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StartseiteBüchermarktRussische Frauenschicksale26.05.2008

Russische Frauenschicksale

Bärbel Reetz versammelt Biografien der Jahre 1873 bis 1944 im Roman "Lenins Schwestern"

Sozialismus, Marxismus, die Psychoanalyse und die avantgardistische Kunst - auf die epochemachenden geistigen Bewegungen zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten besonders Frauen Einfluss. Bärbel Reetz hat gewissenhaft recherchiert und schildert bewegende Schicksale der Jahre 1873 bis 1944 im Roman "Lenins Schwestern".

Karla Hielscher

Wladimir Iljitsch Lenin. (AP Archiv)
Wladimir Iljitsch Lenin. (AP Archiv)

Der Titel ist einfach ein Ärgernis: Die bedeutendsten russischen Frauen, die die weltbewegenden Aufbrüche und ideologischen Projekte des 20. Jahrhunderts mit vorgedacht und mitgetragen haben, sind nicht "Schwestern" Lenins, dessen Revolution Russland in eine historische Sackgasse führte. Auch wenn sie gleich ihm - wie es im vorangestellten Motto von Sigmund Freud heißt - stark waren, weil sie "eine starke Idee vertreten" haben.

Was, bitte, hat die geniale Wissenschaftlerin Sofia Kowalewskaja, die Frau, die schon 1874 promovierte und Professorin für Mathematik in Stockholm wurde, mit Lenin zu tun? Oder Marianne Werjofkin, die bedeutende Malerin der klassischen Avantgarde? Oder die Ärztinnen und frühen Anhänger der Psychoanalyse Mira Gincburg und Raissa Adler?

Es waren in der Tat besonders viele russische Frauen, die an den epochemachenden geistigen Bewegungen in Wissenschaft, Politik und Kunst - am Sozialismus, Marxismus, der Psychoanalyse und der avantgardistischen Kunst - wesentlichen Anteil hatten. Und ihre bewegenden Schicksale in den dramatischen Umbruchszeiten am Ende des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu schildern, ist eine wichtige und lohnende Aufgabe.

Das hat Bärbel Reetz, die schon eine Roman-Biografie über Sabina Spielrein – die Patientin von Sigmund Freud und C. G. Jung und bedeutende Psychoanalytikerin - geschrieben hat, wohl vorgeschwebt. Und das Material, das ihr da in vielen, zum Teil in Vergessenheit geratenen Quellen vorliegt, und das sie gewissenhaft und genau recherchiert hat, ist an Spannung und Faszination kaum zu überbieten:

Das ärmliche und dabei geistig so reiche Leben der russischen Studentinnen in den Russenkolonien von Zürich und Genf mit eigenen Bibliotheken, Lesesälen und Speisehallen, wo sich immer wieder die Wege der verfolgten emigrierten Revolutionäre, der verrückten Künstler-Boheme und der jungen Medizin-Studentinnen, die ihr Leben der Psychoanalyse widmeten, miteinander kreuzten. Wo in verrauchten Hinterzimmern anarchistische oder marxistische Theorien diskutiert, in der berühmten psychiatrischen Klinik "Burghölzli" mit den Lehren Freuds und seiner Schüler experimentiert und in der Schweizer Kleinbürgerwelt von den jungen Frauen mit ihren Kurzhaarfrisuren neue, unkonventionelle Lebensformen ausprobiert wurden.

Fast alle diese mutigen Russinnen stammten aus höchsten Aristokratenkreisen, hatten ihre Kindheit auf romantischen Landgütern mit Kinderfrauen und Dienstboten verbracht, und dann radikal mit ihren Familien und diesem privilegierten Leben gebrochen. Manche gingen Scheinehen ein, nur um an einen Pass zu kommen und aus dem rückständigen zaristischen Russland weggehen zu können. Die einen schließen sich revolutionären Kreisen an, wie Vera Figner, die in die terroristische Bewegung der Narodniki gerät und - als Beteiligte am Attentat auf den Zaren Alexander II - für Jahrzehnte als Sträfling in der Festung Schlüsselburg verschwindet, oder Alexandra Kollontai, die von der provozierenden Rebellin zur offiziellen Gallionsfigur des Sowjetsystems mutiert.

Andere, wie die jungen Jüdinnen Mira Gincburg oder Raissa Epstein, die spätere Frau Alfred Adlers, verschreiben sich der psychoanalytischen Bewegung, arbeiten als erfolgreiche Analytikerinnen, bis sie von den Nazis vertrieben, in der Emigration in New York wieder aufeinander treffen. Und so originelle Persönlichkeiten wie Lou Salome oder Jelena Blavatskaja - werden zu einflussreichen Anregerinnen für die Kunst und Literatur der Jahrhundertwende.

In acht Kapiteln, die den Zeitraum von 1873 bis 1944 umfassen und in denen jeweils eine der Protagonistinnen im Vordergrund steht, versucht die Autorin, 70 Jahre Geschichte und Ideengeschichte aus der Perspektive von aktiv beteiligten Frauen gesehen, in den Griff zu bekommen. Und das kann natürlich nicht gut gehen!

Das Buch enthält den Stoff für mindestens zehn Romane, und ist eben deshalb als Roman misslungen. Auch wenn einiges Geschehen szenisch geschickt verlebendigt wurde, ist es sicherlich unmöglich, die ungeheure Materialfülle zu bewältigen, die zahllosen Informationen, die der Leser ja braucht, um zu verstehen, worum es geht, literarisch überzeugend in einer Romanhandlung zu gestalten.

Die Autorin versucht nämlich, all diese Themen und Ideen aus der Innensicht der Personen vorzustellen und die historischen Fakten - von der Zarenzeit über den ersten Weltkrieg, die Revolution und Bürgerkrieg bis in den zweiten Weltkrieg - die geistesgeschichtlichen Hintergründe – Revolutionstheorie, Theosophie, die verschiedenen psychoanalytischen Schulen Freuds, Jungs und Adlers und so weiter - in Form von Erinnerungen der Protagonistinnen, langen Briefen oder Gesprächen zu vermitteln.

Das wirkt fast immer unglaubhaft und künstlich, und die Heldinnen, deren individuelles Fühlen und Denken, Lieben und Leiden den Leser eigentlich interessiert, werden dadurch zu leblosen, blassen Vehikeln, zu Sprechblasen für die notwendigen Sachinformationen. Und der Versuch der Autorin, all die spannenden Debatten, die in diesen Jahrzehnten geführt wurden samt dazugehörigen Buchtiteln zu referieren, alle wichtigen Persönlichkeiten wenigstens einmal auftauchen zu lassen, führt zu einem ermüdenden, verwirrenden Name-Dropping, dem kein Leser mehr folgen kann.

Was uns da als Roman verkauft werden soll, hätte - mit kluger Beschränkung des behandelten Stoffes - ein spannendes Sachbuch werden können. Schade!

Bärbel Reetz: Lenins Schwestern. Roman
Insel Verlag 2008, 271 Seiten, 19,80 Euro

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