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StartseiteBüchermarktKeine Abrechnung mit seinem Favorit-Feind21.11.2013

RomanKeine Abrechnung mit seinem Favorit-Feind

Der niederländische Schriftstellers Leon de Winter schreibt einen Roman auch über den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, der von einem Islamisten ermordet wurde. Der hatte ihn mal zu seinem "Favorit-Feind" erklärt und de Winter in einer Talkshow wüst beschimpft. Eine Abrechnung wurde der Roman dennoch nicht.

Von Christiane Wirtz

Der ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh (AP Archiv /  Willem ten Veldhuys/ Dijkstra b.v.)
Der ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh (AP Archiv / Willem ten Veldhuys/ Dijkstra b.v.)
Buchinfos

Leon de Winter : "Ein gutes Herz". Diogenes, 502 Seiten, Preis: 22,90 Euro

"Er hasste mich, ich war sein Favorit-Feind."

Mit diesen Worten beschreibt Leon de Winter sein Verhältnis zu dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh. Der ließ seinem Hass freien Lauf, arbeitete sich Zeit seines Lebens an seinem "Favorit-Feind" ab und warf ihm vor, sein Judentum zu vermarkten. Im November 2004 wurde Theo van Gogh in Amsterdam auf offener Straße erstochen. Der Täter: ein islamistischer Marokkaner namens Mohammed Boujeri. Über ihn wollte Leon de Winter einen Roman schreiben, als er bei seinen Recherchen im Internet ein Video fand, den Mitschnitt einer Talkshow.

"Theo van Gogh war Hauptgast und jemand sagte zu ihm: Aber Herr van Gogh, was Sie hier geschrieben haben über Herrn de Winter, das ist doch unmöglich. Sie schreiben hier, wenn Leon de Winter und seine Frau Jessica Sex haben, dann wickelt sie Stacheldraht um seinen Penis und wenn Herr de Winter kommt, dann ruft er: Treblinka! Treblinka!"

Leon de Winter war fassungslos, als er das Video sah. Theo van Gogh brachte ihn um den Schlaf, ließ ihm auch nach seinem Tod keine Ruhe. Also beschloss er, über ihn zu schreiben, ihn zu einem Charakter in seinem Roman zu machen. In vielen Passagen seines jüngsten Buches gewährt Leon de Winter seinen Lesern Einblick in den Prozess des Schreibens. Es gelingt ihm, sich selbst zu einer Person zu machen, selbstironisch beschreibt er sich als übergewichtigen Autoren gleichen Namens, der von seiner Frau verlassen wurde. Damit gibt er dem Roman eine zweite Ebene – als würde er sich selbst beim Schreiben beobachten. So auch in jener Szene, in der sich Theo van Gogh in die Geschichte drängt.

De Winter hatte den ganzen Tag über einen Weg gesucht, wie er Theo van Gogh in das Buch hineinschreiben konnte. Ohne van Gogh hätte Mohamed Boujeri niemals seinen gewalttätigen Fanatismus ausleben können. Und wenn er van Gogh in das Buch hineinbringen konnte, gab es vielleicht auch eine Möglichkeit, das Video mit den widerlichen Äußerungen van Goghs als literarisches Motiv einzubauen. Aber van Gogh war tot, und Tote sprachen nicht. In dieser Nacht erschien ihm Theo van Gogh in dem warmen Zimmer im Erdgeschoss von Brams Haus.

Leon de Winter spielt mit seinen Möglichkeiten als Autor, bedient sich in der Realität, um eine fiktive Geschichte zu erzählen. Und diese Geschichte liest sich stellenweise wie ein Krimi: Ein Fußballteam radikalisierter Muslime verübt einen Anschlag auf die Stopera, die Oper im Herzens Amsterdams. Die Bürger sind entsetzt, können nicht fassen, was "ihrer Stadt zugestoßen" ist, diesem "chaotischen Weltdorf mit seinen eigenwilligen Individualisten". Von diesem Schock aber können sie sich nicht erholen, der Autor treibt die Attentäter weiter durch Amsterdam, lässt sie ein Flugzeug entführen und eine Schule besetzen. Das alles erinnert an New York, an 9/11 und die Geiselnahme von Beslan. Der Kern der Geschichte aber ist "ein gutes Herz". Dieses gute Herz, das eine Organspende ist, schlägt seit einigen Monaten in der Brust des ehemaligen Mafia-Boss Max Kohn, lässt ihn weiterleben – was zu einer nahezu gottesfürchtigen Dankbarkeit führt. Und so verspricht Kohn seinem alten Gangsterfreund, dessen Sohn aus einer gefährlichen Lage zu befreien.

Max sagte: "Es mag sich verrückt anhören, aber ich tendiere immer mehr zu dem Gedanken, dass wir eine Seele haben. Das Herz ist ein Muskel. Wiegt bei einem erwachsenen Mann im Durchschnitt nicht mehr als dreihundertdreißig Gramm. Bei einer Frau ein halbes Pfund. Das ist alles. Und doch ist dieser Muskel mehr als nur eine Pumpe. Das weiß ich jetzt. Warum bin ich jetzt in Amsterdam? Warum wirst du plötzlich freigelassen und sitzen wir hier zusammen am Tisch und reden über deinen Sohn? Ich muss dir helfen. Das bin ich dir schuldig. Aber ich tue nichts Illegales."

Nichts Illegales zu tun – das wäre dem jüdischen Mafiosi früher im Traum nicht eingefallen. Doch seit er das Herz eines katholischen Priesters in sich trägt, ist er ein anderer, ein besserer Mensch geworden.

"Das ist natürlich auch etwas Religiöses, wenn so etwas passiert. Jemand ist gestorben, um dich weiterleben zu lassen. Das ist unglaublich. Und, was ich gelesen habe, das greift sehr tief ein."

Diesen religiösen Moment feiert der Autor in seiner Geschichte und schreckt auch vor Pathos nicht zurück: Denn das "gute Herz" schenkt dem Gangsterboss nicht nur ein neues Leben und läutert ihn, es führt ihn auch zurück zu der Frau, die er liebt. Vor diesem absehbaren Happy End aber schickt de Winter seine Leser durch ein verworrenes Personengeflecht. Und mutet ihnen damit einiges zu, denn häufig wirken die Beziehungen konstruiert und damit wenig glaubwürdig. Dabei hat der Autor für einige seiner Romanfiguren Menschen aus Fleisch und Blut zum Vorbild genommen: prominente niederländische Moderatoren, Anwälte und Politiker.

"Ich habe diese Leute nicht negativer gemacht als sie in der Wirklichkeit sind. Ich denke sogar, ein bisschen interessanter, ein bisschen besser und vielleicht auch ein bisschen authentischer als sie in Wirklichkeit sind. Soweit das möglich ist."

Beschwert jedenfalls hat sich keiner oder gar eine Gegendarstellung verlangt. Ein Indiz dafür, dass die freie Rede in der niederländischen Gesellschaft ein hohes Gut ist. In erschreckendem Gegensatz dazu steht der Mord an Theo van Gogh. Er starb, weil er sagte, was Islamisten nicht hören wollten. Und so begegnet Leon de Winter seiner Romanfigur auf zwei verschiedenen Ebenen: auf der persönlichen Ebene, weil er selbst Opfer der geschmacklosen Beschimpfungen war. Aber auch auf der politischen Ebene, weil er sich ihm posthum verbunden fühlt - als Mitstreiter für die Meinungsfreiheit. So macht de Winter zum Thema, was die Welt bewegt seit Islamisten New York mitten ins Herz trafen. Er lotet das Spannungsverhältnis aus: zwischen Freiheit und Sicherheit einer demokratischen Gesellschaft. Mit Theo van Gogh ist der Autor gnädig. Zwar verbannt er ihn als Romanfigur ins Totenreich, macht dort aber einen Schutzengel aus ihm.

Schutzengel Theo. Theo van Gogh, SE.

Jimmy hatte ihm gleich einen Lehrgang aufs Auge gedrückt, und nun wusste er, dass sich der Job zwar ganz nett anhörte, aber vor allem darin bestand, dass man warten konnte.

"Wie überall im Kosmos", erklärte Jimmy, "in jedem Kosmos, also auch in unserem, dreht es sich um Energie. Bei uns natürlich nicht um die Energie, die wir von der Erde her kennen, sondern eine Energie, die wir hier Liebe nennen."

Im wahren Leben ein provokanter Zyniker, im Roman als Schutzengel dazu verdammt, Gutes zu tun. Ob Theo van Gogh will oder nicht.

"Ich habe mich von ihm befreien können, weil ich zu ihm gegangen bin. Denke ich. So ungefähr ist das verlaufen und am Ende hatte ich sogar Sympathie für ihn gefasst. Es ist eine Versöhnung und ich hatte das nicht erwartet. Aber ich war nicht imstande, abzurechnen mit ihm. Nein."

Leon de Winter befreit sich aus seiner ohnmächtigen Wut, indem er seine Macht als Autor nutzt. Er macht den "Favorit-Feind" zu seinem Geschöpf, schlägt ihn gewissermaßen mit der eigenen Waffe. Und diese Waffe ist das Wort.

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