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StartseiteBüchermarktRuhrgebiet und Kunstbetrieb11.01.2012

Ruhrgebiet und Kunstbetrieb

Marc Degens: "Das kaputte Knie Gottes", Knaus Verlag 2011, 253 Seiten

Das "kaputte Knie Gottes" ist die Geschichte einer Freundschaft und der Egozentrik des Künstlers. Die Protagonisten Mark und Dennis verbindet der Traum vom Künstlertum - und das Talent, im Alltag in ziemlich absurde Situationen zu geraten.

Von Joachim Büthe

Blick auf Essen 1985 - Degens: "Wie prägt das Ruhrgebiet eigentlich den Künstler" (AP)
Blick auf Essen 1985 - Degens: "Wie prägt das Ruhrgebiet eigentlich den Künstler" (AP)

Das kaputte Knie Gottes ist nicht das Buch zum Papstbesuch, sondern die Geschichte einer Freundschaft. Mark, dessen Wunsch Schriftsteller zu werden sich vielleicht mit diesem Buch erfüllt hat, und Dennis, der Skulpturen von menschlichen Körperteilen in Beton gießt, haben bereits auf der Schulbank nebeneinander gesessen. Sie verbindet der Traum vom Künstlertum und das Talent, im Alltag in ziemlich absurde Situationen zu geraten, von denen hier aber nur das nötigste verraten werden soll. Nimmt man noch die dritte Hauptfigur, die etwas aus der Zeit gefallene Salonmarxistin Lily und anderes zwischen Punk und Horrorfreak changierendes Personal hinzu, dann kommt der Verdacht auf, hier werde eine Art Cocktail kredenzt, ein Mix aus Jugendkulturen, die es zeitgleich gar nicht gibt.

"Ich glaube, dass es gar nicht so konstruiert ist, dass es vielleicht sogar ein Spiegelbild ist des Ruhrgebiets. Der Roman spielt ja im Ruhrgebiet und diese vielen verschiedenen Biografien, Ansätze auch, die verschiedenen Jugendkulturen, die gezeigt werden, Biografien und Lebensromane, die diese Figuren entwickeln, fand ich in meiner Wahrnehmung eigentlich sehr typisch."

Der Rezensent bekennt, in Sachen Ruhrgebiet eher ein Laie zu sein, wohl aber zu wissen, dass Jugendkulturen inzwischen auch als Bausätze angesehen werden, aus denen man sich eine je individuelle zusammenstellen kann. Fragile bis labile Konstruktionen, die zusammenbrechen können, und nicht umsonst ziert den Schutzumschlag eine gefährliche Bananenschale. Daraus Slapstick-Nummern zu machen ist eine Versuchung, der Marc Degens widerstanden hat.

"Wenn die Dinge passieren, dann nimmt man sie ja nicht als Slapstick wahr, sondern ernsthafter. Und ich wollte ja gerne zeigen, was mit den Figuren passiert, mit den Protagonisten. Es sind unglaubliche Zufälle. Aus der Sicht heraus, was uns wirklich erscheint als groteske, bananenschalenhafte Unfälle, Slapstick, ist das für die Figuren ja gar nicht so lustig, so slapstickhaft. Sondern es ist deren Leben."

Es ist ein turbulentes Leben voller Zufälle und Überraschungen, besonders für Dennis, der als in sich gekehrter, leicht autistischer Romantiker, als Tor reinen Herzens beginnt und als gefeierter, latent zynischer Kunstmarktheld endet. Fast scheint es so, als wolle Degens den klassischen Künstlerroman auf den Kopf stellen: Wir sehen nicht mehr dem Künstler bei seiner Vervollkommnung zu, sondern müssen erleben, wie er ihm Milieu der wohlhabenden, kunstbeflissenen Dekadenz allmählich verkommt.

"Ich habe schon an den Künstlerroman gedacht, aber weniger an das Genre als an einen bestimmten Künstlertyp. Was mich sehr interessiert hat, als ich den Roman konzipiert habe, war die Frage, wie prägt das Ruhrgebiet eigentlich den Künstler. Es sind nicht viele, gemessen an der Masse, die hier wohnt, fand ich es immer erstaunlich, wie wenig Kunst- und Kulturschaffende aus dem Ruhrgebiet kommen. Aber bei denen, die mir aufgefallen sind, die ich bewundere, habe ich bemerkt, es ist eine ganz bestimmte Prägung dabei. Die drei, die mir so prototypisch immer einfallen, das ist Helge Schneider, das ist Christoph Schlingensief, das ist Martin Kippenberger, die einen ganz eigenen Zugang zu ihrer Kunst- und Kulturproduktion haben. Ich habe bei allen Dreien gesehen, sie nehmen die Kunst sehr ernst, aber nicht unbedingt den Künstler."

Bei Schlingensief habe ich da meine Zweifel, für die anderen beiden trifft es sicher zu. Dennis Entwicklung hin zur Selbstironie gleicht jedoch eher einem Gefühl des Überdrusses. Auch auf der Welle des Erfolgs verliert er in seinen Briefen den Hang, sich als zerrissene Künstlerpersönlichkeit zu stilisieren nicht, und sein Schulfreund scheint diesen blütenreichen Metaphernsalat durchaus zu goutieren. Das ist natürlich überspitzt, wie so vieles in diesem Roman. Von einer Persiflage auf den Kulturbetrieb spricht der Klappentext und Elemente dazu sind im Buch zweifellos enthalten. Seine komischsten Passagen aber hat es, wenn Degens sich einer Lust an der Überspitzung an sich hingibt, die schon jenseits der Persiflage ist. Aber man kann das Buch auch ganz anders lesen.

"Das ist überspitzt. Wobei ich jetzt auch schon Reaktionen auf das Buch bekommen habe, wo gesagt wird, das ist ja alles total realistisch, das ist ja alles so passiert. Wo ist denn da die Kunst oder die Literatur dahinter, das Gestaltende? Es wird teilweise als sehr wahr, sehr realistisch gelesen. Und das war auch meine Absicht. Natürlich sind es an sich total undenkbare Sachen, wo man denkt, nein, das kann doch überhaupt nicht passieren."

Ja, wo ist sie denn, die Kunst? "Hier keine Kunst" heißt ein anderer Roman von Marc Degens. Man wird den Verdacht nicht los, dass sich hier einer in den Zwischenräumen des sowohl – als auch einrichtet. Gleichzeitig Kunst und keine Kunst, eine realistische Erzählweise, die vor Unwahrscheinlichkeiten strotzt, die mitunter auch nicht erkennen lässt, ob da etwas parodiert wird oder die sprachlichen Mittel nicht ganz ausgereicht haben. Wir haben den Erzähler etwas aus den Augen verloren, der als Betteneroberer beginnt und als Bettvorleger landet. Er begräbt den Traum vom Schriftstellerleben, findet die Liebe seines Lebens, geht in den Schuldienst und wird Familienvater. Ein kleinbürgerlicher Gegenentwurf zu Boheme und Kunstglamour, den Degens nicht denunziert, den man aber gleichwohl nur schwer darstellen kann, ohne in Klischees zu verfallen.

"Das Glück, das man so schildert, ich fand es sehr real. Er hat so seine wahre Berufung gefunden. Natürlich spielt dabei eine Rolle, dass sein eigentlicher Lebenstraum, das Schreiben, nicht stattfindet. Aber doch in einer gewissen Weise schon, indem er nämlich dieses Buch geschrieben hat, und es dann doch noch realisiert um die Ecke. Die andere Geschichte ist natürlich das Elternglück, das hier auch geschildert wird und das Partnerglück mit seiner Frau und dann kommt die Tochter. Ich find es gar nicht so klischeehaft. Meiner Erfahrung nach ist das auch ein extrem glücklich machender Moment."

Zweifellos, und wahrscheinlich ist die Darstellung des Glücks im trauten Heim ohne eine Portion Kitsch nicht zu bekommen. Aber wenn Degens die Mittel fände, dem Glück auch noch diesen Zahn zu ziehen, dann wäre das Glück vollkommen. Und sein Roman noch amüsanter als er schon ist.

Marc Degens: Das kaputte Knie Gottes
Albrecht Knaus Verlag
München 2011
253 Seiten, 17,99 Euro

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