• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteBüchermarktSachen erfinden, die niemals zuvor existiert haben19.01.2009

Sachen erfinden, die niemals zuvor existiert haben

Peter Carey: "Liebe. Eine Diebesgeschichte", S. Fischer Verlag

Der australische Autor Peter Carey schrieb drei Roman-Flops, bevor er mit Kurzgeschichten reüssierte und dann mit dem Roman "Bliss" seinen Durchbruch erlebte. Inzwischen lebt er in New York, hat bereits zweimal den Booker-Preis bekommen, eine große Seltenheit, und dürfte wohl als prominentester Schriftsteller Australiens gelten. Sein jüngster Roman spielt in der Kunstszene und handelt vom Sohn eines berühmten Malers und seiner geschäftstüchtigen Frau.

Von Johannes Kaiser

Peter Carey hat seinem Protagonisten  nicht nur sein eigenes Alter gegeben, sondern ihn auch in jene Kleinstadt versetzt, in der er selbst aufgewachsen ist. (Stock.XCHNG / Martin Walls)
Peter Carey hat seinem Protagonisten nicht nur sein eigenes Alter gegeben, sondern ihn auch in jene Kleinstadt versetzt, in der er selbst aufgewachsen ist. (Stock.XCHNG / Martin Walls)

"Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen und hatte keine Ahnung von der Welt der Kunst und der Literatur, und als ich sie entdeckte, habe ich mich wie besoffen in sie verliebt. Ich habe die großen Gemälde der 40er und 50er Jahre, ich spreche jetzt über die amerikanischen abstrakten Expressionisten jener Zeit, in Zeitschriftenreproduktionen kennen gelernt. Ich war davon geradezu besessen. Aber es vergingen Jahre, bevor ich einen echten Rothko oder de Kooning oder Pollock sah und ich wäre gerne jemand, der nicht anderes macht, als sich nur mit de Kooning Gemälden zu beschäftigen."

Dass der australische Schriftsteller Peter Carey dieser Leidenschaft, seit er in New York lebt, angesichts der gut bestückten Museen und der großen Kunstszene hemmungslos frönen kann, hat ihn schließlich auf die Idee zu seinem Roman "Liebe - eine Diebesgeschichte" gebracht. Ein Kunsthändler, mit dem er befreundet ist, erzählte ihm bei der Diskussion über die Echtheit von Gemälden von einer kuriosen Gesetzeslage. Die Familienangehörigen eines Künstlers erben nach dessen Tod das so genannte "droit moral", das heißt allein sie dürfen darüber entscheiden, welches Werk des Künstlers authentisch ist und welche als Fälschung zu gelten hat.

"Was mich daran total völlig verblüffte, und das fand ich wirklich merkwürdig: sie können da jemanden haben, der überhaupt nichts über den Künstler weiß, nicht die geringste Ahnung von Malerei hat, und der dennoch das Recht erbt, zu entscheiden, ob ein Werk echt oder falsch ist und sie haben als Witwe des Künstlers dieses Recht per Gesetz."

Olivier, der Sohn des berühmten Malers Jaques Leibovitz, eines von Peter Carey erfundenen Zeitgenossen von Picasso und Pollock, kann mit diesem Recht allerdings wenig anfangen, zumal er das Werk seines Vaters geradezu hasst. Marlene, seine junge Frau, ist da erheblich geschäftstüchtiger. Sie weiß genau, dass seine Gutachten Millionen Dollar wert sind und nutzt das denn auch weidlich aus, um mit seiner Unterschrift obskure Gemälde in echte zu verwandeln.

"Ich brauchte zum einen jemanden, der mit dem Mann verheiratet ist, der das "droit moral" besitzt und zum anderen jemanden mit Mut, denn um die Dinge, die sie unternimmt, machen zu können, braucht man einen wirklich verblüffend rücksichtslosen Mut. Ab einem bestimmten Moment begreift man, dass sie so schließlich in die Kriminalität abrutscht. Sie ist wirklich ein wenig verrückt. Doch egal wie moralisch fragwürdig sie ist, es zeichnet sie aus, dass sie ihre Herkunft überwunden hat. Sie hat noch mehr als alle anderen die Kunst für sich entdeckt und auch wenn sie eine Kriminelle ist, so treibt sie doch auch ihre Liebe zur Kunst. Ich hatte anfangs keine Ahnung, an welch dunklen Ort sie ihr Willen und ihre Fähigkeit, Dinge bis zum logischen Ende zu durchdenken, führen würde. Mir machte es Spaß, sie zu beschreiben und vor allem liebte ich ihren Mut."

Als die junge Kunstexpertin in einer stürmischen Nacht im Haus des australischen Malers Michael Butcher Boone mitten auf dem Land auftaucht, hat der keine Ahnung, was ihn erwartet. Er verfällt ihrem Charme, ihrer Schönheit und ihrem Kunstverstand und merkt gar nicht, dass sie ihn für ihre eigenen Zwecke einspannt, wie er gleich zu Beginn des Romans eingesteht. Das Buch ist seine nachträgliche Abrechnung mit der eigenen Naivität und Blauäugigkeit. Dass er den Schmeicheleien Marlenes auf den Leim geht, ist allerdings nur allzu gut verständlich. Der einstmals angesehene Maler steckt in einer heftigen Krise. Die Scheidung von seiner Frau hat ihn ruiniert. Er hat nicht nur sein Vermögen an sie verloren, sondern auch seine Bilder. Als er sein bestes Gemälde aus dem ehemals gemeinsamen Haus holt, wird er wegen Diebstahls zu Gefängnis verurteilt, denn das Scheidungsurteil hatte das Bild ihr zugesprochen. Während er seine Strafe verbüßt, vergisst ihn die australische Kunstwelt. Ein ehemaliger Förderer erbarmt sich seiner und lässt ihn als Hausmeister in eines seiner zum Verkauf stehenden Häuser auf dem Land einziehen. Dort lebt er zusammen mit seinem geistig behinderten Bruder Hugh von dessen Rente und auf Pump.

Als Marlene eines Nachts in seine Küche stolpert, verliebt er sich nicht nur Hals über Kopf in die schöne Kunstexpertin, sondern lässt sich auch von ihrem Versprechen, ihn wieder in die Kunstszene zu bringen, betören. Dabei entgeht ihm, wie geschickt sie ihn für ihre eigenen Pläne einspannt. So begreift er zum Beispiel erst, als zwei Kriminalbeamte bei ihm auftauchen, dass sie in jeder Nacht seinem Nachbar ein bekanntes Leibovitz Bild geklaut hat. Doch die Polizei hält ihn für den Täter und heftet sich fortan an seinen Fersen.

Peter Carey hat dem Maler nun nicht nur sein eigenes Alter gegeben, sondern ihn auch in jene Kleinstadt versetzt, in der er selbst aufgewachsen ist. Trägt die Figur also autobiographische Züge?

"Ist meine Interpretation des Lebens des Malers von mir selbst und meinen Beobachtungen beeinflusst? Das wird wohl so sein. Doch allein schon die Vorstellung, über mich selbst zu schreiben, ist entsetzlich langweilig. Alles in mir ist vielmehr von der Idee begeistert, Sachen zu erfinden, die niemals zuvor existiert haben. Wenn ich in ein Buch einsteige und eine lange Reise vor mir haben, dann besteht die Spannung doch gerade darin, dass ich nicht weiß, was geschehen wird oder was aus den Leuten wirklich wird. Natürlich schöpfe ich aus mir selbst, aber es ist doch gerade spannend, über sich selbst hinauszugehen und Gebiete zu erobern, die man sich vorher nicht hätte vorstellen können."

So schlüpfte Peter Carey diesmal in die Gedankenwelt von Hugh, Butcher Boones geistig behindertem Bruder. Der erzählt von Butchers Liebesgeschichte und Marlenes Täuschungsmanöver aus seiner Sicht und die unterscheidet sich natürlich stark von den drastischen, bisweilen sarkastischen, manchmal selbstmitleidigen Erinnerungen des Malers. Hughs kindliches Gemüt erkennt Wahrheiten, die sich seinem Bruder verschließen. Er ist der naive Narr, der des Kaisers neue Kleider sprich den Kunstbetrug durchschaut.

"Butcher ist in jeder Hinsicht ein völlig unzuverlässiger Erzähler und das Buch hat darum zwei Erzähler: Butcher und seinen Bruder. Beider Berichte widersprechen sich und die Wahrheit liegt irgendwo der Mitte. Ein Aspekt des Buches ist, egal wie egozentrisch, eigenwillig und selbstsüchtig Butcher erscheinen mag und wie sehr er sich auch über seinen Bruder beklagt, dass er ihn ganz eindeutig liebt. Das ist eine der Liebesgeschichten des Buches: die Liebe zwischen diesen beiden Brüdern. Auch wenn Butcher eigentlich keine Lust hat, sich um Hugh zu kümmern, der sich nur schwer hüten lässt, so sorgt er sich doch um ihn und liebt ihn auf seine merkwürdige Art und Weise."

Dass die andere Liebesgeschichte ein Fiasko wird, erfährt man schon auf den ersten Seiten des Buches. Doch Peter Careys Kunst besteht gerade darin, die Neugier so zu wecken, dass man wissen möchte, was Marlene mit Butcher Boone vorhat und wie sie ihn austrickst. Dass sich der Maler auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang eingelassen hat, steht relativ früh fest. Dass er keineswegs so skrupellos, abgebrüht und schnoddrig ist, wie er sich darstellt, es für ihm moralische Grenzen gibt, die er nicht überschreiten will, zeigt sich am Ende des Buches. Zwar geht er seiner großen Liebe verlustig, aber Peter Carey gestattet ihm doch eine spätere Genugtuung. Er folgt Marlene nach New York und malt dort einen 'echten' Leibovitz.

"Ich wollte, dass dieser Mann vom Lande nach New York geht und dort mit aller Leidenschaft und allem Stolz das weltstädtischen Zentrum dazu bringt, auf ihn und seine Arbeit zu schauen. Ihm geht es darum, dem weltstädtischen Zentrum einen Streich zu spielen, um jene Leute zu demütigen, die ihn gedemütigt haben. Das ist ein so simples Motiv, dass ich mich fast schäme, es einzugestehen. Es geht aber auch darum, was Kunst ist, was wahr ist und was nicht. Und das Verrückte und Komische ist am Ende, als Butcher das Bild gefälscht hat, dass dieses falsche Gemälde als das Beste gilt, das Jaques Leibovitz jemals geschaffen hat. Was sollen wir nun davon halten?"

Die Kunstwelt will betrogen werden. Auch wenn der Autor gleich zu Beginn des Buches eine Tragödie annonciert, den Leser erwartet eher eine verrückte, wilde Komödie, die die Gepflogenheiten, Eitelkeiten und die Geldgier des Kunstmarktes auf die Schippe nimmt. Eine neue Variante der alten Weisheit, dass Liebe blind macht und nicht vor Schaden schützt. Aber nur bei guten Schriftstellern kreiert sie so amüsante Verwicklungen.

Der australische Schriftstellers Peter Carey über seinen Roman
"Liebe - Eine Diebesgeschichte", Übers. Bernhard Robben, S. Fischer Verlag Frankfurt a.M. 2008, 336 Seiten, 19.90 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk