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StartseiteDeutschland heuteStrahlende Vergangenheitsbewältigung25.02.2016

Rückbau der DDR-KernkraftwerkeStrahlende Vergangenheitsbewältigung

Der Osten Deutschlands hat in Bezug auf den Rückbau von Atommeilern einen beträchtlichen Erfahrungsvorsprung. Denn das DDR-Kombinat Kernkraftwerke "Bruno Leuschner" mit Standorten im Rheinsberg und Greifswald-Lubmin geschaffen wurde nach der Wende rasch abgeschaltet - seit nunmehr 21 Jahren wird hier demontiert und abgerissen.

Von Silke Hasselmann

Blick vom Dach des EWN-Verwaltungsgebäudes auf die Lubminer Reaktorblöcke 2 bis 4. Dahinter das 880 Meter lange Ex-Generatorengebäude.  (Deutschlandradio - Silke Hasselmann)
Blick vom Dach des EWN-Verwaltungsgebäudes auf die Lubminer Reaktorblöcke 2 bis 4. Dahinter das 880 Meter lange Ex-Generatorengebäude. (Deutschlandradio - Silke Hasselmann)
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Henry Cordes ist Vorstandschef der Energiewerke Nord (EWN). Das Greifswalder Unternehmen ist Rechtsnachfolger des DDR-Kernkraftwerkekombinates und seit 1995 im Auftrag des Bundes damit befasst, die ostdeutschen Anlagen rückzubauen. Angekommen auf dem 40 Meter hohen Dach des Verwaltungsgebäudes, überblicken wir das riesige Gelände am Greifswalder Bodden. Die alten Kraftwerksblöcke und Schornsteine stehen noch. Dennoch meint Henry Cordes:

"Ich sehe einen relativ großen Fortschritt. Wir sind in vier zentralen Blöcken mit 94 Prozent bis 99 Prozent ausgeräumt. Wir haben Stand heute ungefähr 500.000 Tonnen Massen von 1,8 Millionen Tonnen insgesamt hier am Standort demontiert. Ich sehe aber auch nach wie vor jede Menge Beton, die wir in den nächsten Jahren rückbauen werden."

Rückbauziel ist 2028

Ursprünglich sollten die nuklearrelevanten Gebäude hier in Greifswald-Lubmin seit vorigem Jahr abgerissen sein, in Rheinsberg sogar seit 2012. Doch dann schwenkten die Geschäftsführung und das Bundesfinanzministerium als Gesellschafter auf eine Langzeitverwahrung um. Die Gebäude sollten zunächst jeweils 50 Jahre abklingen und erst dann mit weniger Aufwand abgerissen werden. Doch die dafür nötigen Genehmigungen blieben aus, erklärt EWN-Chef Cordes die erneute Kehrtwende:

"Heißt im Klartext: Wir haben einige Jahre verloren. Neues Rückbauziel ist jetzt hier 2028, in Rheinsberg am Schwesterstandort 2025. Danach kann der zivile Bagger anrücken, die Planierraupe, und das zusammenschieben."

Immerhin sind fast alle Blöcke leer, die kerntechnischen Anlagen demontiert. Davon wiederum warten rund 99 Prozent im Zwischenlager Nord darauf, hierher zu kommen. In der Zentralen Aktiven Werkstatt zerkleinern und dekontaminieren Meister Mincwel und seine Kollegen nach und nach alle atomar verschmutzten Geräte, Rohre, Bauteile.

"Hier werden die Oberflächen mit Hochdruck bearbeitet, sodass alle Verunreinigungen, die darauf sind, also Farbschichten und so weiter - das wird alles abgetragen. Es kommt nachher metallisch rein wieder raus."

Bisher 3,2 Milliarden Euro an Kosten

In anderen luftdicht abgeschlossenen Kabinen kommen Hochdrucksandstrahl oder Chemie zum Einsatz. Übrigens: Wer die Zentrale Aktive Werkstatt betritt, muss im Sicherheitsbereich seine Privatkleidung komplett aus- und bereitgestellte Unterwäsche, Overalls, Strümpfe, Schuhe anziehen. Vor dem Verlassen geht es andersherum und durch die Strahlenkontrolle.

"Rechten Fuß positionieren. Linke Hand einlegen. Rechte Hand einlegen. Drei – zwei – eins. Vielen Dank. Keine Kontamination. Bitte durchgehen!"

Bisher sind rund 3,2 Milliarden Euro in den Rückbau der Kernkraftwerke Rheinsberg und Greifswald-Lubmin geflossen. Selbst, wenn die Reaktorblöcke plattgemacht sein werden, bleibt für die rund 850 Mitarbeiter in Lubmin noch lange viel zu tun. Einerseits ist deren Know-how beim kontrollierten Rückbau von einst aktiven Atomkraftwerken national ebenso gefragt wie in Armenien, Südkorea, Japan. Zum anderen warten in den riesigen Hallen 1 bis 7 des Zwischenlagers Nord circa 26.000 Tonnen kontaminierter Geräte und Anlagen darauf, zu handelsüblichem Schrott zu werden.

Die Halle 8 hingegen beherbergt seit zehn Jahren die Kernbrennstäbe und aktivierten Reaktorteile aus Lubmin und Rheinsberg. Die damit gefüllten 74 Castor-Behälter werden so lange im vorpommerschen Zwischenlager Nord bleiben, bis der Bund eine geeignete, das heißt, unterirdische Endlagerstätte gefunden und geöffnet hat. Das werde dauern, sagt EWN-Vorstandschef Henry Cordes. Das soll laut Gesetz 2050 geschehen. Doch EWN-Vorstandschef Henry Cordes ist sich sicher, dass die eine Überführung der DDR-Kernbrennstäbe noch viel länger auf sich warten lassen wird.

"So, wie jetzt Endlagersuche gestaltet wird, muss ich davon ausgehen, dass das Zwischenlager Nord bis Ende des Jahrhunderts Bestand hat. Und das heißt auch, dass wir in der Sicherheitskonzeption selbstverständlich für 100 Jahre planen müssen. Das wird nicht überall gern gehört. Aber das ist die Wahrheit, die wir in Deutschland zu gewärtigen haben."

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