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StartseiteHintergrundRuf nach Freiheit und Demokratie14.06.2013

Ruf nach Freiheit und Demokratie

Vor 60 Jahren: Der Volksaufstand des 17. Juni

Am Morgen des 17. Juni 1953 versammelten sich nicht nur in Berlin, sondern überall in der DDR zahllose Demonstranten. Autos wurden demoliert, öffentliche Gebäude gestürmt, Kioske gingen in Flammen auf. Der Protest gegen die Arbeitsnormen schlug um in einen Volksaufstand gegen das SED-Regime.

Von Otto Langels

Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953. (AP Archiv)
Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953. (AP Archiv)

"Hier ist eine Freifläche 1953, und hier steht das Stalindenkmal, 4,80 Meter hoch, also richtig gewaltig, in Feldherrenmanier steht er da."

Zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR organisierte die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur für Journalisten eine Busfahrt zu den Schauplätzen in Berlin. Der Historiker Jens Schöne, Autor eines Buches über den 17. Juni 1953, beschrieb während der Fahrt Ursachen und Verlauf des Aufstandes.

"Dieser Block, das ist der berühmte Block 40, da, wo die Bauarbeiter der Stalinallee als Erste streiken."

Der Protest der Bauarbeiter hatte eine längere Vorgeschichte, die bis in das Jahr 1952 zurückreicht. Die SED-Spitze um Walter Ulbricht verschärfte den Klassenkampf auf allen Ebenen und an allen Fronten: Sie ließ die Grenzen zur Bundesrepublik abriegeln, ersetzte die alte Länder-Struktur durch straff organisierte Bezirke, trieb die Kollektivierung der Landwirtschaft voran und ahndete kleine Wirtschafts-Vergehen mit Zuchthausstrafen.
Auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 erklärte Walter Ulbricht:

"In Übereinstimmung mit den Vorschlägen aus der Arbeiterklasse hat das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands beschlossen, der 2. Parteikonferenz vorzuschlagen, dass in der Deutschen Demokratischen Republik der Sozialismus planmäßig aufgebaut wird."

Der planmäßige Aufbau des Sozialismus entwickelte sich in der Praxis zu einem Klassenkampf von oben gegen die eigene Bevölkerung: Bauern und Handwerker wurden massenhaft als Wirtschaftskriminelle verfolgt. Die Zahl der Inhaftierten verdoppelte sich innerhalb eines Jahres von 31.000 auf 66.000. Kirchenmitglieder der Jungen Gemeinde diffamierte man als Kriegshetzer und US-Spione, wegen des Ausbaus der Schwerindustrie verschlechterte sich die Versorgungslage der Bevölkerung, immer mehr Menschen verließen die DDR Richtung Westen. Und vor allem: Die SED erhöhte das Arbeitspensum der Industrie- und Bauarbeiter um zehn Prozent.
Jens Schöne:

"Diese Norm-Erhöhung, die wird ab Anfang des Jahres 1953 propagiert. Abermals hofft man von politischer Stelle, dass die Arbeiter in sozialistischer Glückseligkeit beginnen, die freiwillig einzuführen, was im Wesentlichen heißt, dass die in der Stunde mehr arbeiten müssen als bisher."

Am Abend des 5. März 1953 verkündeten die Moskauer Sender: Stalins Herz hat aufgehört zu schlagen.

Nach dem Tod des sowjetrussischen Diktators schlug die Kreml-Führung moderate Töne an, doch die SED zeigte sich zunächst unbeeindruckt. Erst als die Politbüro-Mitglieder Walter Ulbricht, Otto Grotewohl und Fred Oelßner Anfang Juni nach Moskau zitiert und unmissverständlich aufgefordert wurden, den Aufbau des Sozialismus nicht weiter zu forcieren, lenkte die SED-Führung ein. Am 9. Juni beschloss das Politbüro eine radikale Kursänderung:

"Sofortige Aussetzung aller Zwangsmaßnahmen, Wiedereröffnung der geschlossenen Privatgeschäfte, Wiedereinsetzung der enteigneten Bauern in alle Rechte, Straffreiheit für alle Rückkehrer aus der Bundesrepublik, Rehabilitierung aller repressierten Mitglieder der Jungen Gemeinde, Rücknahme aller sozialen Kürzungen."

Zwei Tage später gestand die SED-Führung öffentlich eine Reihe von Fehlern ein, vermied aber jede Aussage zu den Norm-Erhöhungen; diese sollten ausgerechnet am 30. Juni eingeführt werden, dem 60. Geburtstag von Walter Ulbricht, dem in der Bevölkerung nicht sonderlich populären Generalsekretär der SED.

Berliner Bauarbeiter reagierten empört, so Jens Schöne während der historischen Stadtrundfahrt durch Ost-Berlin.

"Am 13. Juni gehen die Bauarbeiter des Krankenhauses Friedrichshain auf eine Dampferfahrt, auf einen Betriebsausflug. Dort wird der Streik beschlossen, ab dem 15. wird gestreikt. Am Morgen des 15. wird eine Resolution verfasst an Otto Grotewohl. Ministerpräsident der DDR. Der erste Punkt ist die Forderung der Rücknahme der Normen-Erhöhung, die zweite Forderung ist, dass die Antwort bis zum nächsten Tag mittags eintrifft."

Doch die Arbeiter warteten vergeblich auf eine Reaktion. Und so formierte sich am Mittag des 16. Juni in der Stalinallee ein Demonstrationszug von mehreren Hundert Bauarbeitern. Andere Beschäftigte schlossen sich ihnen an.

"Ich hatte Schulschluss und war auf dem Heimweg."

Der Berufsschüler Klaus Gronau aus Friedrichshain ging am 16. Juni die Stalinallee entlang.

"Und da sah ich 30 bis 40 Bauarbeiter, die meuterten, die laut schrien, wir arbeiten nicht mehr weiter, hier ist Schluss jetzt. Es hat keinen Zweck, der Spitzbart, der muss weg – Ulbricht gemeint -, wir brauchen keine Volksarmee, wir brauchen Butter."

Am Ende waren es Tausende, die zum Haus der Ministerien in der Wilhelmstraße zogen, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums. Der einzige führende Funktionär, der sich den Demonstranten stellte, war Fritz Selbmann. Die Szene beobachtete Lutz Rackow, damals Redakteur der Ost-Berliner Tageszeitung "Der Morgen".

"Selbmann war bekannt, das war ja ein Minister für Schwerindustrie. Da stand ein Tisch, und da wurde er rauf gestellt regelrecht, wie eine Figur. Und da hat er dann gestikulierend irgendwas geredet, was aber offenbar den Umstehenden nicht gefiel, sodass sie ihn regelrecht vom Tisch wischten."

Selbst die Ankündigung Selbmanns, die Normerhöhung zurückzunehmen, konnte die Menge nicht beruhigen. Die Demonstranten forderten freie Wahlen und den Rücktritt der Regierung.

"Am Haus der Ministerien kamen dann die Aufrufe, morgen früh, sieben Uhr, Strausberger Platz zum Generalstreik."

Eine Abordnung der Demonstranten fuhr nach West-Berlin zum RIAS, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor. Der in der DDR populäre Sender sollte den Aufruf zum Generalstreik und die wichtigsten Forderungen ausstrahlen. Egon Bahr war damals Chefredakteur des RIAS.

"Natürlich war es völlig unmöglich, dass ein amerikanischer Sender aktiv zu einer Haltung aufruft in einer anderen Besatzungszone. Und dann haben wir uns hingesetzt und haben diese Forderungen in eine logische Abfolge gebracht. Und daraufhin habe ich ihnen gesagt, das werden wir senden. Und dann haben wir das auch gemacht. Das heißt, der Sender hat, ohne es zu wollen und ohne es zu wissen, den Aufstand ausgelöst."

Die Berichterstattung im RIAS diente später dem SED-Regime als Vorwand, den Aufstand als vom Westen gesteuerten "konterrevolutionären Putschversuch" darzustellen - eine Legende, so Jürgen Hofmann, Mitglied der Historischen Kommission der Linkspartei.

"Der RIAS hat sich schon allein dadurch eingemischt, dass er der Einzige war, der Meldungen über die tatsächlichen Ereignisse gebracht hat. Der DDR-Rundfunk hat ja lange Zeit geschwiegen. Die Streikwelle, die ja von Rostock in unterschiedlicher Intensität bis Plauen ging, die kann man nicht mit Agenten und nicht mit RIAS erklären."

Die SED-Führung versuchte, die aufgebrachten Massen zu beruhigen, indem sie über den DDR-Rundfunk die Meldung verbreiten ließ, man habe die Normerhöhung zurückgenommen. Am Abend des 16. Juni sprach Walter Ulbricht vor Parteigenossen im Friedrichstadtpalast.

"Worin besteht die Wendung in unserer Politik? Die Wendung besteht darin, dass wir die fehlerhafte politische Linie entschieden ändern. Es ist falsch, auf administrativem Wege Normen-Erhöhungen zu verfügen." (Beifall)

Doch die Kurskorrektur kam zu spät. Am Morgen des 17. Juni versammelten sich zahllose Demonstranten, nicht nur in Berlin, sondern überall in der DDR. Jens Schöne:

"Beteiligt sind mehr als eine Million Menschen in der DDR. Es geht überall so los, dass am Morgen in Hunderten von Ortschaften erregte Bürger sich versammeln, es bilden sich Demonstrationszüge, die stets zu den gleichen Zielen ziehen. Es sind Repräsentanzen von Partei und Staat."

"Als wir vor zum Verwaltungsgebäude kamen, da waren dort vielleicht mindestens schon 20.000 Mann versammelt, die Leuna-Werke haben 28.000 Mann Belegschaft."

Berichtete ein Arbeiter über die Proteste im größten Chemiebetrieb der DDR.

"Es wurde erst einmal gefordert, mit dieser Norm-Treiberei Schluss zu machen. Die Forderungen gingen dann weiter. Es wurde gefordert, dass die Werkspolizei sofort entwaffnet wurde. Das wurde auch durchgeführt durch die Arbeiter. Es war niemand da, der uns aufhielt, es waren zu viele."

In über 700 Städten und Dörfern fanden an dem Tag Demonstrationen statt.

"Görlitz spielt insofern eine besondere Rolle, weil es keinen Ort gibt, wo die Macht dermaßen umfänglich kapituliert vor den Aufständischen wie Görlitz. Hier werden alle Gebäude gestürmt, SED-Kreisleitung, MfS-Kreisdienststelle, Rathaus, Gefängnis, hier bildet sich ein 20köpfiges Stadtkomitee, das die politischen Geschäfte übernimmt."

"Das war alles ein bisschen wild durcheinander."

Beschrieb ein Arbeiter den Protestzug auf dem Gelände der Warnow-Werft in Rostock.

"Die Ersten, die sprangen links und rechts aus den Reihen raus, rissen Transparente runter oder rissen sogar den Sowjetstern, den versuchten sie da abzubrechen, das war mir schon ein bisschen zu wild sozusagen."

Nicht überall ging es nur ein bisschen wild zu. In Leipzig wurde ein Demonstrant beim Sturm auf ein Stasi-Gefängnis erschossen, in Magdeburg starben bei dem Versuch, politische Häftlinge zu befreien, ein Stasi-Mitarbeiter und zwei Volkspolizisten. An manchen Orten rissen sich die SED-Genossen die Parteiabzeichen von den Jacken, weil sie Übergriffe fürchteten. In Rathenow gab es den einzigen bekannt gewordenen Fall von Lynchjustiz. Opfer einer aufgebrachten Menschenmenge wurde der als Denunziant verschriene Wilhelm Hagedorn, ein Parteigänger der SED.


"Der hatte sich selbst gerühmt, in der Vergangenheit 300 Leute denunziert zu haben, die dann abgeholt wurden. Die treiben den durch die Straßen, prügeln auf ihn ein, versuchen ihn aufzuhängen. Letztendlich werfen sie ihn in die Havel Hagedorn stirbt dann."

In Berlin, dem Zentrum des Aufstands, versammelten sich am Morgen des 17. Juni Zehntausende am Strausberger Platz, dem vereinbarten Treffpunkt.

Der Historiker Jürgen Hofmann:

"Berlin Ost ist nahezu flächendeckend bestreikt worden, alle großen Betriebe waren vom Streik erfasst."

Der 17-jährige Maurer Günter Döhring war frühmorgens mit seinen Arbeitskollegen von der Baustelle in Treptow losmarschiert.

"Wir sind weiter runter die Warschauer, links in die Stalinallee, wie ich immer sage, die Allee des Irrtums. Da standen Polizisten, und sofort der Gummiknüppel, also die 45 Zentimeter Demokratie, die hat zugeschlagen."

Aus Henningsdorf, nordwestlich von Berlin, zogen Stahlarbeiter quer durch die West-Berliner Bezirke Reinickendorf und Wedding Richtung Brandenburger Tor.

"10.25 Uhr, Müllerstraße, Ecke Swakopmunder Straße, der Demonstrationszug kommt heran. Da gehen Tausende von Menschen, denen der Regen überhaupt nichts ausmacht. Die Männer und Frauen und Mädchen kommen genau so, wie sie heute früh sich in die Arbeitskleidung geworfen haben."

Mehr als 100.000 Demonstranten waren an diesem Vormittag in Berlin auf den Straßen. An mehreren Stellen kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, Autos wurden demoliert, öffentliche Gebäude gestürmt, Kioske gingen in Flammen auf. Der Protest gegen die Arbeitsnormen schlug um in einen Volksaufstand gegen das SED-Regime.

"Am 17. selbst spielen ökonomische Forderungen fast keine Rolle mehr im Gesamtbild. Was immer wieder auftaucht, ist eben: freie und geheime Wahlen; dann: nieder mit der SED."

"Zum Brandenburger Tor kommen wir gerade in dem Augenblick, als drei Sowjetsoldaten das Brandenburger Tor erklimmen und die dort von mutigen Demonstranten heute Morgen gehisste schwarz-rot-goldene Fahne entfernen und am Fahnenmast eine rote wieder hissen."

In den Mittagsstunden hatte die DDR-Staatsmacht die Kontrolle über das Geschehen verloren. Sie war auf die Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht angewiesen.

"In diesem Augenblick sehen wir den Panzer, vom Regierungsgebäude kommend, der ist jetzt mitten auf dem Potsdamer Platz, dreht um, die Menge pfeift und ruft."

Im DDR-Rundfunk verlas ein Sprecher in regelmäßigen Abständen den Befehl des sowjetischen Militärkommandanten:

"Ab 13 Uhr des 17. Juni 1953 wird im sowjetischen Sektor von Berlin der Ausnahmezustand verhängt. Alle Demonstrationen, Versammlungen, Kundgebungen und sonstige Menschenansammlungen über drei Personen werden auf Straßen und Plätzen verboten."

Das Gebiet zwischen Wilhelmstraße, Leipziger Straße und Potsdamer Platz in unmittelbarer Nähe der Sektorengrenze zu West-Berlin wurde in den kommenden Stunden zum Schauplatz eines ungleichen Kampfes: Demonstranten wehrten sich mit Steinen gegen sowjetische Panzer.

"Schüsse am Potsdamer Platz. Wir können von hier aus nicht beobachten, wohin geschossen wird und ob diese Schüsse aus russischen oder von Karabinern der Volkspolizei stammen."

Auf West-Berliner Seite fuhr ein Lautsprecherwagen vor und appellierte an die bewaffneten Ordnungskräfte:

"Lasst das Schießen sein. Ihr werdet eines Tages dafür zur Verantwortung gezogen, lasst das Schießen sein, treibt es nicht auf die Spitze."

Am Abend des 17. Juni war der Aufstand zusammengebrochen. Nach 21 Uhr, dem Beginn der Ausgangssperre, waren die Straßen leer gefegt. Zurück blieben Tote und Verletzte. Jens Schöne:

"Wir haben gesichert 55 Tote. Da sind vier oder fünf Sicherheitskräfte der DDR dabei, da sind auch dabei 18 standrechtlich Erschossene. Am Morgen des 17. kommt die Anweisung aus Moskau, es sind 18 Leute standrechtlich zu erschießen, ganz klar zum Zwecke der Abschreckung."

Trotz des martialischen Auftretens richtete die Rote Armee kein Blutbad an. Zum Vergleich: Der Ungarnaufstand drei Jahre später forderte rund 3000 Todesopfer. In der DDR hingegen, da sind sich die Historiker Jürgen Hofmann und Jens Schöne weitgehend einig, trat die sowjetische Besatzungsmacht relativ zurückhaltend auf.

"Die Proteste wurden militärisch unterdrückt, darüber kann’s keine Diskussion geben. Dass Leute unter die Panzer gewalzt worden sind usw., ist bis heute nicht belegt. Es hat relativ wenig Schießerei gegeben."

"Wenn geschossen wurde, dann meist erst mal über die Köpfe hinweg. Vorher versuchen sie, mit den Leuten zu reden. Die meisten Toten gibt’s durch Querschläger."

Gleichwohl gingen Polizei und Justiz massiv gegen Demonstranten vor. Hardy Firl wurde am 17. Juni in Ost-Berlin festgenommen und in ein improvisiertes Haftlager in einem ehemaligen Viehhof gebracht.

"In einen Raum haben sie mir gebracht, und dort war ein hoher Offizier. Und der hat mir denn vorgehalten, wo ich überall bei war: CIA, KGU–Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit und bei den Falken. Und da habe ich alles abgestritten, da war ich nicht bei. Und dann hat er einen Gummiknüppel rausgeholt, und dann wollte er, dass ich das unterschreibe, und dann hat er mir zweimal hier so rüber, ins Gesicht so, direkt hier so rüber. Und dann habe ich’s unterschrieben."

Ein Gericht verurteilte Hardy Firl wegen Rädelsführerschaft und Aufruhr zu drei Jahren Haft. Insgesamt landeten 15.000 Personen im Gefängnis, rund 1500 wurden verurteilt, darunter waren zwei Todes- und drei lebenslange Freiheitsstrafen.

Max Fechner verlor sein Amt als Justizminister, weil er in einem Interview auf das in der DDR-Verfassung verbriefte Streikrecht hingewiesen und sich gegen eine Strafverfolgung der Demonstranten ausgesprochen hatte. Als "Feind des Staates und der Partei" wurde er aus der SED ausgeschlossen und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Nachfolgerin wurde die berüchtigte Hilde Benjamin.

Neben der strafrechtlichen Verfolgung inszenierte das SED-Regime einen propagandistischen Feldzug gegen die Aufständischen und forderte über den Rundfunk zur Denunziation auf:

"Die Unruhen sind das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus deutschen kapitalistischen Monopolen. Die Arbeiter und alle ehrlichen Bürger werden aufgefordert, die Provokateure zu ergreifen und den Staatsorganen zu übergeben."

Doch trotz aller Bemühungen konnte das Ministerium für Staatssicherheit der Öffentlichkeit keine Konterrevolutionäre präsentieren.

"Sie finden im zweiten Halbjahr 1953 in den MfS-Akten immer wieder die Sätze, es ist uns nicht gelungen, diese Hintermänner ausfindig zu machen, weil es sie nämlich nicht gegeben hat."

Der 17. Juni 1953 war der Beginn einer Reihe von Volksaufständen und Protestbewegungen in Osteuropa, die über Ungarn 1956, den Prager Frühling 1968, die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc in Polen 1980/81 bis zu den friedlichen Revolutionen 1989/90 reicht. Nach dem 9. November 1989 wurde in Deutschland möglich, was sowjetische Panzer 1953 verhindert hatten. Der SPD-Politiker Egon Bahr:

"Wenn es damals das Eingreifen der sowjetischen Besatzungsmacht nicht gegeben hätte, dann hätten wir damals die Einheit schon bekommen."

In diesen Tagen erinnert Berlin mit einer Vielzahl von Veranstaltungen an die Ereignisse vor 60 Jahren. Am 17. Juni erhält der Platz an der Ecke Wilhelm- und Leipzigerstraße, wo seinerzeit Arbeiter vor dem Haus der Ministerien demonstrierten, den Namen: Platz des Volksaufstandes von 1953.

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