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StartseiteBüchermarktHachscharas - jüdisches Leben in Deutschland16.07.2014

RomanHachscharas - jüdisches Leben in Deutschland

Hachscharas waren Landwerke, auf denen junge Zionisten auf das Leben in Palästina vorbereitet wurden. In dem Roman "Sommer in Brandenburg" erzählt der Schweizer Autor Urs Faes die Geschichte einer Jugendhachschara. Dazu inspiriert hat ihn das brandenburgische Landgut Ahrnsdorf, auf dem bis 1941 Jugendliche ausgebildet wurden.

Von Eva Pfister

Strohballen auf einem Feld in Brandenburg (AP)
Bis 1941 lernten jüdische Jugendliche für ein Leben in Palästina. (AP)

Es wird hart gearbeitet in Ahrensdorf. Die Jugendlichen müssen früh aufstehen und dann in die Tomatenplantagen oder in die Ställe des großen Gutshofs einrücken. So sollen sie sich an das Leben in einem Kibbuz gewöhnen, denn das ist das Ziel dieser Jugendhachschara: die Auswanderung nach Palästina. Abends steht noch das Erlernen der fremden Sprach Iwrit auf dem Plan.

Autor stieß auf Fotos vom Landwerk in Brandenburg

Urs Faes ist durch Fotos von Herbert und Leni Sonnenfeld auf das Landwerk in Brandenburg gestoßen: Die beiden Fotografen dokumentierten um 1938 das jüdische Leben in Deutschland. Ihre Bilder zeigen den bäuerlichen Alltag der jungen Menschen und sie zeigen ihre Gesichter, in denen Angst und Hoffnung aufscheint. Bei seiner Spurensuche begegnete Urs Faes auch einem Laienhistoriker in Luckenwalde, der schon zu DDR-Zeiten über die Hachschara bei Trebbin forschte, und er traf in Israel einen Überlebenden, der als Zwölfjähriger aus Breslau in Ahrensdorf eintraf und später über Samarkand und Teheran nach Palästina gelangte. So erfuhr er aus erster Hand vom Lebensgefühl in der Hachschara, wo sich dieser Junge noch zwei Jahre lang geborgen fühlte, bevor das Landwerk aufgelöst wurde.

Roman inspiriert von der Wirklichkeit

Urs Faes schildert anschaulich den Alltag auf dem Gutshof, und er erzählt von den Jugendlichen, vor allem von einem Liebespaar, das auch dokumentarisch belegt ist. Ron Berend aus Hamburg verliebt sich auf den ersten Blick in Lissy Harb, die aus Wien in das Landwerk kommt. Beide treibt die Sorge um ihre Familien um. 1938 haben die nationalsozialistischen Truppen Österreich besetzt, und spätestens nach der Reichspogromnacht ist Ron klar, wie gefährdet seine Schwester und sein Vater in Hamburg leben. Aber auch in Ahrensdorf fühlen sich die jungen Juden bedroht. In der Nacht des 9. Novembers werden die Glasscheiben der Treibhäuser zertrümmert, nach Kriegsbeginn schlachten Eindringlinge eine Ziege ab.

Liebesgeschichte von Ron und Lissy

Die Liebe zwischen Ron und Lissy wächst trotz der widrigen Umstände. Jedes Mal, wenn die Ausreiseerlaubnis für eine kleine Gruppe eintrifft, hoffen die beiden, dass sie zusammen aufbrechen können. Aber so kommt es nicht. Lissy darf ausreisen; sie will nach Palästina, obwohl ihre Eltern nach England geflohen sind. Wo sie schließlich gelandet ist, konnte Urs Faes nicht eruieren. In seinem Buch macht er deutlich, wie sich im Laufe der zwei Jahre die Situation in Ahrensdorf verschärft, wie den jungen Menschen immer klarer wird, dass es ums Überleben geht. Und dennoch nimmt sich der Roman auch Zeit für die hellen Momente des Alltags und schildert sehr poetisch die brandenburgische Landschaft im Laufe der Jahreszeiten. In ihrer kargen Freizeit unternehmen Ron und Lissy kleine und größere Spaziergänge ins Umland, die sie genießen, auch wenn sie sich von den Dörfern fernhalten müssen. Denn dort will man von der jüdischen Kommune nichts wissen.

Eingeschobene Nacherzählung von Spurensuche

Eingeschoben in den Roman finden sich vier ebenso spannende "Nacherzählungen", in denen Urs Faes von seiner Spurensuche berichtet und vom weiteren Schicksal der Jugendlichen nach der Auflösung der Hachschara 1941. Nicht alle konnten ihr Ziel erreichen, von manchen ist das schreckliche Ende bekannt, von anderen verliert sich jede Spur. In einem Museum in Tel Aviv konnte Faes die Fotos von Herbert und Leni Sonnenfeld studieren. Auf der Rückseite eines Bildes fand der Autor das Motto zu seinem Buch, drei Zeilen aus einem Gedicht von Rose Ausländer: "Ich habe nichts als den Flügel / Ich habe nichts als die Schöpfung / Ich habe nichts als den Moment".

Urs Faes: "Sommer in Brandenburg"
Roman, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 262 Seiten, 19,95 Euro

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