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Rückkehr eines Erregers

Im Krisenherd Syrien ist die Kinderlähmung wieder aufgetreten

Reinhard Burger im Gespräch mit Ralf Krauter

Die schlechten Verhältnisse im Bürgerkriegsland Syrien haben die Kinderlähmung aufflammen lassen.
Die schlechten Verhältnisse im Bürgerkriegsland Syrien haben die Kinderlähmung aufflammen lassen. (picture alliance / dpa / Jamal Nasrallah)

Medizin. - Der Bürgerkrieg in Syrien hat das einst vergleichsweise wohlhabende Land wirtschaftlich ruiniert, jetzt ist wohl auch der medizinische Standard unter die Räder gekommen. Die WHO warnt vor den Anfängen einer Polio-Infektionswelle in der östlichen Provinz Deir-al-Zour. In Europa erwartet man mit den syrischen Flüchtlingen auch den Erreger der Kinderlähmung. Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Professor Reinhard Burger, berichtet im Gespräch mit Ralf Krauter über den derzeitigen Informationsstand.

Krauter: Wie besorgt verfolgen Sie und Ihre Leute den Ausbruch der Polio in Syrien?

Burger: Dieses Auftreten von Kinderlähmung in einem Gebiet, das vorher frei war von Polio, das ist schon ein gewisses Alarmsignal, das ist ein Anlass für erhöhte Wachsamkeit in Deutschland. Es ist lässt sich nicht auszuschließen, dass aus diesem Gebiet der Erde, Syrien - aber es gibt jetzt auch Fälle in anderen Gebieten, Somalia und jetzt auch Israel - dass hier Fälle importiert werden. Hier müssen wir also wachsam sein.

Krauter: Die europäische Gesundheit Behörde ECDC in Stockholm, die sieht das ähnlich. Sie hat gesagt: Es gibt ein reales Risiko für einen Übertrag der Erreger nach Europa. Wie groß ist dieses Risiko wirklich?

Burger: Wir sehen nicht die Gefahr, dass jetzt hier in Deutschland eine große Epidemie ausbricht. Hier sind glücklicherweise die Menschen und Kinder zu etwa 95 Prozent geimpft. Das ist also eine hinreichende Durchimpfung, um eine Übertragung von Mensch zu Mensch im größeren Umfang zu verhindern. Es schließt aber nicht einzelne Fälle aus. Und die Gefahr ist auch höher, wenn zum Beispiel Flüchtlinge in beengten Quartieren untergebracht sind. Also Polio ist auch ein Problem der fehlenden Hygiene oder schlechter Versorgung mit Wasser und Abwasser, da kann es leichter zu Übertragung kommen. Speziell auch durch kleine Kinder, wenn die das Virus ausscheiden.

Krauter: In Europa galt das Polio-Virus ja seit 2002 als offiziell ausgerottet. Wie gut wären wir denn, lassen wir Deutschland jetzt mal außen vor, in Europa, speziell auch in Osteuropa gerüstet für eine Neuinfektionswelle?

Burger: Gerade in Ländern Osteuropas würde man sich wünschen, dass in einzelnen Ländern die Durchimpfungsrate höher ist. Wie in Syrien sind immer politische Umwälzungen Unruhe im Land Anlass, dass diese Basis-Gesundheitsstrukturen leiden und die Impfrate sinkt, und damit steigt einfach die Gefahr des Importes. Wir hatten auch schon in der WHO-Region Europa in den vergangenen Jahren einzelne Importe von Polio, die dann jeweils wieder lokale, intensive Impfaktionen, Impfkampagnen erfordern, um eine Ausbreitung zu verhindern.

Krauter: Kann man denn sagen, wie hoch die Impfquote in der Bevölkerung sein muss, damit einer Ausbreitung, eine großflächigere, praktisch verhindert wird?

Burger: Hier wird immer 95 Prozent als ein Orientierungswert angegeben, der erfüllt sein soll. Dahinter steckt, dass einfach bei einem Fall die Wahrscheinlichkeit, ein empfängliches Individuum zu treffen, dann sehr gering wird, und selbst wenn es dann zu einer Übertragung kommt, dass das dann in der Regel eine Sackgasse ist. Also der Erreger kann sich dann nicht systematisch von Mensch zu Mensch ausbreiten.

Krauter: Und in Deutschland. Haben wir diese 95 Prozent Impfquote noch?

Burger: Ja, in Deutschland ist diese Impfquote vorhanden. Und das ist auch beruhigend und gut.

Krauter: Obwohl die Impfbereitschaft und wohl auch die Impfrate heruntergegangen ist in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich?

Burger: Ja, Polio ist an sich ganz gut geimpft hier. Hier ist es die Gruppe der jungen Erwachsenen, wo eine Auffrischimpfung angebracht ist, wie es auch bei anderen Infektionen ist, wie zum Beispiel Masern. Hier ist auch die Problemgruppe die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, wo eine Auffrischungsimpfung versäumt wurde.

Krauter: Als ein kleiner Appell, mal in die Pässe reinzuschauen und das vielleicht auffrischen zu lassen...

Burger: Nicht ein kleiner Appell, ein nachdrücklicher Appell.

Krauter: Das heißt, das wäre schon sinnvoll?

Burger: Das wäre sehr sinnvoll, ja. Das sind ja sehr schwere Erkrankungen. Polio ist eine schwere Erkrankung und sie ist impfbar. Es gibt keine Therapie, sie kann sogar tödlich verlaufen, also nicht nur die Lähmung, sie kann auch tödlich verlaufen, wenn die Atemmuskulatur betroffen ist. Dagegen sollte man geschützt sein.

Krauter: Was halten Sie von den geplanten oder bereits angelaufenen Impfkampagnen in Syrien? Sind die ausreichend, um das Problem in den Griff zu bekommen, oder müsste da vielleicht vor Ort sogar noch mehr passieren?

Burger: Natürlich müsste noch mehr passieren. Aber für die Umstände, die in diesem Land jetzt herrschen, sind diese von Unicef getragenen Impfkampagnen doch schon sehr intensiv. Je schneller und intensiver, umso besser. Aber ich glaube in der gegebenen Situation wird man schwer noch intensiver im Moment impfen können. Aber es läuft in großen Touren, millionenfach wird geimpft.

Krauter: Wie gut ist das Monitoring in Europa, speziell in Deutschland? Würde man das frühzeitig mitkriegen, wenn die Erreger sozusagen ins Land käme. Weil, nur ganz wenige werden ja wirklich krank davon?

Burger: Ja, also die gut erkennbare Polio-Symptomatik - also der schlaffen Lähmung an den Extremitäten - das zeigt nur jeder Hundertste oder noch seltener der Infizierten. Es ist also wichtig, dass man letztlich impft, weil man all die stillen Infektionen nicht erkennen kann. dass man diese schlaffen Lähmung erkennt, zeigt immer, dass schon eine ganze Reihe anderer Infizierter ebenfalls vorhanden sind.

Krauter: Das heißt, man würde immer nur die Spitze des Eisbergs letztlich sehen?

Burger: Ja. So ist es.

Krauter: Welche Art der Impfung ist sinnvoll. Die Schluckimpfung wäre eigentlich die Methode der Wahl, weil die die Gefahr, das Virus weiter zu tragen, stärker reduziert als die eigentlich übliche Impfung bei uns?

Burger: Die Schluckimpfung hat den Vorteil, dass sie leicht durchführbar ist und in großer Zahl angewandt werden kann. Das ist bei der Impfung mit einem inaktivierten Virus schwieriger. Sie hat aber auch Nachteile, weil es wird ein Lebendvirus verwendet. Und es kann in sehr seltenen Fällen praktisch sich rückverwandeln durch Mutationen in ein Wildvirus, und damit hätte man praktisch genau den Effekt, den man nicht erreichen will. Das heißt, in seltenen Fällen kommt es dann auch zu impfassoziierter Polio. Deswegen ist in Nichtnotsituationen wie es jetzt der Fall ist, vorzuziehen, den inaktivierten Impfstoff zu verwenden. Der aber injiziert werden muss.

Krauter: Es ist aber doch schon so, dass, selbst wenn man geimpft ist, man trotzdem das Virus bekommen kann?

Burger: Die Impfung mit dem inaktivierten Wirkstoff schützt das Individuum, er kann aber dennoch vom Virus besiedelt sein und kann es ausscheiden. Also bei einer Belastung, wie in einem Gebiet wie jetzt in Syrien ist, hat der Lebendimpfstoff Vorteile, dass nämlich die Betroffenen das Virus nicht mehr ausscheiden können und damit zu weiteren Infektionen führen können.

Krauter: Wie hoch auf ihre Krisen Agenda steht Polio derzeit?

Burger: Das ist im Moment in diesen Tagen schon sehr hoch. Also hier müssen wirklich jetzt die Maßnahmen hingesetzt werden, wenn Flüchtlinge oder Reisende aus diesen Ländern kommen, dass der Impfstatus kontrolliert wird, dass gegebenenfalls geimpft wird. Und es wäre angebracht, dass gerade bei Kleinkindern, also die Gruppe, die jetzt durch die Umwälzungen im Teil nicht geimpft ist, dass man dort auch kontrolliert, dass diese Kinder nicht das Virus ausscheiden und somit eine Quelle für weitere Infektion darstellen können.

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