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StartseiteInformationen am MorgenDer ungeliebte Regisseur19.08.2015

RusslandDer ungeliebte Regisseur

Russland beschuldigt den ukrainischen Filmregisseur Oleg Senzow, Terroranschäge auf der Krim vorbereitet zu haben. Ihm drohen 20 Jahre Haft. Der Prozess wird international kritisiert, Senzow berichtet von Folter. Möglich ist der Prozess nur wegen einer skurrilen Staatsbürgerschaftsregelung auf der Krim.

Von Gesine Dornblüth

MOSCOW, RUSSIA. DECEMBER 26, 2014. Ukrainian film director Oleg Sentsov, detained in Crimea on charges of terrorism, seen in a cage during a hearing into the investigator's request to extend his arrest at Moscow's Lefortovo District Court. Mikhail Pochuyev/TASS (picture alliance / dpa / Mikhail Pochuyev/TASS)
Der inhaftierte ukrainische Film-Regisseur Oleg Senzow (picture alliance / dpa / Mikhail Pochuyev/TASS)
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Diverse Organisationen und Persönlichkeiten fordern die sofortige Freilassung Oleg Senzows. Die US-Regierung hat sich für ihn eingesetzt, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Amnesty International und jede Menge europäische Filmprominenz. Wim Wenders, Präsident der Europäischen Filmakademie, in einer Solidaritätsadresse:

"Ich kenne Oleg Senzow nicht persönlich, aber ich habe seinen Film 'Gamer' zwei Mal im Kino gesehen. Dem Film nach zu urteilen und nach dem, was mir bekannt ist, war er ein anständiger Mensch, höflich und bescheiden und ganz sicher kein Held eines Actionfilms und bestimmt kein Terrorist."

Der polnische Regisseur Krzysztof Zanussi übermittelt dem Angeklagten:

"Wir sind bei dir. Du bist nicht allein."

Der gesunde Menschenverstand sagt: Dieser Mann ist unschuldig. Oleg Senzow, 39 Jahre, lebte auf der Krim. Er war auf dem Maidan in Kiew aktiv. Und als die Krim im Frühjahr 2014 von Russland annektiert wurde, versorgte er die von russischen Soldaten belagerten verbliebenen ukrainischen Einheiten mit Lebensmitteln. Er half anderen Aktivisten, die für eine ukrainische Krim eintraten und deshalb von den neuen Machthabern verfolgt wurden.

"Dieser Prozess ist politisch motiviert"

Im Mai 2014 wurde Senzow dann selbst festgenommen und kurz darauf nach Russland gebracht. Die russischen Behörden werfen dem Ukrainer vor, er habe Anschläge auf der Krim organisiert: ein Büro der Kremlpartei Einiges Russland und das einer anderen prorussischen Organisation anstecken lassen, außerdem einen Anschlag nahe einem Lenindenkmal vorbereitet. Senzow soll eine Terrorzelle auf der Krim gegründet haben, Mitglied des ukrainischen Rechten Sektors sein. Der ist in Russland verboten.

Mehr als ein Jahr saß Senzow in Untersuchungshaft, im Juli begann dann der Prozess gegen ihn in Rostow am Don in Südrussland. In einer der ersten Verhandlungen machte Senzow dem Richter klar, was er von dem Prozess hält: nichts.

"Ich halte diesen Prozess für nicht legitim. Ich bin Bürger der Ukraine und wurde widerrechtlich von Ihren Geheimdiensten hier her gebracht. Dieser Prozess ist fabriziert und politisch motiviert."

Urteil soll in den nächsten Tagen fallen

Vor Gericht führte Senzow aus, er sei von den Geheimdienstlern gefoltert worden.

"Sie haben mich geschlagen und getreten. Im Stehen, im Liegen, im Sitzen. Mir wurde eine Tüte über den Kopf gezogen, so dass ich keine Luft bekam und in Ohnmacht fiel. Ich hatte das früher im Kino gesehen aber nie begriffen, wie Leute gebrochen werden. Das ist eine sehr schlimme Sache."

Im Laufe des Prozesses haben wichtige Belastungszeugen ihre Aussagen, die sie vor Prozessbeginn gemacht hatten, widerrufen. Einer gab an, er habe den Regisseur unter Folter belastet. Mit Senzow steht ein zweiter Mann, vor Gericht, Alexander Koltschenko, ein Anarchist. Er hat zugegeben, an den Brandanschlägen auf der Krim beteiligt gewesen zu sein – aber nicht an Terroranschlägen. Auch er belastet Senzow nicht. Senzows Cousine, Natalja Kotschnjewa, verfolgt den Prozess in Rostow intensiv und hält, so gut es geht, Kontakt zu dem Regisseur.

"Er durfte mich kürzlich anrufen. Oleg hat nicht vor, aufzugeben, aber er ist nicht optimistisch, was das Urteil betrifft. Er weiß sehr gut, dass man in einem politischen Prozess in Russland keine Gerechtigkeit erwarten kann."

Heute sollen vor Gericht die Schlussplädoyers gehalten werden. Beobachter erwarten das Urteil bereits in den nächsten Tagen.

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