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StartseiteDLF-MagazinWie Wahlen ein Land teilen 24.03.2016

Sachsen-Anhalt Wie Wahlen ein Land teilen

24 Prozent holte die Partei Alternative für Deutschland (AfD) bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und das aus dem Stand. Allein beim Blick auf die Zahlen lässt sich das politische Erdbeben ablesen, das sich in Magdeburg im Laufe des Abends entfaltet hatte. Vor allem im Süden holte die AfD viele Direktmandate, im Norden war es die CDU. Damit ist Sachsen-Anhalt ein zerrissenes Land.

Von Christoph Richter

Zwei Menschen gehen in Merseburg in Sachsen-Anhalt an einem Wahlplakat der Alternative für Deutschland vorbei (imago stock and people)
Ein Wahlplakat der Alternative für Deutschland (AfD) für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (imago stock and people)
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Unterwegs im Bismarck-Land. Der Landstrich liegt im Norden Sachsen-Anhalts, 80 Kilometer nördlich von Magdeburg. Dort wo Havel und Elbe zusammenfließen, dort wo heute die wertkonservativen Nachfahren der von Bismarcks, von Bredows, von Kattes oder von Wulffens leben. Namen, wie aus einem Fontane-Roman. Anders als im Süden des Landes, konnte hier die AfD kein einziges Direkt-Mandat erringen, mancherorts ist sie nicht mal angetreten.

"Es gibt so viele unzufriedene Menschen. Aber sollte man nicht mit dem, was man hat, glücklich sein? Und ich sag mal, Flüchtlingen muss geholfen werden." 

Sagt eine Frau die vor einem Supermarkt in Schönhausen steht. Rote Klinkerbauten prägen hier das Bild. Ein typisch altmärkisches Dorf könnte man meinen. Doch es ist mehr als das, denn Schönhausen ist der Geburtsort des späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck.

"Im Prinzip kann sich keiner beklagen, im Prinzip geht es uns ja besser als vielen anderen …"

… sagt ganz nebenbei ein Rentner, der sein klappriges Fahrrad durch den Ort schiebt.

15 Direktmandate erreichte die AfD in Bitterfeld  

200 Kilometer südwärts. Am anderen Ende des Landes, zweieinhalb Autostunden von Schönhausen entfernt, liegt Nebra. Ein lauschiger Ort mit verwinkelten Gassen, neogotischer Kirche, eingebettet in eine hügelige Landschaft. AfD-Land. Hier – auf halber Strecke zwischen Erfurt und Halle - hat fast jeder Zweite die rechtspopulistische Alternative für Deutschland gewählt. Ungewohnt offen erklären die Menschen den Hauptgrund ihrer Wahl: die Flüchtlinge.

"Sie kommen hierher, sie kriegen Wohnung, kriegen Möbel hingestellt, die müssen sich mal um unsere Leute kümmern. Die kriegen alle zu wenig Rente …."

15 Direktmandate konnte die AfD in Bitterfeld, im einst roten Mansfelder Land und im noch südlicheren Burgenlandkreis erreichen, das an der Grenze zu Thüringen liegt. Für eine Landtagswahl ein bundesweit bisher unerreichter Spitzenwert. Für den Magdeburger Rechtsextremismus-Experten David Begrich kommt das nicht von ungefähr.

"Dort ist so etwas wie eine Normalisierung der Anwesenheit von rechten Politik-Konzepten entstanden, die für die AfD sicher so etwas wie ein Türöffner gewesen sind."

Begrich will damit sagen: Wo die NPD einst traditionell stark vertreten war, hat jetzt deren Rolle die AfD übernommen. Zur Erinnerung: Im März vergangenen Jahres ist der Bürgermeister Markus Nierth in Tröglitz im Burgenlandkreis aus Angst um seine Familie, wegen der NPD-Demos zurückgetreten. Einer der Teilnehmer: Sachsen-Anhalts AfD-Landeschef André Poggenburg. 

Im Norden die konservativen Landwirte, im Süden die ruppigen Arbeiter

Der Riss zwischen CDU- und AfD-Land verläuft in Sachsen-Anhalt haargenau entlang der berühmtesten deutschen Sprachgrenze, der sogenannten Ik-Ich Linie, die grob gesehen Aachen und Frankfurt/Oder verläuft. Nördlich davon spricht man hochdeutsch, südlich davon mitteldeutsch. Mehr noch, es trennt Sachsen-Anhalt, zwischen dem landwirtschaftlich geprägten Norden und dem industriellen Süden, bestehend aus Bergbau und der Chemie-Industrie. Allein in dieser Region gingen zwischen 1990 und 2000 fast die Hälfte der Arbeitsplätze verloren. Weltweit gibt es keine Region, die so starke Strukturbrüche in so einer kurzen Zeit erleben musste.

"Sie haben im Süden eine vielfältige Erfahrung von De-Industrialisierung nach der Vereinigung. Neu-Industrialisierungsversuche, die auch wieder gescheitert sind. Zuletzt in der Solar-Industrie, ohne Schuld des Landes. Das heißt, die Menschen haben dort die Erfahrung gemacht, dass sozialer Wandel sehr schnell kommt, völlig unkontrollierbar kommt und vernichtend kommt."

Ein Erklärungsversuch des Stendaler Politikpsychologen Thomas Kliche. Die AfD, ergänzt er noch, werde als soziale Protestpartei verstanden. Einen Beleg dafür liefert das Umfrageinstitut Infratest dimap, nach deren Angaben erhielt die AfD in Sachsen-Anhalt allein 38 Prozent der Stimmen aus dem Lager der Arbeitslosen.

"Im Norden haben wir eine Orientierung an Arbeitsplätze die außerhalb des Landes liegen, vor allen Dingen in Wolfsburg und Berlin. Und dadurch ist mehr Konstanz in den sozialen Beziehungen, aber auch in der wirtschaftlichen Orientierung." 

Sachsen-Anhalt: 26 Jahre nach der Neugründung ein zerrissenes Land, die Wahl hat es deutlich gemacht. Im Norden leben die wertkonservativen Landwirte, die keine Experimente wünschen; im Süden die ruppigen Arbeiter, die sich zu den neuen Rechten der AfD hingezogen fühlen.

Für viele ist die AfD alternativlos

"Illusionen entstehen immer dort, wo Not groß ist. Nicht nur materielle, wo innere Not groß ist, wo sich jemand verlassen fühlt. Vergessen fühlt von der geschichtlichen Entwicklung, sich benachteiligt fühlt."

Weshalb die rechtspopulistische AfD mit ihrem Konzept der einfachen Antworten auf komplexe Fragen - so der Befund des Psychosomatikers Jörg Frommer – gerade in sozial prekären Gruppen, wie ein Heilsbringer wahrgenommen werde. Obwohl nichts von dem was sich die sogenannten "kleinen Leute" von der AfD versprechen, im Wahlprogramm zu finden ist.

Rechts – nein, das sei man nicht, sagen die Leute in Nebra, im Burgenlandkreis an der Grenze zu Thüringen. Und trotzdem ist für viele die AfD alternativlos.

"Die sollen es besser machen. Jetzt nicht so rassistisch oder was. Sondern die sollen sich jetzt rühren. Und sagen, wir wollen jetzt das kleine Volk mal vertreten."

In Bismarcks Geburtsort Schönhausen – im Norden Sachsen-Anhalts - ist man da weniger aufgeregt, betrachtet die Dinge eher protestantisch nüchtern.

"Man muss aber auch sagen, viele die so meckern, sind auch gerade die, die nicht viel machen."

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