• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteInterviewRolf Verleger: Internationale Politik sollte Israel Grenzen zeigen29.12.2008

Rolf Verleger: Internationale Politik sollte Israel Grenzen zeigen

Ex-Vorsitzender der jüdischen Gemeinschaft Schleswig Holstein fordert israelisches Einlenken

Rolf Verleger, heute Professor für Neurophysiologie an der Universität Lübeck, kritisiert die Haltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gaza-Konflikt. Die Verantwortung allein der Hamas zuzuschieben sei aufgrund der komplexen Vorgeschichte zu einfach.

Rolf Verleger im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Rolf Verleger: Da macht es sich unsere Bundeskanzlerin zu einfach. Die Vorgeschichte ist komplex, ich würde sie gern anhand von vier Fragen verdeutlichen. Erste Frage wäre: Die Tatsache, dass keiner meiner Großeltern das Dritte Reich überlebt hat, gab das 1947/48 den jüdischen Freischärlern und der israelischen Armee das Recht, hunderttausende Araber aus Israel zu vertreiben? Eine zweite Frage: Die Arisierung des Berliner Grundstücks meines Urgroßvaters unter Hitler, gab sie dem Staat Israel das Recht, Anfang der 50er-Jahre den Boden und Besitz der arabischen Vertriebenen zu konfiszieren? Drittens: Die Ermordung meiner Onkel und Tanten durch die SS, gibt sie dem Staat Israel das Recht, seit 40 Jahren die Diktatur eines Besatzungsregimes auszuüben? Oder: Die Erschießung meiner Großmutter Hannah dafür, dass sie in Berlin ohne gelben Stern zum Frisör ging, gibt sie dem Staat Israel aktuell das Recht, die Bevölkerung Gazas auszuhungern und zu bombardieren? Allgemein: Gibt die Tatsache, dass wir europäischen Juden Opfer eines großen Unrechts wurden, dem jüdischen Staat vor Gott und den Menschen das Recht, nun anderen Unrecht zu tun? Das ist doch die Frage. Und da macht es sich Frau Merkel ein bisschen einfach, wenn sie sagt, Israel hat immer Recht.

Tobias Armbrüster: Nun sagt die israelische Seite: Wir haben eigentlich überhaupt kein Interesse an Krieg, wir würden gerne in Frieden mit allen unseren Nachbarn leben, auch mit den Palästinensern, und die Hamas sagt genau das nicht. Dort heißt es nach wie vor: Wir akzeptieren den Staat Israel nicht. Kann man vor diesem Hintergrund nicht die israelische Reaktion und die gegenwärtige Militäroffensive gegen die Hamas verstehen?

Verleger: Der Friedensplan für Nahost liegt längst auf dem Tisch. Die besteht in der Zwei-Staaten-Lösung auf den Grenzen von 1967, in einer einvernehmlichen Regelung des Problems der palästinensischen Flüchtlinge, in einer einvernehmlichen Regelung über Jerusalem. Das ist alles längst klar. Das haben die arabischen Staaten Israel 2002 vorgeschlagen und noch mal bekräftigt. Israel ist damit nicht einverstanden, weil Israel sich nicht entscheiden kann, was es will, ob es nämlich das besetzte Land nicht lieber behalten will im Westjordanland. Da geht eine fortwährende Besetzung und Landnahme vor sich. Und solange Israel nicht sagt, ja, wir wollen lieber Frieden, wir geben das Besatzungsregime auf, so lange wird es keinen Frieden geben. Und solange Gaza blockiert wird – mein Gott, das wird hier so runtergespielt! Die Blockade Gazas ist das Gleiche wie die Blockade Sarajewos in den 90er-Jahren durch die jugoslawische Armee. Da kam auch keiner durch, da wurde auch niemand reingelassen. Das geht in Gaza seit über zwei Jahren, und die führenden Leute, die das damals gemacht haben, sind in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilt worden.

Armbrüster: Jetzt höre ich da deutliche Kritik von Ihnen an der israelischen Regierung heraus, im Zentralrat der Juden hat man da eine etwas andere Meinung. Dort wird vor allem der Terror der Hamas betont. Was würden Sie sagen: Verfolgen Ihre Kollegen im Zentralrat da den falschen Kurs?

Verleger: Meine Kollegen im Zentralrat sagen das, was die überwiegende Mehrheit der Juden in Deutschland so denkt, und das ist dann auch natürlich die Verpflichtung der Repräsentanz, das auch so wiederzugeben. Ich denke, dass das kurzsichtig und verkehrt ist und das, was da passiert im Namen des Judentums, ist in dieser Zeit und in der Zukunft ein solches Problem für das Judentum. Das Judentum hieß mal "die Religion der tätigen Nächstenliebe", ja? Das glaubt mir doch kein Mensch mehr, wenn ich das heute sage. Heute ist das Judentum eine Religion, die Landnahme und die Unterdrückung der Araber rechtfertigt. Das kann doch nicht wahr sein! Das muss doch der Zentralrat der Juden in Deutschland als Problem sehen, dass man dagegen halten muss.

Armbrüster: Aber viele Juden sehen den Staat Israel ja nach wie vor auch als möglichen Rückzugsort, wenn es mal wieder zu einer Katastrophe kommt. Ist es da nicht völlig verständlich, wenn Juden sagen, wir unterstützen diesen Staat auch mit seiner teilweise sehr umstrittenen Politik?

Verleger: Ja, es ist irgendwo verständlich, aber die Geschichte geht weiter, ja? Wir sind nicht mehr die Opfer, vor 60 Jahren in Israel, und ich meine, die wenigsten Ihrer Hörer sind Juden. Ich finde, man sollte auch über die Seelenlage der deutschen Nichtjuden ein wenig reden. Ich denke ... Ich meine, man kann ja verstehen, wenn man als deutscher Politiker auch heute noch sagt, nein, den jüdischen Staat, den kritisiere ich nicht öffentlich. Das ist uns als Deutsche irgendwie nicht gegeben. Aber dann kann man doch wenigstens ruhig sein! Glaubt man denn, es hilft irgendwie der Zukunft des jüdischen Staates, dass jetzt Israel haltlos und bildungslos alles machen darf, was ihm so gerade einfällt? Ich denke, es würde Israel wirklich gut tun, wenn die internationale Politik Israel seine Grenzen zeigen würde und sagen würde, Leute, gebt endlich diese Besetzung auf. Wenn ihr nach Europa kommen wollt, dann geht das nicht, dass da weiter nicht mal die Grenzen des Staates Israel bis heute definiert sind. Und ich habe so ein bisschen manchmal das Gefühl bei unseren Politikern, man sieht es ganz gern, dass die anderen und die Juden so auch nicht besser sind. Das zeigt uns doch, dass ... Das trägt zur Entlastung Deutschlands bei, wenn denn die Juden auch solche Sachen machen, und so hat man so ein gewisses Behagen, dass Israel so auf die schiefe Bahn rutscht. Verantwortungsvoll ist das nicht. Verantwortungsvoll wäre, Israel zu sagen: So muss man international miteinander umgehen und an die Spielregeln hat sich jeder zu halten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk