Sonntag, 17.12.2017

Russland unter PutinSowjetische Schutzreflexe

Die Menschen in Russland ziehen sich wieder zurück – ins Private. Das ist das Fazit von Thomas Franke in seinem Buch "Russian Angst". Darin beschreibt er, wie sich das Land in den letzten Jahren verändert hat. Und wie die Angst in Russland zum neuen Leitmotiv geworden ist.

Von Frederik Rother

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Ein Graffiti mit dem Wort "Angst" auf einer Backsteinwand eines Hauses (dpa picture alliance/ Wolfram Steinberg)
Angst ist in Russland zum neuen Leitmotiv geworden, so der Autor Thomas Franke. (dpa picture alliance/ Wolfram Steinberg)
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Die Küche ist das Zentrum des Privatlebens. Hier sitzen Bekannte, Freunde und Familien zusammen, hier kann miteinander gesprochen werden, offen und geschützt. Das war in der Sowjetunion schon so und ist auch heute in Russland nicht unüblich. Folgerichtig, dass auch Thomas Frankes Buch hier beginnt:

"Anfang 2017 saßen meine Frau und ich mit unseren Nachbarn in Moskau in der Küche und aßen zu Abend. Ich erzählte ihnen von diesem Buch. 'Es heißt 'Russian Angst', sagte ich, 'darin geht es um die Rückkehr der Angst.' Mascha, Mitarbeiterin einer Umweltorganisation, nickte heftig. Und Kostja, Finanzmanager, sagte: 'Ja, wir überlegen uns auch wieder, mit wem wir worüber reden und wo wir das tun.'"

Das ist sie: Die Rückkehr der Angst, wie Franke meint. Und das ist gleichzeitig das Hauptthema seines Buches: Er möchte zeigen, wie sich die russische Gesellschaft in den letzten Jahren – in der dritten Amtszeit von Präsident Wladimir Putin – verändert hat, wie Nationalismus und Autoritarismus zu den neuen politischen Leitlinien geworden sind, wie der Westen zum Feindbild auserkoren wurde und die Menschen wieder alten sowjetischen Schutzreflexen folgen und sich zurückziehen:

"Die Leute sind vorsichtig, die Leute vereinzeln wieder, sie gehen zurück in ihre Küchen, wenn sie politische Dinge besprechen. Sie sind nicht für Putin, aber sie glauben auch, dass sie nichts ändern können. Also eine gewisse Desillusionierung, so etwas war der Ausgangspunkt."

Zwei ältere Frauen am Küchentisch. (Christiane Seiler)Die Küche ist das Zentrum des Privatlebens. Hier kann miteinander gesprochen werden, offen und geschützt. (Christiane Seiler)

Franke kennt Russland als Journalist und Autor seit den frühen Neunzigerjahren, die letzten fünf Jahre hat er in Moskau gelebt. In dieser Zeit sind auch die elf politischen Reportagen entstanden, die in diesem Buch zusammengefasst sind.

Mai 2012: Als der Protest verstummte

Seine Beobachtungen beginnen mit den Massenprotesten 2011/2012, als Zehntausende gegen Wahlfälschungen und die Wiederwahl Putins auf die Straße gegangen sind. Franke schreibt bildhaft und lebendig von der Euphorie, die damals in der Luft lag und der harten, repressiven Antwort des Staates. Die lässt sich vor allem an den Protesten des 6. Mai 2012 festmachen. Einen Tag vor Putins Amtseinführung:

"Die Festgenommenen werden teils sehr lange in Untersuchungshaft gehalten. Und die Ermittler legen nach, ermitteln wegen der Organisation von Massenunruhen gegen sie, nicht nur in Moskau, sondern auch im ganzen Land. Die Ausschreitungen seien von langer Hand geplant gewesen. Von wem wohl, denke ich, verschwörungstheoretisch, halte aber langsam alles für möglich, was der Macht Putins nutzt. Es geht schließlich um die nationale Sicherheit. Und so werden immer wieder Menschen verhaftet."

Und zu teils langen Haftstrafen verurteilt. Es war laut Franke dieser Tag, der den gesellschaftlichen Protest weitestgehend zum Erliegen gebracht hat:

"Der Regierungswechsel ist abgesagt. Verschoben. 'Im Mai macht man in Russland keine Revolution', sagt eine berühmte russische Journalistin, 'da fährt man auf die Datscha und pflanzt Kartoffeln. Was im März nicht gelingt, muss bis zum Herbst warten.' Der 6. Mai 2012 war der Tag, an dem die Angst der Menschen zurückkam, die anderer Ansicht sind."

Die Gesellschaft in der Ära Putin

Für Franke der thematische Ausgangspunkt, das Land als Chronist der "Ära Putin" zu bereisen und den gesellschaftlichen Puls zu fühlen.

Er trifft in einer sibirischen Großstadt Aktionskünstler, die für die damals noch inhaftierten Sängerinnen der Punk-Band "Pussy Riot" Spenden sammeln – und immer wieder Ärger mit den Behörden bekommen. Franke hört Menschen zu, die Stalin schätzen – weil er nicht nur Schlechtes getan hätte. Die sich freuen, dass es Putin gibt. Endlich jemand, der Ordnung und Struktur schaffe, sagen sie.

Franke reist in das ehemalige Stalingrad und spürt der staatlichen Verklärung des Weltkrieg-Sieges nach; er besucht Kosaken, die – wie sie sagen – im Dienst der "russischen Nation" unterwegs sind und Straßenverkäufer aus Zentralasien drangsalieren; er beschreibt, wie Aktivisten der "Nationalen Volksbefreiungsbewegung" Filmvorführungen von Schwulenaktivisten stören und ihren Ansichten mit faulen Eiern Nachdruck verleihen – alles unter der Losung, Russland zu schützen und vor schlechtem, ausländischem Einfluss zu bewahren:

"Das wird das neue Mantra: Alle Probleme werden von äußeren Feinden verursacht und gefördert, Kritiker sind allesamt gekauft – und Volksfeinde. Worte fördern Handlungen, hier wird definitiv Krieg vorbereitet, ich bin mir mittlerweile sicher. Kollegen entgegnen immer noch, ich sehe Gespenster."

Die Eskalation durch die Annexion der Krim

Im Sommer 2014 – kurz nach der russischen Annexion – reist Franke auf die Krim. Dort nimmt er vor allem eins wahr: Widersprüche! Während russische Politiker blühende Landschaften versprechen, sieht Franke leere Hotels und russische Kriegs- statt Kreuzfahrtschiffe. Manche Krim-Bewohner freuen sich über den neuen Status quo und lassen ihrem Hass auf die Ukrainer freien Lauf, während andere nur noch streiten.

Franke transportiert in diesem lesenswerten Kapitel gekonnt die Tristesse jenes Sommers und zeigt, wie aufgeheizt die Stimmung ist, wie Neo-Nationalismus die Menschen in Wallung versetzt und auch hier die Angst eine zentrale Rolle spielt: Die Angst vor den vermeintlichen Faschisten aus Kiew, die Angst vor den USA, die Angst vor den Anderen.

Für Franke charakteristische Entwicklungen der dritten Amtszeit Putins, die gleichzeitig eine Zäsur darstellen: "Ich meine, der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt durch die Annexion der Krim und die Eskalation in der Ostukraine durch Russland. Und immer sehen wir, dass Russland auch im Zentrum dieser ganzen Geschichte ist. Wir haben diese Cyberattacken, die zugenommen haben, wir haben Eingriffe in Wahlkämpfe, die zugenommen haben, wir haben die Erklärung, dass wir hybride Kriege führen. Das ist alles in dieser Zeit entstanden, wir haben eine massive Konfrontation zurückbekommen."

Die Angst wird bleiben

"Russian Angst" zeigt deutlich, dass das Land seit 2012 massive politische und gesellschaftliche Veränderungen erfahren hat, die Franke hautnah miterlebt hat – und die ihn betroffen machen. Denn von der einstigen Aufbruch Stimmung ist nicht mehr viel zu spüren.

Frankes dicht geschriebene Reportagen geben spannende Einblicke in eine polarisierte Gesellschaft. Und er gibt dabei jenen eine Stimme, die in der Öffentlichkeit kaum mehr vorkommen: Kritische Künstler, Schüler, die die stalinistische Vergangenheit aufarbeiten, Menschen, die sich für Homosexuelle einsetzen.

Aber das Buch liefert in erster Linie subjektive Eindrücke des Landes und politische Zusammenhänge, die russlandaffinen Lesern bekannt vorkommen dürften. Für die ist der Erkenntnisgewinn eher gering. Und: Franke beobachtet nur, er liefert keine Lösungsansätze – das ist schade. Dennoch handelt es sich um ein spannendes Buch, das zeigt: Die Angst in Russland ist zurück. Franke glaubt nicht, dass sich das bald ändert: "Ich wäre gerne optimistisch, bin es aber nicht."

Thomas Franke: "Russian Angst. Einblicke in die postsowjetische Seele"
Edition Körber, 256 Seiten, 18 Euro.

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