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Roman im Roman

Tanguy Viel: "Paris-Brest", Verlag Klaus Wagenbach

Der französische Autor Tanguy Viel ist ein Virtuose der Darstellungsformen. Sein aktuelles Werk beschreibt Viel als eine Mischung aus Autobiografie, französischem Familien- und englischem Kriminalroman. Dabei steckt noch viel mehr in diesem Buch.

Von Cornelius Wüllenkemper

Tanguy Viel: "Paris-Brest", Verlag Klaus Wagenbach, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Tanguy Viel: "Paris-Brest", Verlag Klaus Wagenbach, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

"Kein Mensch interessiert sich für Familienromane", sagt der verschlagene Sohn der Putzfrau. Der Erzähler Louis antwortet: "Das stimmt, aber kein Mensch interessiert sich für irgendetwas". Eine bleierne Schwere liegt auf diesem Roman des großen Stilisten der jungen französischen Schriftstellergeneration, Tanguy Viel. In Frankreich hält man ihn entweder für einen mit Talent überausgestatteten literarischen Spieler, oder für einen der interessantesten Autoren der Gegenwart. "Paris-Brest" ist der dritte Roman, der auf Deutsch erscheint. Wie seine beiden Vorgänger "Das absolut perfekte Verbrechen" über einen fast geglückten Casino-Raub und "Unverdächtig" über die hinterhältige Entführung innerhalb einer Familie, dreht sich auch in "Paris-Brest" alles ums Geld, und was es aus den Menschen macht.

"Das Geld ist ein ideales Glücksversprechen, dem meine Figuren hinterherlaufen, und man muss noch nicht einmal wissen, wieso sie das Geld eigentlich haben wollen. Für mich ist das wie eine Projektionsfläche, die das Verhalten meiner Figuren steuert und die ihre Wege kreuzen lässt, so etwa wie der Wal bei Moby Dick. Geld hat mehrere Parameter: man kann es haben oder nicht, auf legalem Wege dazu gekommen sein oder nicht, Geld kann mit Schuld aufgeladen sein, es kann anderen vorenthalten werden. All die Zusammenhänge ermöglichen es mir, psychologische Beziehungen zwischen meinen Figuren zu spannen."

Die Beziehungen zwischen den Figuren dieses Romans sind ein Feuerwerk subtiler Intrigen und perfekter Gemeinheiten, sie sind geprägt - und auch das ist ein wiederkehrendes Motiv bei Tanguy Viel - von Verrat, Betrug, Erpressung, von falscher Freundschaft, Neid und Missgunst, vor allem in der eigenen Familie. Nur, dass niemand je darüber sprechen würde. Außer dem Ich-Erzähler Louis, der endlich alles ans Licht bringen will, und zwar in einem Familienroman. Doch bevor der geschrieben ist, müssen seine Eltern die Heimatstadt Brest verlassen, weil der Vater das 14 Millionen Euro Loch in der Kasse des örtlichen Fußballklubs nicht erklären kann und nun auf der Straße beschimpft wird. Die Mutter, die keine armen Leute mag und deren Lebensziel sich auf die Aufrechterhaltung des guten Rufes beschränkt, ist doppelt indigniert: Der Platz im wohlhabenden Provinzbürgertum ist ebenso gefährdet wie der in der Bridge-Runde mit der Frau des örtlichen Staatsanwaltes. Zum Glück erbt die Großmutter fast zeitgleich 18 Millionen Euro vom Ex-Admiral Albert. Laut notariellem Vertrag begleitet sie Albert bis an sein Lebensende, und er vermacht ihr im Gegenzug sein gesamtes Vermögen. Der Enkelsohn Louis soll die 90-jährige nach der großen Erbschaft bewachen, damit nicht wieder Geld abhanden kommt.

Als die Möglichkeit aufkam, dass ich im selben Haus wohnen konnte wie meine Großmutter, da war das trotz all ihres Unbehagens, dass ich nicht mit nach Südfrankreich zog, natürlich eine große Beruhigung für meine Mutter und schließlich und endlich eine ausgezeichnete Sache, denn für meine Mutter ist die Welt sehr einfach, für sie ist die Welt eine Art großer Kreis, in dessen Mitte ist ein Berg aus Geld, und immer kommen irgendwelche Leute in den Kreis und wollen den Berg besteigen und ihre Fahne darauf pflanzen. Und in ihrer eigenen kleinen Welt gibt es Alberts Geldberg und Leute drumherum, die einen Kreis bilden und diese Welt beim kleinsten Fehler zu zerstören suchen.

Tanguy Viel erzählt diese Geschichte, die das Zeug zu einer Provinzposse hat und dabei in die Abgründe der Menschheit zu weisen scheint, mit feinstem Humor und dunkelsten Farben. Hier wird aus Freundschaft ein Handel, bei dem jeder den Stich zu machen versucht, auf "France" reimt sich "rance" wie ranzig, die Bretagne gleicht einem düsteren Gefängnis am Ende der Welt, die Mitmenschen sind eine Bande von missgünstigen Lästerern und selbst das Ferienparadies im südfranzösischen Languedoc-Roussillon, in das es Louis Eltern nach der Vertreibung aus Brest verschlagen hat, ist ein furchtbarer Ort.

"Für mich ist die wahrscheinlich wichtigste Funktion von Literatur zu beschreiben, wie die Zeit vergeht, in einer Stimmung zwischen Müdigkeit, Bedauern und Nostalgie, und das Ganze in einer öden, langweiligen Landschaft, in der nichts passiert. So sehe ich die Welt nun einmal, vor allem meine eigene Kindheit in der Bretagne. Das wiederum wird konterkariert durch lebendigere Szenen, durch Ironie und Humor. Aber sobald ich eine lustige Szene schreibe, muss ich sie mit einer düsteren Stimmung unterlaufen."

Und natürlich bleibt der plötzliche Geldsegen in einer Stadt wie Brest nicht lange geheim, sondern ruft die Menschen herbei, die ihre Fahne auf den Geldberg pflanzen wollen. Schon bald taucht der Sohn der Putzfrau auf, der sich plötzlich auf Louis als einen "alten Freund" besinnt. Mann kennt sich aus der Schulzeit, hatte sich damals gemeinsam beim Ladendiebstahl erwischen lassen, was für den bürgerlichen Louis folgenlos blieb und den Sohn der Putzfrau Kermeur einen Schulverweis kostete. Jetzt holt sich Kermeur, was ihm seiner Ansicht nach zusteht: das Geld der reichen Leute.

"Zwischen meinen Figuren besteht eine Spannung, die durch den sozialen Unterschied noch verstärkt wird. Mein Erzähler hat Schuldgefühle, weil er dem wohlhabenden Bürgertum angehört, während der Sohn der Putzfrau Kermeur genau das erreichen will. Daraus entwickelt sich eine soziale Schieflage, die der Unterlegene ausnutzt, um den Überlegenen zu steuern. In meinem Roman werden die Verhältnisse umgekehrt, ja revolutioniert: die Unterlegenen beherrschen die Überlegenen. Früher habe ich das auf der Ebene des Polizeiromans durchgespielt. Auch da ging es um die Umkehrung der Verhältnisses zwischen Herrscher und Beherrschtem."

Auch Louis gelingt es, sich schließlich gegenüber seiner herrsch- und tobsüchtigen Mutter durchzusetzen - und zwar mit seinem Familienroman, den er in Paris verfasst. In diesem fiktiven Text, der Tanguy Viels realem Werk auffällig ähnelt, deckt Louis all die gut gehüteten Familiengeheimnisse auf, den Irrsinn seiner Mutter, die versteckte Homosexualität des Bruders, der eigentlich Fußballstar werden sollte, die Betrügerei des Vaters und sogar den Einbruch bei der eigenen Großmutter. Tanguy Viel spielt mit wahrer Virtuosität die Klaviatur der Erzählperspektiven und der literarischen Genres.

"In der ersten Stufe wollte ich aus meinem eigenen Leben erzählen, von meinen Kindheitserinnerungen, von Brest und von meiner Großmutter. Aber daraus kann man keinen Roman machen. Also habe ich Spannungselemente wie den Einbruch hinzugenommen, um es dramatischer zu gestalten. Und in der letzten Stufe, erst viel später, habe ich gemerkt, dass ich diese Geschichte nicht direkt erzählen kann, sondern dass ich Distanz brauche, um Spaß beim Erzählen zu haben und auch um die autobiografischen Elemente auf Abstand zu halten. Daraus ist dann dieses Spiel mit den Perspektiven und die Thematisierung des Schreiben beim Schreiben entstanden."

Wir lesen einen autobiografisch gefärbten Familienroman, der auch Gesellschaftsstudie, Krimi und Humoreske ist. Auf gerade einmal 140 Seiten führt uns Tanguy Viel die bedrückende Atmosphäre dieser Familienbande in der bretonischen Einöde vor, legt Fährten, streut Andeutungen und verliert nicht eine Sekunde die Spannung des Erzählflusses. "Paris-Brest" ist ein Meisterwerk der subtilen Komik, das in feinster proust'scher Tradition von seiner eigenen Entstehung erzählt.

"Ich erwarte von der Literatur, dass sie die Spannung zwischen mir und der Realität auflöst. Ich sage wie meine Erzähler: 'ich muss diese Geschichte erzählen, damit ich endlich meine Ruhe habe!' Die Situation meines Erzählers ist eigentlich meine eigene: einerseits will ich die Dinge beobachten, andererseits versuche ich durch das Erzählen, die Knoten der Realität zu zerschlagen, um anschließend endlich die Welt in aller Ruhe betrachten zu können. Mit dem Schreiben möchte ich letztlich im Leben ankommen."

Tanguy Viel: "Paris-Brest", Verlag Klaus Wagenbach, 144 Seiten, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

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