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StartseiteHintergrund"Ich bin mit leeren Händen gekommen"13.02.2018

Rückkehr in den Senegal"Ich bin mit leeren Händen gekommen"

Der Senegal gilt als Musterland in Afrika. Trotzdem fliehen Tausende nach Europa auf der Suche nach Stabilität, Arbeit, Bildung. Doch die Bleibe-Chancen sind gering - in Deutschland gilt der Senegal als sicheres Herkunftsland. Freiwillig gehen nur wenige in ihre Heimat zurück.

Von Barbara Schmickler

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Macky Aidara, 25, am Flughafen in Dakar (deutschlandradio / Barbara Schmickler)
Macky Aidara, 25, am Flughafen in Dakar. Er hatte sich im Juni 2017 nach Europa aufgemacht, musste aber zurück - denn der Senegal gilt als sicheres Herkunftsland. Seine Eltern erwarten, dass er es wieder in Europa versucht, damit er sie ernährt. (deutschlandradio / Barbara Schmickler)
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Flughafen Dakar. Es ist nach Mitternacht. Ein großer leerer Raum. Die Wände sind steril. Nur eine Wand ist fast komplett bedeckt mit der grün-gelb-roten Flagge des Senegal. In der Mitte des Raumes rücken Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration, kurz IOM, beige Plastikstühle zurecht. Gleich soll hier ein Charterflug aus Libyen landen, der Flüchtlinge zurück in den Senegal bringt. Jo-Lind Roberts, von der IOM, organisiert und begleitet solche Charterflüge.

"Es geht um Migranten, die während ihrer Flucht nicht mehr können, die kein Geld mehr haben oder Gesundheitsprobleme. Sie bekommen Hilfe. In der Regel sind es junge Menschen, die keine gute Bildung hatten."

Die Internationale Organisation für Migration wurde 1951 auf Initiative von den USA und Belgien in Brüssel gegründet. Sie hat sich dem Grundsatz verpflichtet, sich für eine humane und geordnete Migration einzusetzen. Ihr gehören 166 Mitgliedstaaten an, auch Deutschland. Seit September 2016 ist die IOM Teil der Vereinten Nationen. Die IOM betreibt auch ein Büro in Dakar; dort wurde der Charterflug organisiert.

163 erschöpfte Rückkehrer aus Europa

In der Wartehalle des Flughafens ist auch Oberst Boubacar Touré, er gehört dem Nationalen Komitee für die Angelegenheiten von Flüchtlingen und Rückkehrern an, das der Regierung unterstellt ist. Gleich wird er die zurückgekehrten Migranten als Vertreter der Regierung begrüßen.

"Sie haben Dinge erlebt, die wir uns nicht vorstellen können. Seit ihrer Abfahrt von hier bis Libyen."

Eine Tür geht auf. Geordnet, einer nach dem anderen, betreten die Rückkehrer den Raum. Sie tragen alle den gleichen schwarz-blauen Trainingsanzug. Manche haben sich ein weißes Handtuch um den Hals gelegt, andere verdecken damit ihr Gesicht. Es sind 159 Männer, drei Frauen und ein Baby. Einige werden von Helfern gestützt. Auch der 25-jährige Macky Aidara ist heute mit im Flugzeug gewesen. Er ist groß gewachsen und wirkt sportlich. Er hatte sich im Juni 2017 auf den Weg nach Europa gemacht.

"In Libyen haben sie uns gesagt, sie würden uns auf ein Boot bringen. Aber dann kam die Polizei und wir sind weggerannt, gerannt wie die Verrückten. Sie haben uns trotzdem festgenommen und uns gesagt, sie wollen, dass alle Afrikaner Libyen verlassen sollen. Wir kamen ins Gefängnis. Das war sehr anstrengend, wir haben gelitten. Sie haben uns geschlagen und fertiggemacht. Selbst etwas zu essen zu bekommen war ein Problem. Wir wurden geschlagen wie Tiere."

Weiter möchte Macky nicht darüber sprechen.

"Meine Eltern haben mich gedrängt, nach Europa zu gehen"

Im Flughafen müssen die Rückkehrer nun mehrere Stationen durchlaufen - zum Beispiel einen Gesundheitscheck und die Feststellung von Identität und Alter.

Jeder Rückkehrer hier bekommt eine Nummer zugeteilt. Neben Macky wartet Ibrahim. Er ist 20 Jahre alt und hat gerade seine Ersatz-Papiere bekommen.

"Das ist alles, was ich noch aus Libyen habe."

Während er das sagt, bringt ein Mann das Gepäck der Rückkehrer in den Hangar. Vier Koffer und ein paar Decken. Ibrahim kommt aus Tambacounda. Das ist eine Stadt im zentralen Senegal, die wegen ihrer geografischen Lage als Knotenpunkt für Migranten gilt.

"Ich möchte meine Familie sehen. Ich habe seit sieben Monaten nichts von meiner Mutter gehört."

Wie er zu seiner Familie kommt, weiß er nicht, auch nicht was er danach machen will. Er sagt, sein Kopf sei leer. Ibrahim ist zierlich und dünn. Er erzählt, er habe sich im Dezember 2016 auf den Weg gemacht.

"Meine Eltern haben keine finanziellen Mittel gehabt, deshalb haben sie mich gedrängt nach Europa zu gehen. Sie haben mich gezwungen, die Route durch die Wüste zu nehmen. Am Anfang waren wir 26, dann sind vier gestorben. Wir hatten kein Wasser und drei Tage lang eine Panne. Ich bereue, dass ich diese Route genommen habe."

Migration gilt als "sozialer Aufstieg"

Als Oberst Touré die Rückkehrer begrüßt, sagt er ihnen, dass sie einen Fehler gemacht hätten. Das könne passieren, sie seien jung. Dann verspricht er, dass der Staat ihnen bei der Wiedereingliederung helfen wird. Ein Migrant unterbricht ihn, er erzählt, dass er nun zum zweiten Mal eine Flucht abgebrochen habe und zurückgekehrt sei, die versprochene Hilfe vom Staat habe er beim ersten Mal nie gesehen.

Schon in den 1970er und 1980er Jahren gingen Senegalesen nach Europa, arbeiteten dort und schickten Geld an ihre Familien. Als sie nach Jahren in Europa zurückkamen, bauten sie Häuser und genossen ein hohes Ansehen. Soziologisch wirken diese Europa-Erfahrungen in der senegalesischen Gesellschaft immer noch nach. Noch heute gilt es als sehr angesehen, wenn der eigene Sohn oder Bruder in Europa ist. Migration gilt als "sozialer Aufstieg." Wer in Europa angekommen ist, hat es nach dieser Logik "geschafft".

Selbst wenn es den Migranten in Europa nicht gut geht, nähren sie - zum Beispiel über soziale Netzwerke - den Eindruck, sie lebten in Saus und Braus. Die Freunde im Heimatland sehen diese Bilder aus Europa - und denken dann ebenfalls über eine Flucht nach, erzählt Oberst Touré:

"Sie erliegen der Versuchung, die soziale Netzwerke und das Fernsehen erzeugen."

"Ihr BiId von Europa beruht auf Telenovelas"

Allein von Januar bis August 2017 wurden mehr als 5.500 Migranten aus dem Senegal in Italien registriert. Für Jo-Lind Roberts von der Internationalen Organisation für Migration ist auch mangelnde Aufklärung über die Zielländer ein großes Problem.

"Die meisten jungen Leute sind schlecht informiert. Ihr BiId von Europa beruht auf Telenovelas und Serien, in denen alle viel Geld und große Häuser mit Schwimmbad haben. Das ist nicht das richtige Leben. Es gibt eine Veränderung in Dakar, aber vor allem auf dem Land ist der Mythos vom Eldorado Europa noch präsent. Es ist nicht etwas, was man einfach mit einem Fingerschnipsen wegmachen kann."

Die Familien setzen darauf, dass ihre Angehörigen im Ausland Geld schicken. 2016 betrug der Anteil der Überweisungen knapp 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also etwa zwei Milliarden US-Dollar. Das bringt Geld ins Land und wird von vielen positiv gesehen.

"Wenn sie zurückkommen, gibt es Druck aus den Familien"

Wer diese Hoffnung enttäuscht, gilt oft als Versager, weiß Jo-Lind Roberts.

"Die Familien hatten in die, die geflohen sind, viele Hoffnungen gesetzt. Nämlich, dass die Person die Familie finanziell unterstützt. Wenn sie zurückkommen, gibt es Nachfragen und Druck aus den Familien."

Die meisten Rückkehrer sind junge Männer zwischen 18 und 35 Jahren.

Im Jahr 2017 hat die Internationalen Organisation für Migration mehr als 2.800 Männer und 64 Frauen in den Senegal zurückgeführt. Aber Frauen fliehen im Vergleich auch deutlich weniger.

Die IOM organisiert nicht nur die Charterflüge in den Senegal, sondern unterstützt die Rückkehrer auch bei der Wiedereingliederung in die senegalesische Gesellschaft, indem sie ihnen zum Beispiel eine kleine Starthilfe zahlt oder Ausbildungen organisiert.

Mit Zuschüssen ein neues Leben im Senegal aufgebaut

Direkt an der Hauptstraße von Guédiawaye, in der Nähe von Dakar, liegt die Werkstatt, in der Macyne Ba arbeitet. Der 31-Jährige ist seit etwa zwei Jahren zurück im Senegal. Er hat den Zuschuss der IOM genutzt, um sich ein neues Leben aufzubauen. Vorher hat er zehn Jahre lang in Italien gelebt, in Genua und Bergamo.

"Als ich nach Europa gekommen bin, habe ich gedacht ich werde reich. Aber als ich dann in Italien war, habe ich gesehen, dass es schwierig wird, allein einen Job zu finden. Das hat mich gestresst und ich habe meine Familie vermisst."

Trotz der Startschwierigkeiten bekam er ein Visum, auch eine Ausbildung und anschließend eine Arbeitsstelle, lernte Italienisch, fand Freunde und überwies monatlich Geld zurück in den Senegal. Solange bis in Italien die Wirtschaftskrise ausbrach und er seinen Job verlor. Er sah keine Zukunft mehr in Italien und entschied sich mit einem Charterflug der IOM in seine Heimat zurückzukehren. Diese Erfahrungen will er Jugendlichen weitergeben und berichtet deshalb auf von der IOM organisierten Treffen aus seiner Zeit in Italien:

"Viele junge Leute glauben, dass Europa das Beste ist. Ich habe das auch gedacht, aber ich weiß, man kann auch im Senegal etwas finden. Wenn junge Leute mich fragen, sage ich, bleib hier, nutze das Geld, mache damit was draus. Bleib hier, arbeite. Um das Leben zu schaffen."

46 Prozent der Senegalesen leben unter der Armutsgrenze

Der Senegal wird oft als afrikanisches Musterland beschrieben. Die einstige französische Kolonie wurde 1960 unabhängig. Seitdem ist der Senegal eine Präsidialrepublik. Das Land gilt als demokratisch stabil, weist wesentliche Grundrechte wie Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit auf und hat eine aktive Zivilgesellschaft. 2012 wurde Macky Sall zum Staatspräsidenten gewählt. Bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr gaben mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Das Ergebnis war eindeutig: Die Regierungskoalition ging als klarer Sieger der Wahl hervor.

Die Stabilität des Landes ist wesentlich davon abhängig, ob das Land weiterhin von extremistisch motivierten Gewalttaten verschont bleibt. Internationale terroristische Netzwerke haben den Senegal seit Längerem in den Blick genommen. Um dem entgegen zu wirken, hat die Regierung die Ausgaben für die innere Sicherheit erhöht und 5.000 Polizisten und 13.000 Sicherheitskräfte neu eingestellt. Für mehr Sicherheit zu sorgen, bleibt eine der wichtigsten Aufgaben für die Regierung.

46 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.

In einer Berechnung der Vereinten Nationen zur menschlichen Entwicklung in verschiedenen Ländern belegt der Senegal Platz 162 - von 188.

Um die Armut im Senegal zu bekämpfen initiierte der Staatspräsident 2014 einen Entwicklungsplan mit dem Namen "Aufstieg bis 2035". Unter anderem sollen neue Wirtschaftszweige geschaffen und mehr investiert werden. Außerdem will die Regierung die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessern. Dazu gehören auch neue Arbeits- und Ausbildungsplätze. Fast jeder zweite im Senegal ist arbeitslos, bei Jugendlichen ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Auch das führt dazu, dass sie eine Perspektive in Europa suchen.

Hohes Bevölkerungswachstum, niedriges Bildungsniveau

Jeden Morgen und jeden Abend kommt Saliou Faye an den Strand von Dakar. Er ist groß gewachsen und durchtrainiert. Zusammen mit seinem Trainingspartner übt er Techniken für den Ringkampf. Ringen ist im Senegal Volkssport Nummer eins.

"Mein Ziel ist es, einen Vertrag als Profi zu bekommen. Dann gewinne ich hoffentlich viele Kämpfe und verdiene viel Geld. Ich trainiere jeden Tag dafür, damit mein Traum wahr wird."

Für seinen Traum hat Saliou Faye schon sehr früh die Schule geschmissen. Lesen, schreiben und rechnen hat der 31-Jährige nie richtig gelernt. Ihm geht es wie vielen Senegalesen. Mehr als die Hälfte sind Analphabeten.

Etwa 650.000 Kinder gehen nicht zur Schule. Inzwischen werden im Senegal zwar mehr Kinder eingeschult, aber die Zahl der Schulabbrüche steigt. Schon vor dem Plan "Aufstieg bis 2035", zur Jahrtausendwende, hatte der Senegal ein Programm für Bildung und Ausbildung aufgesetzt. Derzeit gibt die Regierung etwa ein Viertel des Staatshaushaltes für Bildung aus. Trotzdem bescheinigt eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts der senegalesischen Bildungspolitik schlechte Ergebnisse. Ein Grund ist das Bevölkerungswachstum. Die Altersgruppe der 6- bis 17-Jährigen ist seit der Jahrtausendwende um 40 Prozent gewachsen.

Fehlende Bildung - Grund für illegale Migration

Auch der 24-jährige Mol Diabaye träumt davon, Profi-Ringer zu werden. Trotzdem geht er weiter in die Schule.

Auch der 24-jährige Mol Diabaye träumt davon, Profi-Ringer zu werden. (deutschlandradio / Barbara Schmickler)Auch der 24-jährige Mol Diabaye träumt davon, Profi-Ringer zu werden. Trotzdem geht er weiter in die Schule. (deutschlandradio / Barbara Schmickler)

"Das ist für mich eine Entdeckung. Lesen und schreiben zu lernen. Ich möchte immer noch Ringer werden, weil ich weiß, dass ich, wenn es gut läuft, schnelles Geld verdienen kann. Aber ich möchte auch einen Job, von dem ich leben kann."

Er hat sich für eine spezielle Klasse gemeldet, in der Ringer lesen und schreiben lernen sollen. Diese Klasse hat der Leiter des Nationalen Zentrums für Bildungsressourcen, Sidy Same, ins Leben gerufen. Sein Ziel ist es, die Ringer im Land zu behalten:

"Wir wollen, dass die Ringer einen Job kriegen. Wenn ein Ringer einen Job hat, denkt er nicht an Emigration. Dann begibt er sich nicht auf dieses gefährliche Abenteuer."

Denn fehlende Bildung ist auch ein Grund für illegale Migration. Katy Diop war selbst Profi-Ringer und hat für den Senegal an den Olympischen Spielen teilgenommen.

"Sie müssen verstehen, dass sie gut arbeiten und einen Beruf finden müssen. Ich habe beides gemacht, ich war Champion, aber ich habe auch Automechaniker gelernt. Das ist mein Beruf geworden. Man kann den Sport machen und einen guten Beruf lernen. Gleichzeitig."

Und das versucht er den jungen Männern in den Alphabetisierungsklassen klar zu machen. In den drei Kursen gibt es aber jeweils nur Platz für 30 Ringer. Dabei gibt es Tausende. Also viel zu wenige Plätze, sagt Initiator Sidy Same. Ihm reichen die Ausgaben, die in die Bildung investiert werden nicht:

"Der Staat hat andere Prioritäten, zum Beispiel die Konstruktion von Straßen oder Investitionen im Gesundheitsbereich. Daher kann der Staat gerade nicht mehr Geld in Bildung stecken."

Alphabetisierungsklasse für Ringer im Senegal. (deutschlandradio / Barbara Schmickler)Alphabetisierungsklasse für Ringer im Senegal. (deutschlandradio / Barbara Schmickler)

Hoffnung auf Auslands-Kooperationen

Schon in den kommenden drei Jahren, so kündigte der senegalesische Premierminister Mohamed Ben Abdallah Dionne im Dezember 2017 an, soll es einige Tausend neue Ausbildungsplätze geben, zum Beispiel im Bereich Gartenbau, Tourismus oder in der Getreideverarbeitung. Die Herausforderung ist, genug Arbeitsplätze für die ständig wachsende Bevölkerung zu schaffen. Derzeit sind mehr als neun Millionen Senegalesen jünger als 25 Jahre. Deshalb hat so mancher den Eindruck, dass die Abwanderung der Regierung angesichts der wachsenden Bevölkerung nicht ungelegen kommt.

Sidy Same hofft auf Kooperationen mit dem Ausland. Das deutsche duale System ist für ihn zum Beispiel ein Vorbild. Auch die Ringer sollen nach dem neunmonatigen Kurs passende Ausbildungen machen. So sollen sie zum Bleiben animiert werden.

Mit dem Programm "Erfolgreich im Senegal" unterstützt die Bundesregierung den Senegal. Es soll bis zu 5.000 Personen eine Startchance im Senegal ermöglichen. Ende Januar hat Deutschland ein Beratungsbüro in Dakar eröffnet: Beratung für Rückkehrer und für die, die das Land verlassen wollen. Die Interessen der senegalesischen und der deutschen Regierung sind ähnlich: Es geht darum, die illegale Migration einzudämmen.

Auch mit Unterstützung der EU erarbeitet der Senegal derzeit eine nationale Migrationspolitik. Seit Juni 2016 besteht eine Migrationspartnerschaft. Brüssel hat dem Senegal mehr als 160 Millionen Euro für Entwicklungsprojekte bereitgestellt. Ob das reicht? Einfach wird das nicht. Jo-Lind Roberts geht davon aus, dass zusätzliche Unterstützung benötigt wird.

"Ich glaube, die jungen Leute, die das Land verlassen, haben viel Mut und Kraft; die müssen wir bündeln und für konkrete Projekte im Senegal nutzen."

Macky wollte etwas schaffen

Ein Tag ist inzwischen vergangen, seitdem Macky Aidara aus Libyen zurück nach Dakar geflogen wurde. Er hat sich ausgeruht und ist zurück bei seiner Familie in Grand Yoff - ein Viertel in Dakar mit einer hohen Bevölkerungsdichte und Wohnungsnot. Im Wohnzimmer hängt ein Fernseher an der Wand, ein französischer Sender läuft.

Auf den drei schwarzen Ledercouchen sitzen Macky, seine Tante und sein Onkel sowie seine Mutter und sein Vater Ibrahima.

"Ich bin alt, ich kann die Kinder nicht mehr durchbringen. Wir brauchen Hilfe, sonst schaffen wir es nicht. Macky sollte uns helfen."

Macky ist mit seinen 25 Jahren der älteste Sohn der Familie. Für ihn hatten sie lange Geld gespart, damit er fliehen konnte.

"Ich bin mit leeren Händen gekommen. Das macht mich traurig. Ich wollte etwas schaffen."

Der Mythos vom Eldorado Europa

In Deutschland zum Beispiel hätte Macky ohnehin kaum Chancen auf ein Bleiberecht gehabt. Senegal wurde bereits 1993 von der Bundesregierung zum sicheren Herkunftsstaat erklärt. 2016 versuchten Bundespolitiker von Bündnis 90/Die Grünen, Senegal von der Liste sicherer Herkunftsländer zu streichen - ohne Erfolg. In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen aus dem Sommer 2016 heißt es: Zentrale Herausforderungen im Senegal seien vor allem der Schutz von Kinderrechten, Diskriminierung von und Gewalt gegen Frauen sowie die Situation von Lesben und Schwulen. Insgesamt habe sich laut Bundesregierung die Menschenrechtslage im Senegal nach dem demokratischen Machtwechsel 2012 weiter verbessert und sei im regionalen Vergleich gut. Die derzeitige senegalesische Regierung bemühe sich, Menschenrechtsverstöße aufzuklären und juristisch aufzuarbeiten.

Macky und seine Familie möchten aber nicht wahrhaben, dass er derzeit kaum Chancen auf eine Zukunft in Deutschland hat. Seine Mutter Fanta Ndiaye will ihn wieder wegschicken:

"Ich will, dass Du es wieder nach Europa versuchst. Aber dann nicht mehr auf der gefährlichen Route. Wir sind keine reiche Familie, wir haben kein Geld. Du musst unsere Familie ernähren."

Der Mythos vom Eldorado Europa - hier existiert er wohl noch immer.

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