Sonntag, 18.02.2018
 
Seit 07:05 Uhr Information und Musik
StartseiteDie neue PlatteRückblick auf Leben und Wurzeln28.01.2018

Russische KlaviermusikRückblick auf Leben und Wurzeln

Die Pianistin Elisabeth Leonskaja hat auf ihrem neuen Album Werke zusammengestellt, mit denen sie das besondere Gefühl "Saudade" verbindet. Saudade beschreibt Weltschmerz, eine Emotion zwischen Sehnsucht oder Melancholie. Doch die aufgenommenen Stücke und Sonaten enthalten nicht nur diese emotionale Dimension.

Am Mikrofon: Susann El Kassar

Die Pianistin Elisabeth Leonskaja (eaSonus)
Die Pianistin Elisabeth Leonskaja (eaSonus)

Melancholie, Wehmut, Sehnsucht nach etwas Verlorenem oder Vergangenem - die Pianistin Elisabeth Leonskaja hat sich für den portugiesischen Begriff "Saudade" entschieden, um das Gefühl zu beschreiben, das sie mit der Musik auf ihrem jüngsten Album verbindet. Mit Werken von Tschaikowsky, Schostakowitsch und Rachmaninow.

Es sind nicht zwangsläufig die Werke an sich, die dieses besondere Gefühl - Saudade - hervorrufen, Elisabeth Leonskaja hat nicht einfach melancholische Musik zusammengestellt. Sondern, wenn wir dem Booklet glauben dürfen, dann teilt die 72-Jährige mit uns ihren persönlichen Eindruck beispielsweise von der Klaviersonate op.37 von Peter Tschaikowsky, der sogenannten "Grande Sonate". Mit den kraftvollen Akkorden und dem zuversichtlich voranschreitenden Rhythmus transportiert der Anfang des ersten Satzes für den Hörer nichts Wehmütiges. Für Leonskaja aber ist die Sonate mit den Anfängen ihrer pianistischen Karriere verbunden. 1988, vor gut 30 Jahren hat sie diese Sonate zum ersten Mal aufgenommen.

Musik: Peter Tschaikowsky, "Moderato e risoluto" aus der Klaviersonate op.37

Leonskaja wählt hier ein ideales Tempo, um der Vorschrift "moderato e risoluto" gerecht zu werden. Die Akkorde haben Zeit zu klingen, gleichzeitig schreitet die Phrase selbstbewusst, fast feierlich voran.

Mit Ruhe und Verstand

Auch im dritten Satz der Grande Sonate von Peter Tschaikowsky unternimmt die Pianistin keinen Wettlauf mit der Zeit. Ihr geht es nicht darum, mit ihren schnellen Fingern zu beeindrucken, sondern sie versucht in diesem rhythmischen Verwirrspiel den diversen Betonungen und Schwerpunkt-Verschiebungen gerecht zu werden.

Musik: Peter Tschaikowsky, "Scherzo - Allegro giocoso" aus der Klaviersonate op.37

Elisabeth Leonskaja entstammt der russischen Klavierschule. Sie wurde 1945 in Tiflis, in Georgien als Tochter russisch-jüdischer Eltern geboren. Zum Klavierstudium ging sie nach Moskau. Dort traf sie auf Svjatoslav Richter, der ihr wichtigster Mentor wurde. Die enge Verbindung der beiden blieb bestehen, auch nachdem sie die UdSSR 1978 verlassen hatte und beschloss, fortan in Wien zu leben.

Ihre Heimat: Die russische Sprache und die Musik

Dem großen Vorbild Svjatoslav Richter, aber auch ihren Eltern und ihrer Schwester, ihren anderen Lehrern und Freunden hat Leonskaja dieses Album gewidmet. Der Blick auf ihr Leben und ihre Wurzeln führt die heute 72-jährige selbstverständlich zu russischen Komponisten, auch zu Dmitri Schostakowitsch.

Seine zweite Sonate op.61 gehört - so wie die Tschaikowsky Sonate - fest in Leonskajas Konzertrepertoire und wurde von ihr auch schon 1992 auf CD eingespielt. Schostakowitsch hat diese Sonate für seinen Klavierlehrer am Sankt Petersburger Konservatorium komponiert, nachdem dieser überraschend früh gestorben war.

Der erste Satz hat durch die repetitiven Begleitfiguren eine maschinelle Nuance, diese unterdrückt Leonskaja aber durch ihren lyrischen, erzählenden Ton.

Musik: Dmitri Schostakowitsch, "Allegretto" aus der Klaviersonate Nr.2 op.61

Ein besonderer Ruhepunkt der CD ist der langsame Satz dieser zweiten Sonate von Schostakowitsch. Er ist spröder als die anderen beiden, und die Herausforderung besteht darin, die Gesamtdramaturgie des Satzes durch das Kleinteilige nicht aus den Augen zu verlieren.

Musik: Dmitri Schostakowitsch, "Largo" aus der Klaviersonate Nr.2 op.61

Auf der CD "Saudade" hat Elisabeth Leonskaja zum ersten Mal einige der kurzen Stücke von Sergej Rachmaninow aufgenommen. Seine Musik, die oft eine melancholische Sehnsucht spüren lässt, trifft mit dem emotionalen Gehalt das vordergründige Thema der CD am ehesten. Leonskaja hat tatsächlich auch das berühmteste Prelude von Rachmaninow, das in cis-Moll ausgewählt. Rachmaninow hat es 1892 komponiert, als ein Teil der Morceaux de fantaisie op.3. Dieses Stück war zu seinen Lebzeiten so beliebt, dass sich Rachmaninow später immer wieder rechtfertigen musste, wenn er es mal nicht im Programm oder als Zugabe spielte.

Erfahrung des Alters

Elisabeth Leonskaja wählt ein ungewöhnlich zügiges Tempo. Mit diesem Schwung befreit sie das Prelude von dem schicksalhaften Pathos, das üblicherweise an ihm klebt. Sie versteht es, die verschiedenen musikalischen Ebenen herauszuarbeiten, und selbst im klanggewaltigen Höhepunkt gleitet ihr Ton nicht ins Metallische ab. Er bleibt voll und rund.

Musik: Sergej Rachmaninow, Prélude in cis-Moll aus den Morceaux de fantaisie op.3

Wie im cis-Moll Prelude setzt Leonskaja auch in der Elegie, dem ersten der Morceaux de Fantaisie von Sergej Rachmaninow, ihr Gespür für Emotion wohldosiert ein. Dieses Fantasiestückchen wird bei ihr nicht pathetisch, weil sie vermeidet zu schleppen.

Leonskaja stellt diese Elegie an die letzte Position der CD und holt sie so dankenswerterweise aus dem Schatten. In der Elegie treffen sich exemplarisch das von der Musik transportierte Gefühl, das dem von Saudade wohl am nächsten kommt, und die zweite Gefühlsebene, die nur Leonskaja betrifft und für sie selbst begründet, warum es auf dieser CD erscheint.

Diese Doppelbödigkeit macht schlussendlich auch den Charme der CD aus. Elisabeth Leonskaja suggeriert, dass wir nah an ihre Gedanken und Gefühle herankommen, ihre Assoziationen mit dem Gefühl "Saudade". Aber die Musik, diese Auswahl an russischer Klaviermusik steht noch zwischen uns und sie transportiert nicht einfach nur Wehmut, Sehnsucht oder Melancholie, sondern viel mehr. Und behält damit das Geheimnis, was Leonskaja im Speziellen mit ihr verbindet, für sich.

Musik: Sergej Rachmaninow, Elegie aus den Morceaux de fantaisie op.3

Saudade
Werke von Tschaikowski, Schostakowitsch und Rachmaninow
Elisabeth Leonskaja, Klavier
eaSonus
LC 30112
0040232935312

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk