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StartseiteBüchermarktRom oder Tod. Der Kampf um die italienische Hauptstadt11.08.2002

Rom oder Tod. Der Kampf um die italienische Hauptstadt

Siedler Verlag, 351 S., EUR 24,-

Wie ein Dieb in der Nacht kam der König in seine Hauptstadt. Wochenlang hatte man auf ihn gewartet, sich seinen Einzug ausgemalt. Am vorletzten Tag des Jahres ging wieder einmal das Gerücht um, jetzt komme er wirklich. Und tatsächlich fuhr am frühen Morgen des Silvestertages, um 3 Uhr 40, vierzig Minuten nach Plan, der Sonderzug aus Florenz auf dem römischen Bahnhof, der Stazione Termini, ein. Der heilige Silvester war jener Papst, dem Konstantin, der erste christliche Kaiser, die Stadt Rom und sein halbes Reich geschenkt hatte. Auf dieser urkundlich belegten Legende, einer frommen Lüge des Mittelalters, beruhte die weltliche Herrschaft der Nachfolger Petri, der Kirchenstaat. Diesen Staat hatte der Mann zerstört, der dem Zug entstieg, Viktor Emanuel II., seinem offiziellen Titel nach "durch göttliche Vorsehung und das Votum der Nation König von Italien". Drei Monate vorher, am 20. September 1870, waren seine Truppen in Rom einmarschiert, nachdem sie bei der Porta Pia im Nordosten, nicht weit vom Bahnhof, eine Bresche in die Stadtmauer geschlagen hatten.

Patrick Bahners

Der König trug nicht die Uniform des Eroberers, als er sich zur Inspektion seiner Beute einfand, sondern das Zivilkleid des Staatsdieners, bestieg keine Prunkkarosse, um sich auf sein neues Schloss, zum Quirinalspalast, tragen zu lassen, sondern einen schlichten Landauer. "Bevor er sich zur Ruhe legte, zeigte er sich in dem winzigen Fenster eines Seitentrakts, wo sein Kopf über der bürgerlichen Krawatte in einem kleinen Rahmen wie bei einem Brustbild erschien." Mit dieser prosaischen Miniatur, einem Passfoto des Staatsoberhaupts, beschließt Gustav Seibt das erste der vier Kapitel seines Buches über die römische Frage.

Großartig, malerisch, poetisch hebt das Buch an: mit der erhabenen Stimmung des 20. September, jenes herbeigesehnten oder herbeigeschriebenen Tages der Befreiung der Römer von der Tyrannei der Prälaten, der Erlösung Italiens aus der Kopflosigkeit. Der Tag war aufgeladen mit Spannung: dass er ein historischer sein würde, war den Zeugen des Durchbruchs bei der Porta Pia schon vorher gewiss. Das Zeitgefühl dieser Zeitgenossen prägte also ein lebendiger Widerspruch: Sie erwarteten Geschichte die sich doch immer erst im Nachhinein konstituiert, in der verklärenden Rückschau des gealterten Mitlebenden, in der ernüchterten Synthese des kritischen Historikers. Die Handelnden auf beiden Seiten sahen sich als Akteure eines welthistorischen Dramas - obwohl die Schlacht um Rom weltpolitisch gesehen doch nur ein Nebenkriegsschauplatz war, ein Provinztheater, auf dem die Tragödie des deutsch-französischen Völkerkrieges als Kabinettsfarce rekapituliert wurde.

Dass in der Selbstüberredung, man spiele eine historische Hauptrolle, ein Funken Wahrheit steckte, ist die Lektion, die Seibt unserem auf- oder jedenfalls abgeklärten Weltalter erteilen will. Ihm ist das Meisterstück einer Vergegenwärtigung geglückt, die die Mittel der Veranschaulichung, die Porträts, Veduten und Genrebilder, zum Zweck der Verdeutlichung gebraucht, der Freilegung der geistigen Gegensätze am Grund der Begebenheiten. Uns Kinder einer postnationalen, unkatholischen Epoche läßt Seibt nachempfinden, dass die Streitpunkte der liberalen Nationalisten und der klerikalen Universalisten Interessen der Menschheit berührten, die Freiheit im Staat, zum Staat und vom Staat. Kontakte mit der Fachwelt habe er keine gehabt, notiert der Autor im Nachwort mit dem Stolz des Privatgelehrten, der sich wie seine Gewährsleute, Lord Acton und Ferdinand Gregorovius, an das gebildete Publikum wendet.

In vornehmer Manier führt er den Streit mit der Fachwelt implizit. Die alte Staatengeschichte unterschätzt die Energie der Ideologien, weil sie auf dem Standpunkt der anti-ideologischen Ideologie aus dem Zeitalter der italienischen Einigung steht, auf dem Boden der Tatsachen, der Realpolitik. Und auch die moderne Kulturgeschichte kleidet die Ideologiekritik nur in schickeres Tuch, wenn sie allerorten falsches Bewußtsein in Form von Erfindungen und Konstruktionen entdeckt. Gegen die Phantasielosigkeit als Methode, die entweder bloß das nackte Faktum oder allein die diskursive Hülle gelten lässt, verteidigt Seibt die Wirkungsmacht von Bildungswelt und Einbildungskraft. Wie bei Edward Gibbon, dem Historiker des Untergangs eines Reiches, den nur die Stadt überlebt, die dem Reich den Namen gab, so beschreibt bei Seibt die Stadt Rom die buchstäbliche, körperliche, materielle Grenze des Pyrrhonismus, des Zweifels an der Erkennbarkeit der Vergangenheit, der nur noch kurios erscheint, wo soviel Geschichte vor Augen liegt. Wenn hier eine Tradition in den Staub sinkt, wird immer zugleich eine Erinnerung ausgegraben. Sogar die Eroberung der Stadt konnte sich in würdigen Formen vollziehen. In Zivil kam Viktor Emanuel? Komisch für einen König.

Aber die Römer wussten durchaus, dass gekrönte Häupter besonders leutselig sind. Der Papst trug nicht immer die Tiara, wenn seine Untertanen ihn zu Gesicht bekamen. Auch die Wohltätigkeit, die nicht viel Aufhebens von sich macht, gehörte zum Stil des Dieners der Diener Gottes. Eigentlich hatte der König erst im neuen Jahr seinen Antrittsbesuch beim Hauptstadtvolk machen wollen. Gerade erst hatte das Parlament das Gesetz über den Anschluß des Kirchenstaates verabschiedet. Da öffneten sich zu Weihnachten die Himmel, der Tiber wälzte sich durch die Straßen und ließ eine Schlammwüste zurück. Als Zornesausbruch Gottes deuteten Fromme das Unwetter, ohne dass sie bereit gewesen wären, aus einem Rückgang des Regens zu schließen, der Allmächtige habe sich besänftigen lassen. Weniger missverständlich die Symbolsprache des Königs: Er eilte herbei, um sich nützlich zu machen als Tröster und Nothelfer, wie einst der Herr der Stadt bei Gott Fürsprache gehalten hatte für seine Schäfchen. Als Bürgerkönig betrat Viktor Emanuel die Kapitale, "in einer so perfekten Inszenierung, wie nur eine günstige, klug ergriffene Gelegenheit sie ermöglicht".

Selbst die vorsichtigste Diplomatie kann nicht in allem Regie führen; die Zeit, die Verkettung des Unabsehbaren, läßt sich nicht inszenieren. Solche Maximen läßt Seibt wie die klassischen Historiker nebenbei fallen, wie Machiavelli, der als Theoretiker der Gelegenheit der neuzeitlichen, diesseitigen Politik beliebig kombinierbarer Optionen den Weg bereitete. Der Kirchenvater der Säkularisierung war der Schutzpatron des Risorgimento, hatte er doch in seinem Buch vom Fürsten aus dem Willen zur Befreiung Italiens von der Fremdherrschaft jene Maßregeln listiger Gewalt gerechtfertigt, die zu befolgen sich nun Graf Cavour genötigt sah, der erste Minister von Piemont, den Seibt noch über Bismarck stellt, an die erste Stelle der Staatsmänner des Jahrhunderts. Seibt zitiert Francesco de Sanctis, den späteren Unterrichtsminister, der am 20. September 1870 in Neapel am zweiten Band seiner Geschichte der italienischen Literatur arbeitete, am Machiavelli-Kapitel. Und in diesem Kapitel heißt es plötzlich: "In diesem Moment, da ich das hier schreibe, läuten weithin die Glocken und verkünden den Eintritt der Italiener in Rom. Die weltliche Herrschaft [des Papstes] stürzt zusammen. Gepriesen sei Machiavelli."

So markiert der Eintritt der Italiener in Rom zugleich den Eintritt der Geschichte in die Historie, und die Verweltlichung der Politik wird beglaubigt durch eine mirakulöse Koinzidenz. Vom Wunder der Gleichzeitigkeit am 20. September zur Normalität der Verspätung am 30. Dezember, vom Festtag des Sieges zum Alltag der Sozialpolitik: Eine kurze Geschichte der Säkularisierung des italienischen Nationalgedankens erzählt Seibts erstes Kapitel. Wieso das Buch länger werden musste, verrät sein Titel. "Rom oder Tod": Das war der Schwur, den Garibaldi die Freiwilligen leisten ließ, die mit ihm jene Entscheidung in der Schlacht suchten, der die Regierung in Turin, der Zeit trauend, das Volk fürchtend, lange ausweichen wollte. Die Hauptstadtfrage als Alternative von Leben und Tod, von ewiger Herrlichkeit und geschichtlichem Untergang: Ein Staat, der unter diesem manichäischen Motto gegründet wird, kann sich nicht leicht einrichten in der bürgerlichen Welt der Mittelwege und des Mittelmaßes.

Als Viktor Emanuel II. 1878 starb, schickte die Stadt Brüssel, die Hauptstadt des katholischen und liberalen Belgien, ein Beileidsschreiben, in dem das Werk des Verstorbenen vor den denkbar weitesten Horizont gerückt wurde: "1789 hat in Europa die bürgerliche Gesellschaft säkularisiert. Das Königreich Italien säkularisiert die politische Gesellschaft." Die Französische Revolution hatte von der sozialen Unterordnung den Schein der Heiligkeit genommen, die Einigung Italiens bewies nun, dass auch der Staat Menschenwerk war. Den weltfrommen Merksätzen der Belgier erwidert Seibt mit einem eigenen Aphorismus: "Was sich freilich nicht säkularisieren ließ, war das Sterben." Als der König sich nämlich bereit machen mußte, aus der Welt zu scheiden, da war ihm gar nicht mehr wohl bei dem Gedanken, dass er ihr Gesetz zu seiner Sache gemacht hatte. Ihn quälte die Angst, sich am Papst versündigt zu haben. Einen solchen Bürgerkönig, der wie ein Kapitalist bei Dickens oder Balzac vom schlechten Gewissen erst heimgesucht wurde, nachdem er seine Geschäftstätigkeit schon beendet hatte, wollte die Regierung dem trauernden Volk natürlich nicht präsentieren. Wie ein Held sei der erste König von Italien gestorben, berichtete der Staatsanzeiger. Und als wäre er bei seinem Silvesterbesuch nur incognito in der Stadt gewesen, war Viktor Emanuel doch noch wie ein Held die festlich geschmückten Straßen Roms hinabgezogen, am 1. Juli 1871, dem im Umzugsgesetz bestimmten Tag der Verlegung des Regierungssitzes. Die Päpste, deren geistliche Rechte zu respektieren er gelobt hatte, imitierte er: Sie hatten nach ihrer Wahl mit einem ähnlichen Umritt von ihrem weltlichen Herrschaftsbereich Besitz ergriffen.

Einen Triumphzug nach dem Vorbild der altrömischen Imperatoren, die im befriedeten Raum der Stadt ihre Waffen zeigen durften, hatten patriotische Schwärmer sofort nach dem 20. September gefordert. Denn was für den Tod gilt, gilt nicht minder für den Namen, der im Eid der Garibaldiner als Gegenteil des Todes beschworen wird: Auch Rom ließ sich nicht säkularisieren. Wie hätte sich, was die Ewige Stadt verhieß und verlangte, mit der Zeit erledigen sollen? Im Ruf nach dem Triumphator, notiert Seibt, "zeigte sich zum ersten Mal jene symbolische Überforderung, mit der Rom den jungen Nationalstaat fortan belastete". So beteuerte auch der Vater des gleichaltrigen deutschen Nationalstaats vergeblich, sein Kind sei saturiert. Der Name des Reiches verführte Bismarcks Nachfolger dazu, ihr Heil im Unendlichen zu suchen, jenseits der Grenzen einer Staatstätigkeit, die nach innen das Recht sichert und nach außen den Frieden. Auch die Wege der deutschen Hybris führen nach Rom: Der römisch-deutsche Kaiser betrachtete sich als den Nachfolger des Augustus. Bis 1806, als Franz II. die Reichskrone niederlegte, war der Papst also nicht allein mit dem Anspruch einer seit Christi Erdentagen unversehrten Herrschaftskontinuität.

Die verschlungenen Schicksale von Italien und Deutschland, den beiden verspäteten Nationen, bieten den Stoff einer Parallelbiographie: Das stand schon den Historikern vor Augen, die sich wie Heinrich von Treitschke als Publizisten der Nationalerziehung widmeten. Belehrend den Deutschen die Zeit zu vertreiben, die zwischen dem Hauptstadtbeschluß des Deutschen Bundestages vom 20. Juni 1991 und der Vollendung des Umzugs vergehen würde, war die Absicht, mit der Seibt das Studium der Quellen aufnahm. Doch hinter dem Präzedenzfall traten Prinzipien hervor, in deren Licht sich der deutsche Streit zwischen Preußentum und Rheinbund provinziell ausnimmt. Im fertigen Buch sind vom ursprünglichen Plan Anspielungen von eleganter Beiläufigkeit geblieben, die den Geschichtsschreiber als Zeitgenossen ausweisen. Dass etwa der "Umfang der öffentlichen Wohlfahrt" unter dem Krummstab eine "lässige Arbeitsmoral" begünstigte, läßt an Honeckers Staat denken: "Handwerker und Arbeiter überließen sich, so berichten die Augenzeugen, gern jeder Ablenkung und pausierten häufig". Als Insel außerhalb der Zeit konnte das letzte Fleckchen des europäischen Ancien Régime Besuchern im Jahre 1870 erscheinen wie hundertzwanzig Jahre später die Staat gewordene deutsche Geschichtsphilosophie.

In Berlin hat Seibt sein Buch niedergeschrieben, doch sollte je der Glockenklang eines 3. Oktober zu seinem Schreibtisch hinübergeweht sein, dann hat er ihm kein "Gepriesen sei Hegel!" entlockt, kein Dankgebet für den Einklang von Geschichte und Gegenwart. Der Hegel unserer Epoche, Francis Fukuyama, erscheint am Horizont als Witzfigur: Vor den ersten Wahlen im vereinten Italien sei, "wie immer, wenn ein lange ersehntes politisches Ziel endlich erreicht ist, viel die Rede" gewesen "vom Ende der Geschichte". Die Offenheit eines Geschehens, das immer wieder auf den Anfang zurückkommt, auf die Erinnerung an den Ruhm, der Rom war, diese Offenheit der schlechthin überdeterminierten, der mit größten Erwartungen überfrachteten Geschichte bringt schon die Form des Buches zum Ausdruck.

Vor Jahren hat Seibt einen Rezensionsessay über den "Sonntag von Bouvines" geschrieben, Georges Dubys Buch über den Sieg der Franzosen über die Engländer am 27. Juli 1214. Dubys Band ist Teil einer Reihe mit dem Titel "Dreißig Tage, die Frankreich gemacht haben". Er zeigt, wieviele Zeiten zusammenspielen, um ein Datum hervorzubringen, das für Jahrhunderte im Gedächtnis bleibt: Die ruhigen Rhythmen der Landwirtschaft und der Liturgie werden vom Schlachtenglück gestört; langfristiger sozialer Wandel kommt durch die politische Konjunktur ans Licht; im Rückblick verdichtet sich zum Werk eines Tages, woran die ganze Vorgeschichte gearbeitet hat.

Seibts Buch über den Dienstag von Porta Pia handelt von dem Tag, der Italien gemacht hat. Noch heute gibt es in jeder italienischen Stadt eine Straße des 20. September. Das erste Kapitel entrollt die Ereignisgeschichte. Das zweite trägt die Voraussetzungen nach, gräbt am Boden des diplomatischen Labyrinths den fundamentalen Widerstreit der Ideen aus. Hier führt Seibt die römische Frage auf ihre einfachste Form zurück, die Form eines logischen Problems, des Dilemmas der Vereinbarkeit von nationaler Selbstherrschaft und kirchlicher Freiheit. Dann der Umschlag: Im dritten Teil fordert die Fülle der sozialen Wirklichkeit ihr Recht. Mit den Augen der neuen Beamten kartographiert Seibt die alte Stadt, und wo die Bürokratie hinblickt, entdeckt sie Handlungsbedarf. Die Veränderung des Stadtbilds ist für den Autor Grund, noch einmal weit zurückzugreifen in die Zeit vor der Sprengung des Mauerrings und einen Alltag zu schildern, den die Debatten der europäischen Öffentlichkeit nicht berühren. "Unter der festlich bewegten Oberfläche behielt Rom seine ererbte schwerblütige Lethargie." So schwer lastet die Vergangenheit auf Rom, dass das Erbe die Stadt geradezu in ein Jenseits der Geschichte hinabdrückt. Die Römer haben soviel gesehen, dass sie nicht mehr leicht zu erregen sind. Ein Minimum soziologischer Plausibilität hatte der phantastische Traum konservativer Ästheten, als Museum Alteuropas hätte der Staat des Papstes erhalten werden sollen, als exterritoriales Gebiet in einer Welt dauernder Veränderung.

Seibts von Arno Borst betreute Doktorarbeit behandelte einen römischen Geschichtsschreiber des vierzehnten Jahrhunderts, in dessen Chronik der Volkstribun Cola di Rienzo, der Rom wieder in die Rechte der Welthauptstadt einsetzen wollte, eine komische Figur macht. Man möchte glauben, dass dieser Anonymus auch jenen Triumphator nicht so recht ernstgenommen hätte, der 1922 den königlichen Komfort des Zugfahrens verschmähte und auf Rom marschierte. Solche Linien zieht das vierte und letzte Kapitel bis in die Gegenwart aus, bis in den Herbst des Heiligen Jahres 2000, als der italienische Staatspräsident den Altar des Vaterlands wiedereröffnete, das Denkmal für Viktor Emanuel II., und als der Papst zur Ehre der Altäre seinen Vorgänger erhob, den in den Augen der Liberalen unseligen, für die Gläubigen hinfort indes seligen Pius IX. Seibt geht aber noch ein letztes Mal zurück hinter die Bresche, lässt die Anti-Römer zu Wort kommen, die Patrioten, die ihrer Nation die kapitale Last ersparen wollten. War die Hauptstadt Rom wirklich so unvermeidlich, wie auf der letzten Seite der Schulbücher gesagt wird?

Als Historiker des 20. September ging Seibt Giulio Andreotti voraus, der ewige Ministerpräsident der Nachkriegsrepublik. Seibt rügt die "allseitige Ironie" des frommen Machiavellisten, die den Ernst des Konflikts von Nation und Kirche verwische - "eine befremdliche Haltung, die sich aus der persönlichen Stellung des Römers Andreotti erklärt, der als strenger Katholik und als italienischer Staatsmann zum Erben beider Traditionen geworden war". Der gute Wille philosophisch-diplomatischer Vermittlung hatte auch Leopold von Ranke beseelt, als er die Geschichte der Päpste schrieb. In einer Fußnote erwähnt Ranke eine zeitgenössische Geschichte des Kirchenstaates, "ein Buch, das für unser Gefühl den rhetorischen Geist der italienischen Historiographie fast zu stark atmet". Nach Ansicht des Begründers der Geschichtswissenschaft behindern die Dramatisierungen der Rhetorik die Wahrheitsfindung. Seibts Buch schafft dem rhetorischen Geist in der deutschen Historiographie eine Heimstatt. Unwahr wird die Geschichte ohne die moralischen Leidenschaften, ohne das Pathos der Entscheidung. Daher sind die Helden des Buches die Journalisten, die in der modernen Gesellschaft an die Stelle der Volksredner getreten ist.

Ugo Pesci, der Korrespondent der Florentiner "Fanfulla", fand keinen Schlaf in der Nacht vor dem Angriff auf Rom, über den er ein Vierteljahrhundert später ein Buch verfasste, das laut Seibt "das schönste" zu diesem Ereignis ist. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Berliner Zeitung, der Zeit und neuerdings bei der Süddeutschen Zeitung hat Gustav Seibt das gelehrte und das politische Feuilleton gepflegt. In glücklichen Stunden kann die Zeitung von gestern die Geschichte von morgen werden. "Die nach 1870 geborenen jungen Leute", schrieb Pesci 1895 über seinen 20. September, "werden die Ursache dieser Schlaflosigkeit nicht begreifen. Das tut mir leid für sie." Auch wer ein Jahrhundert nach 1870 geboren ist, kann sie nun dank Gustav Seibt begreifen: die Nacht, in der niemand schlief.

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