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Roland Koch: Politik muss Strompreisanstieg für Industrie begrenzen

Bilfinger-Chef fordert auch, Solarförderung zu begrenzen

Roland Koch im Gespräch mit Klemens Kindermann

Roland Koch leitet den Industriedienstleister Bilfinger.
Roland Koch leitet den Industriedienstleister Bilfinger. (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)

Der Vorstandschef des Bilfinger-Konzerns, Roland Koch, hat vor Nachteilen für die deutsche Wirtschaft durch die Energiewende gewarnt. Wenn die Industrie dieselben hohen Strompreise zahlen müsste wie der Verbraucher, hätte sie im internationalen Wettbewerb keine Chance. Dann könnte sie in bestimmten Teilen Deutschlands nicht mehr produzieren.

Klemens Kindermann: Herr Koch, Weihnachten naht, die Einkaufstüten der privaten Verbraucher, sie werden noch einmal gut gefüllt sein. Aber aufs Ganze gesehen trübt sich das Bild doch ein. Wirtschaftsforscher warnen: Die Konjunktur in Deutschland, sie wird bald einen Dämpfer erhalten. Wie sieht man das in der Chefetage eines wichtigen deutschen Unternehmens? Steht die deutsche Wirtschaft vor härteren Zeiten?

Roland Koch: Zunächst einmal, denke ich, ist für alle, die in Deutschland leben und arbeiten, ja wichtig, festzustellen, dass wir nach der ganz schweren Krise, nach dem Jahr 2008, uns in diesem Land sehr gut erholt haben. Das können viele andere nicht sagen. Dass das raketenmäßig von 2008 bis endlos immer geradeaus weiter nach oben geht, das wäre nun ja auch bestenfalls immer eine Wunschvorstellung gewesen. Das heißt, wir reden jetzt darüber, ob auf vergleichbar hohem Niveau sich Wachstumskurven abflachen. Wir reden nicht darüber, ob wir in Deutschland jetzt in eine tiefe Rezession fallen. Ich persönlich glaube, dass bei allen Prognosen berücksichtigt werden muss, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands durch den hohen Anteil industrieller Produktion, den wir uns trotz aller Krisen erhalten konnten, sehr gestiegen ist. Was für mein Unternehmen jedenfalls mit seiner häufigen und intensiven Beteiligung an der Unterhaltung von Industrieanlagen und von Kraftwerken bedeutet, dass wir auch für das kommende Jahr nicht pessimistisch in die Zukunft sehen. Aber wissen, dass zur Euphorie kein Anlass ist von dauernd steigenden Wachstumszahlen, und dass unter Kostengesichtspunkten sehr viele Unternehmen auch in Deutschland große Anstrengungen zur Kosteneinsparung unternehmen werden. Und das bedeutet, dass auch wir härter arbeiten müssen, um die Erträge, die unsere Aktionäre von uns erwarten, tatsächlich erbringen zu können. Also, es wird ein schwieriges Jahr, aber ich glaube nicht, dass da Anlass zu Katastrophenstimmung herrscht.

Klemens Kindermann: Aber wie sehr leidet denn die deutsche Wirtschaft unter den Einbrüchen in Europa?

Roland Koch: Ja, die deutsche Wirtschaft ist ja nach wie vor zu gut 70 Prozent ihrer Außenwirtschaftsbeziehungen auf Europa konzentriert. Das ist ja einer der Gründe, warum wir so sorgfältig uns um Europa und den Euro kümmern müssen. Aber das bedeutet ja auch nicht, dass das europäische Bild ganz einheitlich ist. Nehmen Sie zum Beispiel die Bilfinger SE, die mit einem sehr überwiegenden Teil ihres Engagements eher im nördlichen Teil Europas und in den osteuropäischen Ländern tätig ist. Und dort ist die wirtschaftliche Entwicklung nach wie vor eher vielversprechend. Wer sehr stark auf den südeuropäischen Raum konzentriert ist, der hat in den letzten Jahren schon erhebliche Nachteile hingenommen. Aber auch da bleibe ich bei der Vermutung, dass wir wahrscheinlich der Talsohle relativ nahe sind. Und deshalb die Effekte, die man da befürchtet, auch schon im Jahr 2012 gesehen hat. Das bedeutet: langsamer Wiederaufstieg dort. Das bedeutet: Rückschläge im Vergleich zu anderen Bereichen. Aber wir konnten das in Deutschland besser als alle anderen durch ein Wachstum in den Märkten von Amerika bis Asien kompensieren. Und deshalb denke ich, dass wir dort jetzt keine gravierenden Einbrüche haben. Dass das das Wachstum mit dämpft, manchmal vielleicht auch auf die Null-Linie bringen kann in einigen Bereichen oder Ländern Europas, das ist offenkundig.

Klemens Kindermann: Sie haben ja schon gesagt: "Bilfinger" heißen Sie jetzt, nicht mehr "Bilfinger Berger" – seit September haben Sie eine neue Marke, wandeln sich zum internationalen Industriedienstleister. Das heißt, Sie können auch was sagen, wie geht es in den Schwellenländern weiter?

Roland Koch: Ich glaube, dass wir in der Welt der nächsten Jahre makroökonomisch eben nicht mehr von zwei großen Konjunkturzyklen in den USA und in Europa, sondern von mindestens drei, nämlich noch von einem südostasiatischen, inklusive China, sprechen müssen. Ich glaube, dass wir eine Situation gerade in China haben, in der der chinesische Staat beachtliche Anstrengungen unternehmen wird, das Wachstum nicht unter eine kritische Marke von sieben oder acht Prozent jährlich sinken zu lassen. Und dass wir in einigen anderen der Schwellenländern Asiens eine durchaus nach wie vor starke Wachstumskraft sehen. Das bedeutet: Dieser Motor wird nicht ins Stocken kommen. Auch dort gilt: Hoffnung, dass man aus acht neun, aus neun zehn Prozent Wachstum macht, und das Jahr für Jahr. Dies ist weder besonders gesund für die Weltwirtschaft, noch besonders realistisch. Aber interessante spannende Märkte bleiben das. Und wir sehen gerade für deutsche Produkte und auch für deutsche Dienstleistungen, wie wir sie etwa anbieten, beachtliche Märkte. Wenn in China jetzt Einrichtungen auch von deutschen Industrieunternehmen gebaut werden, dann bringen die viel auch des Know-hows, wie wir das tun, ein. Wenn in Vietnam die Kraftwerke, die Kohlekraftwerke, erneuert werden müssen, dann ist vieles, was wir in den letzten Jahren in Deutschland gemacht haben oder was wir auch als Unternehmen in Osteuropa machen, ein Standard, der auch dort gewünscht wird. Also, wir haben dort auch Marktchancen, in denen die alten Ängste des Preiswettbewerbs alleine auch nicht ausreichen, sondern in dem man durchaus faire Chancen haben kann.

Klemens Kindermann: Nun sagen ja alle Prognosen, dass es Ende des Jahres und auch noch Anfang des Jahres doch eine Talsohle geben könnte. Merken Sie etwas davon? Auch international wächst der Druck auf die Margen, gibt's schon Auftraggeber, die längere Zahlungsziele haben wollen?

Roland Koch: Es gibt Entwicklungen, die solche Indikatoren von wirtschaftlicher Anspannung sind – interessanterweise für uns im Industriegeschäft nicht in der Frage der Gesamtauslastung des Unternehmens, was auch darauf hindeutet, dass die Anlagen unserer Kunden eben sehr gut ausgelastet sind, gerade in der Prozessindustrie. Dass aber wir auf der anderen Seite schon sehen, dass jeder, der ein Kostensenkungsprogramm macht, ja, auch wenn wir selbst eines durchführen, natürlich zunächst nicht an die Verkaufsaktivitäten denkt, sondern an die Unterhaltungs- und laufenden Prozessaktivitäten. Das sind aber wir als Unternehmen, als Dienstleister gegenüber unserer Kunden. Das heißt natürlich: Es gibt Margendruck, der ist nicht immer einfach zu beherrschen. Und natürlich gibt es Unternehmen, die in einer veränderten Finanzierungswelt auch den Versuch machen, ihre Lieferanten oder Dienstleister als Bank zu benutzen. Und es ist nicht immer einfach, solchen Drücken zu widerstehen. Also, dort stehen wir vor Anforderungen, die sind auch in unseren Ergebnissen leicht sichtbar. Und die erfordern eine ganze Menge Kräfte, das so zu kompensieren, dass das nicht die wirtschaftliche Leistungskraft unseres Unternehmens tangiert.

Klemens Kindermann: Kommen wir von dem Konjunkturblick mal vielleicht zu der größten Bedrohung für die Konjunktur, die Euro-Krise. Wie gefährlich ist sie eigentlich für die deutschen Unternehmen?

Roland Koch: Nun, die Eurokrise hat mindestens zwei Dimensionen der Gefahr, nämlich zum einen: Würde der Euro zerfallen, wäre das eine sicherlich katastrophale kurz- und mittelfristige ökonomische Entwicklung für ganz Europa, aber ganz bestimmt und ganz besonders natürlich für den Hauptprofiteur des europäischen Marktes, nämlich für Deutschland. Aber auch diese Tatsache, dass jetzt immer noch Unsicherheit besteht, die reicht aus, um uns alle in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu versetzen, weil was wir bei unseren Kunden dann sehen können, ist eine Vorsicht, eine Nervosität über das, was kommen könnte. Und die Folge dieser Vorsicht und Nervosität ist eben, Investitionen, die nicht unbedingt notwendig sind, möglicherweise zu planen, auch uns nach den Preisen dafür zu fragen, aber sie dann doch dann wieder einige Monate zu verschieben – wohlwissend, dass Dauerhaftes gebraucht wird, aber die Zeiten der Unsicherheit noch überbrücken wollen. Wenn das ein paar Monate geht, ist das schwierig, wenn es jetzt doch über viel längere Zeit geht, ist das schon auch eine Veränderung der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft insgesamt. Also Sicherheit oder Vertrauen im Bereich der Währungspolitik wieder zu gewinnen, würde gerade ein Land wie Deutschland, das eben wirtschaftlich so stark dasteht, besonders unterstützen und fördern. Solange das nicht der Fall ist, ist das ein Wachtumshindernis für uns alle.

Klemens Kindermann: Man redet ja auch davon, dass die Euro-Krise eine Vertrauenskrise ist, meint aber eigentlich die Bürger in Europa, dass die unsicher sind über ihre Währung. Ist das dann eigentlich auch eine Vertrauenskrise der Wirtschaft, also sinkt auch das Vertrauen der Wirtschaft in die Währung?

Roland Koch: Die Wirtschaft lebt von den Menschen. Wenn Menschen weniger vertrauen, sind sie vorsichtig mit ihren Investitionen ganz persönlich. Das beginnt beim einzelnen Haushalt. Sind sie vorsichtiger in der Investition eines Unternehmens, sind sie aber auch vorsichtiger im Kreditgewähren für Unternehmen. Das heißt, es gibt keine Trennung, wenn Unsicherheit besteht zwischen den einen und den anderen, sondern das Gift der Unsicherheit empfängt immer eine Volkswirtschaft vollständig. Und sicherlich ist bei allen positiven Elementen, die wir Gott sei Dank haben und bei der sehr erfolgreichen Entwicklung der letzten zwei Jahre, die für viele Motivation war, auch wirtschaftlich zu handeln und zu investieren, was wir in der Wirkung für die Bauindustrie und vielen anderen Fragen ja gesehen haben, leibt nicht die Dynamik, die eigentlich uns auszeichnet. Und die wird erst wieder befreit sein, wenn man nicht glaubt, dass zu allen ökonomischen Risiken der Welt auch noch ein Risiko in der Stabilität der Währung besteht.

Klemens Kindermann: Ein Risiko ist ja Griechenland. Wie schlimm wäre es für die deutsche Wirtschaft, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheidet?

Roland Koch: Sie wissen, dass es darüber auch unter den Kollegen in der Wirtschaft nun heftigst unterschiedliche Auffassungen gibt. Und es mag sein, dass es mit meiner politischen Vergangenheit zusammenhängt, dass ich nicht in der Lage bin, das rein ökonomisch zu sehen. Griechenland ist ökonomisch nie ein überwältigendes Problem, dazu ist das Land zu klein. Sondern Griechenland hat leider Gottes in einer vielfachen Hinsicht eine psychologische Funktion, eine psychologische Funktion im Ärger der Bürger, dass dieses Land uns besonders übel mitgespielt hat im Umgang mit den Bedingungen für den Euro im letzten Jahrzehnt, aber auch heute eben eine psychologische Bedeutung, indem die Verlässlichkeit, dass der Euro stabil bleibt, von vielen außerhalb der europäischen Grenzen, aber vielleicht auch innerhalb, an dem Messpunkt, wird man am Ende Griechenland halten oder wird man Griechenland fallen lassen, gesehen wird. Sodass ich glaube, dass ökonomisch gesehen am Ende ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro erheblich größere Schäden für unsere Ökonomie hätte als das Verbleiben im Euro. Ich weiß aber, dass das auch für Politiker in Deutschland und in anderen Ländern bedeutet, dass sie bereit sein müssen, in dieser Abwägung auch dazu zu kommen, so wenig wie möglich, aber eben doch einen Beitrag zur Sanierung des Landes zu leisten.

Klemens Kindermann: Macht eigentlich die Bundeskanzlerin alles richtig bei der Euro-Krise?

Roland Koch: Ich bin ein wirklich begeisterter Anhänger dessen, was die Bundeskanzlerin dort in den letzten zwei Jahren geleistet hat. Man muss sich ja doch immer vorstellen auch bis ins Persönliche – und vielleicht ist es ja auch mein Vorteil, dass ich ein bisschen nachvollziehen kann, wie es im Kopf und Herzen von Menschen in der Politik zugeht –, eine Rolle einnehmen zu müssen im deutschen Interesse, die bedeutet, dass man zwangsläufig zum unbeliebtesten Politiker Europas – außerhalb der deutschen Grenzen – wird, weil man von den anderen Ländern in Verantwortung für Deutschland Dinge verlangen muss, die die als erheblich, als beeinträchtigend, als belastend empfinden. Und gleichzeitig das Vertrauen der deutschen Bevölkerung erhalten muss, dass es am Ende richtig ist, in dieses Europa, das man selbst so bedrängt als Kanzlerin, die notwendigen Finanzmittel mit einzugeben. Und wenn Sie sehen, dass Deutschland einer der ganz wenigen Plätze in Europa ist, in dem wir keine antieuropäische Bewegung haben, worauf ich sehr stolz bin als deutscher Staatsbürger, aber dann ist das eine wirklich außerordentliche staatspolitische Kunst, die der Bundeskanzlerin dabei gelungen ist bis heute.

Klemens Kindermann: Muss aber eigentlich nicht an irgendeinem Punkt der Finanzminister zumindest den Deutschen nicht mal reinen Wein einschenken und sagen, die Eurokrise, die kostet auch die Deutschen wirklich Geld?

Roland Koch: Es hat ja nie jemand einen Zweifel darüber gelassen, auch in der Bundesregierung und in den Beschlüssen des Deutschen Bundestages, dass es Haftung, Risiko und Unterstützung zum Wachstumsstart in Griechenland und auch in anderen Ländern Europas geben wird. Der sogenannte ESM, also der Europäische Stabilisierungsfonds, ist mit deutschem Geld gespeist und es ist eine Investition unseres Landes. Die Erwartung, die dort gelegentlich geäußert wird, er soll mal sagen, wie viel, die ist allerdings sehr unsinnig. Weil entweder ist der Betrag so hoch, dass er Sicherheit schafft, dann könnte er sehr viel Verschwendung beinhalten und würde in anderen Ländern große Entspannung auslösen. Oder er bleibt im Unsicheren, um den Druck aufrecht zu erhalten, dass wir auf keinen Fall mehr Geld aus den deutschen Kassen investieren als wirklich unbedingt, unbedingt zur Erhaltung des Ziels der Europäischen Einheit notwendig ist. Und deshalb empfinde ich manche Kritik, die ich da höre, als unfair. Und das ist eben unser Spannungsfeld. Wir müssen die geizigen, knauserigen Deutschen sein, die aber am Ende sicherstellen, dass es Europa weiter gibt. Und diese Rolle, die wird nicht mit allgemeiner Zustimmung versehen sein, die kann am Ende nur mit allgemeinem Respekt versehen sein. Und ich glaube, diesen Respekt hat sich die Regierung in dieser Zeit doch erworben, weit über die klassischen Grenzen von parteipolitischen Wählerschichten hinweg und übrigens auch in vielen Bereichen Europas, die gar nicht so begeistert über das sein können. Aber Respekt haben sie trotzdem.

Klemens Kindermann: Parallel agiert ja sehr stark die Europäische Zentralbank, flutet die Märkte. Die Menschen haben Angst vor Inflation. Wie beurteilen Sie denn die Politik der EZB?

Roland Koch: Ich glaube, die Deutschen und die Europäer können schon seit dem Jahr 2008, als die Europäische Zentralbank gemeinsam mit der Amerikanischen Notenbank die Krise beherrscht hat und es ja ganz eindrucksvoll war, dass alle wichtigen Entscheidungen immer zeitsynchron von den Führungen dieser beiden Zentralbanken in der Welt gegeben worden sind, mit dem, was die Zentralbank leistet, sehr zufrieden sein. Sie ist in einer schwierigen Situation, weil die europäische Politik, also die europäische Staatengemeinschaft, nicht vergleichbar handlungsfähig ist, wie das ein amerikanischer Präsident und seine Regierung sein kann. Und auch die Zentralbank nicht die gleichen Rechte und Möglichkeiten hat wie das eine Britische Notenbank oder wie das eine Amerikanische Notenbank hat, die halt nur für eine Nation zuständig ist. Unter diesen schwierigen Bedingungen geht aus meiner Sicht die Europäische Zentralbank einen vertretbaren Weg, einen Weg übrigens, der, wenn sie Staatsanleihen aufkauft, dazu führt, dass sie dieses Geld an anderer Stelle dem Markt wieder entzieht, was eine Britische Zentralbank nicht tut, was eine Amerikanische Zentralbank nicht tut. Deshalb, wir Europäer sind immer noch auf einer besonders aktiven Seite im Vermeiden der Risiken einer Inflation.

Klemens Kindermann: Müssen wir uns Sorgen um Inflation machen?

Roland Koch: Also, erstens muss man sich Sorgen um Inflation immer machen, weil die kann durch Nachlässigkeit jeden Tag entstehen. Müssen wir sie uns in der konkreten Situation machen? Wir hätten ein geringeres Risiko, wenn wir alle diese Maßnahmen im Augenblick nicht durchführen würden. Das ist einfach ökonomisch zwingend. Ich glaube aber, dass – was die Erfahrung mit Inflation etwa angeht, die wir in den 80er-Jahren hatten oder in den späten 70er-Jahren – es keine Gefahr gibt, dass wir auch nur in vergleichbare Dimensionen dieser Art zurückkehren. Aber heute sicher zu sagen, ob wir bei zwei Prozent bleiben oder ob es für eine gewisse Zeit drei oder vier Prozent und in welchem Teil Europas werden können, das ist sehr viel schwieriger geworden und für die Sparer und die Menschen, die auf ihre Renten achten müssen angesichts der geringen Zinsen, die es für eine längere Zeit gibt, natürlich besonders belastend. Also, das ist ein Opfer, das ist ein Risiko, das man auch nicht leugnen kann. Wir sind in einer schweren Krise und nicht in gemütlichen Zeiten.

Klemens Kindermann: Sie hören das Interview der Woche mit dem Vorstandsvorsitzenden des Bilfinger-Konzerns Roland Koch. Herr Koch, kommen wir noch einmal zu Ihrem Unternehmen. Ein neuer Markenauftritt, gute Geschäftszahlen letzte Woche – eigentlich könnten Sie ja zufrieden sein. Aber jetzt gibt es Korruptionsvorwürfe gegen Bilfinger. Müssen Sie da wieder ran als "brutalst möglicher Aufklärer"?

Roland Koch: Unabhängig von allen Attributen ist das eine selbstverständliche Aufgabe eines Konzernchefs, dafür zu sorgen, dass das Unternehmen, wo immer es auf der Welt auftritt, nach den Regeln des Gesetzes arbeitet. Das wird nie zu hundert Prozent gelingen, auch das gehört einfach dazu, wenn man mit Menschen arbeitet. Umso mehr ist es notwendig, dass, wenn Einzelfälle bekannt werden – das passiert in Unternehmen, auch in unserem Unternehmen immer mal wieder –, dass sie innen konsequent aus eigener Kraft aufgearbeitet werden und Konsequenzen gezogen werden. Ich denke, das tun wir.

Klemens Kindermann: Es geht um eine Autobahn in Ungarn und um Geschäfte in Nigeria. Das liegt alles schon eine ganze Weile zurück. Warum wird das erst jetzt aufgearbeitet?

Roland Koch: Na ja, zunächst einmal, also in der Tat, die Diskussion oder die Vorfälle, um die es da geht, bei denen ermittelt wird, liegen teilweise zehn Jahre, was Nigeria angeht, oder fünf bis sechs Jahre zurück...

Klemens Kindermann: Also vor Ihrer Zeit?

Roland Koch: ...weit vor der Zeit, in der ich mich mit dem Unternehmen beschäftigen konnte. Die Zeit der Aufarbeitung – bei Nigeria wird das seit Jahren aufgearbeitet. Da sind eben zum Beispiel amerikanische Behörden mit beteiligt. Und die tun ihre Pflicht, aber das dauert eben. In den Fällen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben, hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen erst vier Jahre nach einer Anzeige, die von außen kam, aufgenommen. Und so erst können wir jetzt auch uns damit in dieser Frage genau beschäftigen. Das ändert nichts an der Qualität und der Sorgfalt, mit der wir das aufarbeiten. Und es ändert nichts daran, dass wir, gerade nachdem ich in das Amt gekommen bin, auch uns mit diesen Fragen noch einmal beschäftigt haben und am 1. November weltweit neue Richtlinien der Verantwortlichkeit, der Compliance, für unsere Mitarbeiter eingeführt haben. Alle 70.000 Mitarbeiter weltweit geschult werden und – ich denke – wir deshalb eine Vorsorge für die Zukunft haben, die bestmöglich ist. Und trotzdem werde ich nie behaupten, so etwas kommt in einem großen Unternehmen nicht wieder vor. Eines muss klar sein: Wenn ich davon erfahre, werden die Beteiligten die Konsequenzen zu tragen haben.

Klemens Kindermann: CDU-Spendenaffäre, jetzt Schmiergeld im Unternehmen – wie unterscheidet sich denn die Aufklärungsarbeit in Politik und in Wirtschaft?

Roland Koch: Na ja, sie hat in der Wirtschaft den Vorteil, dass sie sehr viel rationaler ist. Es ist ja nicht, wie etwa das in 1999 oder 2000 war, in denen ich ins Amt gekommen bin, indem mein Amtsvorgänger möglicherweise oder - wie wir heute durch Gerichtsentscheidung wissen - Fehler gemacht hat, dass es dann die Absicht der Politik ist, sich nicht mit dem Vorgänger zu beschäftigen, sondern das möglichst mit mir zu verbinden. Solche Diskussionen gibt es natürlich in der Wirtschaft nicht. Die Sachaufklärung, die Nüchternheit und die Konsequenz, die dabei gefordert wird, ist bei dem einen so stark wie bei dem anderen.

Klemens Kindermann: Bleiben wir noch an der Nahtstelle von Politik und Wirtschaft. Neben der Eurokrise wird vor allem das große Feld der Energiewende beackert. Was sehen wir denn da gerade aus Ihrer Sicht? Einen durchdachten Businessplan?

Roland Koch: Ich glaube, man muss auch an der Stelle der Politik gegenüber fair bleiben. Die Entscheidung, unmittelbar nach Fukushima schneller den Versuch einer Energiewende zu machen als ursprünglich geplant, war natürlich eine, die sehr spontan war, die aus Respekt vor der Bevölkerung und der Mehrheitsmeinung in Deutschland passiert ist, aber die selbstverständlich nicht vollständig durchdacht war. Und das bedeutet, wir befinden uns immer noch in einer Phase der Nacharbeit, die auch bedeutet, dass man der Bevölkerung nahe bringen muss, dass eine solche abrupte Veränderung nicht zum Nulltarif zu haben ist, nicht zum Nulltarif in der Versorgungssicherheit, was wir auch in diesem Winter wieder als Risiko verspüren, aber schon gar nicht zum Nulltarif unter dem Gesichtspunkt der finanziellen Konsequenzen. Und insbesondere der finanziellen Konsequenzen für die privaten Haushalte. Denn wenn wir die Industrie die finanziellen Konsequenzen spüren lassen, dann wird die Industrie in bestimmten Teilen in Deutschland nicht mehr produzieren können. Und das hätte die schlimmste aller Folgen für die privaten Haushalte, nämlich die Arbeitslosigkeit der Menschen. Und insofern sind wir dort in einer, auch für die Bevölkerung, noch sehr schwierigen Situation, in der die Politik Entscheidungen treffen muss, wie man den Kostenanstieg einigermaßen begrenzt und trotzdem zu den Zielen der Energiewende steht. Das halte ich für möglich, aber es ist noch nicht erfüllt.

Klemens Kindermann: Auch Ihr Unternehmen ist ja auf wettbewerbsfähige Strompreise angewiesen. Wie groß ist denn das Vertrauen der produzierenden Industrie, die auch zu bekommen?

Roland Koch: Wir leben von Industrien, die sehr viel mit Energie zu tun haben. Und insofern sind wir natürlich an dieser Diskussion beteiligt. Und das Vertrauen ist im Augenblick nicht sonderlich hoch, weil zu dem jetzigen Zeitpunkt es noch keine Logik gibt. Wir investieren in Fotovoltaikanlagen in einer Größenordnung, in der sehr wenig Gründe dafür sprechen, dass man das noch für wirtschaftlich halten kann. Wir haben eine Technologie, die wir dort fördern, die nach meiner festen Überzeugung in zehn Jahren sehr veraltet sein wird, aber die noch 20 Jahre subventioniert wird. Wir haben im Augenblick eine Regelung, dass in Notständen Uraltkraftwerke wieder aktiviert werden anstatt eine Finanzierungsregelung zu schaffen, noch einige wenige neue Kraftwerke zu bauen, um sicher zu sein, dass wir nicht in schwierigen klimatischen Verhältnissen zum Blackout kommen. Diese Fragen müssen entschieden werden. Dann kann auch eine berechenbare, mathematische Grundlage für Unternehmen sein, zu glauben, wie der Energiepreis in Zukunft ist. Und es erfordert die klare, verlässliche Zusage der Regierung, die Industrie zu privilegieren. Denn wenn die Industrie die allgemeinen Strompreise bezahlen muss, dann haben wir gegen Wettbewerbsländer weder in den Vereinigten Staaten von Amerika noch in Asien irgendeine Chance.

Klemens Kindermann: Im Juni letzten Jahres haben Sie den Chefposten beim Bilfinger-Konzern übernommen. Nach so langen Jahren in der Politik sind Sie in der Wirtschaft angekommen – attestiert man Ihnen jedenfalls. Können Sie sich denn vorstellen, irgendwann wieder in die Politik zurückzukehren?

Roland Koch: Nein. Ich habe mir die Entscheidung, aus der Politik herauszugehen, ja nun sehr gut überlegen können. Ich habe es auch nicht getan aus irgendeiner Verärgerung oder Frustration über Politik, sondern es ist eine Zeit, die mir wirklich große Freude gemacht hat, die mich sehr gefordert hat. Aber wenn man mit dieser Gelassenheit eine Chance hatte, auch sich aus dem Leben der Politik in eine andere Welt zu verabschieden, die genau so herausfordernd ist, die mich sehr erfüllt, wo ich die große Chance habe, ein Unternehmen mit sehr, sehr ausgewählten Potenzialen in der ganzen Welt zu haben, dann ist diese Entscheidung klar. Und die muss man auch innerlich einmal geklärt haben. Wenn man da ständig hin und her wankt, irritiert das alle Umwelt und einen selbst. Deshalb – sie ist geklärt. Ich habe eine schöne Zeit in der Politik gehabt, aber sie ist vorbei.

Klemens Kindermann: Damals, als bekannt wurde, dass Sie zu Bilfinger ins operative Geschäft gehen, also nicht als Berater oder so, sondern wirklich ins operative Geschäft, da stürzte die Aktie von damals noch Bilfinger & Berger um fünf Prozent ab. Wenn Sie Bilfinger jetzt verlassen würden, würde die Aktie dann wieder abstürzen?

Roland Koch: Ach, man muss die Rationalitäten von Börsen jetzt nicht übertreiben, weder an dem Tag, an dem ich gewählt worden bin noch heute. Aber fest steht, dass im Vergleich zu diesem Zeitpunkt, an dem ich die Verantwortung übernommen habe, die Aktie heute gut ein Viertel besser steht als damals und das eine Entwicklung ist, die etwas besser ist als die der vergleichbaren Indizes. Jedenfalls scheint es so zu sein, dass die Märkte – wie das so abstrakt immer heißt – mit der Performance von Bilfinger heute zufrieden sind. Und das ist ja dann nicht gegen meinen ganz erbitterten Widerstand geschehen.

Klemens Kindermann: Herr Koch, ich bedanke mich für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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