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StartseiteDie neue PlatteZartbitter03.12.2017

Russische KammermusikZartbitter

Natürlich spielen sie Antonín Dvořáks berühmtes Streichquintett, aber die Mitglieder des fabergé-quintetts forschen auch nach vergessener Literatur. Sensibel und schillernd zugleich interpretieren sie mit der Pianistin Ulrike Payer Kammermusik der russischen Romantik.

Am Mikrofon: Klaus Gehrke

Das fabergé-quintett und die Pianistin Ulrike Payer (Matthias Brommann)
Das fabergé-quintett und die Pianistin Ulrike Payer (Matthias Brommann)

Musik: Michail Glinka, Klaviersextett Es-Dur, "Gran Sestetto originale", 2. Satz

Mit seinen Opern "Ein Leben für den Zaren" und "Ruslan und Ludmilla" wurde er zum "Vater der russischen Musik"; als Michail Glinka jedoch 1832 sein "Gran Sestetto" für Klavier und Streichquintett komponierte, weilte er in Italien – und das hört man vor allem dem zweiten Satz deutlich an. Der erinnert mit seinen Kantilenen an die Werke der großen Belcanto-Komponisten Bellini oder Donizetti, die Glinka vermutlich auch persönlich kennen gelernt hatte.

Musik: Michail Glinka, Klaviersextett Es-Dur, "Gran Sestetto originale", 2. Satz

Am Lago Maggiore, wo Glinka sich seit 1830 aus gesundheitlichen Gründen aufhielt, wurde er mit gleich zwei neuen Leiden konfrontiert: Zum einen begann trotz des milden Klimas und der italienischen Lebensfreude langsam, aber stetig das Heimweh nach Russland an ihm zu nagen. Zum anderen verliebte er sich in die verheiratete Tochter seines Arztes, für die das "Gran Sestetto originale" in Es-Dur entstanden ist. Allerdings begannen rasch Klatsch und Tratsch zu sprießen, und um die heimliche Geliebte nicht kompromittierenden Gerüchten auszusetzen, widmete Glinka das Werk nicht ihr, sondern einer Freundin – und packte die Koffer.

Liebeserklärung via Klavierpart

Seine Herzdame, so schrieb der Komponist später in seinen Memoiren, hatte schon mit Frédéric Chopin zusammen musiziert; möglicherweise erklärt das den technisch durchaus anspruchsvollen Klavierpart. In dieser Hinsicht ist Glinkas "Gran Sestetto" eher ein kleines Klavierkonzert. Vor allem im Finalsatz "Allegro con spirito" zieht er fingertechnisch und kompositorisch etliche Register; allerdings verstehen Ulrike Payer und das fabergé-quintett es ausgezeichnet, die vertrackten Feinheiten mit sensiblen Gesten und schillernder opernhaft belcantistischer Eleganz zum Klingen zu bringen.

Musik: Michail Glinka, Klaviersextett Es-Dur, "Gran Sestetto originale", 3. Satz

Das war ein Ausschnitt aus dem Finale des "Gran Sestetto" von Michail Glinka mit der Pianistin Ulrike Payer und dem fabergé-quintett, ein Werk, das im Konzertrepertoire eher selten zu hören ist.

Echo Klassik für das fabergé-quintett

Auf solche Pretiosen haben sich die fünf Streicher, die alle Mitglieder des Hamburger NDR Elbphilharmonie Orchesters sind, im Laufe ihrer langjährigen Zusammenarbeit spezialisiert. So spielten sie beispielsweise Werke von Ralph Vaughan Williams und Hermann Goetz sowie die unbekannten Quintette von Adolphe Blanc auf CD ein, für die das Ensemble 2014 mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet wurde. Eine Rarität und zugleich eine nur zweieinhalb Minuten lange Petitesse ist auch das Allegro c-Moll für Klaviersextett von Peter Tschaikowsky: Diese musikalische Übung komponierte der junge Student um 1863 am St. Petersburger Konservatorium. Seine spätere Meisterschaft ist darin jedoch schon deutlich zu spüren.

Musik: Peter Tschaikowsky, Allegro c-Moll TH 159

Mit rund 37 Minuten entschieden gewichtiger als Tschaikowskys Allegro-Satz – und damit auch das längste Stück auf der "Gran Sestetto"-CD mit dem fabergé-quintett und der Pianistin Ulrike Payer ist das Klaviersextett b-Moll op. 63 von Sergej Ljapunow. Der 1859 geborene Komponist ist hierzulande nahezu unbekannt; dabei studierte er unter anderem bei Tschaikowsky und Sergej Tanejew in Moskau und stand in engem Kontakt mit dem so genannten "Mächtigen Häuflein", das sich bewusst von der westeuropäischen Musik abgrenzte und zu dem die Komponisten Mili Balakirew und Nikolai Rimski-Korsakow gehörten.

Kritik an Ljapunows Idol

Allerdings lehnte Ljapunow sich kompositorisch sowohl an sie als auch sein westliches großes Vorbild Franz Liszt an, weshalb viele jüngere Kollegen sein Werk als Epigonentum abtaten. Sein Klaviersextett erinnert zwar an die Klangsprache Balakirews, hat aber auch viele eigene herbe Charakterzüge; die werden beispielsweise zu Beginn des ersten Satzes deutlich.

Musik: Sergej Ljapunow, Klaviersextett b-Moll op. 63, 1. Satz

Sensibel arbeiten das fabergé-quintett und die Pianistin Ulrike Payer die feinen Melodiebögen in der mitunter dicht gewebten Satzstruktur heraus; sie werfen sich geradezu genussvoll die Themen und Motive im dialogischen Wechsel zwischen Streichern und Klavier hin und her und schaffen ein Klangbild, das in seiner kraftvollen Dynamik mitunter sinfonische Züge annimmt. Auch hier kann Ulrike Payer zwischen perlenden Läufen und wuchtigen Akkorden alle technischen Register ihres Könnens ziehen.

Und plötzlich: Ein Hauch von Impressionismus

Verlangt der düstere Kopfsatz von Ljapunows Sextett eine dramatische Herangehensweise in der Interpretation, so können die Ausführenden im dritten Satz, einem "Nocturne", in beinahe impressionistischen zarten Klangfarben schwelgen – und das tut nicht nur der Cellist in seinen wunderschönen bittersüß-melancholischen Kantilenen.

Musik: Sergej Ljapunow, Klaviersextett b-Moll op. 63, 3. Satz

Möglicherweise ist Sergej Ljapunows Klaviersextett, aus dem Ulrike Payer und das fabergé-quintett einen Ausschnitt aus dem dritten Satz spielten, ein Abgesang auf eine Welt, die zum Zeitpunkt der Komposition unwiederbringlich in Scherben ging, denn 1915 wütete der Erste Weltkrieg in Europa. Nach der russischen Revolution emigrierte Ljapunow nach Paris. Dort brachte er das Sextett 1921 in seine endgültige Fassung. Die Einspielung dieses kaum bekannten, sehr dramatischen Werkes in der zupackenden Interpretation des fabergé-quintetts und Ulrike Payer ist für mich eine Meisterleistung – und das gilt auch für die beiden Sextette von Tschaikowsky und Glinka.

Musik: Sergej Ljapunow, Klaviersextett b-Moll op. 63, 4. Satz

Ein Ausschnitt aus dem Finale des Klaviersextetts op. 63 von Sergej Ljapunow mit dem fabergé-quintett und der Pianistin Ulrike Payer. Deren neue CD "Gran Sestetto" mit Werken von Glinka, Tschaikowsky und Ljapunow ist beim Label Es-Dur erschienen.

"Gran Sestetto"
Michail Glinka: Gran Sestetto originale in Es-Dur
Pjotr I. Tschaikowsky: Allegro c-Moll TH 159
Sergei M. Ljapunow: Sextett in b-Moll op. 63
fabergé-quintett und Ulrike Payer
Es-Dur EAN 4015372820725

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