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Roter Stern Leipzig

In Sachsen kämpft ein Fußballverein für Toleranz und gegen Fremdenhass.

Von Robert Hunke

Das Ortseingangsschild der sächsischen Kleinstadt Mügeln.
Das Ortseingangsschild der sächsischen Kleinstadt Mügeln. (AP)

An diesem Wochenende jährt sich der Neonazi-Skandal von Mügeln. Der rechtsradikale Konsens im sächsischen Fußball ist auch weiterhin vorhanden. Das Verständnis des Landesverbandes für den Kampf des Roten Sterns gegen Rechts ist nicht gerade gestiegen, die Fronten sind verhärtet.

Roter Stern Leipzig ist ein Amateur-Fußballklub der sich für Toleranz und gegen Fremdenhass einsetzt. Doch, was vor genau einem Jahr im kleinen Ort Mügeln, etwa 60 Kilometer außerhalb von Leipzig passiert, ist ein Albtraum. Die alternative Mannschaft aus dem Leipziger Süden muss an diesem Tag mal wieder in die sächsische Provinz reisen. Nach Mügeln eben. Als das Unglaubliche passiert.

"Also in Mügeln war es eben nicht nur so, dass uns gegenüber so eine geschlossene Nazigruppe stand, von der man auch denken könnte, dass es keine Fans des Vereins sind. Sondern, dass die eben von außerhalb und nur wegen uns am start waren. Sondern in Mügeln war es so, dass so ein Volks-Mopp am Start war. Und von denen haben Etliche dieses Lied gesungen: "Eine U. Bahn bauen wir…von Jerusalem bis nach Auschwitz!" Ganz deutlich. Das waren Leute die waren aus dem Ort dort, die hängen schon zum Teil da in den Nazi-Strukturen drin, aber das waren eben ganz normale Mügelner Bürger gewesen. Die auch Leute vom Verein durchaus kannten. Von Anfang an bis zur 80 Minute wurde gesungen, nahtlos….ältere Leute….insofern zieht das Argument nicht, das Argument von den Außerirdischen die plötzlich so über die Vereine kommen, die Vereine haben nichts geahnt und so weiter und sofort."

Erklärt die Diplom-Politologin und Sprecherin des Vereins, Ulrike Fabich.
Bezeichnend und stellvertretend dafür ist der an diesem Tage beim Spiel vor Ort anwesende Bürgermeister des Ortes, Gerhard Deuse, der bereits in anderen Fällen durch Verharmlosung von Rechtsradikalismus aufgefallen war. Er sagte später: er habe nichts gehört.
Das Problem der Justiz ist dabei: Stadion oder Platzverbote sind nicht Sache der Polizei, sondern des Veranstalters und die sind angewiesen auf die wenigen zahlenden und Bier trinkenden Zuschauer.

Ein Spieler von Roter Stern Leipzig, der aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden möchte, verdeutlicht die Klischees mit denen der Verein täglich zukämpfen hat und benennt die eigentlichen Ziele des politisch und sozial engagierten Klubs:

" Einerseits sind da die Rechten und auf der anderen Seite sind wir. Und wenn es uns nicht geben würde, dann gäbe es keine Probleme, dann wäre die Welt in Ordnung. Das finde ich ganz schön traurig, ist aber ziemlich bezeichnend für einen Umgang von offiziellen Stellen oder anderen Vereinen mit uns. Also wir sind die Linken, ohne uns würde es die Rechten nicht geben! Und das große Problem sind ja die Normalbürger die klammheimliche Freude haben, wenn die Nazis so losziehen. Also es gibt diesen rassistischen Konsens in vielen Gebieten im Osten. Antirassismus, Antifaschismus sind doch eigentlich nicht explizit links definiert, sind sie hier aber immer noch!"

Und kommen in der Provinz oft nicht so gut an. Bereits ein halbes Jahr zuvor wurde die Hobbymannschaft bei einem anderen Auswärtsspiel im kleinen Dorf Brandis von über 50 Neonazis über den Platz gehetzt, es gab Schwerverletzte. Ein Roter Stern Spieler hat sich von seinen Trümmerbrüchen bis heute nicht erholt, ist dazu noch nahezu vollständig erblindet.

" Die Nazis stürmten auf Feld, fingen an Steine zuwerfen, Flaschen zuwerfen und mit den mitgebrachten Eisenstangen auf uns, auf die Fans einzuschlagen."

Die Polizei war unzureichend aufgestellt, kam zu spät, war überfordert. Genau wie in Mügeln.
Seitdem wird seitens der Polizei gefilmt, um später immerhin strafrechtlich ermitteln zu können.
Vorfälle eines Hallenturniers aus dem Januar dieses Jahres belegen sogar: es gibt in Sachsen für die Antifaschisten mittlerweile "no go areas", wie der Spieler von Roter Stern Leipzig belegt, der namentlich lieber unerwähnt bleiben möchte:

"Es war in Balrode das Hallenturnier…das ist jetzt auch kein angenehmer Ort für uns. Demnach war es zu erwarten, dass Nazis auftauchen würden. Und sie fingen auch gleich offensiv an. Das begann mit Rufen wie "Ostdeutschland ist Naziland!" und "Juden raus!"-Rufen. Ich war fassungslos."

Obwohl der DFB Roter Stern Leipzig lobt und mit dem Julius Hirsch Preis für Toleranz auszeichnet, kommt der sächsische Fußballverband immer wieder mit Täter-Opfer- Verschiebungen daher. Ein Nestbeschmutzer sei der Verein, so der innoffizielle Tenor.

Auf unsere Anfrage zur Stellungnahme erhalten wir ausschließlich unmissverständliche Absagen.
Der Rote Stern bekäme ja für seinen öffentlichkeitswirksamen Kampf gegen rechts schließlich auch Geld vom Freistaat Sachsen, so die Aussage eines Mitarbeiters der sächsischen Polizei im Interview und fügt hinzu, dass der Verein die Rechten provoziere.

Später autorisiert die Polizei dieses Interview nicht und erteilt für diese Aussagen keine Sendeerlaubnis. Ärger schwingt da bei der Polizei mit über den wöchentlichen erhöhten Einsatz. Aber bloß nicht negativ auffallen. Der mediale Hilferuf von Roter Stern Leipzig und die Einstellung über den Sport gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, wird dem Klub hingegen als unnötiges bundesweites Staubaufwirbeln ausgelegt.

"Auch das ist bezeichnend mit dem Umgang vieler Menschen hier mit dieser Problematik. Also ob es jetzt Antisemitismus oder Antirassismus ist…die wissen überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen, weil für die so was halt auch einfach nicht so schlimm ist, ja!"

Und so bleibt auch in der Schlussphase der Saison für RSL nur die Hoffnung nicht ganz alleine gegen den sächsischen Fußballalltag zukämpfen. Auf Wunsch des Gegners SV Süptitz, wurde das Spiel gegen Roter Stern Leipzig am letzten Wochenende in Absprache mit der Polizei und dem Verband auf unbestimmte Zeit verschoben! Die Angst der kleinen Vereine ist zu groß. Vor der nicht zustemmenden Last und Verantwortung. Auch gegenüber den eigenen Zuschauern und vor den Neonazis aus den umliegenden Dörfern, die von Auswärtsspielen des linken Klubs angelockt werden. Ein zweites Mügeln, das belegen die Sicherheitsbedingten Spielabsagen, scheint nur eine Frage der Zeit.

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