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StartseiteKultur heuteChoreografie der Fremdheit03.09.2016

RuhrtriennaleChoreografie der Fremdheit

Ein Orchester, verloren auf einer riesigen, von Kohlenstaub bedeckten Bühne: Für die Uraufführung des Stücks "Die Fremden" haben sich die Macher der Ruhrtriennale einen außergewöhnlichen Schauplatz ausgesucht: eine ehemalige Kohlemischanlage in Marl. Im Mittelpunkt der Inszenierung: der Abstand zur Realität.

Von Karin Fischer

Szene aus dem Musiktheater "Die Fremden" auf der Ruhrtriennale. (dpa/picture-alliance/Caroline Seidel)
Die Schauspieler vor dem schwarzen Hintergrund der ehemaligen Kohlemischanlage. (dpa/picture-alliance/Caroline Seidel)
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Das kleine Orchester sitzt verloren auf einer riesigen, von Kohlenstaub bedeckten Fläche, die einer Mars-Landschaft gleicht. Die Zuschauerreihen steigen steil empor in der riesigen Halle der ehemaligen Kohlenmischanlage, die erst im Jahr 2015 geschlossen wurde. Die Maschine selbst, ebenso breit und hoch wie die Halle, ein stählerner Koloss auf Schienen, wird sich später nach hinten in Bewegung setzen und den Raum noch weiter öffnen.

Dort hinten wirken die Schauspieler winzig klein, wie helle Punkte in einem schwarzen Abgrund - der auch ein Meer sein könnte. Die Assoziation mit den Geflüchteten liegt nahe, auch weil der Videokünstler Aernout Mik irritierende Filmbilder auf eine Leinwand projiziert, auf der eben jene Kohlenmischhalle als Flüchtlingsunterkunft zu sehen ist. Leere Betten, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kinder mit schwarzen Masken.

Fremdheitserfahrung als Konzept

Alles an der Inszenierung von Johan Simons betont den Abstand zur Realität, die Un-Gleichheit, die Differenz. Was hier stattfindet ist die gewollte Überforderung durch vervielfachte Positionen aus Musik, Sprache, Bild und Raum. Der Zuschauer findet keinen Halt, stolpert permanent auf der Suche nach dem einen Sinn. Dissoziation und Fremdheitserfahrung als Konzept: Insofern ist der Titel "Die Fremden" schon zuverlässig eingelöst. Aber da ist ja noch das Buch von Kamel Daoud:

"Ein Franzose tötet einen an einem einsamen Strand liegenden namenlosen Araber. Es ist 14 Uhr. Es ist der Sommer 1942. Fünf Schüsse, gefolgt von einem Prozess."

Die Dramaturgen Vasco Boenisch und Tobias Staab haben den schleifenartig mäandernden Text streng auf "Stellen" hin abgesucht. Sie arbeiten heraus, wie das Kolonisierte durch die Erzählung noch einmal zum Verschwinden gebracht wird. Demgegenüber gibt die Inszenierung dem Ermordeten gleich fünffach eine Stimme.

"Mein Bruder hieß Moussa. Er hatte sehr wohl einen Namen, aber bleibt für immer der Araber. - Während mein Bruder verweste, feierte das Buch den Erfolg, den man bis heute kennt. - Anschließend haben sie sich alle abgestrampelt zu beweisen, dass es kein Mord, sondern nur ein Sonnenstich war. – Das Wort Araber kommt 25 Mal vor, aber kein einziger Vorname, von keinem von uns."

Religionskritik

Auch Kamel Daouds Religionskritik, für die er in Oran mit einer Fatwa belegt wurde, kommt nicht zu kurz:

"Religion ist für mich wie öffentliche Verkehrsmittel, ich bewege mich gern hin zu Gott, auch zu Fuß, wenn es sein muss, aber nicht in einer organisierten Gruppenreise."

Die Auswahl wirkt zuweilen sehr pädagogisch und konzeptuell, genau so wie die dokumentarischen Filmbilder aus der Kolonialzeit in Algerien, die fast zu perfekt mit den wilden Klängen aus Mauricio Kagels "Windrosen"-Stücken oder dem "Kammerkonzert" von György Ligeti synchronisiert sind. Mit Claude Vivier haben sie gemeinsam, das Andere, die fremden Einflüsse wie selbstverständlich als musikalisches Material verarbeitet zu haben.

Dirigent Reinbert de Leeuw und das Ensemble Asko/Schönberg entrollen den Klangteppich dieser musikalischen Außenseiter in purer Selbstverständlichkeit; Höhepunkt der Aufführung ist Viviers "Bouchara", ein in unverständlicher Phantasiesprache gehaltenes Liebeslied der Sopranistin Katrien Baerts.

Kunst mit politischen Widerhaken

Johan Simons hat eine Sinfonie der Fremdheit choreografiert, die in ihren Einzelteilen und als Ganzes den eurozentristischen Standpunkt nicht nur in Frage stellt, sondern obsolet erscheinen lässt. Sein niederländisch-deutsch-estnisch besetztes Ensemble verkörpert in diesem Fall perfekt diesen Ansatz. Simons erschafft jene Mehrdimensionalität, die Daouds Buch übrigens eindeutig fehlt. Mit der Wiederbelebung der Kohlenmischhalle in Marl hat Johan Simons auch das Konzept Gérard Mortiers erfreulich wiederbelebt: Kunst mit politischen Widerhaken zu machen; Gewissheiten in Frage zu stellen oder, wie hier, unsere Ungewissheiten zu spiegeln.

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