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StartseiteSonntagsspaziergangRomanze mit der Revolution20.10.2013

Romanze mit der Revolution

Auf Georg Büchners Wanderwegen an der hessischen Bergstrasse

Ein vehementer Streiter für die Bürgerrechte war der Mediziner Georg Büchner. Bevor er 1835 vor den Häschern der sich restaurierenden deutschen Monarchie nach Straßburg floh, wanderte er über die hessische Bergstraße.

Von Jule Reiner

Undatiertes Archivbild des deutschen Schriftstellers Georg Büchner (1813-1837) (picture alliance / dpa)
Undatiertes Archivbild des deutschen Schriftstellers Georg Büchner (1813-1837) (picture alliance / dpa)

"Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte."

Dieses grandiose Anfangsbild der Novelle Lenz entsteht im Jahr 1835. Ihr Dichter Georg Büchner, Student der Medizin, ist erst vor Kurzem aus dem hessischen Land nach Frankreich geflohen. In seiner Heimat hat er die ungeheuerliche Flugschrift "Der Hessische Landbote" verfasst, wird steckbrieflich gesucht und seine politischen Mitstreiter, darunter der glühende Patriot Friedrich Ludwig Weidig, sind eingekerkert. An seine Angehörigen zu Hause schreibt Büchner über den Lenz:

"Ich habe mir hier allerhand interessante Notizen über einen Freund Goethes, einen unglücklichen Poeten namens Lenz, verschafft, der sich gleichzeitig mit Goethe hier aufhielt und halb verrückt wurde. Ich denke, darüber einen Aufsatz in der "Deutschen Revue" erscheinen zu lassen."

Das Landschaftsbild im Auftakt zum Lenz erinnert sehr an diese Heimat Büchners, das Land zwischen Darmstadt, der hessischen Bergstraße und dem Odenwald, das ihn in seinem romantischen Naturerleben geprägt hat und alle seiner ab jetzt in einem ungeheuerlichen Schaffensdrang entstehenden Schriften durchwirken wird. Erst zwei Jahre zuvor hat er in dieser Landschaft mit seinem Freund aus Straßburg, dem Theologiestudenten Alexis Muston, eine Wanderschaft unternommen, eine Bildungsreise, die auch den Träumen nach einer gewaltsamen politischen Veränderungen im zutiefst repressiven Ständestaat Deutschland nachging. Ich kenne das Land aus meiner eigenen Jugend, bin selbst ein Kind der Bergstraße. Und immer noch tut sie sich neben der Autobahn Richtung Basel kurz hinter Darmstadt als ewig gleiches Bild auf. In einem tiefen Blaugrün wölben sich die Odenwaldhänge auf, recken sich zu einem Gebirge und liegen immer in einem aus Dunst und Schleiern hervorbrechenden Licht. Und in den bewipfelten Zinnen der Gebirgshügel hocken alte Burgen und dröhnen ein wenig althergebracht herum.

Burg Frankenstein, das Auerbacher Schloss, die Starkenburg – sie wirken auch im schweren Regen sehr romantisch. Nur ist an einem solchen Tag das Violett-Blau-Grün des Odenwalds noch tiefer. In Bensheim-Auerbach auf den Staatspark Fürstenlager zu, schwärzt er sich sogar ein. Das Fürstenlager, einst die Sommerresidenz und das Kurbad der Landgrafen und Großherzöge von Hessen-Darmstadt, werden unsere beiden Bildungsreisenden und angehenden Revolutionäre gewiss gestreift haben. Nach Büchners Meinung sollte man diese "abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen".

Jetzt verschwimmen die doppelte Platanenallee, das Kavalierhaus, das Herrenhaus und der Damenbau, die weite Herrenwiese in einem Regen, der wie Waschwasser über den Landschaftspark fällt. Eine Herde Schafe – fast alle mit schwarzem Pelz zur Stimmung passend - treibt einen triefenden Abhang hinauf, ansonsten kein Ton, kein Leben in den Prachtbauten.

"Der Fürstenmantel ist der Teppich, auf dem sich die Herren und Damen vom Adel und Hofe in ihrer Geilheit übereinander wälzen – mit Orden und Bändern decken sie ihre Geschwüre und mit kostbaren Gewändern bekleiden sie ihre aussätzigen Leiber."

Das wird Büchner später im "Hessischen Landboten" schreiben. Und er wird den "langen Sonntag dieser Vornehmen, die schönen Häuser, die feinen Kleider, die feisten Gesichter" in reinen Zahlen ausdrücken. 700.000 Einwohner zählte das Großherzogtum Hessen. Und diese hatten dem Staat jährlich weit mehr als sechs Millionen Gulden an Steuern und Geldstrafen abzugeben. Büchner schrieb:

"Die Menschen schwitzen, stöhnen und hungern dafür. Im Namen des Staates werden sie erpresst, die Presser berufen sich auf die Regierung und die Regierung sagt, das sei nötig, um die Ordnung im Staat zu erhalten."

Aber so viele haben über das kurze Leben, die rasche Politisierung und die im Zeitraffer verfasste Weltliteratur dieses aus seiner Zeit gefallenen Genies geforscht. So wollen wir ihn für Momente auch aus dem Korsett der Literaturgeschichte befreien und dort einkehren, wo er vielleicht zum letzten Mal losgelöst und mit romantischen Idealen seine Naturwelt erlebte. Die erste Station unserer Reise: Zwingenberg, das älteste Städtchen an der Bergstraße.

Zwingenberg an einem normalen Montagmittag: Es ist, als wäre niemand da und als hätte jemand die Weltzeit zurückgedreht in irgendein Museumsjahr um 1840. Schindelgedeckte Fachwerkhäuschen, Gasthöfe, in die niemand eingekehrt ist, der verlassene Marktplatz mit leeren Kaffeehausstühlen verharren unter einer fast südlichen Sonne, die nach dem Regen die Wolken weggeblitzt hat. Nur in der schmalen, kopfsteingepflasterten Hauptstraße tut sich etwas. Da öffnet sich die Tür zu einem Bistro mit Namen "Schoko und Wein" und wir stehen mit einem Mal in der zum Café umdekorierten, fast original erhaltenen "Alten Hofapotheke". Hier hat Büchner seinen jüngeren Bruder Wilhelm besucht, ehe die beiden Wanderer ins Gebirge aufbrachen.

"Das ist ein ganz interessantes Haus. Das ist schön, hier zu wohnen."

"Der Bruder Wilhelm war also der sogenannte "dumme Bub" gewesen, der hat seine Schulausbildung in Darmstadt abgebrochen und er konnte jetzt entweder zum Militär gehen oder er konnte Apotheker werden. Das durfte er ohne Abitur damals machen. Und so hat ihn der Vater Ernst Büchner nach Zwingenberg gegeben zu dem damaligen Apotheker, damit er seine Pharmazieausbildung macht. Und der Georg hat ihn 1833 im Oktober besucht mit seinem Freund Alexis Muston. Und der Alexis Muston war ein waldensischer Student, den der Georg Büchner in seiner Studienzeit in Straßburg kennengelernt hat. Der Alexis Muston hat dann in Darmstadt in den Archiven vom Großherzog über die Waldenser Siedlungen in Südhessen eine Dissertation geschrieben. Und der Georg war ihm dabei behilflich. Und als Alexis Muston dann seine Zelte in Darmstadt abgebrochen hat, sagte der Georg Büchner zu ihm: Gib das Geld, was du hast, unseren Bediensteten und ich mach mit Dir eine Fußwanderung von Darmstadt aus nach Heidelberg. Und so sind die nach Zwingenberg gekommen, haben den Wilhelm Büchner hier in der Hofapotheke besucht und sind dann den Melibokus hoch. Zwingenberg liegt auf 90 Meter, der Melibokus liegt auf 518 Meter, das war also schon eine schöne Strapaze gewesen. Und sind dann vom Melibokus rüber auf den Felsberg. Auf dem Felsberg haben sie eine Rast eingelegt, vom Felsberg sind sie ins Felsenmeer runtergestiegen."

Hanns Werner ist der Zwingenberger Stadtführer, und wenn man ihm zuhört, könnte man glauben, die Büchnerfamilie wohne noch im Dorf Goddelau, das gegenüber der Bergstraße in einer sumpfigen ebenen Riedlandschaft recht elend herumlag. Vor einigen Jahren hat auch Zwingenberg den Weltruhm erkannt, den alle der fünf Büchnerkinder als Mediziner, Erfinder, Juristen und Vorkämpfer für die bürgerlichen Rechte und eine deutsche Republik erlangten. Im Café werden Lesungen abgehalten und man begibt sich bei kollektiven Wanderungen auf jene Pfade, die in Mustons Aufzeichnungen nach der Rast in Zwingenberg beschrieben sind.

Nachdem wir uns dort eine oder zwei Stunden aufgehalten haben, machen wir uns wieder auf den Weg, um den Melibokus zu besteigen. Die Hitze wird immer spürbarer, die Wälder breiten sich still und schattig aus und sind uns willkommen. Ein großer weißer Turm tritt in der Ferne vor ihren dunklen Farben hervor. Kurze Rast am Fuß des Bergs. Dann immer weiter zum Felsberg, von dem man eine herrliche Aussicht hat. Und den man nicht besteigt, ohne seinen Appetit angeregt zu haben. Ein vorzüglicher Schinken und frische Sahne im Freien unter einer Hagebuchenlaube vor der bildschönen Landschaft aufgetischt, bescheren uns einen wahren Gaumenkitzel, während unsre Augen sich an Laub und Licht weiden.

Stellen wir uns also vor, wie unsere beiden Wanderer diskutierend, palavernd, Witze machend zunächst hinauf zum Auerbacher Schloss gelangt sind. Sie reden sich die Seelen frei, steigen auf den Burgfried und sehen übers Land, über das Ried bis in den Rheingraben und wittern dort drüben ihr freies Frankreich. Auch an einem Regentag ist es ein Aufatmen hier oben und ein herrlicher Blick auf die Bergstraße in ihrem farbgetüpfelten Gewand und auf den Melibokus. Wie ein von grüner Wolle überzogener Buckel eines Riesenreptils scheint er aus der Ebene aufzustehen. Über der zum Odenwald gewandten Seite der Burg wabern blauschwarze Wolkenhaufen heran und dort, auf eine der violett abgestuften Gebirgsfalten, muss der Felsberg sein, beim Dorf Reichenbach-Lautertal.

"Wie schön es wäre, sagten wir uns, so eine Reise zu machen, mit einer jungen Freundin, einer Gefährtin als Student verkleidet... Die Variationen, die wir uns über dieses Thema ausmalten, waren unendlich. Beim vertraulichen Plaudern über solche Frivolitäten gelangten wir unter einen gewaltigen Stein, der als die Riesensäule bezeichnet wird, dann sahen wir auf einem Berghang eine fast vollständige Säule, die ein Erdrutsch mit ziemlich viel Felsgestein teilweise bedeckt hat, dem man als Ganzes den pompösen Namen Felsenmeer gibt; aber für den, der die Alpen gesehen hat, lohnt es sich nicht erst hinzuschauen. Bald hat man dieses Geröll hinter sich."

Das Geröll, wie es Muston nennt, habe auch ich als Kind erklommen und es blieb mir als großes Geheimnis und Wunder in Erinnerung. Ein Meer aus Felsen, ein magischer Name. Wie es den Abhang herunter gebrochen kommt wie eine zu Stein gewordene Monsterwelle aus Urzeiten. Muston war ein erfahrener Alpinist. Büchner kannte nur den Odenwald und die Vogesen und sie stiegen das Felsenmeer von oben herab, wohl mit anderen Gedanken beschäftigt als der Frage nach der Entstehung dieser mystischen Steinkaskade. Jetzt sind nur wenige da, um sie zu erklimmen und man hat den Odenwald fast für sich alleine. Aber da kommt ein Mann des Weges, der sehr viel über dieses Meer aus Steinen zu berichten weiß.

"Wir müssen in der Zeit sehr lange zurückgehen. Und zwar vor gut 300 Millionen Jahren stießen hier zwei Kontinente zusammen. Die eine Platte hat sich unter die andere geschoben. Die erste wurde nach oben gedrückt und bildete ein circa drei Kilometer hohes Gebirge und die andere Platte ging in die Erdtiefe, wurde dort aufgeschmolzen und stieg als Magma wieder auf. Aber durch dieses enorme Gewicht des Bergmassivs, das da drüberlag, ist es stecken geblieben, ist ihm praktisch die Puste ausgegangen."


Günther Dekker ist Geschäftsführer des Felsenmeer-Informationszentrums und schnell stellt sich heraus, wie leidenschaftlich er seine Steine liebt und fast jeden beschreiben kann. In einem Jahrmillionen währenden Erosions- und Schichtungsprozess, durch chemische Reaktionen, Regenzeiten und die Eiszeit, während denen der in der Erde geschmolzene sogenannte Pluton zunächst erkaltete und später durch Abtragen der Erdschicht freigelegt wurde, kam es zu dem, was nun seit etwa 4000 bis 5000 Jahren als Felsenmeer liegen geblieben ist. Und wenn wir in weiteren 30 Millionen Jahren zurückkommen könnten, würde es verschwunden sein.

"Viele fragen, wie pflegt ihr denn das Felsenmeer. Wieso sind die Felsen so schön geputzt. Dann sage ich immer, jeden Sommer kommen Tausende von kleinen Kindern und putzen mit ihren Popos unsere Felsen blank. Sehen Sie mal die glatten Stellen, sehn Sie das? Das sind alles die glatten Stellen, wo die Kinder mit ihrem Popo runterrutschen."

Günther Dekker geleitet uns durch den Wald hinauf, dorthin wo eine Holzbrücke den Fluss aus Quadern quert. Eine gewaltige Landschaft, in die noch weiter oben die Römer einbrachen und einen Steinbruch einzurichten versuchten. Vermutlich auch Sägen haben sie konstruiert, die durch Gegengewichte zum Schweben gebracht wurden und mit Kupferblechen gegen den Stein vorrückten. Eine riesige und vergebliche Plackerei.

So blieben die Monolithe behauen und angeschnitten als unvollkommene Skulpturen für immer liegen und erhielten im Lauf der Geschichte Namen. Dieser flach angesägte heißt Altarstein, ein anderer Riesensäule. Oder die Pyramide, das Schiff und der Sarg. Vermutlich auf dem Altarstein saß Büchner, als Muston ihn in seinem Tagebuch zeichnete. Einmal von fern und einmal aus der Nähe ein Kopfbild: Mit dem zarten Gesicht, der hohen Stirn, den vollen runden Augen, dem wild gelockten Haar und dem kleinen Mündchen: "Für die Küsse", notierte Muston. Es gibt nicht viele Abbildungen von Büchners Gesicht. Diese ist eine sehr verspielte und wohl die berühmteste. Unterwegs diskutierten die beiden über "soziale und religiöse Erneuerung, Weltrepublik, Vereinigte Staaten von Europa und andere Utopien, von denen einige vielleicht Wirklichkeit werden", verzeichnet Muston.

Bald wanderten sie talabwärts, sahen auf den Dorfflecken Reichenbach wie wir auch. Ein vollkommenes Bild des Landidylls in grünem Flor, umrahmt von fülligem Laubwald, der die sonnenroten Dachschindeln beschattet.
Den Büchner, ja den Büchner, hat Günther Dekker noch gesagt, würde er sich gerne für sein Felsenmeer auf die Fahne schreiben. 150.000 Wanderer erklimmen es jährlich und kaum einer weiß von Büchners früher Romanze mit der Revolution an diesem Ort.

Ein letzter Szenenwechsel: Wir fahren das Lautertal hinab. Ein geschmeidiges Tal, reich geworden im schönen Schönberg, wo die Fürstenlinie der zu Erbach-Schönberg residierte. Gründerzeitvillen liegen in die Waldhänge geschmiegt, kühle Flussbäche rinnen entlang der Straße hinab, ein Heer von Steinmetzen stellt seine Skulpturen entlang des Weges aus: Grabsteine vor allem.

Ein Halt in Heppenheim, dem Städtchen, aus dem meine Familie kommt, früh von der Industrialisierung erfasst, mit schweren Bausünden der 70er- und 80er-Jahre verschandelt. Auf der langen, von langweiligen Discounterketten entstellten alten Hauptstraße prunkt aber noch immer der Gasthof "Zum Halben Mond". Schon im Handbuch für Reisende von 1816 ist er als beste Herberge erwähnt. Und auch unsere beiden erschöpften Wanderer, wie Muston notiert - "kamen todmüde hier an und schliefen wie im Himmel".

Der Rest scheint bekannt. 1833: Georg Büchner ist gezwungen, sein Auslandsstudium der Medizin in Straßburg abzuschließen und es nach den Gesetzen der Heimat im spießbürgerlichen Gießen fortzuführen. Im Sinn den Geist der Freiheit und der Französischen Revolution, kehrt er zurück in die strangulierende Zeit Metternichs und der deutschen Potentaten, des Vormärz und des Biedermeier. Und er hat das ihm Liebste in Straßburg zurücklassen müssen, seine Geliebte, seine Braut Minna Jaeglé, sein Leben. Er radikalisiert sich, entläuft und entspringt dieser Enge mit dem "Hessischen Landboten", eilt seiner Zeit voraus. Doch dafür ist ihm nicht genug Atem vergönnt. Am 13. Juni 1835 erscheint im "Frankfurter Journal" sein Steckbrief:

Gedenkstein für den deutschen Schriftsteller Georg Büchner in Zürich, Schweiz. Büchner lehrte an der Universität Zürich und starb dort im Jahre 1837. (picture alliance / dpa)Gedenkstein für den deutschen Schriftsteller Georg Büchner in Zürich, Schweiz. Büchner lehrte an der Universität Zürich und starb dort im Jahre 1837. (picture alliance / dpa)"Der hierunter signalisierte Georg Büchner, Student der Medizin in Darmstadt, hat sich der gerichtlichen Untersuchung seiner indicierten Theilnahme an staatsverräterischen Handlungen durch die Entfernung aus dem Vaterlande entzogen. Man ersucht deßhalb die öffentlichen Behörden des In- und Auslandes, denselben im Betretungsfalle festzunehmen."

Erschienen zwischen Kleinanzeigen für königlich-preußische Lotterielose, ein Eau de Toilette, genannt "Pariser Prinzessinnen Waschwasser", und für "Herren-Strohhüte nach jeder Facon".

Ein Todesurteil indessen für den aufstrebenden Studenten der Medizin. Alle Versuche, die bereits inhaftierten Gefährten der Studentenbewegung zu befreien, sind gescheitert. Büchners Mitautor am "Hessischen Landboten", Ludwig Weidig, wird nach zwei Jahren qualvoller Untersuchungshaft an der Folter sterben.

"Größe 6 Schuh und 9 Zoll neuen Hessischen Maases, Haare: blonde, Stirne: sehr gewölbt, Nase: stark, Mund: klein." So wird Büchner nun im Steckbrief seziert. Aber klug genug, die Entschlossenheit seiner Häscher vorauszusehen, hat er sich bereits nach Straßburg abgesetzt.

Bald entsteht die Novelle Lenz. Büchner hat nicht mehr viel Zeit, noch knappe drei Jahre des Daseins sind ihm vergönnt. Das düstere Ende des in die Verlorenheit treibenden Dichters Lenz erscheint wie die Erforschung der eigenen Seele des von nun an wie ein Wahnsinniger schreibenden Georg Bücher.

"Er saß mit kalter Resignation im Wagen, wie sie das Tal hervor nach Westen fuhren. Es war ihm einerlei, wohin man ihn führte; in diesem Zustand legte er den Weg durchs Gebirg zurück. Gegen Abend waren sie im Rheintale. Sie entfernten sich allmählich vom Gebirg, das nun wie eine tiefblaue Kristallwelle sich in das Abendrot hob, und auf deren warmer Flut die roten Strahlen des Abend spielten; über die Ebene hin am Flusse des Gebirges lag ein schimmerndes bläuliches Gespinst. Es wurde finster je mehr sie sich Straßburg näherten; hoher Vollmond, alle fernen Gegenstände dunkel, nur der Berg neben bildete eine scharfe Linie, die Erde war wie ein goldener Pokal, über den schäumend die Goldwellen des Mondes liefen. Lenz starrte ruhig hinaus, keine Ahnung kein Drang; nur wuchs eine dumpfe Angst in ihm, je mehr die Gegenstände sich in der Finsternis verloren."

Georg Büchner starb am 19. Februar 1837 in Zürich, gerade 24 Jahre alt, an einer Typhusinfektion. Erst 100 Jahre später hat Deutschland die Bedeutung seiner Werke für sich entdeckt.

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