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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturSexueller Missbrauch als Ideologie18.05.2015

SachbuchSexueller Missbrauch als Ideologie

Von Eros in der Antike bis zu den Grünen: Der Journalist Christian Füller analysiert in seinem neuen Buch, wie sexuelle Gewalt in deutsche Protest- und Reformbewegungen eingesickert ist. Dabei betont er die Unterschiede zum Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche.

Von Claudia van Laak

Eine Handpuppe auf einer Liege in einem Untersuchungsraum in der  Kinderschutzambulanz (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Welche Strukturen und Ideologien ermöglichten es Pädophilen, in deutsche Reformbewegungen einzusickern? (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Weiterführende Information

Gutachten - Großes Verständnis für Pädophilie im Kinderschutzbund
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 15.05.2015)

Pädophilie - Was der Fall Edathy über unsere Gesellschaft verrät
(Deutschlandradio Kultur, Sein und Streit, 22.02.2015)

Trittin in Pädophilie-Diskussion unter Druck
(Deutschlandradio, Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts, 16.09.2013)

Die FDP-Jugend und die Pädophilie
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 12.08.2013)

Christian Füller ist ein Mann mit einer Mission. Hat er sich einmal in ein Thema verbissen, lässt er es so schnell nicht los, schießt dann auch gerne mal über das Ziel hinaus. Auch bei diesem Buch.

Aber von Anfang an. Der Journalist, Autor und Bildungsexperte fragt nach den Bedingungen, Strukturen und Ideologien, die es Pädophilen ermöglicht haben, mehr oder weniger ungehindert in deutsche Protest- und Reformbewegungen einzusickern. Ihm geht es nicht um die verdeckte Pädosexualität, um verheimlichten Missbrauch innerhalb der Familie oder der katholischen Kirche, sondern um diejenigen, die ganz offen im Namen des Fortschritts und der sexuellen Revolution Kinder zerstören.

"Die Revolution der gesellschaftlichen Verhältnisse ist nämlich die ideale Mimese-Umgebung, um darin den sexuellen Übergriff zu verstecken. Der pädophile Täter zieht sich den Kampfanzug des Revolutionärs an und schwimmt in der Bewegung mit."

Christian Füller spannt in seinem Buch einen historisch großen Bogen: vom pädagogischen Eros im antiken Griechenland über die Wandervogelbewegung, die Reformpädagogik, die sexuelle Revolution der 68er bis zu den Grünen. Es folgen Kapitel zum sexuellen Kindesmissbrauch, der im Gewand der Kunst daherkommt und zum Internet als pädophiler Spielwiese. Zum Schluss versucht er, die zuvor beschriebenen Phänomene als "Missbrauchsideologien" zu entlarven.

"Der pädagogische Eros, die Freundesliebe bei der Jugendbewegung als Idee, unter der sich missbräuchliche Handlungen verstecken und bei den 68ern ganz stark die sexuelle Befreiung, die wir immer definiert haben als sexuelle Befreiung der Gesellschaft. Und es ist die sexuelle Befreiung des Kindes, die direkt umgemünzt wurde in - "Komm auf meinen Schoß" - verkürzt."

Besonders unerbittlich bei den Grünen

Christian Füllers Haltung ist klar, seine Perspektive auch: Er betrachtet die Institutionen, Strukturen und Ideologien aus der Sicht des missbrauchten Kindes, des minderjährigen Opfers, das sich nicht wehren kann.

"Da ist mir das wurscht, ob es die Kirche ist, die 68er oder die Jugendbewegung. Wenn ich mit Betroffenen spreche, und sie wurden wie beispielsweise bei den Grünen nicht angehört, obwohl sie gesagt haben, passt auf, ich bin damals direkt bei einem grünen Spitzenkandidaten in NRW im Bett gelandet und der hat meinem Kumpel in die Hose gegriffen. Und wenn dann die Aufklärungskommission diesen Leuten kein Gehör schenkt, dann sage ich: Moment mal, das kenne ich. Man muss diesen Menschen Gehör schenken, weil sie teilweise wirklich aus der Bahn geworfen wurden."

Bei den Grünen wird Christian Füller besonders rigoros und unerbittlich. Vielleicht, weil der frühere taz-Redakteur selber aus dem grün-alternativen Milieu stammt? Falsche Rücksichtnahme ist ihm fremd. Den Spitzenleuten der Grünen und auch den ehemaligen taz-Kollegen wirft er eine Doppelmoral vor: Kritik an der katholischen Kirche: ja immer. Kritik an der grünen Ikone Daniel Cohn-Bendit: nur bedingt. Dabei hatte dieser unter anderem in einer französischen Talkshow davon geschwärmt, was für ein großartiges und wahnsinnig erotisches Spiel es sein, wenn sich ein 5-jähriges Mädchen ausziehe.

"In der taz war das der Hammer. Weil die natürlich gesagt haben: Moment, Du kannst ja nicht unseren Daniel Cohn-Bendit zu einem Kinderficker machen. Das geht doch nicht. Das ist doch so ein wichtiger Politiker. Der ist doch auch unser moralisches Gewissen. Und dann habe ich gesagt: Na klar. Aber wenn der unser moralisches Gewissen ist, kann er dann sagen: Die knöpfen mir die Hose auf und ich streichle zurück. Da war denn ganz schnell Schicht. Und das ist natürlich schon so, dass man aus dieser Community ausgeschlossen wird."

Ausführungen über das Internet sprengen das Konzept

Kritiker werfen Christian Füller zu Unrecht vor, die katholische Kirche in seinem Buch zu schonen. Zum einen ist die Rolle der Kirche in vielen Publikationen beleuchtet worden, zum anderen passt diese Debatte nicht in ein Buch, in dem es um deutsche Protestbewegungen geht. Der Autor benennt einen wichtigen Unterschied zur katholischen Kirche:

"Man kann der Kirche vorwerfen, dass sie in ihren Einrichtungen asymmetrische Machtverhältnisse hergestellt hat; man kann ihr vorwerfen, dass sie den Missbrauch vertuscht und geleugnet hat; aber man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie eine gemeinsame Missbrauchsideologie produzierte, die es den Tätern möglich machte, sich positiv auf eine Idee zu beziehen, um missbrauchen zu können. Ein Pfarrer, der sich eines sexualisierten Übergriffs schuldig macht, verstößt in jedem Fall gegen den Kodex der Kirche. Anders ein Wandervogelführer, ein 68er Kinderladenerzieher. Sie verstoßen nicht gegen die Ideologie, die diese Einrichtungen überwölbt, sondern sie können sich im Gegenteil auf die edle Erziehung oder sexuelle Befreiung des Kindes berufen."

Die ersten Kapitel des flüssig geschriebenen Buches sind logisch aufeinander aufgebaut - da ist die Knabenliebe in der griechischen Antike, auf die sich später die Täter aus der Odenwaldschule berufen sollten und die Christian Füller als sexuellen Missbrauch entlarvt. Auch deckt der Autor Verbindungen auf zwischen Gerold Becker, dem späteren Schulleiter und Haupttäter an der Odenwaldschule und Ulrike Meinhof.

Christian Füller verstolpert sich allerdings mit seinem Kapitel über das Internet. Seine Ausführungen über Chatrooms, die von Pädophilen gekapert werden, sind weder überflüssig noch falsch, gehören aber nicht in dieses Buch, sprengen schlicht das Konzept. Schließlich geht es um sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen - was die digitale Welt damit zu tun haben soll, bleibt sein Geheimnis.

Christian Füller: Die Revolution missbraucht ihre Kinder. Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen. Carl Hanser-Verlag, München 2015, 280 Seiten, 21,90 Euro.

 

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