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StartseiteBüchermarktRocket Boys09.02.1999

Rocket Boys

Irgendwann in grauer Vorzeit, als die Welt noch in zwei Reiche geteilt war, blinkte ein silberner Stern am Nachthimmel. Die Menschen hoben ihre Köpfe und sagten: "Aah, das ist der Sputnik!" Sie sagten es aber mit deutlicher unterschiedlicher Intonation. Im Lande der Sputnik-Erbauer schwang Stolz in ihren Stimmen mit, die Nachbarn auf der gegenüberliegenden Seite der Weltanschauung knirschten dagegen mit den Zähnen. Das sollte es eigentlich niemals geben, ein russischer Satellit im amerikanischen Weltraum, ein Vorsprung der Arbeiter und Bauern vor den Tüftlern und Ingenieuren.

Florian Felix Weyh

Einer, der da den Kopf in Richtung Firmament erhebt, ist Homer Hickam, von seiner Familie "Sonny" genannt. Mit seinen fünfzehn Jahren sitzt er zwischen allen Stühlen, in der Schule ist er mittelmäßig, bei den Mädchen nicht sonderlich erfolgreich, Baseball und jegliche Art anstrengender Fortbewegung verabscheut er. Am schlimmsten aber der ewige Zwist mit dem Vater, der den älteren Bruder Jimmy bevorzugt, weil der ganz offensichtlich alle nötigen Merkmale männlicher Virilität mitbringt, die dem Sohn eines Zechenleiters im amerikanischen Kohlerevier zukommen. In jener Sputnik-Nacht, die amerikanische Nation glaubt sich dem Untergang geweiht, kristallisiert sich bei Sonny Hickam ein Plan heraus: Er wird eine Rakete bauen. Ein flugfähiges Geschoß, das ihn aus dem Schmutz und der Trübsal von Coalwood herauskatapultiert. Hightech-Träume in den Fünfzigern, der Treibstoff Kohle, dem die amerikanische Industriegesellschaft ihren Aufstieg verdankt, wird durch "Raketenkaramel" ersetzt – eine Mischung, die Sonny mit seinen Freunden, den Rocket Boys, in praktischen Experimenten stetig verbessert. Daß er dabei nicht nur den elterlichen Gartenzaun in die Luft sprengt, sondern beinahe die mütterliche Küche und den halben Ort obendrein, gehört zu den Begleiterscheinungen jugendlichen Forscherdranges. Unergründlicherweise haben die jungen Helden eine weibliche Verbündete, Sonnys Mutter, die mit stoischer Gelassenheit die Eskapaden ihres Jüngsten toleriert, weil sie dahinter die Chance wittert, dem sterbenden Kohlerevier zu entkommen. Heimlich schreibt sie einen Brief an Wernher von Braun, schildert ihm die Ambitionen ihres Sohnes und erhält – Wertvolleres kann es für Sonny kaum geben – ein aufmunterndes Antwortschreiben.

Doch die Rocket Boys stehen nach ersten Erfolgen auf ihrem Startgelände "Cape Coalwood" vor einem Problem: Die Theorie macht Ärger. Vielmehr die mangelnden theoretischen Kenntnisse. Quentin, ein typischer Primaner-Professor, wie er schon bei Erich Kästner auftaucht, durchstöbert sämtliche Bibliotheken des Bezirks – allein: Die Theorie des Raketenbaus ist noch nicht bis in die Diaspora vorgedrungen. Eine junge Lehrerin treibt das begehrte Lehrbuch auf, aus den Bastlern und Modellbauern werden Strömungsphysiker en miniature, die eine mehrere Kilometer steigende Rakete zuwegebringen. Halb Coalwood findet sich an den Start-Wochenenden zum Spektakel ein, der Sinn des Ganzen ist fraglich, aber der Charme unwiderstehlich. Schließlich gewinnt Sonny eine Goldmedaille auf einem nationalen Schülerwettbewerb, der Sputnik-Schock hat die Nation erschüttert, neben Baseball erfährt nun auch naturwissenschaftliche Kompetenz gebührende Anerkennung. Sonny am Ziel seiner Träume – aber süßlich endet dieses Buch nicht. Es gibt keine automatischen College-Stipendien für die proletarischen Raketenkinder, die Achtung des Vaters bleibt auf einen kurzen Augenblick beschränkt, und es dauert noch zwanzig Jahre, bis der Held endlich in Cape Caneveral eine Anstellung findet. Da ist Wernher von Braun tot, ein Teil der Weltraumfahrt Routine geworden, und der andere, euphorische, längst dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Daß das Buch dennoch neidisch macht – zumindest den Leser, der einmal ein Junge in Homer Hickams Alter gewesen ist –, liegt an der schier unbegrenzten Utopiefähigkeit der frühen Weltraumfahrt, gekoppelt an pyromanische Lustgefühle, mit einfachen Mitteln – Puderzucker und Unkrautvernichter – gewaltige Feuerwerkseffekte zu erzeugen. Eine Generation weiter dienten genau dieselben Chemikalien weniger spielerischen Zwecken. Bei den Rocket Boys soll die Sprengkraft in Wahrheit Zusammenhalt erzeugen, Väter, Söhne und den Staat miteinander verschmelzen; nach 1968 bastelte man auch in Amerika Brandsätze in gegenteiliger Absicht. Und wer genau liest, kann diesem Roman genug entnehmen, was ihn in den achtziger Jahren noch in die Nähe einer Gefängnisstrafe gebracht hätte, Kategorie: Anleitung zum Bombenbau. Warum das keine Gefahr mehr darstellt, und dieses Buch getrost jedem Fünfzehnjährigen auf die Computertastatur gelegt werden kann: Weil Chemie keine Abenteurerträume mehr erzeugt. Sie ist nicht digital genug.

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