Sonntag, 21.01.2018
StartseiteKommentare und Themen der WocheUnerschrockenes Personalkarussell der Grünen08.01.2018

Rückzug von Simone PeterUnerschrockenes Personalkarussell der Grünen

Unerschrocken, frisch und experimentierfreudig seien die Grünen momentan, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern mit Blick auf den heute angekündigten Rückzug von Co-Parteichefin Simone Peter. Doch die Selbstzufriedenheit habe zwei Haken.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Das Logo von Bündnis 90 / Die Grünen (dpa-Bildfunk / Stefan Sauer)
Kompetente Leute und ein klares Profil könnten die Grünen derzeit aufbieten, analysiert Barbara Schmidt-Mattern. (dpa-Bildfunk / Stefan Sauer)
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Das muss man erst einmal schaffen als kleinste von heutzutage sieben Parteien im Deutschen Bundestag: Die Grünen drehen ihr Personalkarussell in diesen Tagen mit einer Unerschrockenheit, die ihresgleichen sucht. Dabei hat die Partei bei der Bundestagswahl im vergangenen September keines ihrer Ziele erreicht – sie ist weder zweistellig, noch dritte Kraft, noch hat sie die Große Koalition abgelöst.

Dennoch wirken die Grünen frisch, gelegentlich sehr nachdenklich, vor allem aber experimentierfreudig. Solch eine Ausstrahlung hat freilich nur, wer kompetente Leute und ein klares Profil aufbieten kann. Die Grünen verkörpern gerade beides – irrwitzigerweise mehr denn je, seit dem Scheitern der Jamaika-Gespräche. Seitdem befindet sich die Ökopartei in der merkwürdigen Lage, dass sie beliebte Politiker ohne führendes (Regierungs-)Amt hat. Normalerweise ist es genau umgekehrt.

Die Grüne Selbstzufriedenheit hat allerdings zwei Haken. Sollte eine neue Große Koalition tatsächlich zustande kommen, stehen die Grünen fürs erste ganz und gar ohne Machtoption da – dabei dämpfen sie schon zwölf Jahre in der Opposition vor sich hin. Bedenklich ist auch, dass die Stärken der Grünen so herausstechen, weil die anderen so schwach und verbraucht wirken. "Es brechen neue Zeiten an mit neuen Gesichtern" – frohlockt da Cem Özdemir.

Simone Peter gebührt Respekt

Ein Schelm, wer das nicht auch als ironischen Kommentar zu der etwas graumäusigen Sondierungstruppe aus Union und SPD lesen will. Simone Peter hingegen gebührt Respekt für ihren heute angekündigten Rückzug. Besonders beliebt oder durchsetzungsstark war die Saarländerin nie, seit sie 2013 grüne Co-Parteichefin wurde. Mit Anja Piel aus Hannover, Annalena Baerbock aus Brandenburg und Robert Habeck aus Kiel stellen sich auf dem Parteitag Ende Januar nun drei fähige Kandidaten von beiden Flügeln zur Wahl. Von denen zwei noch dazu explizit sagen, dass sie eben nicht nur für einen Flügel, sondern für die gesamte Partei antreten – nämlich Baerbock und Habeck. Selbst eine rein weibliche Doppelspitze – Piel und Baerbock – ist bei dieser Kandidaten-Auswahl nicht ausgeschlossen. Das wäre im strukturkonservativen Deutschland ein wichtiges Zeichen. Allerdings mit einem hohen Preis. Nach Cem Özdemir würden die Grünen damit auch auf ihr zweites gutes Pferd im Stall, Robert Habeck, verzichten. Beide werden jedoch in wichtigen Positionen gebraucht.

Dass die Fraktion, die ihre neue Spitze Ende dieser Woche wählen wird, darauf verzichtet, Özdemir zum neuen Vorsitzenden zu machen – weil dann der Flügelproporz nicht mehr stimmt, ist ärgerlich genug. Vor allem auch deshalb, weil eine erneute Wahl von Katrin Göring-Eckardt und Toni Hofreiter eben nicht für frischen neuen Wind steht. Die entscheidende Frage bleibt daher umso mehr: Was wird aus Cem Özdemir? Fragen nach einer möglichen Kretschmann-Nachfolge in Baden-Württemberg weicht er aus, und setzt dafür andere Duftmarken: Sollte es doch noch Neuwahlen geben, steht Cem Özdemir wieder bereit.

Barbara Schmidt-Mattern (Deutschlandradio / Bettina Straub)Barbara Schmidt-Mattern (Deutschlandradio / Bettina Straub)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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