Kalenderblatt / Archiv /

 

Sachwalter deutscher Musik

1956 starb der Dirigent Hermann Abendroth

Von Frieder Reininghaus

Werktreue hatte bei Hermann Abendroth einen hohen Stellenwert. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Werktreue hatte bei Hermann Abendroth einen hohen Stellenwert. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Hermann Abendroth durchlief eine durch und durch deutsche Karriere. Von München führte sie über Zwischenstationen in Lübeck und Essen nach Köln und Bonn. Abendroth, in den 1920er Jahren der republikanischen Linken zuneigend, schwenkte auf den Kurs der Nationalsozialisten ein und wurde mit der Stelle des Gewandhauskapellmeisters in Leipzig belohnt. Nach dem Krieg arrangierte er sich dann mit dem SED-Regime, deutsche Musik ging ihm über alles. Vor 50 Jahren ist er gestorben.

Was einen Künstler aus dem weiten Feld seiner kompetenten Kollegen heraushebt und seinen Ruf dauerhafter macht, unterliegt dem historischen Wandel: Manche Epoche begeistert sich für genialische Wunderjünglinge und wird von den Frühvollendeten ergriffen, zu andern Zeiten stehen die reife Meisterschaft und ein sorgfältig summiertes Lebenswerk höher im Kurs. Hermann Abendroth, 1883 in Frankfurt am Main geboren, gehörte zu den grundsoliden Leistungsträgern eines blühenden symphonischen Lebens in mittleren und großen Städten.

Und doch zeichnete ihn sein Führungsstil ebenso wie so manches illustre Resultat vor anderen aus. In einem guten halben Jahrhundert am Dirigentenpult, das für den 20-Jährigen beim Münchener Orchesterverein begann, dann über Lübeck und Essen 1915 an die Spitze des Gürzenich-Orchesters nach Köln führte, definierte er sich allemal als disziplinierter Sachwalter der Werke. Abendroth machte keinen Hehl daraus, dass er von narzisstischem "Pultvirtuosentum" nichts hielt. Er war von Musik durchdrungen und ein Workaholic, verstand sich dabei als primus inter pares, nicht als Kommandant. Unter seinen Händen konnte die Musik frei durchatmen und tiefe Innigkeit verströmen.

Hermann Abendroth, in München ausgebildet von Ludwig Thuille in Theorie und Komposition sowie von Felix Mottl im Dirigieren, stand entschieden in der deutschen Kapellmeister-Tradition des 19. Jahrhunderts. Freilich zeigte er sich in den Jahren der Weimarer Republik aufgeschlossen gegenüber dem Neuen und wollte diesem auch die Türen der Ausbildungsstätten öffnen. Er übernahm in Köln auch die Leitung des bis dahin sehr konventionell gehaltenen Konservatoriums und formte es zu einer modernen Musikhochschule.

Sein Interesse am zeitgenössischen Schaffen und sein Hochleistungswille zogen den Zorn der rechtslastigen Lokalpresse auf sich, sie denunzierte ihn als "Kulturbolschewisten" und zugleich als Egomanen, der "auf Kosten der musikalischen deutschen Jugend seine eigenen elitären Ansprüche zu verwirklichen sucht". Gleich nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" wurde Abendroth, der 1930 nach Bonn gewechselt war, als Generalmusikdirektor entlassen, auch als Leiter der Niederrheinischen Musikfeste abgesetzt, verhaftet, verhört und eingeschüchtert. Da er in seiner Bedrängnis darauf verweisen konnte, dass er doch stets deutsch gedacht und gehandelt habe, stieg er auf das Angebot ein, sich als Leiter der pädagogischen Abteilung der zur Gleichschaltung des Musiklebens installierten Reichsmusikkammer zu bewähren. Als der Dirigent Bruno Walter kurze Zeit darauf ins Exil ging, bot sich Abendroth die große Chance seines Lebens: Mit Rückendeckung einflussreicher Freunde bewarb er sich als Gewandhauskapellmeister.

Der Karrieresprung auf die Leipziger Chefposition gelang. Und da er nun wie selbstverständlich auch NSDAP-Mitglied wurde und zur musikalischen Moderne auf Distanz ging, sich ganz um die Pflege des klassischen Repertoires von Beethoven, Schubert, Schumann bis Brahms und Bruckner kümmerte, fand er auch in Berlin viel Gelegenheit zur Profilierung. Zu den Highlights aus der Zeit unmittelbar vor dem Krieg stammen Aufnahmen wie die von Beethovens G-Dur-Konzert mit dem Pianisten Wilhelm Kempff und dem Großen Orchester des Reichssenders Berlin, aus den Tagen der Götzendämmerung des Nazireichs Ende 1944 Richard Wagners Faust-Ouvertüre.

Nach dem Krieg war Hermann Abendroth aus politischen Gründen im Leipziger Gewandhaus nicht mehr haltbar, zog sich in die Provinz zurück, wurde aber 1946 als musikalischer Leiter der Staatskapelle und des Nationaltheaters in Weimar akzeptiert. Vier Jahre später hatte ihn auch das Leipziger Publikum wieder, als Chefdirigenten des dortigen Rundfunksinfonieorchesters. Er wurde einer der Vorzeige-Dirigenten der DDR, mit Nationalpreisen und Verdienstorden ausgestattet und auf Auslandstourneen geschickt. Die bemerkenswert gradlinige deutsche Karriere, die nur wenig Schonung der eigenen Kräfte kannte, neigte sich jedoch bald dem Ende zu: Abendroth starb am 29. Mai 1956 in Weimar bei einer Operation an Herzversagen, offiziell gewürdigt und von einer treuen Hörerschaft auch weiterhin in Ehren gehalten.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

Bildhauer Ewald MataréNach dem Kern alles Seienden fragen

Das Denkmal "Toter Krieger" von Ewald Matare vor der Stifts-und Prosteikirche St. Mariä Himmelfahrt in der nordrhein-westfälischen Stadt Kleve am 09.05.2005. Das Denkmal wurde im Jahre 1934 als Teil eines Ehrenmals für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges aufgestellt. 1938, nur vier Jahre später, wurde es von den Nationalsozialisten zerstört. Das Denkmal wurde restauriert und 1981 wieder aufgestellt als Mahnmal gegen Unrecht und Gewalt. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)

Ewald Mataré, der von den Nazis als entartet verfemte Bildhauer, Maler und Grafiker, gehörte zu den meistgeschätzten deutschen Bildhauern der Nachkriegszeit. Bekannt wurde er mit seinen Tier-Plastiken und mit Kunst im sakralen und im öffentlichen Raum. Zu seinen berühmten Schülern gehörten Günter Grass und Joseph Beuys. Mataré starb 29. März 1965, vor 50 Jahren.

Teresa von ÁvilaReformerin gegen die Obrigkeit

Ordensgründerin Teresa von Avila (1515-1582) (imago / Michael Westermann)

Ob sie vor allem als Heilige oder als Schriftstellerin zu gelten hat, als Mystikerin oder Ordensgründerin mit eiserner Willenskraft, hängt vom Blickwinkel ab. Doch Teresa von Ávila war auch eine Vorkämpferin der Emanzipation und überlistete das männliche Establishment der spanischen Amtskirche. Vor 500 Jahren wurde sie geboren.

Hollywood"Rebecca" erobert die Leinwand

Laurence Olivier und Joan Fontaine in dem Spielfilm von Hitchcock Rebecca. (imago / AD )

Er war einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte: Alfred Hitchcock. Seine erste Hollywood-Produktion, die Literaturverfilmung "Rebecca", feierte am 27. März 1940 Premiere und erhielt zwei Oscars. Doch bis zum Filmstart gab es für Hitchcock einige Schlachten in der Filmbranche zu schlagen.