen in Grundrechte ihrer Kinder. Doch sind die in der Regel gerechtfertigt. Erziehung funktioniert schon dem Wortsinn nach nicht ohne Lenkung. Selbstverständlich müssen in eine Abwägung sowohl die Schwere eines Eingriffs (in die Rechte eines Kindes) als auch dessen Bedeutung für Religion und Erziehungsrecht der Eltern einbezogen werden. Dass das Beschneiden eines Säuglings eine Bagatelle wäre, wird niemand behaupten können - ganz unabhängig von den Folgen. Aber natürlich ist auch zu berücksichtigen, dass es sich um einen Eingriff handelt, der mitunter medizinisch angezeigt ist, der also auch zur Förderung der Gesundheit vorgenommen wird. Er kann aber auch Schmerzen bereiten und Folgen haben.

Dass von einem breiten Protest beschnittener Männer gegen ihre Beschneidung wenig bekannt ist, dürfte daran liegen, dass es sich um eine zwingende Vorschrift ihrer Religion handelt. Die Beschneidung wird als konstitutiv angesehen. Auch Politiker und Publizisten, die bisher vor allem Häme für religiöse Bräuche übrighatten, streiten jetzt wacker für Tausende Jahre alte blutige Riten. Das wäre wohl nicht der Fall, wenn es hier nur um Muslime ginge. Und tatsächlich ist es legitim, die Bedeutung in Rechnung zu stellen, die ein Verbot oder eine rechtliche Missbilligung der Beschneidung für das jüdische Leben in Deutschland hätte. Die Politik ist deshalb weitgehend auf einer Linie, hat doch die Bundeskanzlerin das Existenzrecht Israels zur deutschen Staatsräson erhoben und jetzt davor gewarnt, dass sich Deutschland zur "Komikernation" mache.

Dabei wirkt das Urteil des Kölner Landgerichts erst einmal nur im Einzelfall; ihm kommt keine andere Bedeutung zu als den Abertausenden von Entscheidungen, welche die 116 deutschen Landgerichte täglich fällen. Das Urteil passt zum Trend der Säkularisierung in Deutschland und stellt zugleich eindrucksvoll die Unabhängigkeit der Justiz unter Beweis stellt. Die Kölner Entscheidung sollte und wird nicht dazu führen, dass in Deutschland Juden ihre zwingenden religiösen Bräuche nicht mehr pflegen können. Es verwundert allerdings, mit welcher Vehemenz das Kölner Urteil angegriffen wird. Dabei muss auch der Glauben, müssen auch kultische Handlungen überdacht werden, müssen sich dann einer Überprüfung stellen, wenn sie in die Gesellschaft hineinwirken. Ist eine Vorschrift wirklich zwingend? Wird sie auf möglichst schonende Weise befolgt? Natürlich darf der Staat nicht bestimmen, was man glauben darf. Anderen sollte er nicht ein bestimmtes Weltbild aufdrücken. Das gilt aber auch für die Religionen. Sie können sich nur in den Grenzen des Rechtstaats entfalten.

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