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StartseiteBüchermarktChristoph Brumme: "Ein Gruß von Friedrich Nietzsche"23.02.2016

RomanChristoph Brumme: "Ein Gruß von Friedrich Nietzsche"

Von Hartmut Kasper

Wir befinden uns zu Beginn des Romans im Ost-Berlin der späten 1980er-Jahre. Die Deutsche Demokratische Republik und ihre Vollstrecker sind, was sie noch nicht wissen, auf der Zielgeraden angekommen. Für die drei Hauptfiguren des Romans wird der Untergang der DDR eine Befreiung sein.

Die Hauptfiguren ‒ das sind drei Freunde. Da ist zunächst einmal Horst Fischer, genannt Bobby ‒ Bobby Fischer, weil er Schach spielt, Philosophie studiert und aus diesen oder anderen Gründen bei den Damen gut ankommt. Da ist Paul Hansen, Schachspieler auch er, der ausreisen und am Ende die Flucht aus dem ummauerten und stacheldrahtbewehrten Staatswesen wagen will. Da ist schließlich Franz Schönlein, Friedhofsmusiker. Im Mittelpunkt der Geschichte aber steht Horst. Horst beginnt seinen Tag mit Körperpflege:

"Er putzte sich die Zähne, machte nebenbei den Oberkörper frei, wusch sich mit kaltem Wasser, spülte den Mund aus, trocknete sich ab. Mit klappernden Zähnen stellte er sich vor den Spiegel und die Kerze daneben. Er strich sich mit dem Handrücken über die Wange. Rasiert hatte er sich gestern Abend. Er zog sich ein Unterhemd an, ein dickes Holzfällerhemd und zuletzt einen schwarzen Pullover aus rumänischer Schafswolle. Den Pullover hatte er über die Grenze geschmuggelt."

Auf der Gegenseite steht Hauptmann Welke. Welke dient der Staatssicherheit; er bespitzelt die drei unerschrockenen Freunde, überwacht sie und setzt allerlei Inoffizielle Mitarbeiter auf sie an. Aber ganz Unmensch ist er nicht. So macht selbst er am Morgen Morgentoilette ‒ wenn auch ganz anders und vor allem unappetitlicher als der hygienische Horst:

"Hauptmann Welke wachte vom eigenen Schnarchen auf. Die Flasche Nordhäuser Doppelkorn hielt er in den Armen. Er nuckelte an ihr, aber sie war leer. Auf der Toilette entleerte er seine Blase, dabei vermied er den Blick in den Spiegel, wie auch beim anschließenden Händewaschen. Er hustete den Rachen frei und spuckte den gelb-schwarzen, klumpigen Schleim ins Waschbecken."

Horst Fischer haust in einem Wrack von Wohnung in Berlin, genauer: in zwei Wohnungswracks. Die eine Wohnung hat keinen Strom, die andere keinen Ofen. Miete zahlt er nicht. Horst ist Wohnungsbesetzer und Student, als solcher pflegt er auch Umgang mit Nietzsche, der uns vom Titel grüßt ‒ er liest ihn; Horsts Freund Paul hat einen Ausreiseantrag gestellt; Franz spielt Klavier. Alle drei gelten als Aussteiger. Man trifft sich, trinkt, spielt Schach und plaudert ‒ und Horst bändelt bei Gelegenheit, die Liebe macht, mal mit der, mal mit jener weiblichen Nebenfigur an. Der ganze Roman wäre ein Nirwana der Ereignislosigkeit, gäbe es nicht den schrecklichen Hauptmann Welke und seine wahrlich finsteren Absichten:

"Hauptmann Welke hatte einen Plan zur Zersetzung der Persönlichkeit des Horst (Bobby) Fischer erstellt. Ziel des Planes war es, den Fischer ins Berufsleben zu integrieren und ihn vom Besuch der Universität abzuhalten. Die Kontakte des Fischer zu oppositionellen Personen mussten so erfolgreich wie möglich gestört werden."

Dabei ist Horst Bobby Fischers Gegenspieler ein Mann von Pflicht:

"Hauptmann Welke überlegte, ob er das feindliche Fernsehprogramm einschalten sollte. Er amüsierte sich meist prächtig dabei. Neuerdings wurde dort sogar Striptease gezeigt. Das wurde natürlich veranstaltet, um die Arbeiter vom Kampf um ihre Befreiung abzulenken. Naive Zuschauer merkten gar nicht, wie sie manipuliert wurden. Schlimm, welche Scheinwelt da errichtet wurde. Aber es war seine Pflicht, sich zu informieren."

Das Leben der drei Helden wie die Erzählung davon kommen so betulich, aschgrau und trostlos daher, dass besagter Welke wie ein Farbtupfer erscheint. Dabei soll, da bin ich sicher, Welke nicht farbtupfern, sondern den Leser empören mit seiner Spießigkeit, seiner ideologischen Verblendung und der Selbstherrlichkeit, die ihn ins Leben anderer pfuschen heißt. Aber Welke, der wie ein HB-Männchen in Stasi-Uniform durch die Handlung poltert, erweist sich als unserer Wut nicht wert: Er bleibt eine bloße Karikatur, der jede glaubwürdige Motivation fehlt, aus der ein Eigenleben wachsen könnte.

Nach 155 Seiten ist diese Erzählung vorbei, so plötzlich, als wäre sie unversehens über den Rand der Welt gekippt. Es folgt ein zweiter Teil, der mit dem ersten inhaltlich und erzählerisch nur in losem Zusammenhang steht. Bobby, eben noch Mittelpunkt der Geschichte, spielt keine Rolle mehr. Dafür sitzt Paul als Republikflüchtling im Gefängnis. Aus der Haft berichtet er nun als Ich-Erzähler. Das Leben hinter deutsch-demokratisch-republikanischen Gittern ist, man wundert sich nicht, noch trostloser als das in begrenzter Freiheit draußen. Die Ereignisse vom Herbst 1989 führen schließlich zu Pauls Entlassung. Ende Teil 2, Zeitsprung.

Teil 3 hebt an. Der trägt den Titel "Happy End" und umfasst fünf Seiten. Wir befinden uns mit den drei Helden mehr oder weniger in der Gegenwart. Man ist ein bisschen herumgekommen in der Welt oder auch nicht; hat geheiratet oder auch nicht, man hat Kinder oder keine, man hat einen Schnäuzer, ansonsten eher weniger Haar als noch im zweiten Teil.
So weit, so uninteressant.

Und Hauptmann Welke? Der ist zum Hausmeister Welke degradiert. Und zu guter Letzt bekommt er einen Faustschlag mitten ins Gesicht.
Was am Ende dieses tristen Romans ja beinahe eine Pointe ist.

Buchinfos:
Christoph Brumme: "Ein Gruß von Friedrich Nietzsche", C.H. Beck, München 2014, Roman, 256 Seiten, Preis: 19,95 Euro

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