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StartseiteJuni 41Ruth Werner18.06.2001

Ruth Werner

Spionin der Roten Armee

Als Kommunistin und Agentin war sie zur Verschwiegenheit verpflichtet. Nach der Veröffentlichung ihrer Memoiren 1977 wurde sie aber in der DDR geradezu populär: Ruth Werner, die vielleicht erfolgreichste Kundschafterin der Sowjetunion im zweiten Weltkrieg. Sie gehörte zum Umkreis der Roten Kapelle, zu jenem Agentennetz, das Stalin rechtzeitig über den geplanten Überfall der Deutschen Wehrmacht informierte - was dieser freilich nicht wahrhaben wollte.

Sabine Mieder

Nach dem Ende der DDR hat Ruth Werner die Öffentlichkeit gemieden. Aber wenige Monate vor ihrem Tod hat sie der Journalistin Sabine Mieder in langen Gesprächen Auskunft gegeben über ihr Leben.

Die Frau, die im Juli 2000 in Berlin Baumschulenweg beigesetzt wird, trug viele Namen. Ruth Werner alias Ursula Beurton, Deckname Sonja. Einer der Trauerredner ist Abgesandter der Russischen Föderation. Ruth Werner war Oberst der Roten Armee. Aber sie hat nie eine Uniform getragen. Sie war die erfolgreichste Spionin des 20. Jahrhunderts und stand im Dienste der Militäraufklärung der Roten Armee.

Nu, wir haben gelernt, einen Sender bauen, einen primitiven, aber immerhin einen Sender, der von beinahe überall aus Moskau erreichen konnte, und wir haben das Funken gelernt. Im Funken war ich gut, im Senderbauen mies. Nuja, so war´s.

Sie hat ihr Handwerk gründlich gelernt. 1930 in Shanghai. Da ist die junge Kommunistin einem deutschen Architekten in die Stadt des Baubooms gefolgt, und sie ist unzufrieden mit dem Leben als Ehefrau und Mutter. Als sie in Shanghai den charmanten Topspion Richard Sorge kennen lernt, sind die Weichen gestellt: Sorge wird ihr Lehrmeister. Die junge Ruth Werner sammelt nun in China Informationen für Stalins Rote Armee.

Als mein Mann davon hörte, war er strikt dagegen, und das hat sich dann ziemlich eingegraben, und er hat gesagt: Du scheinst keine Ahnung zu haben, was ein Kind für eine Mutter bedeutet. Und ich hab kaum geantwortet und hab's dann doch gemacht.

Sie trennt sich von ihrem Mann und geht 1933 zur Ausbildung nach Moskau. Nach Deutschland kann sie ohnehin nicht zurück: Sie ist Jüdin:

Dann kamen die Nazis, und da war's klar, dass das verloren ist für mich. Der Ausdruck 'Heimat' bestand gar nicht mehr.

Ruth Werner liefert Informationen nach Moskau von den Brennpunkten Asiens und Europas: Als die Japaner China überfallen, ist sie in der Mandschurei, als die Deutschen Danzig besetzen, baut sie dort Widerstandsgruppen auf, als die Wehrmacht Polen überfällt, hat sie ihren Sender in der Schweiz versteckt. Wenn es überhaupt noch ein Zuhause für Ruth Werner gibt, dann ist es Moskau:

War doch immer ´ne Riesenerleichterung, wenn ich sendete und ´ne Antwort bekam. Das war wunderbar. Ich wusste, da sitzt ein Rotarmist irgendwo, erst dachte ich in Wladiwostok, als wir in Shanghai waren, in England ich weiß nicht wo, aber ich wusste doch, da sitzt einer und antwortet dir, und das war mir gut.

In der Schweiz funkt sie für Sandor Rado - der hat Verbindung zur legendären "Roten Kapelle", jenem europaweiten Agentennetz, das die Rote Armee mit Informationen über die Deutsche Wehrmacht versorgt. Die Funker werden "Musiker" genannt, und Ruth Werner ist eine Virtuosin auf der Tastatur.

1940 schickt die Rote Armee Ruth Werner nach London. Stalin ist begierig auf militärische Informationen aus England. Ruth Werner liefert sie. Die Nachrichten vom bevorstehenden Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion ignoriert der Diktator. Sie kommen aus Tokyo, von Richard Sorge, und sie kommen aus der Schweiz. Vom Mann der "Roten Kapelle", Sandor Rado:

Ja, auch von Rado. Ich weiß das. Auch von Rado. Len kam zurück, und erzählte, dass er außer sich ist, Rado, dass man ihm die Nachricht nicht glaubt. Er hatte die Nachricht durchgegeben, und man glaubte ihm nicht.

Vor Hitlers Wehrmacht fühlt sich Stalin sicher: Er glaubt, dass ihn der Nichtangriffspakt mit Hitler schützt. Am 22. Juni 1941 wird die Rote Armee völlig unvorbereitet von den deutschen Truppen überrollt. Stalins Dolmetscher, Valentin Bereschkow, erinnert sich:

Das war für Stalin ein Schock, und er konnte nicht damit fertig werden, dass er so falsch Hitlers Absichten kalkuliert hat.

Ja, das war schlimm. Eine schlimme Zeit für alle, glaub ich, die damals für die Sowjetunion gearbeitet haben. Sogar verdächtigt wurden die Leute, die das durchgaben.

Und sie haben dafür bezahlt. Stalin liefert Richard Sorge 1944 dem japanischen Henker aus. Ein Angebot für einen Gefangenenaustausch lehnt er ab. Sandor Rado verschwindet nach dem Krieg viele Jahre im Gulag. Ruth Werner ist eine der wenigen, die Stalins Misstrauen überlebten:

Ich hab gemerkt, wie bedrückend das war, und dass ein, zwei Menschen verschwanden, was ich überhaupt nicht verstand. aber die Erklärung war für mich immer eine andere, ich hab gedacht, das ist klar, dass die Kapitalisten alles versuchen, um dieses Land zu zerstören, und sicher haben die viele Verräter in Moskau, und der ist eben ein Verräter und der auch, so hab ich das geschluckt.

Im Herbst 1944 zapft Ruth Werner den amerikanischen Geheimdienst an. Die Amerikaner wollen von England aus Fallschirmspringer über Deutschland absetzen, deutsche Emigranten. Ruth Werner sorgt dafür, dass es zuverlässige Kommunisten sind. Und sie sorgt dafür, dass die Fallschirmspringer ihre Informationen aus Hitlerdeutschland nicht nur nach Washington, sondern auch nach Moskau liefern. Diesmal erfährt auch sie, was es bedeutet, wenn die Zentrale nicht antwortet:

Ich kannte aber die Sowjetunion schon, so halb musste man immer damit rechnen, dass da irgendwat passiert, womit man sich mächtig auseinandersetzen muss. Zum Beispiel hab ich dort einen vermisst, einen von den Fallschirmspringern. Und hab nachgefragt. Bis zum Geht-nicht-mehr. In beinahe jedem Telegramm. Ich musste doch nun mal eine Antwort kriegen, was mit dem geschehen ist. Hab nie eine gekriegt, was mit ihm geschehen ist.

1950 beendet Ruth Werner aus eigenem Willen ihre Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst der Roten Armee und geht in die DDR. Dem Kommunismus bleibt sie ihr Leben lang treu. Die Frau, die dem Atomspion Klaus Fuchs 1943 als Kurier diente und den Bauplan der britischen Atombombe nach Moskau brachte, wird 10 Jahre später in der DDR aus dem Amt für Information geworfen, weil sie einen Panzerschrank offenstehen lässt.

Sie wendet sich der Schriftstellerei zu. Ihr Lebensbericht "Sonjas Rapport" wird ein Bestseller. Die Wende in der DDR bringt die nun über 80jährige noch einmal auf die politische Bühne. Einen Tag nach dem Fall der Mauer spricht sie vor Zehntausenden im Berliner Lustgarten. Sie hat den Glauben an einen menschlichen Sozialismus nicht aufgegeben.

Ich habe gesagt, wenn du in den Parteiapparat gehst, kriegst du entweder Magengeschwüre oder du brichst dir den Hals oder du verfällst dem Gift der Macht. Die drei Möglichkeiten hast du. Heute sage ich, nach den Veränderungen, die sich anbahnen, nach dem Wandel, der vor sich gegangen ist: Geht in den Apparat! Arbeitet mit! Ändert die Zukunft! Arbeitet als saubere Sozialisten! Ich hab Mut! Ich hab Optimismus!

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