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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturAnsichten zweier "Putinversteher" 08.09.2014

Russland und der Westen Ansichten zweier "Putinversteher"

Wer ist Schuld am neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und Russland? Das fragen die Journalisten Mathias Bröckers und Paul Schreyer in ihrem Buch "Wir sind die Guten". Darin gehen sie mit den westlichen Medien hart ins Gericht - und bezeichnen sich selbst ausdrücklich als Putinversteher.

Von Brigitte Baetz

Russische Separatisten im Norden von Donezk (AFP/BULENT KILIC)
Die Journalisten Mathias Bröckers und Paul Schreyer interpretieren die Ukraine-Krise in erster Linie aus US-kritischer Sicht. Über die Mitschuld des Westens an der Eskalation werde viel zu wenig berichtet. (AFP/BULENT KILIC)

"Wenn die Russen nicht bereit sind, mit der neuen ukrainischen Regierung direkt zu verhandeln, dann werden unsere Partner keine andere Wahl haben als uns zu folgen und auch die Maßnahmen zu ergreifen, mit denen wir in den letzten Tagen schon begonnen haben, um Russland zu isolieren – politisch, diplomatisch, und wirtschaftlich.

Der amerikanische Außenminister John Kerry am 4. März in Kiew, kurz nach dem Machtwechsel in der Ukraine. Der demonstrative Besuch des mächtigsten Diplomaten der Welt im Nachbarstaat Russlands konnte unterschiedlich bewertet werden: als demonstrative Verteidigung demokratischer Werte nach der russischen Annexion der Krim oder als Drohung an ein wieder erstarkendes Russland. Die beiden Journalisten Mathias Bröckers und Paul Schreyer tun letzteres: Sie interpretieren die Ukraine-Krise in erster Linie aus US-kritischer Sicht. Sie nehmen es der Regierung in Washington nicht ab, an internationalen Regeln und Rechtsstaatlichkeit interessiert zu sein, wie das Präsident Obama noch in einer Grundsatzrede im Mai erklärt hatte. Sie schreiben:

"(Es geht) nicht um Freiheit und Menschenrechte, sondern um Macht und militärische Kontrolle. Dass die Nachbarstaaten in Zentralasien – China, Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken – selbst für Stabilität sorgen könnten, dass sie die Vermarktung der Bodenschätze in ihrem Teil der Welt selbst in die Hand nehmen und davon profitieren können, dass Handel und Wandel im eurasischen "Heartland" am Ende über eine neue Seidenstraße laufen, deren geplante Hochgeschwindigkeitsstraßen China, die kommende Wirtschaftsmacht Nummer eins, mit Russland, der Rohstoffmacht Nummer eins, verbinden und in Duisburg, am größten Binnenhafen Europas, enden soll: All das ist in einer unipolaren Welt, in der die USA die "Full Spectrum Dominance" – wie es in einem Strategiepapier des Pentagon heißt – erreichen wollen, ein absolutes No-Go."

Seit Jahren seien es wirtschaftliche Interessen, die die Außenpolitik der Vereinigten Staaten bestimmten, legen Bröckers und Schreyer dar. Sie belegen das mit den Schriften des ehemaligen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinskis, der mit seiner Theorie amerikanischer Vorherrschaft bis heute eine wichtige Rolle in der außenpolitischen Planung der USA spielt. Sie verweisen darauf, dass fast alle militärischen US-Interventionen der letzten Jahre in Ländern mit hohen Rohstoffvorkommen stattfanden. Wer Einfluss auf die Ukraine nehmen könne, der beherrsche den eurasischen Raum mit seiner Unmenge an Bodenschätzen, schreiben sie. Diese Analyse der US-Interessen bedeute nicht, Putin und seine Politik zu entschuldigen, betont Mathias Bröckers, aber:

"Dass Putin keine Homo-Parade in Moskau will, daran kann man arbeiten. Das war ja vor 20 Jahren hier auch noch verboten. Wir tun so, wenn wir unsere Wertegemeinschaft dauernd betonen, dass die Russen irgendwie rückständig, barbarisch oder was auch immer wären. Nein, das ist auch ein Kulturvolk und mit denen kann man reden. ( ... ) Es kann doch nicht sein, dass wir als NATO mit Ländern wie Saudi-Arabien ( ... ), wo Frauen noch nicht mal Auto fahren dürfen, das sind unsere Verbündeten, und wir zeigen auf Missstände der Demokratie in Russland, das ist unlauter."

Über die Mitschuld des Westens an der Eskalation des Ukraine-Konflikts, schreiben Bröckers und Schreyer, werde viel zu wenig berichtet. Beispielsweise über die Bedingungen des Assoziierungsvertrages mit der EU, der eine gleichrangige Hinwendung der Ukraine zu Russland unmöglich gemacht hätte. Ein ohnehin schon in sich gespaltenes Land sei durch diese Perspektive noch weiter auseinandergerissen und der Regierungswechsel mithilfe amerikanischer Provokateure im Sinne des Westens durchgeführt worden. Es helfe zum Verständnis russischer Politik, meint Mathias Bröckers, sich vor diesem Hintergrund in die Situation Putins zu versetzen.

"Stellen Sie sich doch mal vor, Russland würde mit fünf Milliarden Dollar einen Regierungswechsel in Mexiko finanzieren und jetzt anfangen, in Mexiko seine Raketen aufzustellen. Was würden denn die Amerikaner da sagen? Würden das die Amerikaner einfach so zulassen? Würden die sagen: ja, ja, ist schon in Ordnung?

"Schwarz-Weiß-Schema" der westlichen Medien

In diesem Sinne halten Mathias Bröckers und Paul Schreyer die Rolle der westlichen Medien für fatal. Diese zeichneten in ihrer großen Mehrheit ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema: hier der gute Westen, dort der böse Putin. Eine Dichotomie, die kriegstreiberisch sei, sagt Bröckers. Sie verstelle zudem den Blick darauf, dass Europa mehr als die USA darauf angewiesen sei, mit Russland in friedlicher Koexistenz zu leben. Auch deshalb hätten die Autoren das Wort Putinversteher als ironische Replik in den Untertitel genommen.

"Weil im Zusammenhang mit Ukraine-Krise dieses Wort Putinversteher als Schimpfwort, als Denunziation für jeden eingesetzt wurde, der versucht hat, die Lage zu analysieren und auch die Motive Russlands zu verstehen. Wenn man aber nicht mehr verstehen darf, wenn Analyse, Erkenntnis denunziert wird, dann läuft etwas falsch."

Hier haben Bröckers und Schreyer einen wichtigen Punkt aufgegriffen, der nicht zu Unrecht auch von vielen Bürgern kritisiert wird: Die plakative Art, mit der beispielsweise so unterschiedliche Blätter wie "BILD" und "Spiegel" in gleicher Manier gegen Russland Stellung beziehen und einem Krieg als Mittel der Politik das Wort reden. Gleichwohl leidet das gut geschriebene Buch ein wenig darunter, dass es den Spieß einfach umdreht und aus den Amerikanern nun die Bösen macht. Ob nun wirklich hinter jeder Freiheitsbewegung der letzten Jahre ausschließlich die CIA gesteckt hat, kann ebenso bezweifelt werden wie eine Konzeption von Außenpolitik, die sich nur mit der Sicherung von Bodenschätzen beschäftigt. Und doch hat dieses Buch eine wichtige Botschaft:

Es geht nicht darum, ob die Guten im Westen und die Bösen im Osten leben. Es geht darum, dass sich Europa überlegen muss, ob es in seiner Außenpolitik nicht andere Interessen verfolgen muss als die Amerikaner - und dass Krieg – egal gegen wen – nur das allerletzte Mittel der Politik sein darf.

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren"     
Westend Verlag, 207 Seiten, 16,99 Euro
ISBN: 978-3-864-89080-2

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