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StartseiteKommentare und Themen der WocheRingen mit dem historischen Ungetüm07.11.2017

Russlands Oktoberrevolution 1917Ringen mit dem historischen Ungetüm

Russland gedenkt seiner Oktoberrevolution vor 100 Jahren - und trage schwer daran, kommentiert Thielko Grieß. Das sei aber angemessen angesichts der historischen Traumata, die aus diesem Jahrhundertereignis folgten.

Von Thielko Grieß

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Die Köpfe von Lenin und Putin stehen sich gegenüber. (picture-alliance / dpa / Sputnik)
Zwei Köpfe klammern ein russisches Jahrhundert ein: Wladimir Iljitsch Lenin (links) und Wladimir Wladimirowitsch Putin. Russland trägt schwer am Revolutionsgedenken. Aber es könnte nicht anders sein mit so einem Hinkelstein, kommentiert Thielko Grieß (picture-alliance / dpa / Sputnik)
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Eines vorweg, um den Rahmen zu setzen: Es wird im Folgenden nicht das Ziel sein, das zu tun, was in Diskussionen über eine richtige, nachhaltige geschichtliche Erinnerung viel zu viele Deutsche gern tun, nämlich dem Rest der Welt zu erklären, wie zu verfahren sei. Denn wer so tut, als sei er Erinnerungsweltmeister, wird träge und lässt zu, dass Radikale lauter werden dürfen – genau das geschieht in Deutschland. Soweit der Rahmen.

Eine Erinnerung wie ein Hinkelstein

Die Oktoberrevolution in Russland war ein Jahrhundertereignis. Die russische Gesellschaft heute trägt die Erinnerung an den Umsturz wie einen Hinkelstein mit sich, wie ein historisches Ungetüm, dessen Gestalt, Gewicht und Bedeutung unklar und umstritten sind.

Der Umsturz kann ohne Vorgeschichte nicht gedacht werden: Soziale Frage, Krieg und Machtmissbrauch hatten sich zugespitzt, und europäische Mächte, allen voran das Deutsche Kaiserreich, hatten übergroßes Interesse an ausbrechendem Chaos in Petrograd. Berlin betrieb mit Geld und schützender Hand über Wladimir Iljitsch Lenin das, was heute "Regime Change" genannt wird. Solche Stöße von außen haben, in Russland und überall in der Welt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, fast immer Folgen hervorgebracht, die unter der Rubrik "schlecht", "sehr schlecht" oder "katastrophal" einzuordnen sind.

Errungenschaften und Ernüchterungen

Die Folgen der Revolution entziehen sich simplen Urteilen. Zu Recht wird in Russland daran erinnert, dass Soldaten der Roten Armee Nazi-Deutschland von Osten her niedergekämpft und sowjetische Wissenschaftler den ersten Menschen ins All geschossen haben. Aber wer nur dies beleuchtet, wie es die Kommunistische Partei Russlands heute auf ihrer Kundgebung in Moskau getan hat, versündigt sich an Millionen Biographien und Schicksalen, deren Leben die Revolution auf dem Gewissen hat.

Es raubt einem noch heute den Atem, wie rasch die Bolschewiki ihre Ideale von Gleichheit und Demokratie verleugneten, als es galt, ihre eigene Macht zu sichern. Stattdessen entwickelten sie ein System, das unberechenbar und totalitär zwischen mächtigen Eliten und geschlagenen Drangsalierten unterschied. Die große Masse lernte, sich darin einzurichten, die Erwartungen an den Staat gering zu halten und möglichst nicht aufzufallen. Die millionenfache Trauer durfte sich nicht frei artikulieren und blieb oft eingeschnürt.

Es geht um Fakten, nicht Vereinfachung

Mit diesen bis heute währenden, sich vererbenden Traumata umzugehen, ist eine schreckliche und schrecklich mühsame Aufgabe. Sie zu schultern, ist wirklich nicht leicht im Russland 2017, doch es geschieht immer wieder, in großen Städten, aber auch in Dörfern. Dort sammeln Menschen Fakten, schreiben auf, was geschah. Trotz der Missachtung, die sie dafür ernten. Sie ringen mit dem historischen Ungetüm und verklären es nicht, kurz: Sie geben Opfern mehr Stimme und helfen der Wahrheit. Sie verdienen unseren größtmöglichen Respekt.

Thielko Grieß (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Thielko Grieß (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

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