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StartseiteBüchermarktRoman ohne Wirklichkeit04.06.2008

Roman ohne Wirklichkeit

Albert Ostermaier zeichnet den Mordfall Trintignant nach und scheitert

Man kann verstehen, dass Albert Ostermaier vom Mordfall Trintignant fasziniert ist. Ein dunkler Stoff aus einer mondänen Welt, mit zwei Stars des französischen Kulturbetriebs in den Hauptrollen und mit fast allem, was extreme Gefühlslagen zwischen Liebe und Wahn, Sucht und Gewalt an fatalen Folgen auszulösen vermögen.

Von Christoph Bartmann

Die französische Schauspielerin Marie Trintignant in Cannes, 1979 (AP)
Die französische Schauspielerin Marie Trintignant in Cannes, 1979 (AP)

Im Juli 2003 hat der Rocksänger Bertrand Cantat seine Geliebte, die Schauspielerin Marie Trintignant, im Streit erschlagen. Das Drama trug sich in Vilnius zu, wo sich Trintignant zu Dreharbeiten - sie verkörperte in einem französischen Film die Schriftstellerin Colette - aufhielt.

Über die Umstände der Gewalttat, ihre Vor- und Nachgeschichte, haben die Medien, auch die deutschen, ausführlich berichtet. Marie Trintignant wurde auf dem Pariser Friedhof "Père Lachaise" im Beisein der französischen Kulturintelligenz beigesetzt, und Cantat saß eine Haftstrafe wegen Totschlags ab, aus der er 2007 wegen guter Führung entlassen wurde. Kriminalistisch betrachtet, ist der Fall abgeschlossen, aber seine dunkle Faszination dauert an - wovon "Zephyr", der erste Roman des Lyrikers Ostermaier, ein Zeugnis ablegt.

Ostermaier hätte einen Roman über den Mord (oder Totschlag) von Vilnius schreiben können, der sich eng an die Aktenlage anlehnt oder, von ihr ausgehend, die eine oder andere Mutmaßung anstellt. Statt dessen hat er sich entschieden, die tragische Beziehung von Cantat und Trintignant in einer anderen Paarkonstellation zu spiegeln und so seiner literarischen Freiheit einen anderen, größeren Spielraum zu geben.

In einem Haus an der sommerlichen Cote d´Azur hat sich Gilles eingemietet, ein junger Filmautor, der an einem Skript über die Tat von Vilnius schreibt und selbst, wie es scheint, von ähnlichen Furien gehetzt wird wie Cantat, der Sänger von "Noir Désir" oder des schwarzen Begehrens, wie die Band auf Deutsch hieß. Er trinkt zuviel, er taumelt von einer Schaffenskrise in die nächste, und er ist maßlos eifersüchtig in seiner Liebe zu Cathy, der jungen Frau, die zu Beginn des Romans schon tot sein könnte. "Du riechst nach Chlor, hatte sie gesagt", heißt es da, aber wann Cathy das gesagt hat, und warum Gilles nach Chlor roch, wenn er das tat, und was seither geschehen ist, erfahren wir nicht zuverlässig.

Warum, fragt man sich, hat Ostermaier diese zweite Ebene eingezogen, auf der sich fiktionale Personen undeutlich in Konstellationen begegnen, die denen des notorischen Kriminalfalles von Vilnius auf diffuse Weise ähneln? Auf diese Weise, könnte man vermuten, entgeht er der Realismusfalle - denn wer will schon einen Fall literarisch nachempfinden, der journalistisch weitestgehend auserzählt ist? Statt der belegbaren Fakten scheint es Ostermaier um die Erzeugung einer starken Atmosphäre zu gehen, um die Erzeugung von "schwarzem Begehren" oder "Noir Désir".

Die Leidenschaft ist darin das eine: Der "Amour fou", der der Tat von Vilnius und ebenso den unklaren Geschehnissen in der Villa am Mittelmeer offenbar zugrunde lag, und die Schwärze ist das andere: Es ist dunkel, und man kann nichts erkennen. Ostermaiers "Zephyr" ist kein guter Roman für Leser, die etwas genau wissen wollen, aber vielleicht einer für Leser, die Andeutungen, Ungewissheiten und erlesen Metaphorisches lieben. Das hört sich dann manchmal so an: "Costello hätte mit ihr geschlafen, als sie beide hier allein gewesen waren. Gilles konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass Costello sie berührt hätte, dass sich Costellos Hände in das Gedächtnis ihres Körpers eingeschrieben hätten und ihr Körper nun, ihn, Gilles, vergessen hätte." Hat Ostermaier zuviel de Sade gelesen, zuviel Foucault, oder hat er auch zuviel vom Lieblingsautor von Trintignant und Cantat, von Louis-Ferdinand Céline ab bekommen? Jedenfalls hat er mit Eifer den dunkel-schwelgerischen Ton aus Gewalt und Begehren reproduziert, den man von den genannten Autoren kennt.

Zephyr heißt der Roman, und das ist seit Homer das Wort für den West-, den Abendwind, und für den Gott des Windes, der, wie Theophrast erzählt, Frauen und Kinder hat und aus Eifersucht zum Mörder eines Liebhabers wird. Zephyr heißt auch ein Pariser Restaurant, das für seine Austern berühmt ist, und irgendwie ist der Roman als Ganzer atmosphärisch und metaphorisch zwischen der Welt Pariser Restaurants und jener des klassischen Altertums angesiedelt. Als Lyriker ist Ostermaier beschlagen in der Kunst der atmosphärischen Verdichtung; mit wenigen Worten ist er in der Lage, ein suggestives Ungefähres zu umreißen: "Die Umrandung des Pools. Seine Küsten. Jede Küste schuldet dem Chlor einen Toten." Der Chlor fungiert im Roman als eine Art Köder für die Neugier des Lesers. Wir sollen daran erinnert werden, dass im Pool oder um ihn herum ein Geheimnis lauert: Hat Gilles, der verwirrte Drehbuchschreiber, sich dort seines Nebenbuhlers entledigt. Ist er, in einer Art Imitation der Bluttat von Vilnius, zum Mörder seiner Frau geworden?

Manchmal läuft ein Kommissar durchs Bild, aber er trägt außer einigen Simenon-haften Sätzen zur Erhellung des Geschehens nicht bei. Peu à peu wird uns, während die Sinnestrübung des Hauptdarstellers voranschreitet, von den Vorkommnissen in jener Julinacht in Vilnius erzählt, und das ist, auch wenn wir es schon aus dem "Spiegel" und anderen Medien kennen, noch immer interessanter als das ganze aufwändig verschleierte Handlungsspiel, das Ostermaier am südfranzösischen Pool inszeniert hat. Was nicht im "Spiegel" stand, hat Ostermaier erfunden, und es klingt etwa so. "Andrius bewunderte Bertrand, er hatte das gleiche Charisma wie Marie. Beide waren sie schwarze Engel, Fallwind in den Augen und unter den Achseln, beide zogen sie alles in die Tiefe und wollten doch nur fliegen, leicht die Flügel schlagen und aufsteigen zu den Wolken, im Azur gleiten, der Sonne zustreben" und so weiter. Das kann man als Lyrik goutieren, für die Wirklichkeit des Falles aber, der Ostermaier so fasziniert, und für die Wirklichkeit des Wahns dahinter, hat dieser Roman jedoch leider weder Augen noch Worte.

Albert Ostermaier: "Zephyr". Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.

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