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Romneys peinliche Europatour

US-Präsidentschaftskandidat zerschlägt viel außenpolitisches Porzellan

Von Dirk Birgel, "Dresdner Neueste Nachrichten"

Der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner Mitt Romey spricht während seiner Europatour in Warschau.
Der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner Mitt Romey spricht während seiner Europatour in Warschau. (picture alliance / dpa / Tomasz Gzell)

Bei seinem Besuch in Europa hat der designierte republikanische US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney kaum ein Fettnäpfchen ausgelassen. Doch bei näherer Betrachtung erscheint mancher seiner Fehltritte kühl kalkuliert, kommentiert Dirk Birgel von den "Dresdner Neueste Nachrichten".

Wie groß ist der Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen? Nach dem Besuch des designierten republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten in Europa ist man geneigt zu sagen: ein Romney!

Was sich der Herausforderer von Barack Obama in Großbritannien, Polen und Israel geleistet hat, geht gelinde gesagt auf keine Kuhhaut. Die Briten beleidigte Mitt Romney mit Äußerungen zu den Olympischen Spielen, in Polen irritierte er als Kalter Krieger, im Nahen Osten brüskierte er die Palästinenser.

In der Alten Welt schüttelt man den Kopf über den tapsigen Romney – so einer will Präsident der Vereinigten Statten werden? Sagen wir es so: Seit George W. Bush ist in dieser Hinsicht vieles vorstellbar.

Doch zurück zu Mitt Romney und seinen Patzern als Staatsmann auf Probe. Bei näherer Betrachtung erscheint mancher seiner Fehltritte kühl kalkuliert. Das gilt vor allem für seinen Auftritt in Israel. Mit seinem Säbelrasseln gegen den Iran wollte er den starken Mann markieren. Seine Erklärung, einen Präventivschlag gegen iranische Atomanlagen unterstützen zu wollen, sollte wohl Präsident Obama unter Zugzwang setzen und für Wohlwollen bei den Gastgebern sorgen.

Ebenso wie sein Geschwätz von der wirtschaftlichen Überlegenheit Israels gegenüber seinen Nachbarn, die der 65-Jährige mit den Unterschieden zwischen den Völkern zu erklären versuchte. Israel habe seine Kraft der Kultur und anderen Umständen zu verdanken, schwadronierte der Multimillionär. Nicht nur für die Palästinenser waren diese Äußerungen Ausdruck von latentem Rassismus. Kurzfristig dürfte das Romney kaum jucken. Er wollte jüdische Wähler mobilisieren und in Jerusalem Spendenschecks für seinen Wahlkampf einsammeln.

Sollte er aber sein Ziel tatsächlich erreichen, ist er in der arabischen Welt jetzt schon so gut wie verbrannt. Der Nahe Osten braucht die USA nicht als Scharfmacher, sondern als Vermittler. In dieser Rolle kann man sich Romney in Zukunft kaum noch vorstellen.

Ähnlich durchsichtig verhielt der frühere Gouverneur von Massachusetts sich in Polen, wo er eifrig über Russland herzog, seiner Ansicht nach Amerikas geopolitischer Gegner Nummer eins. Ja, bei Romney, da scheint der Eiserne Vorhang noch nicht gefallen zu sein. Dass viele internationale Konflikte nur mit den Russen zu lösen sind und nicht gegen sie, scheint er nicht mitbekommen zu haben. Oder ging es auch hier nur darum, polnisch-stämmige Wähler in der Heimat zu umgarnen. Die traditionell nicht gerade zu den Freunden Russlands zählen?

Vollends peinlich wurde es, als Romney in Polen von zahlreichen Journalisten mit kritischen Fragen bedrängt wurde. Er selbst zog sich selten wortkarg in seine Limousine zurück. Dafür holte sein Sprecher Rick Gorka tief Luft, bemühte zunächst ein Zitat des Götz von Berlichingen, um den Fragern schließlich zu empfehlen, sie mögen sich – Zitat - "verpissen". Man stelle sich vor, so ein Profi fungiert künftig als Sprecher des Weißen Hauses.

Die Briten schließlich meinte Romney mit einigen Hinweise auf die Olympischen Spiele beglücken zu müssen. Die Vorbereitung sei zum Teil nicht ermutigend gewesen, und er frage sich, ob die Briten sich ausreichend für die Spiele begeistern könnten. Nun zumindest diese Sorge sollte ihm inzwischen genommen sein. Im Land der Queen, immerhin der wichtigste Bündnispartner der USA, sollte er sich jedenfalls so schnell nicht wieder blicken lassen. Deren Untertanen ereiferten sich im Netz über Romneys verbale Ausrutscher, und auch der britische Premier David Cameron reagierte pikiert.

Stünde Romney nicht in den USA, sondern in Großbritannien zur Wahl, könnte er jeden Wähler persönlich an der Urne per Handschlag begrüßen. Selbst seine erzdumme Herausforderin Sarah Palin ist beliebter auf der Insel.

Dem wäre eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Außer dass Romney tatsächlich in den USA kandidiert. Und ob dort irgendjemand etwas von seinen Eskapaden jenseits des Großen Teichs mitbekommt, das darf doch stark bezweifelt werden.

Es dürfte die Amerikaner auch nicht allzu sehr interessieren, wie viel außenpolitisches Porzellan der Kandidat auf seiner Fettnapf-Tour zerdeppert hat. Die Amerikaner interessieren sich derzeit vor allem für drei Dinge und die dürften den US-Wahlkampf entscheiden: Jobs, Jobs und Jobs.

Es wird im November eine Abstimmung über die innenpolitische Bilanz Barack Obamas geben und darüber, mit wem das Volk die USA am besten für die Zukunft gerüstet sieht. Was irgendwer am anderen Ende der Welt über Obama oder Romney denkt, tut nichts zur Sache.

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