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StartseiteBüchermarktRoman der Selbstfindung29.03.2007

Roman der Selbstfindung

"Der Tote von Passy" von Barbara Bongartz

Wer die früheren Werke von Barbara Bongartz kennt, der wird seinen Augen nicht trauen, nach dem ornamentalen, bewusst manierierten, labyrinthischen und theorielastigen Stil nun in "Der Tote von Passy" eine außergewöhnlich schlichte und schmucklose Erzählweise anzutreffen. Besonders aber fällt der fast unterkühlte Ton auf, der jeden emotionalen Betroffenheitstenor vermeidet.

Von Dorothea Dieckmann

Ein anonymer Brief lockt die Erzählerin nach Paris. (Stock.XCHNG / chris gordon)
Ein anonymer Brief lockt die Erzählerin nach Paris. (Stock.XCHNG / chris gordon)

Wer bin ich? Jeder moderne Roman, zumal wenn er die Erzählhaltung eines Ich wählt, beruht auf dieser Frage. Selten aber wird sie in der so genannten hohen Literatur so direkt gestellt wie in Barbara Bongartz' Roman "Der Tote von Passy", selten mündet sie so umstandslos in das Thema der Suche nach den leiblichen Eltern. Doch was in der Zusammenfassung wie ein trivialer Plot erscheinen mag, ist in diesem Fall Anlass für eine Suchbewegung, die den Leser in ein Spiegelkabinett lenkt, jenen Raum unendlicher Möglichkeiten, in den man sich nicht ohne Gefahr begibt, denn einen Ausweg bietet er nicht. Es beginnt mit der Erinnerung an eine glücklose Kindheit, in der sich das vergangene Ich den Tod der Eltern wünschte. Dann lockt Wer die früheren Werke von Barbara Bongartz kennt, der wird seinen Augen nicht trauen, nach dem ornamentalen, bewusst manierierten, labyrinthischen und theorielastigen Stil nun in "Der Tote von Passy" eine außergewöhnlich schlichte und schmucklose Erzählweise anzutreffen. Besonders aber fällt der fast unterkühlte Ton auf, der jeden emotionalen Betroffenheitstenor vermeid

"Madame,
Ich gehe davon aus, dass der Name, den Sie führen, nicht Ihr ursprünglicher Name ist. Unter dieser Voraussetzung informiere ich Sie davon, dass Ihr Vater, Monsieur Alphonse Steiner, am kommenden Freitag, dem 14. Dezember, in Paris beigesetzt wird. 8 Uhr 30, Passy. Danach wird es einen Empfang in dem Trauerhaus geben. Ich dachte, das würde Sie interessieren."

Und die Erzählerin reagiert:

"War das ein Witz? Nicht einmal meine Heirat hatte zu einem Namenswechsel geführt. Mein Vater heißt nicht Steiner. Er heißt Bongartz, wie ich. Er hat nie in Paris gewohnt. Er ist ein alter Mann. [...] Vor drei Tagen zeugte seine so brüchig gewordene Stimme davon, dass er noch lebt."

Zugleich mit der Eröffnung eines halb kriminalistischen, halb thrillerhaften, dabei aber völlig unaufgeregt erzählten Irrgangs wird an dieser Stelle ein weiterer rätselhafter Impuls gegeben, die Identität des Autornamens mit dem der Erzählerin. Wo gemeinhin die Fiktion explizit ein alter ego behauptet, etabliert dieser Roman unverhohlen eine autobiografische Fährte. Das überrascht umso mehr, als sich allmählich eine Kette unerhörter Begebenheiten entrollt. Die Protagonistin ist nicht nur eng mit Frankreich verbunden, sie hat in Passy gewohnt. Auf der Beerdigung wird sie für eine ehemalige Geliebte des Toten gehalten und heimlich von einer Bediensteten kontaktiert, die ihr ein Foto des jungen Steiner zusteckt. Schließlich ergibt sich, dass ihre Mutter regelmäßig allein ein Hotel in Nizza besuchte, Gelegenheit für eine Affäre also. Selten drängt sich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt so auf wie bei diesem Buch.

"Zum einen ist es natürlich richtig, dass Barbara Bongartz Barbara Bongartz ist, wobei ich diesen meinen Namen ja schon in früheren Schriften verwendet habe. Und darüber hinaus ist es ein Gemeinplatz, wenn man sagt, dass das niedergeschriebene Autobiografische ohnehin Fiktion wird. Was da wichtig ist und sich von den anderen gesuchten, reinen Fiktionen unterscheidet, ist, dass diese Herausforderung für mich interessant war, um aus der ohnmächtigen Situation in eine schreibend-handelnde Situation zu kommen. Das heißt, ich habe mir jetzt - also bitte nicht auf dieser Ebene des Therapeutischen, das hat damit überhaupt nichts zu tun, sondern auf der Ebene des Ästhetischen - ein autobiografisches Sujet so lange zu wenden und zu drehen, bis es ein literarisches Sujet wird. Für den Leser ist es letztendlich unwichtig, ob der Hintergrund autobiografisch, ob die Fakten autobiografisch sind oder nicht, das ist allenfalls anekdotisch, würde ich sagen."

Bewusst hat also die Autorin bei der Bearbeitung eines biografischen Themas die klassischen Indikatoren der Identität ins fiktionale Spiel hineingenommen, ein ernstes Spiel, das eine entscheidende Wendung erfährt, als sich herausstellt, dass die Protagonistin in der Tat ein Adoptivkind ist und vor Jahrzehnten ihre leibliche Mutter, nicht aber den leiblichen Vater kennen lernte. Dass dies über einen beträchtlichen Teil des Textes durch die Erzählerin verschleiert wird, darf man als spannungsfördernden Trick verbuchen. Doch die Spannung beruht nicht auf diesem Rätsel allein; sie treibt die Entwicklung spiralförmig an. Der berühmte Kreislauf des Begehrens drängt sich auf, der von Buddha bis Lacan die Gemüter bewegte: ein unabschließbarer Enthüllungsprozess, der im Text indirekt zu Wort kommt:

"Statt etwas loszuwerden, drohte ich mich in etwas zu verwickeln. Das war genau das, was ich nicht wollte. Vor allem nicht nach der Maßgabe von Rätsel und Geheimnis. [...] Ich habe, seit ich denken kann, immer ein Geschehen hinter den Fassaden vermutet. Die Faszination der Rätsel. Der Zwang, aus allem eine doppelte Bedeutung zu lesen, war überall."

"Also, es ist sicher so, dass der Tote von Passy eine Suche ist und dass es auch etwas Getriebenes hat. Und zwar ist dieses Getriebene eher, zumindest am Anfang, ja unterschwellig, bis es mehr und mehr an die Oberfläche kommt. Da ist ja auch sehr viel Selbstverschleierung, Selbstfiktionalisierung, Selbstlüge drin, das wird dann immer offener, ohne dass aber letztendlich ganz klare Ergebnisse vorliegen. Also, diese klaren Ergebnisse sind eine Sehnsucht, die sich nicht erfüllen kann. Hier, in diesem Roman, ist es so angelegt, dass es sich nicht erfüllen kann, weil die Herkunft der Protagonistin ungeklärt ist und ungeklärt bleiben muss."

Wer die früheren Werke von Barbara Bongartz kennt - die in dem kleinen Verlag Galrev erschienenen Erzählungen, den opulenten Roman "Örtliche Leidenschaften", den New-York-Roman "Die amerikanische Katze" oder ihren im "Schreibheft" veröffentlichten Briefwechsel mit Alban Nikolai Herbst -, der wird seinen Augen nicht trauen, nach dem dort etablierten ornamentalen, bewusst manierierten, labyrinthischen und theorielastigen Stil nun eine außergewöhnlich schlichte und schmucklose Erzählweise anzutreffen. Besonders aber fällt der unpathetische, fast unterkühlte Ton auf, der dem Identitätsthema die Gefühlslast nimmt und jeden emotionalen Betroffenheitstenor vermeidet.

"Ganz bestimmt habe ich eine zu starke Emotionalität sowohl in der Begrifflichkeit als auch im Stil vermieden, und das ist sicher das - ja, ich würde nicht sagen Konstruierte, sondern das ist das Durchgearbeitete und das Literarische an diesem Text, der nicht der erste, sondern vielleicht der sechste, siebte, achte Anlauf ist, ich weiß es nicht genau. Aber dieses Komprimierte, dieses Zusammengestauchte auf das Wesentliche dieser Geschichte hat so viele Anläufe gebraucht. Und dabei ist in der Tat, was am Anfang nicht so war, sehr viel Emotion, also auch echte, eigene Emotion, weggefallen. Die Sätze sind dadurch kürzer geworden. Die Suche ging immer mehr auf diesen Kernpunkt hin, und dabei ist sehr viel Befindlichkeit, würde ich sagen, weggefallen."

"Der Tote von Passy" ist zugleich ein kluges Experiment in Sachen biografischer Selbsterfindung und eine unterhaltend angelegter Roman der Selbstfindung. Das unscheinbare Leitmotiv dieses Buches findet sich in einem kindlichen Spiel, das die Frage nach Herkunft und Selbstsein mit jenem dunklen Schrecken verbindet, der unser aller Wer und Woher begleitet:

"Unser Nachbarsjunge und ich machten vor dem Spiegel im Ankleidezimmer meiner Mutter Faxen. Das Spiel hieß HuHu (ich vermute heute, es handelte sich um eine Verballhornung von Who is Who, aber keiner von uns Kindern wußte je, was es zu bedeuten hatte), und wir versuchten, wie unsere Verwandten auszusehen. Zwischendurch kam meine Mutter herein [...] und schüttelte über die bizarren Grimassen den Kopf. 'Ihr treibt es zu doll. Das Gesicht bleibt stehen, und dann seht ihr wie die Monster aus.'"

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