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StartseiteForschung aktuellRoadmap zur Stabilität02.09.2011

Roadmap zur Stabilität

Ein Blick in die Karten der japanischen Energiewirtschaft

Kernenergie. - Fast ein halbes Jahr nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima Daiichi ist auch Reaktor 4 inspiziert worden, so dass jetzt alle vier havarierten Blöcke besichtigt worden sind. Es ist ein weiterer, wenn auch kleiner Schritt auf dem Weg zu einer beherrschbaren und stabilen Lage im Krisenkraftwerk.

Von Dagmar Röhrlich

Eine Plastikhülle soll Fukushima Daiichi-1 abschließen. (AP)
Eine Plastikhülle soll Fukushima Daiichi-1 abschließen. (AP)

Chiba. Die Großstadt bei Tokio ist Sitz des NIRS, des "Nationalen Instituts der radiologischen Wissenschaften". Das Interview mit den Strahlenschützern beginnt mit einer bürokratischen Hürde: Mikrofone sind nicht erlaubt. Möglich sind Aufnahmen nur als elektronischer Stenoblock.

Es gibt sechs Reaktoren in Fukushima Daiichi, und bis auf die Nummer 3 sind alle stabilisiert, so dass sie kein radioaktives Material mehr freisetzen. Bei Reaktor 3 bin ich mir nicht sicher, es wird etwas freigesetzt, aber nicht mehr in so hohen Dosen.

Was heute noch an Radionukliden in die Umwelt gelange, sei um Größenordnungen geringer als in den ersten Tage nach den Explosionen. Und es ist auch sehr viel weniger als in den Wochen, in denen das nach dem "Durchlauferhitzer-Prinzip" zur Kühlung eingesetzte Meerwasser zurück in den Ozean floss.

Meinem Eindruck nach hat jetzt der Wiederaufbau begonnen. Wir werden jetzt sehr viel mit Strahlenschutz zu tun haben, weil wir mit den kontaminierten Trümmern umgehen müssen.

Rund 3000 Einsatzkräfte sind derzeit vor Ort mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Ihr Risiko ist hoch, unter anderem weil sich unter den Trümmern in den Gebäuden "Strahlungsnester" verstecken. Trotzdem sei es, anders als in der Presse berichtet, noch nicht zu schweren Strahlenverletzungen gekommen:

Bislang haben wir bei drei Arbeitern und einem Soldaten festgestellt, dass sie relativ hohen Strahlendosen ausgesetzt waren. Aber glücklicherweise waren diese Dosen nicht so hoch, dass sie deswegen hätten behandelt werden müssen. Das gilt auch für die beiden Arbeiter, deren Haut mit kontaminiertem Wasser in Berührung gekommen ist. Es wurde zwar berichtet, dass sie Betastrahlen-Verbrennungen erlitten hätten. Aber in Wirklichkeit war die Dosis nicht so hoch. Es gab bislang keine Betastrahlen-Verbrennungen.

Das nächste Interview findet im japanischen Außenministerium statt. Dorthin hat die Atomaufsicht Nisa eingeladen, der besseren Räumlichkeiten wegen, hieß es. In dem kahlen Konferenzraum sind Mikrophone wieder erlaubt. In den vergangenen Wochen musste Nisa immer wieder auf die Sicherheitsverbesserungen für die Einsatzkräfte dringen. Riskant sind unter anderem die Arbeiten in den Anlagen, die auf dem Werksgelände zur Dekontaminierung des hochgradig belasteten Kühlwassers errichtet worden sind. Das hatte sich durch Notkühlung mit Meerwasser in den Maschinenhäusern und der Kanalisation angesammelt, füllt jetzt alle Lagerbehälter und behindert die Rettungsarbeiten. Um das Problem zu erläutern, geht Morikuni Makino von der Nisa nach Landesart Stapel von Papieren durch: Tabellen, Grafiken, Zeichnungen, Pläne...

"Schlagen Sie bitte Seite 7 auf. Derzeit gehört die stabile Dekontaminierung dieser Abwässer zu den wichtigsten Aufgaben. Die Abwässer sollen im Kühlkreislauf eingesetzt werden, damit nicht noch mehr Wasser kontaminiert wird. Dieser Prozess besteht aus mehreren Stufen, die auf Seite 7 der Unterlagen gezeigt werden. Das Öl wird abgetrennt, dann das radioaktive Cäsium mit Hilfe des Minerals Zeolith entfernt und schließlich wird das Wasser entsalzt."

So weit die Theorie. In der Praxis fallen die Dekontaminierungsanlagen immer wieder aus, müssen repariert werden. Wenn die Arbeiter aber Pumpen austauschen oder Ventile öffnen, ergießt sich immer wieder einmal ein Schwall kontaminierten Wassers über sie. Die Probleme mit den Anlagen sind so groß, dass der Fahrplan zur Stabilisierung von Fukushima Daiichi nicht zu halten ist. Anders als versprochen wird es erst 2012 so weit sein. Aber nicht alle Arbeiten verzögern sich. Einiges läuft auch nach Plan. Morikuni Makino:

"Auf Seite 12 sehen Sie die Lage beim Meerwasser. Um die Kontamination des Meerwassers zu verhindern, verschließen wir die Wasserrohre zum Meer mit einer Art Käfig aus Stahlplatten. Derzeit soll ein Vorhang aus Nylon verhindern, dass dort heraussickerndes Wasser ins Meer gerät."

Gleichzeitig wird um Block 1 eine Schutzhülle errichtet, die die Umwelt von dem Gebäude abschirmen soll:

"Es gibt zwei Arten von Abdeckung. Auf Seite 11 sehen Sie den Plan für die erste, die wir für Block 1 bauen. Sie besteht aus einer verstärkten Kunststofffolie. Darunter wird ein Kompressor installiert werden, mit dessen Hilfe die Luft aus dem Inneren dekontaminiert werden wird. Der nächste Schritt ist dann eine Art Container, der um den Block herum errichtet wird. Darin soll Unterdruck herrschen und wir wollen damit die Abgabe der Luft aus dem Inneren in die Umwelt kontrollieren."

Bei den Blöcken 2 bis 4 muss zuerst der Schutt von den Dächern entfernt werden, ehe die Abdeckungen errichtet werden können. Diese Arbeiten werden noch etwas dauern: der Strahlung wegen.

Mehr zu Thema:
Sammelportal "Katastrophen in Japan"

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