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StartseiteBüchermarktEin makabrer Mord- und Todesreigen 04.05.2015

Roman des Skandalautos GuyotatEin makabrer Mord- und Todesreigen

Der kleine Schweizer Diaphanes Verlag hat eine literarische Entdeckung gemacht: Pierre Guyotat ist in Frankreich ein berühmter Autor, der mehr als 20 Romane veröffentlicht hat. Im Deutschen ist jetzt aber erstmalig ein umfangreicheres Werk erschienen. Sein "Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten" ist eine Abrechnung mit dem Algerienkrieg - ein wahres Schreckensszenario.

Von Enno Stahl

Im Hintergrund Algerien-Franzosen, Gegner der Unabhängigkeit Algeriens, während einer Demonstration Ende Januar 1960 in Algier. Im Vordergrund an den Barrikaden französische Fallschirmspringer. (dpa )
Ende 1954 war in dem unter französischer Verwaltung stehenden Algerien unter Führung der FLN ein Befreiungskrieg ausgebrochen, der am 18. März 1962 mit der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens endete und zur Unabhängigkeit führte (dpa )

Dieses Buch ist ein Monstrum. Es ist nicht nur schwer, sondern vielleicht gar nicht verdaulich. Guyotats "Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten" ist ein Horrortrip im Nouveau-Roman-Stil, ein makabrer Mord- und Todesreigen von Soldaten, Rebellen und Zivilisten.

Ort der Handlung ist das Land Ekbatana, das zu Beginn unter der Besatzung Septentrions stöhnt, dann aber selbst einen Aufstand auf der Insel Inamena in grausamster Manier niederschlägt. Die Analogie zu Frankreich, das kurze Zeit nach der deutschen Okkupation mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg konfrontiert wurde, drängt sich auf.

Doch das ist nur ein grober Rahmen für ein wahres Schreckensszenario, in sieben Gesängen dargeboten – was eine Parallele zu Lautréamonts "Gesängen von Maldoror" darstellt, dem Guyotats Werk ebenso verpflichtet ist wie dem unterkühlt-leidenschaftslosen Sprachduktus eines Alain Robbe-Grillet.

Kaum Atempausen beim Lesen

Doch was Guyotat hier schildert, ist etwas völlig Anderes: nicht Nullpunkt der Literatur, sondern Nullpunkt der Menschheit. Mit dem Blick eines Pathologen beschreibt der Autor Folterungen, bestialische Morde, Vergewaltigungen, Inzest, Sodomie, geradezu atavistische Bluträusche. Keine Seite ohne Schweiß, Sperma, Auswurf, Eiter, Sabber, Sekrete, Blut und Exkremente. Es ist ein durchaus wortgewaltiges Staccato, nicht endende Satzstafetten, eine einzige, absatzlose Präsensrede - kaum Punkte, nur Semikolons gewähren Atempausen.

Wollte man hier die Leichen zählen, wie es inzwischen – etwa in neueren Tatort-Krimis – en vogue ist, sieht man sich bei diesem Buch vor arge Probleme gestellt, denn gemordet und gestorben wird auf fast jeder der 654 Seiten. Opfer wie Täter tragen nur selten Namen. Wenn sich bisweilen Protagonisten oder Protagonistinnen herauszukristallisieren scheinen, ereilt sie doch zumeist schnell ein beiläufiges Ende. Es dürfte sich also um viele tausend Tote handeln, Kriegs- und Mordopfer, mit Vorliebe meuchelt der Autor Frauen und Kinder.

Viele Tote und grausamer Sex

Dazwischen dreht sich alles um gewalttätigen Sex in jeder erdenklichen Spielart, pervers, widerlich, ohne Ekel und Beklemmungen ist dieses Buch nicht zu lesen.

Warum es dennoch nicht auf den Index kam? Warum es jetzt, mehr als 45 Jahre nach seinem Erscheinen, erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde, mit Unterstützung mehrerer deutscher, französischer und Schweizer Kulturstiftungen? Weil es auch ein radikales Sprachkunstwerk ist, mit einer Überfülle an Bilder und poetischen Beschreibungen. Kunstvoll werden Zeitebenen verschoben und relativiert, Impressionen suggestiv geschnitten, was mitunter den Eindruck von Cut-ups evoziert.

Erinnerungen an eine (vorgebliche) Normalität im Mutterland werden hineinverwoben in die Gewaltexzesse, die trügerische Gleichzeitigkeit von Zivilisation und Exzess:

"Der Himmel ist von Rauchschwaden verdeckt, von unheimlichen Linien durchzogen: den Flugbahnen von Raubvögeln und Hubschraubern. Die jungen Leute kommen vom Go-Kart-Fahren und Tennisspielen zum Meer, um sich dort ihren ehrenwerten Schweiß abzuwaschen; die Banditen, die Rebellen, die verlorenen Kinder, um sich von ihrem Schmutz, ihrer Befleckung, ihrem vergossenen Blut reinzuwaschen."

Die unbestreitbare Sprachmächtigkeit Guyotats hilft dem Leser allerdings nur wenig über die geschilderten Auswüchse hinweg, die über die Grenze des Erträglichen hinausgehen:

"Sie beäugt die Ratten: Die rennen über den Leichnam, zerfetzen ihn, dringen in seine Wunden ein, kriechen mit der Schnauze unter die Haut; sie wuseln im Mund, unter den Achseln, zwischen Schenkeln und Bauch und ums Geschlecht herum."

Selbst in Zeiten abgestumpfter Nerven - angesichts massenhaften Sterbens in Hollywood-Blockbustern, Zombie- oder Splatterfilmen – ist das schockierend. In der literarisch-exakten Beschreibung wird die Gewalt wach und unmittelbar.

Von realen Erfahrungen geprägt

Insofern ist Guyotats Buch zum jetzigen Zeitpunkt, in dem zunehmend ungenierter über Kriege geredet wird, gar nicht so verkehrt, zeigt es doch unmissverständlich, was das eigentlich bedeutet, Krieg: entfesselte Brutalität, Entmenschung, sadistische Freude am Leiden und Sterben anderer, ob Mensch oder Tier.

"Im Dorf heulen brennende Hunde, bleiben stehen, drehen sich um sich selbst und brechen dann im rauchendem, geschwärztem Fell im Sand zusammen; Katzen und Federvieh lodern in den Ruinen, verrenken sich, die Soldaten schütteln sich und machen sie nass vor Lachen, unter Brettern und Steinen kriechen Ratten hervor, fliehen, springen in die Wasserlöcher, und wenn sie eintauchen, zischt das Wasser; das Geflügel prallt in einem Wirbel brennender Federn von den Dachziegeln ab, Augen funkeln im Rauch."

Wenn man weiß, dass Guyotat selbst Soldat in Algerien war und dort wegen der Anstiftung zur Desertion angeklagt wurde, beschleicht einen das unbehagliche Gefühl, dass sein Roman ganz so grotesk-überspitzt womöglich gar nicht ist, sondern von realen Erfahrungen geprägt.

Ist das eine Leseempfehlung? Nein, das kann man nicht sagen. Dieses Wort hat bei einem solchen Buch keine Bedeutung.

 

Pierre Guyotat: "Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten"
Diaphanes Verlag, 654 Seiten, 34,95 Euro

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