Die neue Platte / Archiv /

 

Russische Musik und 1001 Nacht

"Scheherazade" von Nikolai Rimski-Korsakow

Von Ludwig Rink

Der russische Komponist Nikolaj Rimski-Korsakow (1844 bis 1908) auf einer zeitgenössischen Darstellung
Der russische Komponist Nikolaj Rimski-Korsakow (1844 bis 1908) auf einer zeitgenössischen Darstellung (picture alliance / dpa)

Die Reihe "Les Ballets Russes" widmet sich der Zeit des 20. Jahrhunderts, als die russische Kunst in Paris ankam. Nun hat für diese CD-Reihe das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg die sinfonische Dichtung "Scheherazade" von Nikolai Rimski-Korsakow eingespielt.

Vor gut fünf Jahren startete das Label hänssler classic eine CD-Reihe unter dem Motto "Les Ballets Russes". Partner dabei war und ist in erster Linie das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Inzwischen liegen Werke von Strawinski, Debussy, Dukas, Ravel, Poulenc, Prokofjew, Tschaikowsky, Strauss und Auric vor, die allesamt etwas mit der künstlerisch ungeheuer fruchtbaren Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris zu tun haben, als dort die Ankunft russischer Kunst für Musik und Ballett völlig neue Horizonte eröffnete. Einer der Hauptakteure war der Impressario Serge Diaghilev, der zusammen mit bedeutenden Choreografen, Tänzern, Malern, Musikern und Komponisten legendäre Gesamt-Kunstwerke schuf. Für Diaghilevs Ballett-Truppe schrieben die großen Komponisten der Zeit Werke, die bis heute nichts von ihrer Originalität eingebüßt haben und zum großen Teil Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden sind. Aus der neuen 8. Folge dieser verdienstvollen Reihe mit hochkarätigen Einspielungen möchte ich Ihnen heute die Sinfonische Suite "Scheherazade" von Nikolai Rimski-Korsakow vorstellen.

"Nikolai Rimski-Korsakow
Aus: Scheherazade
aus Track 4
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Leitung:Alejo Perez
LC 10622
CD 93.289"

Die gerade im deutschen Sprachraum weitverbreitete Befürchtung klassisch-romantischer Komponisten, mit schildernder, Geschichten erzählender Musik nicht ganz so ernst genommen zu werden, finden wir auch bei Nikolai Rimski-Korsakow. Zwar gibt er zu, dass er sich beim Komponieren von Episoden aus "Tausendundeiner Nacht" habe inspirieren lassen, aber dennoch sollten die einzelnen Sätze dieser Suite ursprünglich ganz neutrale Bezeichnungen tragen, wie Prélude, Ballade, Adagio und Finale. Erst auf den Rat seines Freundes und Komponistenkollegen Anatol Ljadow habe er sich zu aussagekräftigeren Überschriften bewegen lassen und das zugrundeliegende Programm am Ende der Partitur mitgeteilt. Dass Musik immer auch etwas anderes ausdrücken kann als das, was den Komonisten inspirierte, haben dann die Pariser Choreografen einmal mehr gezeigt, als sie Rimski-Korsakow "Scheherazade" 1910 mit einer völlig anderen, aber ebenso exotisch-erotisch-blutrünstigen Handlung auf die Bühne brachten. Heute Morgen aber bleiben wir beim Original, und dessen Plot geht etwa so:

Verbittert über die Treulosigkeit einer früheren Geliebten, übt Sultan Schahriar seitdem grausamste Rache an deren nach unserem Verständnis eigentlich daran unschuldigen Nachfolgerinnen. Jede Frau, mit der er eine Nacht verbringt, lässt er anschließend töten. Einer jedoch, ihr Name ist Scheherazade, gelingt es, sich diesem Schicksal zu entziehen, denn neben ihren körperlichen Reizen verfügt sie über die Gabe, mit großer Anschaulichkeit und Fantasie Geschichten zu erzählen. Solange sie damit des Sultans Neugier wachzuhalten versteht, soll sie nicht hingerichtet werden. Und das gelingt ihr tausendundeine Nacht lang. Nach und nach gewinnt sie gar des Sultans Zuneigung und Liebe. Er verschont sie und macht sie zu seiner Sultanin.

Diese beiden Hauptpersonen werden in der Einleitung zu Rimski-Korsakows Sinfonischer Suite durch zwei sehr unterschiedliche Themen charakterisiert: Eins kommt mit Kraft, ja geradezu gewaltsam daher, das andere, von der Violine solistisch vorgetragene, zeigt Liebreiz, Sanftmut und Klugheit der Scheherazade: Man spürt förmlich, wie sie den gestrengen Sultan immer wieder einzuwickeln versteht.

"Nikolai Rimski-Korsakow
Aus: Scheherazade: Einleitung
aus Track 1
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Leitung:Alejo Perez
LC 10622
CD 93.289"

Diese beiden Themen stehen am Beginn nebeneinander und gehen beim Happy End eine Verbindung ein. Dazwischen tauchen sie in vielen Umwandlungen auf, während vier der Märchen aus "Tausendundeine Nacht" musikalisch geschildert werden. Ob dem Sultan die Geschichte gefallen hat, lässt sich deutlich daran erkennen, ob das ihn darstellende Thema eher schroff oder eher versöhnlich klingt. Die erste Erzählung jedenfalls, die von Sindbad dem Seefahrer handelt, unterbricht er des Öfteren ungeduldig. Doch Scheherazade erzählt so spannend von der Gewalt der Fluten und der Kühnheit ihres Helden, dass sie ungeköpft das Abenteuer der ersten Nacht übersteht.

"Nikolai Rimski-Korsakow
Aus: Scheherazade: Sindbad
aus Track
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Leitung:Alejo Perez
LC 10622
CD 93.289"

Heiter geht es im zweiten Märchen zu, das die Streiche und Eulenspiegeleien des Prinzen Kalender schildert. Scheherazade weiß: Wenn sie den Sultan zum Lachen bringt, hat sie eine weitere Nacht überlebt.

"Nikolai Rimski-Korsakow
Aus: Scheherazade: Prinz Kalender
aus Track 2
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Leitung:Alejo Perez
LC 10622
CD 93.289"

Eine Nacht später entführt Scheherazade den Sultan in das bunte Land unschuldiger Kinderträume. Mit der Erzählung "Vom jungen Prinzen und der jungen Prinzessin" gelingt es ihr, den ansonsten eher harten Gesichtszügen des Herrschers ein geradezu zärtliches Lächeln zu entlocken.

"Nikolai Rimski-Korsakow
Aus: Scheherazade: Vom jungen Prinzen und der jungen Prinzessin
aus Track 3
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Leitung:Alejo Perez
LC 10622
CD 93.289"

Scheherazade schaffte es, den Herrscher zu interessieren, ihn zum Lachen zu bringen, ihn milde zu stimmen. Mit dem letzten Märchen gewinnt sie schließlich sein Herz. Denn in der Geschichte "Das Schiff treibt gegen den Magnetberg und zerschellt" erkennt der Sultan gleichsam sein eigenes Schicksal, seine Vereinsamung, seine Versteinerung, seinen Hass, nachdem er einst derart enttäuscht und gedemütigt wurde. Es gelingt ihm, unter die Vergangenheit einen Schlussstrich zu ziehen und mit Scheherazade an seiner Seite ein neues, von der Liebe bestimmtes Leben zu beginnen.

Rimski-Korsakows Sinfonische Suite "Scheherazade" lebt von der glänzenden Instrumentationskunst ihres Schöpfers. Hier die allerfeinsten Nuancen herauszuarbeiten, gelingt nur einem so exzellenten, langjährig auf einander eingespielten Klangkörper wie dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Doch ähnlich wie Scheherazade bangt auch dieser Klangkörper jetzt schon viele Tage und Nächte um sein Leben, denn die im Namen genannte Rundfunkanstalt überlegt nicht die Enthauptung, doch aber die Zusammenlegung mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR. Viele Experten sind der Meinung, dies komme einer Zerschlagung beider gewachsener Ensembles gleich. Die Musiker indessen spielen, wie ihre neue CD zeigt, auf höchstem Niveau weiter. Wünschen wir ihnen, dass es ihnen wie Scheherazade gelingen möge, alle Verantwortlichen von dem Vorhaben abzubringen – nicht mit Märchen aus Tausendundeiner Nacht, sondern mit der Kraft von Argumenten und den nach wie vor mustergültigen Interpretationen.

"Nikolai Rimski-Korsakow
Aus: Scheherazade
aus Track 4
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Leitung:Alejo Perez
LC 10622
CD 93.289"

Die Neue Platte – heute mit der Sinfonischen Suite "Scheherazade", die in der Reihe "Les Ballets Russes" des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg erschien. Die Leitung hatte der argentinische Dirigent Alejo Perez.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Die neue Platte

KammermusikSonaten von Strauss und Rachmaninoff

Der Komponist (u.a. "Der Rosenkavalier") und Dirigent Richard Strauss im Jahr 1888 als Student. Er wurde am 11. Juni 1864 in München geboren und ist am 8. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen gestorben. +++(c) dpa - Report+++

Mit seinem Label Fontenay Classics International hat der Cellist Niklas Schmidt eine Plattform für Freunde, Schüler und für eigene Projekte geschaffen. Gemeinsam mit dem Pianisten John Chen spielte er die Sonaten für Cello und Klavier von Sergei Rachmaninoff und Richard Strauss ein.

Geistliche MusikDurchdachter Chorgesang

In einem Gesangbuch aus dem 15. Jahrhundert aus dem Gesangbucharchiv der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz (Rheinland-Pfalz) steht "Jesu Christ" in altdeutscher Schrift. 

Der Chor des im 14. Jahrhundert gegründeten Gonville & Caius Colleges der Universität Cambridge hat sich mit der Klangwelt des keltischen Christentums beschäftigt. Eine detailreich durchdachte Interpretation, die viele musikwissenschaftliche Dogmen infrage stellt.

KlaviermusikDas Pianos Trio mit raffinierten Arrangements

Hände spielen auf einem Klavier.

Das rote "S" im Namen des italienischen Pianos Trio kommt nicht von ungefähr: Denn bei einem Konzert stehen für Alessandro Stella, Giorgia Tomassi und Carlo Maria Griguoli gleich drei Flügel auf dem Podium. Nun ist eine CD mit Live-Aufnahmen des Trios vom Lugano Festival erschienen.

 

Musik

Sad RapTraurige Rapper im 21. Jahrhundert

Der US-Rapper Kanye West

Bei amerikanischen Rappern wie Drake, Kanye West oder Future gehört es längst zum guten Ton, die eigene Traurigkeit in den Vordergrund ihrer lyrischen Reflexionen zu stellen. Im Internet kursieren schon Genre-Bezeichnungen wie Sad Rap. Woher kommt dieses Interesse für die Traurigkeit?

Salzburger Festspiele 2014 Gepflegte Langeweile mit "Don Giovanni"

Festspielhäuser an der Hofstallgasse  in Salzburg

Zum Auftakt der Salzburger Festspiele 2014 wurde eine Neuinszenierung von Mozarts "Don Giovanni" gezeigt. Der Schauplatz: eine Hotellobby mit gedämpften Licht, ein Allerweltsort gepflegter Langeweile. Insgesamt hat die Inszenierung von Christoph Eschenbach und Sven-Eric Bechtolf den Rezensenten nicht überzeugt.

HörenDer Klang der Stadt Bonn

Die noch kahlen Äste eines Baumes ragen am 28.03.2014 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) auf dem Petersberg über dem Rheintal in den blauen Himmel.

Die Beethovenstiftung fördert in Bonn moderne Klangkünstler, Komponistinnen und Komponisten – und erlaubt ihnen, mitten im Stadtbild mit ganz unterschiedlichen Sounds zu experimentieren. In den letzten fünf Jahren sind viele Hör-Stationen in der Innenstadt und am Rheinufer entstanden.