Montag, 11.12.2017
StartseiteUmwelt und VerbraucherWelternährung durch verschwindene Feldfrüchte gefährdet 05.12.2017

Rote Liste der WeltnaturschutzunionWelternährung durch verschwindene Feldfrüchte gefährdet

Die Rote Liste der bedrohten Arten und Pflanzen wird immer länger. Auch die wilden Verwandten von Reis, Weizen und Jams stehen unter wachsendem Druck. Der fortschreitende Landnutzungswandel sei die größte Bedrohung dieser für die Ernährung wichtigen Pflanzen, sagte Arnulf Köhncke, Artenschutzreferent beim WWF Deutschland im Dlf.

Arnulf Köhncke im Gespräch mit Georg Ehring

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Wilder Reis (imago/Manfred Ruckszio)
Die wilden Verwandten von Reis (im Bild Wilder Reis), Weizen und Jams sind in ihrem Bestand bedroht, so Arnulf Köhncke vom WWF. (imago/Manfred Ruckszio)
Mehr zum Thema

Gestörte und ungestörte Wälder Wie Abholzung die Artenvielfalt bedroht

Bundesweites Monitoring Inventur bei deutschen Insekten

Rote Liste von IUCN "Giraffen müssen unter einen noch strengeren Schutz gestellt werden"

Georg Ehring: Alarmstufe rot – das gilt für Tier- und Pflanzenarten, die auf der roten Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion landen. Heute Früh ist eine neue Ausgabe veröffentlicht worden und sie legt den Schwerpunkt auf die wilden Verwandten von Reis, Weizen und Jams. Bei letzterem werden ähnlich wie bei Süßkartoffeln die Wurzeln gegessen. Von diesen Arten stammen wichtige Kulturpflanzen ab, von denen sich große Teile der Menschheit ernähren. – Am Telefon begrüße ich Dr. Arnulf Köhncke vom WWF. Herr Köhncke, guten Tag!

Arnulf Köhncke: Guten Tag.

Ehring: Gibt es denn bald keine Wildvarianten dieser Pflanzen mehr?

Köhncke: Es gibt nicht keine Wildvarianten mehr, aber es hat sich gezeigt, dass ein großer Teil oder zumindest ein wichtiger Teil der wilden Varianten unserer zentralen Nahrungspflanzen Reis, Jams und Weizen in ihrem Bestand bedroht sind, und die wurden jetzt zum Teil zum ersten Mal überhaupt untersucht für dieses Update der internationalen roten Liste.

"Wir nehmen uns hier einfach Spielraum"

Ehring: Was hat das für Folgen? Was hat das für eine Bedeutung?

Köhncke: Reis ernährt etwa die Hälfte der Weltbevölkerung. Weizen ist die größte Quelle für pflanzliches Eiweiß in menschlicher Ernährung überhaupt weltweit. Und Jams, bei uns ja weniger bekannt, ist die zweitwichtigste Quelle für Ernährung in Afrika und auch in Lateinamerika und Asien sehr wichtig. Die Bedeutung liegt vor allen Dingen in der genetischen Vielfalt, die in der Zucht von modernem Saatgut von Bedeutung sein könnte, und wenn diese Pflanzen verschwinden, dann nehmen wir uns den Spielraum, so wichtige Pflanzen wie Reis, Jams oder Weizen, die für unsere Ernährung sehr wichtig sind, durch Forschung und Züchtung zu wappnen gegen extremer werdende klimatische Bedingungen und deren Folgen.

Es gibt da wirklich spannende Beispiele aus der neuen roten Liste. Zum Beispiel ist ein Verwandter von Weizen aus dem Nahen Osten bedroht jetzt geführt, und der wurde sogar schon genutzt als Quelle für Resistenz gegen Gelbrost, ein wichtiger Schadpilz an Getreide, und der vielleicht auch als Quelle für Salztoleranz wichtig sein könnte. Wir nehmen uns hier einfach Spielraum, dadurch, dass diese bedrohten Wildpflanzen vielleicht verschwinden.

Ehring: Das heißt, diese Wildpflanzen müsste man sammeln und katalogisieren und auch untersuchen, um unsere Nutzpflanzen zu verbessern?

Köhncke: Es gibt ja schon Bemühungen, Varianten von Pflanzen zu konservieren auch für die Zukunft, aber das Problem ist, dass wir natürlich noch lange nicht alle Arten und Varianten kennen. Und was durch Landnutzungswandel und Ähnliches verschwunden ist, das können wir dann auch nicht mehr aufbewahren. Die effizienteste Methode bleibt einfach der Schutz der Pflanzen im Freiland, und genau da ist eventuell noch Spielraum, wie Sie gerade gesagt haben, für Forschung und Entwicklung, damit wir Ernährungssicherheit auch in Zukunft in Zeiten der Erderhitzung sicherstellen können.

"Es muss genug Geld für Schutzgebiete geben"

Ehring: Das sind sehr unterschiedliche Pflanzen. Gibt es einen gemeinsamen Nenner, der sie bedroht?

Köhncke: Ja, den gibt es. Das ist insgesamt der fortschreitende Landnutzungswandel. Das bedeutet, dass die natürlichen Lebensräume der Pflanzen in Äcker umgewandelt werden, oder durch zu intensive Beweidung zerstört werden, dass Düngemittel und Pestizide übermäßig eingesetzt werden und dass da gefährliche Abhängigkeiten entstehen in der Landwirtschaft von wenigen Pflanzen, viel Düngemittel, viel Pestiziden, die am Ende die Artenvielfalt bedrohen und unsere eigene Nahrungssicherheit aufs Spiel setzen.

Ehring: Wir haben jetzt über diese Kulturpflanzen gesprochen beziehungsweise über ihre wilden Varianten. Ist das auch allgemein die größte Bedrohung für wilde Arten, oder gibt es da noch andere Faktoren?

Köhncke: Die größte Bedrohung für wilde Tier- und Pflanzenarten ist der Verlust ihrer Lebensräume, typischerweise durch den Menschen getrieben durch Auswertung landwirtschaftlicher Flächen, durch Entwaldung, Umwandlung von zum Beispiel Grasländern in Plantagen. Dahinter kommt dann gleich die Übernutzung, das heißt die Überfischung im Meer, die Übersammlung und teilweise natürlich auch die Wilderei auf so berühmte Arten wie Nashörner, Elefanten und auch Tiger. Und obendrauf kommt natürlich immer noch der Klimawandel als generelle Bedrohung, die diese gefährdeten Arten noch weiter unter Druck setzt, aber auch teilweise invasive Arten und Umweltverschmutzung.

Ehring: Wie wichtig sind denn Schutzgebiete für wilde Arten? Da ist ja die wirtschaftliche Nutzung begrenzt.

Köhncke: Das stimmt. Die große Herausforderung liegt natürlich genau in dieser Vereinbarkeit zwischen wirtschaftlicher Nutzung und Natur- und Artenschutz. Eine große Studie, die 2016 veröffentlicht wurde und weltweit mehrere tausend Orte untersucht hat, konnte aber zeigen, dass wir ungefähr elf Prozent mehr Arten in Schutzgebieten haben, verglichen mit außerhalb von Schutzgebieten. Das deutet sehr stark darauf hin, dass Schutzgebiete wirklich funktionieren für Artenschutz, und die Studie zeigt sogar, dass sie am besten funktionieren, Tiere und Pflanzen am effektivsten schützen, wenn die menschliche Landnutzung innerhalb der Schutzgebiete möglichst gering ist, wenn Lebensräume wie primäre Tropenwälder oder Grasländer wirklich gut geschützt werden können.

Und das zeigt dann auch sofort, dass damit Schutzgebiete wirklich Arten gut schützen können, sie gut betreut, gut gemanagt sein müssen, dass es genug Geld geben muss, damit diese Schutzgebiete nicht nur auf dem Papier existieren, sondern es genug Wildhüter zum Beispiel gibt, es klare Grenzen gibt und die Leute diese Schutzgebiete auch respektieren können.

Ehring: Arnulf Köhncke vom WWF war das. Wir sprachen über die neueste Ausgabe der roten Liste bedrohter Arten. Herzlichen Dank dafür.

Köhncke: Sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk