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Roadtrip statt Altersheim

Australische Rentner tauschen Haus gegen Wohnmobil

Von Philipp Eins

Graue Nomaden ziehen quer durch Australien
Graue Nomaden ziehen quer durch Australien (Stefan Weißenborn)

Das Gefühl von Freiheit und die Nähe zur Natur – das Camperleben hat einige Vorteile. Das finden auch immer mehr australische Rentner: Die "Grauen Nomaden" haben genug vom bodenständigen Leben im Eigenheim, verkaufen ihre Häuser und reisen im Wohnmobil durch die endlosen Weiten des Landes.

"Kannst du mir mal ein paar Kartoffeln rüberwerfen?"
"Haben wir so was wie ein Abfall-Dings?"
"Ja, hier..."
"Ah, das war die Frage!"
"Möchte noch jemand Kartoffeln haben?"

Heißes Grillfleisch, kühles Bier und vor uns das offene Meer – besser könnte der Tag nicht ausklingen. Die erste Etappe unserer Campingtour quer durchs australische Queensland liegt hinter uns. Hier, an einem von Palmen und knorrigen Eukalyptusbäumen umgebenen Strand auf dem Campingplatz des Örtchens Palm Cove, werden wir übernachten. Tische, Stühle, Geschirr und Verpflegung – alles Nötige für einen entspannten Abend haben wir dabei.

"In Alu werden die immer besonders lecker!"
"Das werden wir sehen, das wird sich noch zeigen..."

Rund 1500 Kilometer bis nach Hervey Bay haben meine Mitreisenden und ich noch vor uns. Unterwegs sind wir mit vier Motorhomes, großräumigen Wohnmobilen, die mit Bad, Küche und je zwei schmalen Doppelbetten ausgestattet sind. Bis zur Dämmerung sind wir heute die Serpentinen im Hinterland der Küstenstadt Cairns abgefahren. Vorbei an mächtigen Felsvorsprüngen, weißen Sandstränden und Bananenplantagen. Immer in Sichtweite zum azurblauen Pazifik.

Das Gefühl von Freiheit, die Nähe zur Natur und der preiswerte Unterhalt – so ein Camperleben hat einige Vorteile. Das finden nicht nur Urlauber wie wir, sondern auch immer mehr australische Rentner: die "Grey Nomads", die "Grauen Nomaden", wie sie sich nennen. Sie haben genug vom bodenständigen Leben im Eigenheim, verkaufen ihre Häuser – und reisen im Wohnmobil durch die endlosen Weiten des Landes.

Eine von ihnen ist die 55-jährige Lynn Barber. Ich treffe sie in der Gemeinschaftsküche von Palm Cove. Für sie und ihren 62-jährigen Mann Graeme sind Campingplätze wie dieser ihr wahres Zuhause:

"Seit 18 Jahren sind wir mit dem Wohnwagen unterwegs. Wir kommen aus Tasmanien und haben auf diesem Weg ganz Australien bereist. Den Campingplatz hier in Palm Cove besuchen wir seit etwa 17 Jahren regelmäßig. Die Stammgäste hier, die kommen jedes Jahr hierher, das ist meine Familie. Du triffst sie immer wieder!"

Lynn ist eine zurückhaltende Frau mit zierlicher Figur und kurz geschnittenen blonden Haaren. In ihrem früheren Leben war sie Rezeptionistin in einem Hotel. Ihr Mann Graeme war in der Holzwirtschaft tätig. Nach einem Arbeitsunfall musste er seinen Job aufgeben und ging in Frührente. Aus dem Unglück wurde ein Glücksfall: Mit ihren Ersparnissen erfüllten sich die beiden ihren Traum vom eigenen Caravan. Kühle, stürmische Winter sind für Lynn und Graeme nun Vergangenheit – die "Grauen Nomaden" reisen dem Sommer hinterher:

"Die große Umzugswelle der "Grauen Nomaden" beginnt Ende Mai, gleich nach Muttertag. Sie verlassen New South Wales, Viktoria und Tasmanien und fahren in den wärmeren Norden nach Queensland, denn während der Wintermonate kann es im Süden sehr kalt werden. Die ganzen Straßen sind dann voller Wohnmobile – du siehst Hunderte von ihnen!"

Vor vier Jahren haben Lynn und Graeme ihr Haus in Tasmanien verkauft. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad und Küche: Ihr Motorhome hat alles, was sie zum Leben brauchen. Langweilig wird ihr nicht, sagt Lynn. Sie genießt die Sonne, hält das Wohnmobil in Schuss, bastelt Postkarten – und wenn ihnen danach ist, rollen sie und Graeme ihre Markise ein und fahren weiter. Immer auf der Suche nach neuen Zielen und Abenteuern:

"Wir legen uns nicht fest. Vielleicht fahren wir an einem Tag 400 bis 500 Kilometer, und wenn es dunkel wird, suchen wir uns in der nächsten Ortschaft einen Campingplatz. Wenn es uns dort gefällt, bleiben wir eine Woche, zwei Wochen oder auch drei."

Endlose Highways, Mangobäume und Zuckerrohrplantagen am Straßenrand. Hinter uns klappert das Campinggeschirr in holzvertäfelten Küchenschränken. In der Fahrerkabine ist es heiß und schwül wie in einem Gewächshaus. Tropische 35 Grad zeigt das Thermometer an. Die Hitze flimmert über dem Asphalt. Der Nebel, der sich am frühen Morgen bis zu den Bergketten am Horizont zog, hat sich aufgelöst.

Unsere nächste Station ist Townsville, etwa 350 Kilometer südlich von Cairns. Der Weg führt uns vorbei an sommergrünen Feldern und einstöckigen Farmhäusern, die mit ihren brüchigen Holzfassaden aussehen wie Attrappen aus einem Italo-Western.

Neben mir am Steuer sitzt Sally Wells aus Melbourne. Sie ist als Reiseleiterin auf unserer Tour dabei. Dass sich hier in Australien immer mehr Rentner für ein Leben im Campervan entscheiden, kann sie gut verstehen:

"Ich glaube, ein "Grauer Nomade" zu sein ist kein seltenes Phänomen, das ist ein Lebensstil. Viele Menschen arbeiten ihr ganzes Leben lang hart, um später in ihrem Wohnwagen Australien zu erkunden. Jeder Angestellte bekommt zwar vier Wochen Urlaub pro Jahr. Aber die meisten reisen dann lieber nach Europa, Kanada oder Asien. Erst im Ruhestand hast du die Zeit, Australien wirklich kennenzulernen."

Doch es ist nicht nur die Abenteuerlust, die die Rentner auf die Straße treibt. In einem Land, das über 20 mal so groß ist wie Deutschland, aber nur knapp ein Viertel so viele Einwohner hat, leben die Menschen weit verstreut. Wer im Alter seinen Partner verliert, vereinsamt leicht. Auf einem Campingplatz ist das anders:

"Wenn du auf einem Campingplatz übernachtest, besonders mit einem großen Motorhome, kommt meist sofort einer deiner Nachbarn zu dir rüber und sagt: Mann, was für ein tolles Fahrzeug! Kann ich es mir mal anschauen? So triffst du ständig Leute!"

"Ah, hier ist offen..."
"Habt ihr den besseren Diesel genommen?"
"Gibt es besseren und weniger besseren Diesel?"
"Habt ihr den genommen, oder den?"
"Wir haben den genommen..."

Ein Parkplatz auf einer Tankstelle vor Townsville. Schon von weitem sehe ich das lang gezogene Motorhome von Pat Shaw und Greta Hudson. Neben ihm sieht ein gewöhnlicher Kleinwagen aus wie ein Spielzeugauto. Pat, ein ehemals vielgereister Unternehmer und mit seinen 84 Jahren etwas schwerhörig, hantiert am Wassertank herum. Seine 81-jährige Freundin Greta wartet in der Sofaecke ihres mobilen Wohnzimmers auf ihn.

Pat bittet mich ins Wohnmobil. Mit kleinen Schritten trippelt er um einen Couchtisch herum, darauf eine geblümte Häkeldecke. An der Wand, eine Vitrine mit Nippes: buntem Keramikgeschirr, Holzschnitzereien. Aus dem Radio schnarrt die sonore Stimme des texanischen Country-Sängers Willy Nelson. Es duftet nach gebrannten Nüssen.

Ursprünglich stammt Pat aus der Kleinstadt Cloncurry im Outback. Vor sieben Jahren verkaufte er sein Haus, seither ist er unterwegs. Greta und er haben als "Graue Nomaden" zueinander gefunden:

"Nachdem ich pensioniert wurde, war ich immer alleine. Da dachte ich mir: Mach doch mal 'nen Trip durch Australien, bevor du hier vereinsamst und ins Gras beißt! Auf meiner Tour habe ich dann dieses tolle Mädchen namens Greta kennengelernt. Seit wir uns begegnet sind, teilen wir uns das Wohnmobil und reisen gemeinsam."

Pat setzt sich neben Greta, rückt die randlose Sonnenbrille auf seiner Nase zurecht, greift nach ihrer Hand. Seit zwei Jahren sind die beiden ein Paar. Wie sie sich kennengelernt haben? Greta, eine Dame mit akkurat geföhnter Haarwelle und nachgezogenen Augenbrauen, wirft ihm einen Blick zu. Er sieht zurück. Sie lächeln.

"Ihr Sohn leitet einen Campingpark in Sarina, einer Küstenstadt nördlich von Rockhampton. Als ich dort übernachtete, half Greta gerade an der Rezeption aus. Dort habe ich sie gesehen. Es war Liebe auf den ersten Blick!"

Nach ein paar Tagen hat Pat Greta gefragt, ob sie ihn nicht begleiten möchte. Sie wollte. Und hat es bis heute nicht bereut:

"Wir wollten es auf einen Versuch ankommen lassen – und sind zusammengeblieben. Gemeinsam sind wir quer durch Australien gefahren, bis nach Tasmanien. Wir bleiben so lange an einem Ort, bis wir alles gesehen haben, dann fahren wir weiter. Aber niemals in Eile!"

Graue Nomaden Pat Shaw und Greta HudsonGraue Nomaden Pat Shaw und Greta Hudson (Stefan Weißenborn) Die letzten zwölf Monate lang lebten die beiden an der Gold Coast südlich von Brisbane. Nun wollen sie Gretas Sohn in Sarina besuchen. Solange Pat gut sehen kann, möchte er im Caravan bleiben. Nach seinem Haus in Cloncurry, das er inzwischen verkauft hat, sehnt er sich nicht zurück:

"Ich vermisse es überhaupt nicht. Ich habe beschlossen, dass dies hier mein Zuhause ist und habe das Leben im Wohnmobil seitdem immer genossen. Manchmal glaube ich, Greta hat langsam genug davon. Wir werden sehen, wie es uns nach diesem Trip geht."

Wer als Nomade durch Australien reisen will, aber nicht genug Ersparnisse hat, sucht sich unterwegs Arbeit. Auf Internetportalen wie "grey-nomads.org" oder "thegreynomads.com.au" vermitteln sich reiselustige Senioren Nebenjobs. Viele von ihnen helfen zum Beispiel bei der Kirsch-, Feigen- oder Aprikosenernte. Die Farmer stellen die "Grauen Nomaden" gerne ein. Sie gelten als besonders zuverlässig.

Ina Träger, eine deutsche Auswanderin, die ich auf der Durchreise in der Küstenstadt Townsville treffe, war drei Jahre lang beides: Nomadin und voll berufstätig. Die gelernte Redaktionsassistentin aus Hessen arbeitet heute im städtischen Reef-Aquarium. Sie und ihr Mann Andreas waren gerade mal Anfang-Mitte 30, als sie beschlossen, ihr Leben von Grund auf zu ändern:

"Ja, also mein Mann und ich wollten einfach ein bisschen Abenteuer haben, das muss man wirklich so sagen. Die Idee war, ursprünglich nur mal ein Jahr in Australien zu verbringen und das hat sich dann aber alles etwas anders entwickelt, als wir das geplant hatten. Australien hat uns so gut gefallen, dass wir heute nach 16 Jahren immer noch da sind."

Andreas und Ina reisten mit dem Wohnmobil an der Ostküste entlang, von Brisbane dreieinhalb Tausend Kilometer hoch bis nach Darwin, einer Enklave im brütend-heißen Norden Australiens. Ihr Geld verdienten sie mit simplen Bürojobs. Wenn ihnen langweilig wurde, fuhren sie einfach weiter. Es war eine Entscheidung gegen das geregelte Leben, wie sie es aus Deutschland kannten. Dass sie einen festen Wohnsitz ablehnten, stieß bei ihren Freunden in der fernen Heimat auf Unverständnis:

"Es war schon interessant, die Reaktionen von Leuten zu sehen. Natürlich, für Deutsche ist es sehr schwer vorstellbar, allein schon vom Klima her in Deutschland im Wohnwagen wäre ziemlich unmöglich. In Australien ist es einfacher, so zu leben, denn die Australier machen das selbst ganz gerne. Insofern waren wir also nicht unbedingt jetzt Outcasts in dem Sinne."

So schön das Abenteuer auch war: Als Ina und Andreas nach drei Jahren Nomadentum in Darwin ankamen, hatten sie genug. Sie entschlossen sich, endlich wieder in ein Haus zu ziehen – mit Klimaanlage. Dort hielten sie es immerhin zwölf Jahre lang aus:

"Innerhalb eines Jahres haben wir gesagt: Also mit der Hitze, gut, mit der müssen wir irgendwie leben – aber in 'nem Haus lässt sich das schon leichter aushalten. Und es war auch einfach Zeit für uns. Ja und das Haus kam uns dann natürlich vor wie ein Palast! Nach so vielen Jahren!"

Unsere nächste Etappe führt uns knapp 300 Kilometer nach Airlie Beach, dann weiter nach Rockhampton und Hervey Bay. Wir ziehen die schnurgeraden Highways entlang, passieren mit Seerosenblättern bewachsene Tümpel, lassen die Norfolk Pine Trees mit ihren stacheligen Nadelknäueln hinter uns. Je südlicher wir kommen, desto kühler werden die Nächte.

Doch Wärme hin, Kälte her: So sehr ich die Nomaden für ihren Freiheitsdrang bewundere – nach 1500 Kilometern und sieben Tagen im Wohnmobil kann ich mir nicht mehr so recht vorstellen, dass ich mit 70 Jahren mein Leben auf der Landstraße verbringe.

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