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StartseiteBüchermarkt"Realitäten die man nicht gewohnt ist"01.08.2014

Ryad Assani-Razaki"Realitäten die man nicht gewohnt ist"

Der Roman "Iman" handelt vom täglichen Kampf gegen Armut, Willkür und die Suche nach dem Selbst, in einem afrikanischen Land ohne Namen. Jeder der fünf Protagonisten erzählt seine eigene Geschichte aus der Ich-Perspektive. Die Erzählung sollte "kein Hollywood-Film werden". Am Ende bleibt alles offen.

Von Christoph Vormweg

Südafrikanischer Junge an einem Wasserhahn in Kapstadt (dpa / picture alliance / Nic Bothma)
Der Autor Ryad Assani-Razaki verarbeitet Eindrücke aus der eigenen Kindheit und Jugend im westafrikanischen Benin (dpa / picture alliance / Nic Bothma)
Weiterführende Information

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"Iman", zu deutsch "Glaube", ist ein vielstimmiger und gleichzeitig intimer Roman. Denn jeder der Protagonisten, die in einer ehemaligen französischen Kolonie in Afrika leben, erzählt seine Geschichte und die der anderen aus der Ich-Perspektive. Den schockierenden Auftakt macht Toumani, der als Sechsjähriger für umgerechnet 23 Euro von seinen Eltern verkauft und von seinem neuen Herrn schwer misshandelt wird. Toumanis großes Vorbild wird sein Lebensretter: Iman, der Sohn einer Afrikanerin und eines Europäers.

Imans Familie - angefangen von der strenggläubigen Oma über seine eigenwillige, kämpferische Mutter bis hin zu seinem Halbbruder - fügen weitere Perspektiven aus drei Generationen hinzu.

Und schließlich ist da noch Alissa, in die sich Toumani als Heranwachsender verliebt, weil sie das gleiche Schicksal erlitten hat wie er selbst: den Verkauf als kleines Mädchen, um zur Dienerin der Bessergestellten zu werden. Je schwerer ihr Los erscheint, desto drängender werden die Träume von einem besseren Leben. Ryad Assani-Razaki:

"Es ist leicht, diese Figuren zu bedauern. Aber ich glaube, sie würden es nicht mögen, bemitleidet zu werden. Also habe ich in einer Art und Weise geschrieben, die ihnen ihre Würde belässt. Deshalb ist im Roman auch nicht von Miserabilismus die Rede, es gibt kein 'Oh, mein Gott', et cetera. Ich versuche auch, in der Rechtfertigung ihres Handelns nicht zu weit zu gehen. Ich zeige lediglich, was passiert und was sie motiviert - ganz gleich, ob das gut ist oder nicht, ob man das verstehen kann oder nicht. Das hängt allein von der Subjektivität des Lesers ab. Deshalb bevorzuge ich auch die Ich-Perspektive. Jeder erzählt nur seine Ansichten. Keine dieser Figuren ist ein Vehikel meiner Meinung. Schreiben heißt für mich nicht, meine Meinung zu sagen, sondern es ist der Versuch zu verstehen, was andere meinen könnten, zu sehen, welchen Anteil an Wahrheit und Irrtum es in ihrem Denken gibt. Es ist der Versuch, das zu verstehen".

Ein sich bewegendes Kaleidoskop

Ryad Assani-Razaki sucht in seinem Debütroman "Iman" das Offene, das Tabulose, die sich reibenden Perspektiven. So entsteht ein bewegendes Kaleidoskop afrikanischer Innenansichten. Die psychologische Entwicklung seiner Figuren steht für den gelernten Informatiker im Mittelpunkt. Er ordnet sie gleichsam in einer Versuchsanordnung an und beobachtet die dabei entstehenden Konflikte. Äußerlichkeiten empfindet Ryad Assani-Razaki dabei nur als ablenkend. Deshalb trägt das afrikanische Land, in dem sein Roman spielt, auch keinen Namen.

"Ich wollte eine Geschichte schreiben, in der die Politik die Figuren beeinflusst. Aber das sollte kein politischer Roman werden. Es geht mir um den Alltag der Leute in ihren Häusern: wie sie miteinander umgehen, wie die Welt im Allgemeinen bewirkt, was sie fähig sind zu tun und was nicht. Es geht um den Einzelnen gegenüber dem System."

Der Roman "Iman" erzählt von der Allgegenwart der Gewalt in Afrika, vom täglichen Kampf gegen Armut und Willkür, von Selbstbehauptung und Selbstsuche. Je nach Generation werden ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen vergegenwärtigt - und die Konsequenzen daraus. So vertraut Imans Großmutter Hadscha nur noch auf Allah. Imans Mutter dagegen sieht das Heil in der ökonomischen Unabhängigkeit, die ihr der eigene Friseursalon zu garantieren scheint. Die Jugend wiederum hat alles noch vor sich. Sie schlägt sich auf der Straße durch.

Auf der Suche nach Glück

Iman ist dabei der aufreizende Sonderling: wegen seiner Stärke, seiner Attraktivität, seiner helleren Haut. Sein Vater Georges, zuständig für das Verschieben radioaktiver Abfälle, ist schon lange nach Europa zurück: zu seiner Ehefrau. Die Prügel seines neuen Stiefvaters treibt Iman schließlich zu Großmutter Hadscha. So wie sie ihn nimmt Iman Toumani unter seine Fittiche: Toumani, den Krüppel, der ein Bein verlor, nachdem ihn sein Herr schwerverletzt in der Kanalisation entsorgt hatte. Iman und Toumani: beide sind zerrissene Charaktere. Aber sie suchen wie jeder nach so etwas wie Glück.

"Ich habe den Eindruck, dass der Roman für die Leser ein negativer Roman ist, ein sehr, sehr negativer Roman - vielleicht, weil ich Realitäten beschreibe, die sie nicht gewohnt sind. Für mich persönlich ist das aber kein harter Roman. Das ist ein Roman über Freundschaft, über Liebe, über Hoffnung, über viele positive Dinge. Aber er ist auch ein Roman über Menschen, die kämpfen. Denn wir befinden uns in einer Gesellschaftsschicht, wo es nötig ist zu kämpfen, unter Kindern, die auf der Straße leben, die sich verteidigen müssen, die versuchen, etwas zu werden. Also gibt es zwangläufig einen Kampf und - weil wir uns auf der Ebene der Literatur befinden - auch ein Drama. Aber das Ende des Romans ist nicht unbedingt düster oder entmutigend - und auch kein plötzliches Happyend. Ich wollte etwas Realistisches schreiben. Die Person, die am Ende nach Lampedusa aufbricht, weiß nicht, was auf sie zukommt. Ich kann nicht sagen, ob das gut ausgeht. Das sollte kein Hollywood-Film werden. Ich kenne das Ende nicht. Also kann ich auch keine Schlussfolgerung ziehen. Alles ist offen. Die, die aufbrechen, wissen nicht, wo sie hingehen."

Ein Afrika jenseits der Klischees

Ryad Assani-Razaki verarbeitet in seinem Debüt-Roman "Iman" Eindrücke aus der eigenen Kindheit und Jugend im westafrikanischen Benin. Er lässt seine Figuren in einer einfachen, klaren, schnörkellosen Sprache erzählen. Allerdings gibt er seinen verschiedenen Ich-Erzählern keinen eigenen Ton. Es sind die Geschichten, die für ihn zählen, nicht die Individualisierung des Erzählstils. Dennoch überzeugt der Roman "Iman" durch seine spannungssteigernde Komposition, durch das Kreuzen der Perspektiven, durch die überraschenden Wendungen.

Ryad Assani-Razaki führt uns ein Afrika jenseits der Klischees vor, jenseits exotischer Abziehbilder. Seine jugendlichen Protagonisten machen tief greifende Veränderungen durch. Toumani erfährt, was es heißt, den Opfer- und Krüppel-Komplex abzulegen und selbst Schuld auf sich zu laden. Alissa bricht aus der Zwickmühle ihrer Abhängigkeiten aus und geht den höchst unsicheren Weg der Freiheit. Und Iman versucht, ins Land seines Vaters zu kommen. Alle drei treffen jeder für sich eine höchst prekäre Wahl. Nach dem zutiefst pessimistischen Romanbeginn aber stehen die Türen des Möglichen am Ende zumindest einen Spalt weit offen.

Fragen die alle betreffen

"Ich schreibe ständig. Vielleicht wird dann daraus ein Buch, vielleicht nicht. Aber das ist auch nicht das Wichtigste für mich. Das Wichtigste ist, dass ich, wenn ich eine Frage habe, versuche, über diese Frage zu schreiben. Das ist eine eher persönliche Recherche. Die Fragen, die ich mir früher gestellt habe, meine Ausdrucksweisen sind nicht mehr die von heute. Wenn sich die Leser mit dem identifizieren können, was ich schreibe, wenn es sie berührt, ist das gut. Denn das heißt: Es geht um Fragen, die nicht nur mich allein betreffen. Das beruhigt."

 

Ryad Assani-Razaki: Iman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2014. 22,90 Euro.

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