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StartseiteTag für TagDie muslimische Minderheit aus Myanmar vernetzt sich17.06.2015

Rohingya in DeutschlandDie muslimische Minderheit aus Myanmar vernetzt sich

Als sie jüngst zu Hunderten in kleinen brüchigen Booten auf dem Meer trieben, da nahm die Weltöffentlichkeit sie wieder wahr: die Rohingya aus Myanmar. Sie sind Muslime und eine Minderheit in diesem mehrheitlich buddhistischen Land. Immer mehr fliehen – auch nach Europa. Der Generalsekretär des Europäischen Rats der Rohingya lebt in Deutschland – und zwar in Offenbach. Was er aus Myanmar erfährt, das klingt dramatisch.

Von Anna Marie Goretzki

Rohingya-Flüchtlinge nahe der südthailändischen Insel Koh Lipe (AFP / Christophe ARCHAMBAULT)
Auch nach Deutschland fliehen Rohingya, bisher aber nur wenige. (AFP / Christophe ARCHAMBAULT)
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"Sie töten uns. Wir haben keine Rechte, keinen Job, wir dürfen nicht heiraten, uns nicht frei bewegen, wir werden missbraucht, getötet, gefoltert. Wir müssen Schmiergelder zahlen. Wir haben ein großes Problem."

Mohamed Ibrahim ist Angehöriger der muslimischen Minderheit der Rohingya, die in Myanmar Verfolgung und Diskriminierung durch extremistische Buddhisten ausgesetzt sind. Gemeinsam mit seiner Frau und den drei Söhnen bewohnt er eine Wohnung im Zentrum Offenbachs. 2008 kamen sie an. Sie flohen aus Myanmar.

1982 machte das damalige Burma die Rohingya zu Staatenlosen, seitdem werden sie wie Rechtlose behandelt, als Zwangsarbeiter versklavt, auf offener Straße diskriminiert, gejagt, sogar getötet. Ihre Religion können sie dort nur noch im Verborgenen leben, sagt Mohamed Ibrahim, Generalsekretär des Europäischen Rats der Rohingya:

"Wir dürfen nicht beten. Unsere Moschee ist alt. Wir können sie nicht reparieren. Die meisten der großen Moscheen sind zugesperrt, so seit zwei, drei, fünf Jahren. Alle beten zuhause. Man darf sich dafür nicht treffen. Für das Freitagsgebet versammeln wir uns eigentlich. Aber sie verbieten es uns. Wir müssen fünf Mal täglich beten, zwei Mal davon nachts. Aber nachts gibt es die Ausgangssperre."

Seit 2012 hat die religiös motivierte Gewalt gegen die Rohingya, die dem sunnitischen Islam folgen, stark zugenommen. Vor allem die radikal buddhistische Gruppierung 969 unter Führung des Mönchs Ashin Wirathu stachelt die Bevölkerung gegen sie an. Mohamed Ibrahim zeigt eines der Videos, die im Internet kursieren und welches das beweisen soll:

"Er hat gesagt: 'Tötet sie! Verbrennt sie! Sie werden unser Land übernehmen, wenn ihr nichts dagegen unternehmt.' Diese Art der Propaganda. Sie sagen: Die Muslime machen Probleme, und sie werden uns aus unserem Land hinausschmeißen. Denn ihr seht ja in Afghanistan, im Irak, in den USA – sie werden alle töten. Sie sagen dabei nicht, dass nicht alle Muslime gleich sind."

Wie friedfertig ist der Buddhismus?

Buddhismus und Gewalt – ist das nicht eigentlich ein Widerspruch? Der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser:

"Wenn man in Europa den Buddhismus als besonders friedfertig ansieht, dann macht man sich ein Wunschbild. Zwar sind die Lehren von Buddha friedfertig und er predigt Gewaltlosigkeit, aber der Buddhismus hat eine zweieinhalbtausendjährige Geschichte, die genauso von Blut und Schwert und Tränen gekennzeichnet ist wie das Christentum."

In seinem kürzlich veröffentlichten Buch "Religion und Krieg"beschreibt Zinser wie Buddhisten die Anwendung von Gewalt  rechtfertigen:

"Nach dem Buddhismus gibt es ja eigentlich kein Ich. Wenn es das Ich nicht gibt, weil es eine Illusion ist von Wahrnehmungsinstanzen, dann kann man es auch nicht töten. Das ist dann so, wie wenn Sie ein Spiegelbild erschlagen: Da erschlagen Sie auch das Nichts, und folglich sind Sie nicht an einer Sünde oder an einem Verbrechen beteiligt. Eine weitere Strategie ist, wenn man die Buddha-Weihe erhält, werden alle vergangenen Verbrechen gelöscht. Also holt man sich jährlich die Buddha-Weihe als Krieger. Da werden noch andere Sachen eingesetzt: die nationale Gemeinschaftsbildung. Aber die ist eben buddhistisch und da hat jemand anderes nichts zu suchen."

Digitale Kommunikation über Kontinente hinweg

Fast im Minutentakt trudeln Nachrichten auf den zwei Smartphones von Mohamed Ibrahim ein. Ibrahim ist Generalsekretär des European Rohingya Council, der Dachorganisation der in Europa lebenden Rohingya. Er leitet mehrere Chat-Gruppen, hunderte Rohingya aus allen Teilen der Welt tauschen sich so aus. Aber sie schreiben nicht, sie sprechen miteinander:

"So kommunizieren wir miteinander. Denn viele Leute können nicht schreiben. Sie schicken uns auf diese Art Informationen aus Myanmar: Heute haben sie eine Person getötet, sie nehmen Bilder auf und schicken sie uns."

Die Teilnehmer aus Myanmar verschleiern ihre Identität: Denn der Besitz von Mobiltelefonen ist für die Rohingya verboten. Ständig drohen Hausdurchsuchungen.

"Bruder, Herr Aquies, da du noch in der Heimat bist, kannst du uns erzählen, wie die Situation ist? Welche Probleme habt ihr?"

Die Antwort kommt wenige Minuten später.

"In den Städten dürfen nur wenige Leute die Tiere halal schlachten. Und das nur nach einer üppigen Schmiergeldzahlung an die örtliche Polizei. Jetzt im Ramadan haben sie das Ritualgebet Tarawih verboten. Die Leute treffen sich und beten an einem geheimen Ort."

Dann bricht die Nachricht ab.

Das Bild zeigt Flüchtlinge in Malaysia. (Manan Vatsyayana / AFP)Malaysia schickte Flüchtlingsboote zurück aufs offene Meer. (Manan Vatsyayana / AFP)

Mohamed Ibrahim und sein Freund Hussain Abdullah, auch er ist Rohingya, machen sich auf den Weg in die Moschee.

Jetzt betet Ibrahim oft in der Islamischen Gemeinde Mevlana Moschee in Offenbach. Beide betreten das Gotteshaus.

Hussain Abdullah erzählt, was er über den aktuellen Zustand der Moscheen in seiner Heimat weiß:

"Sie brennen die Moscheen ab. Und sagen dann, es wäre eine illegal gebaute Moschee. Sie bauen darauf dann einen buddhistischen Tempel. Wir haben viele Videos, die das zeigen. Sie wollen das Land 'burmanisieren' als buddhistisches Land. Alle Muslime sollen weg. Das werden wir in der Zukunft weiterhin sehen."

Die Offenbacher Moschee füllt sich langsam. Dann beginnt das Nachmittagsgebet. Mohamed Ibrahim wird, wie so oft, für seine verfolgten Brüder und Schwestern beten.

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