Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteWissenschaft im BrennpunktWer operiert hier? 12.03.2017

Roboter im OPWer operiert hier?

Der Klassiker unter den Robotern im Operationssaal hat ausladende Greifarme, die lange Stäbe im Bauch von Patienten bewegen. Gesteuert werden sie von einem am Computerterminal sitzenden Chirurgen. Roboter für die Chirurgie werden aber kleiner, spezialisierter, intelligenter. Nur operieren sie noch nicht alleine.

Von Maximilian Schönherr

Ein Chirurg am Universitätsklinikum Mainz hält einen OP-Roboter in der Hand, der bei Lendenwirbeloperationen zum Einsatz kommt. (Peter Pulkowski)
Ein Chirurg an der Uniklinik Mainz hält einen OP-Roboter in der Hand, der bei Lendenwirbeloperationen zum Einsatz kommt. (Peter Pulkowski)
Mehr zum Thema

Erste Serie von Augenoperationen mit dem Preceyes-Roboter an der Universität Oxford mit Robert MacLaren

Der lizensierte, aber noch nicht vermarktete minimal invasive Operationsroboter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, MiroSurge

Der in Israel entwickelte Navigationsroboter für die Neurochirurgie, hier am Universitätsklinikum Mainz

Ins Auge injizierte Mikroroboter, entwickelt an der ETH-Zürich und vermarktet über das Startup-Unternehmen Ophthorobotics 

Leiter der Universitätsklinik Essen und Chirurg mit Da Vinci-Robotik-Erfahrung Jochen Werner 

In der Welt der Augenchirurgie sorgt zur Zeit die Universität Oxford, England, für Aufsehen: Ein ferngesteuerter, aber nur handgroßer Roboter führt hier Mikrometer-genaue Operationen an der Netzhaut des Auges aus. An der ETH Zürich entwickeln die Weltmeister im Nano-Roboterfußball sandkornkleine Maschinen, die im Auge gezielt Medikamente deponieren. Und in Mainz zeigt eine Art Coladose dem Neurochirurgen, wie er Schrauben in Lendenwirbel drehen soll. Die OP-Robotik macht große Fortschritte. Nur autonom dürfen die Bots noch nicht sein. Auch wenn manche schon so tun.


Das vollständige Manuskript:

Drei Nadeln stecken im Weiß des Augapfels, am Ende der einen eine winzige Greifzange. Sie zupft so lange an der Narbe herum, bis die unerwünschte Schicht aufreißt und man sie von der Netzhaut abziehen kann, wie die Plastikfolie einer Verpackung.

"Diese Operation könnten wir auch ohne Robotik durchführen. Wenn mit dem Roboter etwas nicht stimmt, operieren wir sofort ohne ihn weiter. Außerdem vergleichen wir die Ergebnisse der Netzhautoperation mit und ohne Robotik."

Patient: Vernarbung der Netzhaut. Daher Teilerblindung auf einem Auge.

Roboter: Preceyes, entwickelt in Eindhoven. Master-Slave-System. Der Chirurg arbeitet mit Mikroskop und Joystick. Die Nadeln des Roboters übersetzen die Bewegungen synchron in viel kleinere im Augeninneren.

Das Zittern der Hand wird unterdrückt

Der Roboter besteht aus einem handelsüblichen Computer mit Bildschirm, einem Joystick für die rechte oder linke Hand des Chirurgen und einem kleinen Roboterarm mit der Nadel, die sich im Auge des Patienten bewegt. Das System tut zweierlei: Es übersetzt die Handbewegungen des Chirurgen in mikroskopisch kleine Bewegungen im Auge, quasi Zentimeter in Bruchteile von Millimetern. Und es erkennt das natürliche Zittern der Hand und leitet es nicht an die Nadelspitze weiter. Denn in unmittelbarer Nähe der Augenrückwand kann jedes noch so geringe Zittern mehr zerstören als helfen. Die Roboternadel ist absolut ruhig.

"The next phase of the trial involves injecting something under the retina for a different disease. And finally, when we optimize everything, we’ll move forward and use it for the gene therapy."

Nach den ersten zehn Operationen – sie sind alle gelungen – strebt Robert MacLaren einen Eingriff an, der nur mit dem Roboter zu machen ist: die Injektion eines Medikaments hinter die Netzhaut, genau genommen: eines Virus, um dort genetische Veränderungen hervor zu rufen. Ziel ist es, dass der Blinde sehen kann.

Der Oxforder Augenroboter stammt von einem niederländischen Startup-Unternehmen namens "Preceyes" – ein Wortspiel aus Präzision und Eyes, die Augen. Das Labor mit dem Roboter und einem menschlichen Kopf aus Styropor befindet sich auf dem Gelände der Technischen Universität Eindhoven in einem Untergeschoss. Leiter und Chef ist der Ingenieur und Medizintechnikexperte Perry von Rijsingen.

Autor "Sie halten mit Ihren beiden Händen einen Kopf von hinten, und dann gehen Sie quasi, jetzt symbolisch, mit der Pinzette in das Auge hinein. Und dann gucken Sie hier durch das Mikroskop und können genau sehen, was Sie machen. Diese sehr trainierten Chirurgen können das auf einen Zehntel Millimeter. Der Roboter wird das ändern: Der hat eine zehnfach größere Präzision, also ein Hundertstel Millimeter."

"Und wenn sich der Roboter bewegt, wird die Nadel exakt positioniert. Jetzt geht sie Richtung Auge. Sie hat eine rote Spitze. Ist da Blut dran?"

von Rijsingen "Nein, das ist experimentell. Hier gibt es keine Patienten. Das wird natürlich durch den Weltklasse-Chirurgen Robert MacLaren in England gemacht.

Und es ist so, wenn ein Arzt ein Problem hat, oder zittert, und auf einem Niveau von einem Zehntel Millimeter zittert jeder."

Autor "Auch die jungen Leute?"

von Rijsingen "Auch die jungen Leute. Und die Experten, wenn sie 55 sind, fangen an, ein bisschen mehr zu zittern. Die Ärzte werden besser und besser und besser während ihrer Karrieren, aber mit Sicherheit macht der eigene Körper nicht mehr mit. Mit einem Roboter ist das Problem natürlich vorüber.

Wir machen es also möglich, dass es in Zukunft viel mehr Ärzte gibt, die diese Operation machen können."

Perry van Rijsingens Augenroboter folgt vom Grundkonzept her dem Konzept der Parallelkinematik: Der Chirurg führt eine Bewegung aus, der Roboter führt dieselbe Bewegung aus, nur woanders, und in kleinerem Rahmen.

Der vor 15 Jahren eingeführte Klassiker der Medizinroboter funktioniert im Prinzip genauso. Er ist auch ein parallelkinematisches System und heißt Da Vinci.

Patient: Prostatakrebs. Entfernung der Prostata aus dem unteren Bauchraum über drei laparoskopische Werkzeuge.

Roboter: Da Vinci von Intuitive Surgical, Kalifornien. Master-Slave-System ohne Kraftrückkopplung. Der Chirurg blickt auf einen Bildschirm und bedient Joysticks und Fußpedal. Große Roboterarme führen die im Patienten arbeitenden langen Stäbe. Die Software übersetzt die Bewegungen des Chirurgen synchron in viel kleinere im Bauchraum und kompensiert das Zittern.

Roboter sind für viele Kliniken kaum erschwinglich

"Ich bin Jochen Werner, ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Essen.

Da Vinci ist Old School. Das Ganze geht ja zurück auf die Zeit vom Vietnamkrieg, wo man sich überlegt hat, wie kann man Verwundete aus der Ferne operativ versorgen. Dann ist das um die Jahrtausendwende eingeführt worden und heutzutage mit etwa 2500 Systemen in Nordamerika, etwa 800 Systemen in Europa, 80-90 Systemen davon in Deutschland. Das zeigt, wie verbreitet es ist.

Es werden damit im Jahr 250.000 Operationen durchgeführt. Also deswegen Old School, vielfach akzeptiert. In den USA werden über 80 Prozent der Prostataentfernungen mit einem Da Vinci System durchgeführt."

Die Anlage kostet etwa 2 Millionen Euro, plus jährliche Wartungskosten, die in die Hundertausende gehen.

Viele Krankenhäuser können sich den Großroboter nicht leisten, oder sie verschulden sich damit und werden gezwungen, besonders viele Operationen mit Da Vinci durchzuführen; denn die können sie höher abrechnen, vor allem bei Patienten mit Zusatzversicherungen oder privater Krankenversicherung.

Wegen der immensen Kosten und weiten Verbreitung wird zunehmend kritisch hinterfragt, ob Da Vinci wirklich etwas bringt.

Da Vinci Roboter als gegebene Größe im klinischen Alltag

Es gibt Studien, die dem System gerade bei langen OPs, wo die Hand des Chirurgen müde wird, große Stärken bescheinigen. Andere, wie die unlängst im Journal der US-Amerikanischen Ärztegesellschaft JAMA erschienene, weisen darauf hin, dass im Nachlauf von Bauchoperationen mit Da Vinci nicht weniger und nicht mehr Komplikationen auftreten als ohne.

Jedoch führte der Robotereinsatz zu erheblich mehr Kosten.

Die Praktiker, mit denen wir sprachen, nehmen den Da Vinci Roboter als gegebene Größe im klinischen Alltag hin.

Amerikanische Krankenhäuser suchen nach immer neuen Anwendungen für den teuren Roboter und operieren zum Beispiel Tumore im Rachen- und Kehlkopfbereich mit der großen Maschine. Der Leiter der Universitätsklinik Essen meint, darin spiegele sich ein kultureller Unterschied. In Deutschland, so Jochen Werner, selbst Hals-, Nasen-, Ohrenchirurg, operiere man das ohne Robotik, denn Zunge, Mandeln und Kehlkopf sind mit kleinen Instrumenten leicht erreichbar. Man braucht dafür keine große Maschine.

"Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass es viele Eingriffe gibt, die hervorragend laparoskopisch durchgeführt werden. Und wenn man beide nebeneinander stellen würde, bei gleicher Indikation, es vielleicht ein gleiches Ergebnis geben kann", so Jochen Werner.

Laparaskopie = Schlüssellochoperation, auch minimal invasive Chirurgie genannt.

Trotz der Kritik zollen Praktiker wie er dem Klassiker der Medizinroboter Respekt, weil es die Schlüsselloch-Chirurgie vorangebracht hat. Nicht, weil der Roboter sie besser macht: Der Roboter kann nur so operieren.

Da Vinci hat sich seit seiner Einführung vor über 15 Jahren in vielen Details, aber nicht im Prinzip weiter entwickelt. Die Kamera ist heute besser, die Software läuft stabiler.

Die geschickte Vermarktung und weite Verbreitung von Da Vinci machen es anderen schwer, ein schlankeres, moderneres System auf den Markt zu bringen. Vielversprechend ist ein laparoskopischer Medizinroboter, der in Bayern entwickelt wurde, beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Einer der größten Medizingerätehersteller hat den MiroSurge Roboter jetzt lizensiert, wird ihn also weltweit vermarkten.

"Ich bin Ali Albu-Schäffer, Direktor des Instituts für Robotik und Mechatronik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Ja, Da Vinci ist ein kommerzielles System, das sicher auch international als Maßstab gilt. Wir versuchen hier eine Alternative. Unser Ziel war, Roboterarme in der Größe und Kraft der menschlichen Arme zu entwickeln. Das heißt, Sie können nicht nur Kräfte und Geschwindigkeit des Menschen ungefähr erreichen, sondern sie haben auch die Feinfühligkeit des Menschen.

Wir sind in der Lage, die Kräfte und die Momente, das heißt die Interaktion an jeder Stelle zu messen, und der Roboter würde ähnlich wie ein Mensch auf Berührung reagieren. Das heißt, er würde stehen bleiben, er würde Kollisionen vermeiden, er würde versuchen, allzu große Kräfte zu vermeiden.

MiroSurge hat zwei Qualitäten, die Da Vinci fehlen. Seine relativ schlanken Arme tun dank einer "Soft Robotics" genannten Technologie so, als seien sie weich. Wenn der Chirurg mehr Platz am OP-Tisch braucht und einen Roboterarm zur Seite drückt, weicht der tatsächlich zur Seite und zieht dabei das Instrument im Bauch des Patienten entsprechend sicher zurück."

Neu ist auch die Sensorik: In den Operationswerkzeugen sind Sensoren eingebaut, die Widerstände wahrnehmen und diese Signale an den Joystick des Chirurgen weiterleiten. Man nennt das Kraftrückkopplung oder haptisches Feedback.

Dadurch spürt der Chirurg an seiner Hand die Widerstände, die das Instrument fünf Meter entfernt im Bauch des Patienten erfährt: Ist da eine Hautschicht, an der die Zange nicht weiterkommt, sieht der Chirurg das vielleicht gar nicht genau im 3D-Display, aber er spürt in seinen Fingern einen Gegendruck. 

Reportage: Rücken-OP in Mainz

Ich bin im Uniklinikum Mainz. Ein Patientin wurde gerade umgedreht, sie liegt, selbstverständlich narkotisiert, hier im OP. Sven Kantelhardt, der operierende Chirurg hat ein Quadrat auf den Rücken der Frau gezeichnet.

Hier sind ungefähr zwölf Leute, alle in Grün, ich selber auch, und am Rand befindet sich der Roboter, ungefähr so groß wie eine Coladose, in einer kleinen Kapsel. Der wird nachher kalibriert, um dann auf dem Rücken konkret Abzeichnungen zu machen.

Am Universitätsklinikum Mainz arbeitet ein Neurochirurgieroboter an der Wirbelsäule (Peter Pulkowski)Am Universitätsklinikum Mainz arbeitet ein Neurochirurgieroboter an der Wirbelsäule (Peter Pulkowski)

"Ja, mein Name ist Sven Kantelhardt. Ich bin hier der leitende Oberarzt in der Neurochirurgischen Uniklinik Mainz."

Autor: Wie schwer ist er denn?

Kantelhardt: So 100 Gramm.

Autor: Es ist ein Hexapod. Wo sind die Beinchen?

Kantelhardt: "Die sind eingepackt. Diese blaue Hülle der Coladose ist eine Gummihaut, die über die sechs Beine gezogen ist, also zwischen der Grund- und der Deckplatte sind sechs Roboterbeine/Servomotoren, die in ihrer Länge verstellbar sind."

Patientin: Irreparable Bandscheibenschäden im Lendenwirbelbereich. Dauerschmerz in allen Körperpositionen. Therapie: Ersetzen von zwei Bandscheiben durch künstliche Bandscheiben. Starres Verbinden der drei angrenzenden Wirbel mit sechs Schrauben und zwei Schienen.

Roboter: Renaissance, entwickelt in Israel. Kosten: etwa ½ Million Euro. Typ: Navigationsroboter. Der Neurochirurg plant am dreidimensionalen CT-Bild mit der Roboter-Software die Winkel, in denen er Schrauben in die Lendenwirbel eindrehen will. Der Roboter auf dem Rücken der Patientin zeigt ihm dann exakt, wo er bohren soll.

Reportage: Rücken-OP in Mainz

Kantelhardt: "Und L5 wollen wir auch noch operieren.

In diesem Fall geht es darum, dass man sechs Schrauben in die Wirbelsäule einbringen möchte, und zwar so präzise, wie man das sonst nur mit einem großen Schnitt entlang der Wirbelsäule machen könnte – Lendenwirbel in diesem Fall. Diesen Schnitt vermeidet man, indem man die Trajektorien über ein Röntgenbild errechnen lässt und dann den kleinen Roboter aufsetzt, der die Bahnen vorbereitet. Der Chirurg muss dann "nur noch" die Schraube entlang des vom Roboter vorgegebenen Kanals eindrehen."

Jetzt setzt der Chirurg den Roboter auf die Schiene.

"Ich bin Florian Ringel, kommissarischer Direktor der Neurochirurgischen Klinik im Universitätsklinikum Mainz."

"Der Roboter hat ein limitiertes Bewegungsausmaß, kann von einem fixen Standpunkt aus ein gewisses Ausmaß nach oben und unten erreichen. Er fixiert sich einfach, er bleibt an diesem Punkt stehen, in einer gewissen Kippung, gibt dann auf dem Computerbildschirm Rückmeldung, welchen Arm man jetzt an dem Roboterkopf anbringen muss, der dann genau auf das Trajekt zeigt. Über diesen Arm lassen sich dann unterschiedliche Instrumente einbringen, und als letztes Instrument ein Arbeitskanal, durch den man dann einen Handbohrer führen kann, mit dem man vorbohrt, Drähte einbringen kann, und über diesen Draht dann wiederum ein Implantat einbringen kann.

So, der Roboter hat jetzt ein bisschen gebraucht, sich zu verriegeln. Er hat sich auf der Schiene selbst verriegelt. Zunächst kommt eine Vorhülse hinein, kleiner Hammer, es blutet auch ein bisschen. Noch eine Überprüfung im Röntgenbild. Wie tief ging das jetzt in etwa rein?"

Kantelhardt: "So etwa vier Zentimeter."

"Das war nur vorgebohrt. Jetzt erst kommt die Schraube rein. Ist das jetzt die Schraube?"

Kantelhardt: "Ja."

"Und jetzt machen wir noch ein Röntgenbild – und sehen, wie sich die Schraube im Knochen befindet. Und der Roboter hat den genauen Winkel vorgezeichnet, wie man diese Schraube reinschraubt, sodass sie nicht an den Rand des Knochens geht, sondern in den Knochen hinein trifft, und zwar aus einem idealen Winkel. Das machen die Chirurgen auch per Hand gut, aber der Roboter gibt hier mehr Sicherheit und ist vor allem minimal invasiv, das heißt, man macht keinen großen Schnitt am Rücken mehr."

Autor: Warum setzt der Roboter er die Schrauben nicht selber, warum schraubt er sie nicht hinein? Er könnte seinen eigenen Drehmomentschlüssel haben. Dann wäre er vielleicht ein bisschen größer. Das ist aber nicht der Grund?

Kanthelhardt: Nein, das ist nicht der Hauptgrund. Das wäre dann ein größerer, schwererer Roboter. Es sind aber auch Sicherheitsbedenken. Gerade in Deutschland ist ja der RoboDoc, der erste Roboter in der Klinik, der am Hüftgelenk fräsen sollte. Er hatte hier in Deutschland eine sehr schlechte Presse; die Ergebnisse waren so durchwachsen. In den USA wird er durchaus weiter eingesetzt. Da war ein Roboter, der tatsächlich, wenn er einmal registriert war, einen Hüftkopf gefräst hat. Das hat doch gezeigt, dass es nicht immer so perfekte Ergebnisse liefert.

Also eine menschliche Kontrolle ist zu diesem Zeitpunkt also sicherlich noch vernünftig, dass am Ende ein Chirurg also die Instrumente, die irgendwie aggressiv sind, in der Hand hat, und nicht ein Roboter."

Franziska Ullrich: "Ich komme aus einer Medizinerfamilie, kann aber überhaupt kein Blut sehen, und deswegen bin ich ganz froh, auf der technischen Seite zu sein."

Franziska Ullrich. Multi Scale Robotics Lab der ETH Zürich. Sie hat Maschinenbau studiert und spezialisiert sich jetzt auf sandkornkleine Roboter, die im Auge frei herumschwimmen. Blutet das Auge denn nicht, wenn man hineinsticht?

Franziska Ullrich: "Nein, eigentlich nicht. Der kleine Mikroroboter ist eigentlich ein magnetisches Teilchen, auf gewisse Weise behandelt und mit gewissen Formen, aber im Prinzip ein kleiner Magnet, der ins Auge rein gespritzt wird. Er schwimmt dann im Glaskörper und wird von außen mit elektromagnetischen Feldern bewegt.

Also man kann sich das ganze Setup so vorstellen, dass der Chirurg dann vor einem Computer sitzt und wie bei einem Videospiel, würde ich fast sagen, mit dem Joystick den kleinen Roboter im Auge bewegen kann. Die Kamera verfolgt jederzeit die Bewegung des kleinen Mikroroboters im Auge. Der Augenchirurg schaut durch die Linse ins Auge hinein und kann so genau sehen, was er tut."

Autor: Ist es da hell in dem Auge während der Operation?

"Nein, ist es nicht. Man muss schon noch ein Licht ins Auge bringen."

Autor: Warum bringt man nicht einen zweiten Roboter herein, der das Auge von innen beleuchtet?

"Das wäre eine super Idee. Das Problem ist, dass bei magnetisch gesteuerten Robotern sehr schwierig ist, zwei Roboter unabhängig voneinander zu bewegen. Wenn sich beide im gleichen Magnetfeld befinden, agieren sie auch ganz ähnlich.

Es gibt dazu erste Forschungen, um Mikroroboter auch im Schwarmverhalten zu untersuchen, aber das ist eben noch in der Forschung und auch sehr, sehr schwierig. Da kann man tatsächlich den einzelnen Agenten, die einzelnen Mikroroboter getrennt voneinander ansteuern, indem man einfach verschiedene Frequenzen der Magnetfelder anlegt. Das wird im Auge ein bisschen schwierig. Aber wir haben damit zum Beispiel Mikroroboterfußball gespielt – und sind nebenbei auch Mikroroboterfußballweltmeister geworden!"

Autor: "Was macht der Roboter im Auge?"

"Das gezielte Auftragen von Medikamenten. Man füllt den kleinen Roboter mit einem Medikament und kann dann ziemlich direkt dorthin schwimmen, wo das Medikament auch benötigt wird, auf der Netzhaut. Dadurch kann man natürlich eine viel kleinere Dosis des Medikaments benutzen und trotzdem die gleiche Konzentration am Ort des Geschehens haben."

Autor: "Wie macht man es heute?"

"Der Arzt hat wirklich eine Spritze mit einer Injektionsnadel und spritzt das Medikament generell in den Glaskörper rein, und dann verteilt sich das Medikament im ganzen Auge, und hoffentlich hat man dann an der Netzhaut die Konzentration, die man auch braucht.

Also in dem Zylinder ist das Medikament drin, das kann man auch mit gewissen Tricks so verändern, dass es erst dann wirklich aus dem Roboter herauskommt, wenn wir gewisse Startsignale bekommen. Diese Startsignale könnten eine erhöhte Temperatur sein, auch ein veränderter PH-Wert ist möglich. Und erst dann diffundiert das Medikament aus dem Roboter heraus.

Im Auge ist der PH-Wert nicht wahnsinnig sinnvoll, aber da kann man zum Beispiel die Temperatur ganz leicht erhöhen, von außen.

PH-Wert sage ich deshalb, weil es auch andere Anwendungen dieser Mikroroboter gibt: Ich würde sagen, der heilige Gral ist es, dass man Mikroroboter im Körper einsetzt, damit sie automatisch zu Krebsgeschwüren finden. Und Krebszellen haben die Eigenschaft, dass sie einen höheren PH-Wert haben als normale Zellen. Das heißt, dann können diese Roboter, sobald sie sozusagen an einer Krebszelle vorbeikommen, das Medikament ausschütten."

Den Augenroboter holen die Züricher Wissenschaftler mit einem stark magnetischen Spritzenkopf aus dem Auge heraus. Es ging noch keiner bei den vielen Experimenten verloren.

Bei Anwendungen im Körperinneren, wo Roboter zum Beispiel gezielt Medikamente vor Ort bringen, müssen die Medizintechniker eine Lösung finden, wie sich der Roboter nach getaner Arbeit selbst auflöst. Eine Option ist das Baumaterial Eisen. Der Körper kann dann quasi den ganzen Roboter verdauen.

Zurück in die klinische Praxis. Die Lendenwirbeloperation mit Roboterhilfe.

Autor: "Wie ist der Blutdruck?"

Anästhesist: "Im Moment haben wir 130 zu 70. Das ist deutsche Industrienorm, so soll er sein. Die Patientin reagiert, nicht bewusst, aber …"

Echte Autonomie ist auf bei Robotern nicht erwünscht

Die Frau übersteht die Operation und kann die Klinik nach einer Woche wieder ohne Krücken verlassen. Vier Stunden Feinmechanik mit zwei Neurochirurgen, zwei Anästhesisten, diversen OP-Schwestern und einem eine halbe Million teuren Roboter namens Renaissance. Die Mainzer haben mit diesem Gerät so gute Erfahrung gemacht, dass sich inzwischen mehrere deutsche Kliniken ihrem Vorbild angeschlossen haben, unter anderem in München und Regensburg.

Der selbst fräsende Hüftroboter RoboDoc hat dagegen trotz CE-Zulassung keine Anhänger mehr in Deutschland. Echte Autonomie ist im OP nicht erwünscht.

Das BGH-Urteil über angebliche Fehlbehandlungen durch den RoboDoc kam zu diesem, heute in der Medizinrobotik hoch gehaltenen Schluss: 

BGH-Urteil vom 13.06.06 (VI ZR 323/04)

Die Anwendung neuer Verfahren ist für den medizinischen Fortschritt zwar unerlässlich. Am Patienten dürfen sie aber nur dann angewandt werden, wenn diesem zuvor unmissverständlich verdeutlicht wurde, dass die neue Methode die Möglichkeit unbekannter Risiken birgt.

Die Medizin ist für autonome Roboter noch nicht bereit. Auf den Straßen dagegen hält das autonome Fahren Einzug. Es kam nicht plötzlich, sondern ist die Konsequenz von immer mehr Assistenzsystemen. Die Medizinrobotik steckt ganz in der Assistenzphase.

Wenn man einen Vergleich wagen möchte: Das autonome Autofahren begann auf verkehrsarmen übersichtlichen Testgeländen, bevor es auf die Autobahn kam. Das zurzeit beliebteste verkehrsarme übersichtliche Testgelände der Medizinrobotik ist das Auge. Die Retinaoperationen von Robert MacLaren in Oxford zeigen, wie gut das geht – mit teilautonomer Technik, denn der Roboter tut ja nicht exakt das, was der Chirurg mit seinen Händen vorgibt: Er rechnet das Zittern weg, er bleibt stoisch in seiner sicheren Position im Auge, wenn der Chirurg den Joystick vor Schreck weit von sich weg drückt.

Die Hersteller der Technik wollen ihre Geräte verkaufen und argumentieren mit der Nachfrage: Immer mehr und immer ältere, kranke Menschen, immer weniger medizinisches Fachpersonal rufen regelrecht nach Roboterunterstützung. Perry van Rijsingen von Preceyes in Eindhoven:

"Schon jetzt hat man in Ländern wie China und Indien unheimlichen Mangel an hochspezialisierten Chirurgen. In Europa gibt es noch genügend, in den Vereinigten Staaten auch. Aber wenn man betrachtet, wie oft in 15 Jahren diese Probleme vorkommen – es wird sich in den nächsten 15 Jahren verdoppeln: Diabetes, hoher Blutdruck verursachen Augenprobleme und gerade auch Retinaprobleme. Und dann haben wir natürlich auch nicht mehr genügend Ärzte hier."

Franziska Ullrich vom Roboter-Labor der ETH Zürich spitzt das noch zu: "Für die Roboter ist die Medizin deshalb so wichtig und wird auch immer wichtiger, einfach weil wir große Probleme im Gesundheitssystem haben. Wir haben eine alternde Gesellschaft. Wir kommen einfach nicht mehr hinterher. Und es muss einfach irgendetwas geschehen in der Technologie, damit auch allen Menschen eine gute Behandlung gewährleistet werden kann."

Auch ethische Fragen müssen beantwortet werden

Jochen Werner, Leiter der Universitätsklinik Essen: "Aus heutiger Sicht ist eine konventionelle Ausbildung extrem wichtig für jede Art dieser Chirurgie."

Autor: "Da berühren wir das Thema Ethik im OP und in der Medizin. Kann man das so sagen, oder ist die Robotik nur ein weiteres Hilfsmittel?"

Nein, ich denke, das Thema Ethik ist absolut angebracht: Inwieweit überlasse ich Maschinen, Computer etc. bestimmte Maßnahmen. Sehe ich sie als Partner? Wenn die Maßnahmen übernommen werden, wer hat am Schluss wieder die Verantwortung? Und vor dem Hintergrund sind wir mitten im Thema Ethik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk