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StartseiteBüchermarktSäuberung, Gefängnis, Gulag16.11.2007

Säuberung, Gefängnis, Gulag

Martin Amis schildert eindringlich die Grausamkeit des Stalin-Regimes

In seinen Büchern und Schriften hat sich der englische Starautor Martin Amis menschlicher Tragödien angenommen: dem Thema Aids, der atomaren Bedrohung, dem Holocaust. Nun ist sein Buch "Koba der Schreckliche" auf Deutsch erschienen. In dem 300 Seiten starken Essay beschreibt und bewertet Amis die Schreckensherrschaft Josef Stalins in der Sowjetunion.

Von Arne Rautenberg

Die Gräueltaten Josef Stalins behandelt Martin Amis in seinem Essay "Koba der Schreckliche". (AP)
Die Gräueltaten Josef Stalins behandelt Martin Amis in seinem Essay "Koba der Schreckliche". (AP)

Käme man in einen Wohnraum, in dem eines der berühmten Andy Warhol-Porträts, nämlich das von Mao hinge, man würde kaum mehr die Augenbraue heben. Maos Kulturrevolution verzeichnet dem "Schwarzbuch des Kommunismus" nach 65 Millionen Opfer. Würde man sich auch ein Bild von Hitler in heutigen Wohnräumen vorstellen können? Wohl kaum. Von Stalin? Eher nicht. Von Lenin? Wer weiß. Von Trotzki: Eher als von Mao. Eben dieser von der weltweiten Linken gern genutzte Cool- oder wenigsten Hipness-Faktor ist es, der Martin Amis herausgefordert hat. Als das Millennium vorrückte, las er sich durch mehrere Buchmeter zum Sowjet-Experiment und machte sich seine Gedanken darüber.

In Amis Rechercheergebnissen läuft alles Faktische immer wieder auf drei Worte hinaus: Säuberung, Gefängnis, Gulag. Was diese Worte für jeden einzelnen der 20 Millionen Sowjet-Opfer bedeuten konnten, ist nicht zuletzt deswegen für demokratisch sozialisierte Menschen unvorstellbar, weil die moralische und physikalische Tragweite dieser Grausamkeiten schlichtweg unglaublich scheint, wodurch sie ins Unbegreifbare entrückt werden.

Amis langer Essay ist einerseits von persönlichen Empfindungen, Begegnungen und Geschichten durchsetzt, dann wieder eine faktisch orientierte, aus historischen Quellen schöpfende Abhandlung über Sowjet-Russland. Amis beginnt mit der Verwunderung über seinen Vater, den Schriftsteller Kingsley Amis, einen späteren Kommunistenhasser, der als junger Mann Anfang der vierziger Jahre in Oxford Mitglied der Kommunistischen Partei war und seine "Befehle praktisch aus Stalins Moskau bekam". Amis folgert: Was ein gebildeter Mensch damals über das Sowjet-System wissen konnte, war erdrückend und furchtbar. Lenin und Trotzki hatten ein Terror-Regime aufgebaut, die Wirtschaft planvoll ruiniert, die Todesstrafe unbedingt befürwortet, den Volksstamm der Kosaken systematisch vernichtet und 1920 und 1921 eine entsetzliche Hungersnot provoziert; zwei Millionen Menschen starben als Druckmittel für den Kurs auf dem nationalen Präsentierteller. Selbst in der Außenpolitik zeigte sich das Regime - für die ganze Welt sichtbar - von seiner entsetzlichen Seite.

"Hunger gehört zur kommunistischen Tetrarchie - die anderen drei Elemente sind Terror, Sklaverei und natürlich Scheitern, ewiges und unausweichliches Scheitern.
Der Unterschied zwischen Lenin und Stalin war allenfalls quantitativ, nicht qualitativ. Stalins einzige echte Neuerung war die Entdeckung einer weiteren Gesellschaftsschicht, die gesäubert werden musste: die der Bolschewiki."

Im Hauptteil des Buches widmet sich Amis der Person und dem Wirken von Josef Stalin - Stalin, dessen erstes Credo "Der Tod löst alle Probleme" hieß und der seinem Credo gern ein weiteres nachschob, nämlich: "Kein Mensch, kein Problem." Man muss sich dazu vorstellen, dass dieser Mann knapp 25 Jahre die unbegrenzte Schaltstelle der Macht in Russland besetzt hielt, 73 Jahre alt geworden und zudem noch eines natürlichen Todes gestorben ist.

Amis zeichnet Stalins Weg facettenreich nach; irgendwo zwischen ausgebreitetem familiären Sekundärmaterial und historisch-biografischer Spekulation sucht er eine Erklärung für das absonderliche Ticken dieses Mannes, der die Idee hatte, dass Unbarmherzigkeit eine Tugend sei. Wie lässt es sich erklären, dass ein ehrgeiziger Mann es schaffen kann, Millionen seiner eigenen Landsleute auszurotten und dafür vom ganzen Land vergöttert zu werden? An diesen glitschigen Fragen scheitern alle, auch Amis rationale Zangen.

Seinen Essay beschließt Amis mit einem langen, offenen Brief an seinen nun Ex-Journalistenkumpel Christopher Hitchens. Es kommt zur offenen Abrechnung, denn Amis hält dessen schwärmerische Ader für Lenin und Trotzki angesichts der erdrückenden Fakten für absolut untragbar. Und überhaupt: Wie kann man sich als Schriftsteller für ein System erwärmen, in dem die Schriftsteller nicht mehr sein sollten als kritiklose Sprachrohre der Regierung?

Gleichzeitig beschäftigt Amis das Ungleichgewicht der öffentlichen Wahrnehmung von Hitler-Deutschland und Stalin-Russland. Vergleiche wie diese durchziehen das Buch:

"Jeder weiß von Auschwitz und Bergen-Belsen. Niemand weiß von Workuta und Solowetzky. Jeder weiß von Himmler und Eichmann. Niemand weiß von Jeschow und Dserschinski. Jeder weiß von den 6 Millionen des Holocaust. Niemand weiß von den 6 Millionen der Terror-Hungersnot."

Am augenfälligsten scheint Amis die Diskrepanz zwischen den Terror-Regimen im Gelächter über sie zum Vorschein zu kommen. Er meint: Über Sowjetrussland ließ sich immer besser lachen als über Nazideutschland. In diesem Zusammenhang fragt sich der Literaturmensch Amis, was es für ein "Stück" Russland eigentlich in den Jahren 1917-1953 gegeben hat.

"Es ist eine schwarze Farce. Und die schwarze Farce ist etwas sehr russisches. Es scheint, dass sich der Humor nicht aus der Kluft zwischen Worten und Taten vertreiben lässt. In der UDSSR erstreckt sich die Kluft über elf Zeitzonen. Der Volksfeind war das Regime. Die Diktatur des Proletariats war eine Lüge; die Union war eine Lüge, und Sowjet war eine Lüge, und sozialistisch war eine Lüge, und Republik war eine Lüge. Genosse war eine Lüge. Die Revolution war eine Lüge."

Wie sehr diese Lüge über die wahren Begebenheiten triumphierte, zeigte sich am besten darin, dass Stalin tatsächlich glaubte, die Realität beuge sich seinem Willen.

Als Amis' Buch 2002 in Großbritannien erschien, sparten die Historiker nicht mit Kritik. Zu persönlich, zu polemisch, sagten sie, und weiter: in vielen Aspekten zu knapp, zu flach, zu oberflächlich, zu breit, zu unstrukturiert. Es mag Historikern leicht fallen, dem Buch diese Vorwürfe zu machen und es fällt ebenfalls leicht, zu sagen, dass genau sie die Stärke dieses Buches ausmachen: eben eine zeit- und raumübergreifende Haltung zum Entsetzen einzunehmen. Amis hat mit diesem Buch seine Popularität genutzt, um für einen unpopulären Stoff zu werben, der die Kraft hat, Weltsichten zu entzerren. Als Leser schaudert man bei der Schilderung der vielen Gräueltaten - das Buch ist voll von ihnen und mit 300 Seiten nicht gerade schlank. Amis' Versuch, der Linken, beziehungsweise den 68ern und Post-68ern die rosarote Brille abzusetzen, mit der sie so gern gen Osten schauen, entpuppt sich als fruchtbar, eben auch weil die grundlegende Frage mit aufscheint, inwieweit politische Ideale überhaupt tragbar sein können. Amis' Buch ist ein Plädoyer für eine Geschichtswahrnehmung unter dem Gesichtpunkt der Menschlichkeit. Die Erschütterung, die von den Fakten ausgeht, ist durchdringend - und nötigt den Leser zur Einsicht, seine demokratische Existenz als einen historischen Glücksfall zu erkennen.

Amis, Martin: Koba der Schreckliche. Die zwanzig Millionen und das Gelächter
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Hanser Verlag, 296 Seiten, 21,50 Euro

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