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Römerschlacht im Harz

Archäologen legen das Schlachtfeld eines recht unbekannten Feldzugs frei

Von Nicolaus Schröder

Verschiedene Fundstücke vom römisch-germanischen Schlachtfeld am Harzhorn.
Verschiedene Fundstücke vom römisch-germanischen Schlachtfeld am Harzhorn. (picture alliance / dpa - Julian Stratenschulte)

Archäologie.- Am Harzrand werden die Überreste einer Römerschlacht ausgegraben. Rund 230 Jahre nach der Varusschlacht soll das Gefecht stattgefunden haben, bei dem eine germanische Streitmacht hartnäckig Widerstand geleistet haben muss.

Ein gerodetes Waldstück auf einem Höhenrücken bei Northeim. Von Ferne rauscht die A7, die Sonne fällt durch lichten Laubwald. Mit Schippen, Kellen und Bürsten legen Studenten breite Geländestreifen bis auf die Gesteinsschicht frei. Ein Metalldetektor wird herumgereicht.

"Ja, das ist wahrscheinlich die Wurzel.

"Guck mal, das ist so'n Bubbel, so'n kleiner Hügel, von dem so runter der Bereich.. so den Stein und dann hier so hoch."

"Wenn du da hier erst mal ran bist, bis an die Wurzel, können wir noch mal hören. Weil gerade in der Sekunde höre ich hier, ja gerad so'n komisches störendes Signal, als wirklich ein Fundsignal."

"Nee, also von daher zieh das mal da noch ein bisschen runter... Warte mal ... nee..."

Harzhorn 2012. Seit zwei Jahren werden hier in den Sommermonaten die Überreste einer Römerschlacht ausgegraben. Was mit einem Zufallsfund eines Schatzsuchers begann, der ein Metallstück ausgrub, das Jahre später als Teil eines Hufschutzes erkannt wurde, wie sie römische Transportpferde trugen, ist mittlerweile zu einem überregionalen Forschungsprojekt geworden. Die Freie Universität Berlin, die Uni in Osnabrück und die lokalen Denkmalämter arbeiten am Harzhorn eng zusammen.

Nicht dass am Harzrand spektakuläre Kunstschätze ausgegraben würden. Die Sensation liegt hier in der Interpretation. Pferdegeschirr, Pfeilspitzen, Axtköpfe und Münzfunde deuten auf die Anwesenheit einer zahlenstarken, hochgerüsteten römischen Streitmacht hin und auf einen Zeitraum, der über 200 Jahre nach der Varusschlacht liegen soll. Dass zwischen 230 und 240 nach Christus ein so großes Römerheer so hoch im Norden in Kämpfe verwickelt worden ist, hielt man bisher für ausgeschlossen. Michael Meyer ist Professor für prähistorische Archäologie an der FU Berlin. Er gehört zu den Wissenschaftlern, die das Projekt begleiten. Meyer und seine Kollegen sind sich mittlerweile ziemlich sicher, wer das römische Heer am Harz angeführt haben muss. Es war Kaiser Maximinus Thrax.

"Das ist ein Indizienbeweis und ich finde, für Archäologen sind die Indizien überwältigend, ob das vor einem ordentlichen Gericht standhalten würde, ist 'ne andere Frage."

Kaum abgegriffene Münzen mit dem Abbild Maximinus Thrax' und spezielle Pfeilspitzen, wie sie allein seine Bogenschützen in Germanien benutzten, gehören zu den stärksten Gliedern der Indizienkette. Daneben weisen alle naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden auf das Jahrzehnt zwischen 230 und 240 nach Christus – genau in den Zeitraum seiner Ägide.

Maximinus Thrax herrschte nur kurz – von 235 bis 238. Der bei seinen Soldaten beliebte Offizier wurde zum Nachfolger des jungen Kaisers Severus Alexander ernannt, als der 235 in Mainz von rebellierenden Truppen umgebracht wurde.

"Er ist der erste der Soldatenkaiser, also er muss seine Herrschaft vielleicht noch einmal doppelt legitimieren. Und was kann er besseres tun, als so'n großes Militärkontingent, was er zur Verfügung hat, auch zu nutzen. Da macht er sich bei seinen Soldaten beliebt. Er hat soviel Militär zur Verfügung, dass er keine Gefahr läuft, zu unterliegen. Er geht in ein Gebiet, das seit Tiberius kein römischer Kaiser mehr aktiv hat versucht zu erobern, also er kann mit dieser Aktion eigentlich nur gewinnen."

Langsam aber unaufhörlich zerfällt die Macht Roms zu jener Zeit. Kulturell sind die römischen Besatzungsgebiete jenseits des Limes nie wirklich mit dem römischen Reich zusammengewachsen. Immer wieder flammen hier Aufstände auf.

"Das muss massiv gewesen sein, also Rom verliert seine rechtsrheinischen Gebiete in Hessen, der Limes wird aufgegeben und sie ziehen sich zur Rheinlinie zurück. Man kann das Ausgraben, also in den Kastellen gibt es Brandhorizonte."

Die Schlacht am Harzhorn war eine der letzten großen Feldzüge des römischen Reichs. Mit den Soldatenkaisern begann die Machterosion. Putsch um Putsch schwand der außenpolitische Einfluss. Das römische Reich hatte mit sich selbst zu tun.

Geschrieben worden ist wenig über diese Zeit, die den römischen Chronisten und Erzählern zu unrühmlich erschienen sein muss, als dass darüber berichtet wurde. Und genau darin liegt die Attraktion des Schlachtfeldes am Harzrand. Wenn es gelingt, das Puzzle, das Michael Meyer mit seinen Studenten hier freilegt, zusammenzusetzen, die Funde zu interpretieren und die Spuren zum Sprechen zu bringen, könnte ein weitgehend unbekanntes Kapitel aufgeschlagen werden, Titel: Das Ende der römischen Herrschaft in Germanien.

"Vom Wissenschaftlichen her, muss ich sagen, ist für mich das Eindruckvollste hier, dass ich noch mal einen ganz neuen Blick auf die germanische Bevölkerung und die Sozialstruktur der Germanen werfe. Also diese Frage, wie schaffen die Germanen das in relativ kurzer Zeit, einem großen römischen Kontingent hier etwas Entschossenes entgegenzusetzen. Also wie ist die militärische Struktur, also wie ist die Anführerstruktur, wie ist die Vernetzung, wie funktioniert Kommunikation? Also das sind natürlich ganz spannende Frage, die sich mir noch mal ganz neu stellen."

Über diese Germanen weiß man wenig. Es gibt bei ihnen keine Geschichtsschreibung, keine Chronisten – aber am Harzhorn findet man ihre Spuren. Die Heftigkeit ihres Angriffs muss den Römern durchaus Probleme bereitet haben, auch wenn sie wohl kaum ernstlich in Gefahr geraten sind. Doch bevor man Genaueres weiß, müssen die Archäologen ihre Arbeit tun.

"Das ist natürlich zentral für uns und wir stehen natürlich hier auch methodisch ganz am Anfang, weil es sehr wenig Erfahrungen damit gibt, wie man antike, prähistorische Schlachtfelder ausgräbt. Und im Prinzip machen wir hier so einen Learning-by-Doing-Prozess durch, dass wir also sehr, sehr filigran und fein angefangen haben zu graben, und inzwischen trauen wir uns ein bisschen gröber und schwungvoller da wieder ranzugehen und man sucht den Mittelweg, der dann wirklich nichts zerstört, aber dann andererseits auch entsprechend ein bisschen Fläche bringt."

Für dieses Jahr sind die Arbeiten beendet. Die Ausgrabungsflächen werden nicht zugeschüttet und können noch einige Wochen besichtigt werden. In einem Jahr sollen die Funde vom Harzhorn in einer Ausstellung in Braunschweig erstmals öffentlich präsentiert werden.

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