Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteBüchermarktRoman gegen den Stalinismus05.09.2005

Roman gegen den Stalinismus

Arthur Koestler: "Sonnenfinsternis"

Der vor hundert Jahren in Budapest geborene Arthur Koestler gehört zu jenen Intellektuellen, die aus den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise einerseits und aufgrund der Ausstrahlungskraft des Experiments Sowjetunion andererseits mit der kommunistischen Bewegung sympathisierten oder sich ihr anschlossen. Sein Roman "Sonnenfinsternis" diente als Kronzeuge gegen den Stalinismus, dann gegen jegliche Gewalt im Dienste eines politischen Ideals.

Von Detlef Grumbach

 Sonnenfinsternis  (AP Archiv)
Sonnenfinsternis (AP Archiv)

"Das Pochen war stärker geworden, und Rubaschow hatte sich bemüht, aufzuwachen. Er träumte wie immer, dass an seine Tür gehämmert wurde und dass draußen drei Männer standen, die ihn verhaften kamen. Er sah sie durch die Tür hindurch, wie sie draußen standen und gegen das Rahmenwerk schlugen. Sie hatten ganz neue Uniformen an, die kleidsame Tracht der Prätorianer der deutschen Diktatur. "

Am Anfang wird Rubaschow, der tragische Held in Arthur Koestlers Roman "Sonnenfinsternis", aus einem Alptraum gerissen. Er träumt davon, als Instrukteur des kommunistischen Widerstands in Deutschland von der Gestapo verhaftet zu werden. Tatsächlich wacht er auf, weil Stalins Häscher an seine Tür klopfen und ihn abholen. Rubaschow ist eine fiktive Figur, ein Revolutionär der ersten Stunde, der Züge mehrerer Mitstreiter Lenins trägt, der an Karl Radek genauso erinnert wie an Nikolai Bucharin. Er soll zum Verräter, zum Trotzkisten geworden sein, wird in Einzelhaft isoliert und in drei Verhören weich geklopft für das selbstmörderische Geständnis. Rubaschow kennt das System, das dieser 1940 zuerst in englischer Sprache erschienene Roman von innen her zeigt, er kennt das Regime der "Nummer eins", wie Stalin im Roman genannt wird. Die Führung ist unfehlbar, sie tut nichts, als die Logik des historischen Prozesses durchzusetzen. Diskussionen gibt es nicht, wer von der Linie abweicht, wird aus dem Weg geräumt. Rubaschow weiß, was ihn erwartet. Das Ende steht schon am Anfang fest. Das "Wie" steht im Zentrum dieses faszinierenden Romans, die Frage, die 1936, 37, 38 die Front gegen den Faschismus zerrissen hat: Wie kommen Revolutionäre wie Bucharin oder Radek oder dieser Rubaschow dazu, Geständnisse als Verräter abzulegen. Was geht vor sich in der Sowjetunion, dem einzigen mächtigen Gegner Nazi-Deutschlands?

"Nachdem diese erste Szene geschrieben war, musste ich nicht weiter über Plan und Handlung der Geschichte nachdenken."

So der Autor im Nachwort zur deutschen Ausgabe des Romans:

"Unzählige Episoden, einzelne Sätze und Gesten, denen ein innerer Zensor all die Jahre verwehrt hatte, sich zu einem entsprechenden Ganzen zusammenzufügen, taten das nun von sich aus. Ich zerbrach mir nicht den Kopf, was in dem Buch weiter geschehen sollte; ich wartete mit Furcht und Neugier darauf, dass es geschähe."

Der vor hundert Jahren in Budapest geborene Arthur Koestler gehört zu jenen Intellektuellen, die aus den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise einerseits und aufgrund der Ausstrahlungskraft des Experiments Sowjetunion andererseits mit der kommunistischen Bewegung sympathisierten oder sich ihr anschlossen. Er stammt aus einer im Ersten Weltkrieg und in der Inflationszeit verarmten bürgerlichen ungarischen Familie und trat 1931 in Berlin in die KPD ein. 1932 reiste er in die Sowjetunion. Von Moskau ging er – Hitler war längst an die Macht gekommen – ins Pariser Exil. Hier arbeitete er für den Komintern-Propagandisten Willi Münzenberg und berichtete später für eine englische Zeitung über den Spanischen Krieg. In Spanien geriet er in die Fänge der Putschisten, wurde zum Tode verurteilt und verbrachte vier Monate in Francos Gefängnissen, bevor er auf Druck der Engländer nach Gibraltar entlassen wurde.

Neben dem Roman "Sonnenfinsternis" sind zu seinem hundertsten Geburtstag auch seine autobiographischen Schriften "Als Zeuge der Zeit" und sein "Spanisches Testament" erschienen, in dem er seine dortigen Erfahrungen verarbeitet hat – und der leider schlampig-unvollständige Nachdruck des 1950 erschienenen Buchs: "Ein Gott, der keiner war". In diesem Sammelband sagen sich verschiedene Autoren, neben André Gide, Stephen Spender und anderen auch Koestler, vom Kommunismus los. In seinem Beitrag beschreibt Koestler, wie er in Francos Todeszelle Demütigung und Willkür im Namen einer politischen Macht erfahren hat, wie er die Todesschreie der hingerichteten spanischen Bauern erlitten habe, wie er, so wörtlich, "mit einer neuen Art von Wirklichkeit Bekanntschaft gemacht" hat, "die mein ganzes Denken und alle meine Wertmaßstäbe umstürzte."

"Die Lehre, die man aus dieser Art Erlebnis zieht, erscheint, sobald man sie in Worte kleidet, immer im fahlen Gewand der ewigen Gemeinplätze: dass der Mensch eine Realität ist und die Menschheit eine Abstraktion; dass man Menschen nicht als Zahlen in einer politischen Gleichung behandeln kann, weil sie sich wie Zeichen für Null und Unendlich verhalten, die alle mathematischen Berechnungen aus den Fugen bringen; dass der Zweck die Mittel nur innerhalb sehr enger Grenzen heiligt; dass die Ethik nicht nur die Funktion sozialer Nützlichkeit ist und Nächstenliebe kein kleinbürgerliches Sentiment."

Koestlers Schwager, der als Arzt in der Sowjetunion gearbeitet hat, wird als Verräter verhaftet, seine Frau, die bei Münzenberg arbeitet, wird von Herbert Wehner aus dem Dienst entfernt, weil sie sich für ihren Bruder einsetzt. Koestlers Lehre aus der Haft in Spanien kollidiert auch mit dem Stalinismus. 1938 verlässt er die kommunistische Partei und schreibt den Roman "Sonnenfinsternis". Dessen Held Rubaschow bekennt sich schuldig, zunächst aber noch nicht des Verrats, dessen er bezichtigt wird, sondern:

Ich bekenne mich schuldig, den fatalen Zwang, der die Politik der Regierung bestimmt, nicht erkannt zu haben. Ich habe dem Stöhnen der Geopferten mein Ohr geliehen und wurde dadurch taub für die Argumente, die die Notwenigkeit ihrer Opferung bewiesen. Ich bekenne mich schuldig, die Frage von Schuld und Unschuld höher bewertet zu haben als jene der Nützlichkeit und Schädlichkeit. Schließlich bekenne ich mich schuldig, den Begriff des Menschen über den der Menschheit gestellt zu haben.

In vier großen Kapiteln – drei Verhöre mit zahlreichen Rückblenden und das mit "Die grammatikalische Fiktion" überschriebene Finale – erzählt Koestler das Leben und die Haftzeit Rubaschows: Sein Held kennt den inneren Zirkel der Macht, hat perfekt funktioniert, auch wenn er es war, der Genossen, die es nur gewagt haben, die falschen Fragen zu stellen, über die Klinge hat springen lassen. Und insgeheim wusste er dabei, dass er im Unrecht war, insgeheim dachte er ähnlich wie seine Opfer. Neben dem verhafteten Rubaschow stehen zwei weitere Figuren im Zentrum des Romans: Zum einen Iwanow, sein alter Weggefährte, der sein Schicksal zunächst in der Hand hat und die Verhöre führt. Iwanoff will, dass Rubaschow seinen zugegebenermaßen nie stattgefundenen Verrat freiwillig gesteht. Er will, dass Rubaschow einsieht, dass dies, der Logik der Partei folgend, der letzte und größte Dienst ist, den er der gemeinsamen Sache noch leisten kann. Neben Iwanoff hat zum anderen Gletkin seinen Platz, ein junger, ehrgeiziger Genosse, der eine härtere Gangart fordert. Als Gletkin die Verhöre übernimmt, spricht er von Iwanoff plötzlich in der Vergangenheit. "Der Bürger Iwanoff wurde gestern Nacht in Vollzug einer administrativen Entscheidung erschossen" erklärt er auf Nachfrage.

Als der Roman in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren immer wieder aufgelegt wurde, diente er erst als Kronzeuge gegen den Stalinismus, dann gegen jegliche Gewalt im Dienste eines politischen Ideals. Aber erschöpft sich die Geschichte darin? Eines Tages, nach dem Endsieg, so Gletkin zu Rubaschow, würden die Archive geöffnet. Dann würde die Welt, so wörtlich, "die Hintergründe des Schauspiels, das wir nach dem Textbuch der Geschichte vorspielen mussten", erfahren. Drei Genossen sind derselben Sache verpflichtet, sind im selben Apparat groß geworden, kennen die innere Logik und handeln nach ihr. Jeder an seinem Platz. Alle drei begreifen, dass es gar nicht um sie selbst, um den Menschen geht, dass sie nur die Rolle in einem Spiel ausfüllen.
"Die grammatikalische Fiktion" überschreibt Koestler das letzte Kapitel des Romans. Damit meint er das "Ich", die drei Buchstaben I, c und h, die im Morsealphabet des Todesknasts von Zelle zu Zelle geklopft werden.

"Die Definition des Individuums lautete: eine Masse von einer Million, dividiert durch eine Million. Die Partei leugnete den freien Willen des Individuums – und forderte gleichzeitig seine freiwillige Hingabe. Das Individuum stand im Zeichen der ökonomischen Fatalität, ein Rad im Uhrwerk, und die Partei verlangte, dass das Rad gegen das Uhrwerk aufstehe und seinen Ablauf ändere. Irgendwo musste ein Fehler sein in dieser Rechnung stecken; die Gleichung ging nicht auf."

Eine Logik, die den Menschen außer Acht lässt und die nicht mehr in Frage gestellt wird, zerstört den Menschen, egal ob Freund oder Feind. Sie macht das "Ich" zu einer "grammatikalischen Fiktion". Gespeist aus der eigenen Erfahrung, egal ob in der KPD, in Spanien, in der Todeszelle Francos, destilliert Koestler diese Lehre zu einem großen Roman, der durch die Überwindung des Stalinismus nichts an Brisanz eingebüßt hat. Koestler, der, so das Vorwort seiner autobiographischen Schriften "Als Zeuge der Zeit", der "sozialistischen Idee nie eine Absage erteilt" habe, entwickelt einen unheimlichen Sog, fängt und berührt den Leser auch noch gut zwanzig Jahre nach seinem Tod deshalb, weil diese Form der Logik, des Sachzwangs, des Diktats, dass es in bestimmten politischen Situationen keine Alternative gibt, nicht aus der Welt ist.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk