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StartseiteDie neue Platte"Saiten und Seelen im Gleichklang"17.02.2013

"Saiten und Seelen im Gleichklang"

Quatuor Ebène spielt Quartette der Geschwister Fanny Hensel und Felix Mendelssohn

Fanny Hensel war mindestens so talentiert wie ihr berühmter Bruder Felix Mendelssohn. Im 19. Jahrhundert war eine Musikerkarriere für Frauen jedoch nicht vorgesehen. Den Kompositionen von Fanny schenkt jetzt die neue CD des Streicherquartetts "Quatuor Ebène" Aufmerksamkeit - eingerahmt von Quartetten Mendelssohns.

Von Maja Ellmenreich

Der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy: Das Werk seiner Schwester wird auf einer neuen CD gewürdigt (AP Archiv)
Der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy: Das Werk seiner Schwester wird auf einer neuen CD gewürdigt (AP Archiv)

Bruder und Schwester. Die beiden lieben und sie streiten sich. Sie kratzen, beißen, hauen, aber sie verbünden sich auch, helfen und vertrauen einander und sind - ob sie wollen oder nicht - auf ewig verbunden. Ein ganz besonderes Band hielt Fanny und Felix Mendelssohn zusammen. Biografen und Musikwissenschaftler sind sich einig, dass diese Beziehung stärker war als übliche Geschwister-Verwandtschaften. Fanny und Felix waren einander Spielgefährten und Komplizen, Ratgeber, Kritiker, engste Verbündete und in gewisser Weise auch Liebende. "Saiten und Seelen im Gleichklang" heißt es über die beiden im Begleitheft zur neuen CD des Quatuor Ebène. Die vier jungen Streicher aus Frankreich haben den Geschwistern Mendelssohn ihr neues Album gewidmet: Darauf umrahmen zwei Quartette von Felix eines von Fanny.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Intermezzo: Allegretto con moto
aus: Quartett für zwei Violine, Viola und Violoncello Nr. 2 a-Moll, op. 13
Track 3


Günstigere Startbedingungen sind kaum denkbar: Fanny Caecilie und ihr gut drei Jahre jüngerer Bruder Jakob Ludwig Felix wachsen Anfang des 19. Jahrhunderts in einem kulturbegeisterten Bildungsbürgerhaushalt auf. Dem Bankier Abraham Mendelssohn und seiner klavierspielenden Gattin Lea ist die Förderung der musikalisch hochbegabten Kinder eine Herzensangelegenheit. Für Fanny und Felix kommt nur das Beste in Frage: Kompositionsunterricht bei Carl Friedrich Zelter, dem Leiter der berühmten Berliner Sing-Akademie. Die beiden werden wie Zwillinge behandelt, Alter und Geschlecht spielen keine Rolle - gleiches Recht und gleiche Pflicht für beide. Doch als Bruder und Schwester Mendelssohn das Jugendalter erreichen und ihr Talent danach verlangt, der Öffentlichkeit präsentiert zu werden - da findet die Ebenbürtigkeit ein jähes Ende. Zur Konfirmation der inzwischen evangelisch reformiert getauften Fanny schreibt der Vater ihr 1820 einen unmissverständlichen Brief:

"Die Musik wird für [Felix] vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll; ihm ist daher Ehrgeiz, Begierde, sich geltend zu machen in einer Angelegenheit, die ihm sehr wichtig vorkommt, weil er sich dazu berufen fühlt, eher nachzusehen, während es Dich nicht weniger ehrt, dass Du von jeher [...] Deine Freude an dem Beifall, den er sich erworben, bewiesen hast [...] Beharre in dieser Gesinnung und diesem Betragen, sie sind weiblich, und nur das Weibliche zieret die Frauen."

Klare Ansage. Widerspruch zwecklos. Felix wird in die große weite Welt geschickt, um sich zu bilden, um Karriere zu machen, während Fanny im heimatlichen Berlin bleiben muss. Zwar unterstützt der Vater weiterhin ihre musikalischen Ambitionen, aber bitteschön hinter verschlossenen Türen. Die Dirigentin, Komponistin und Interpretin Fanny Mendelssohn, ab 1829 verheiratete Hensel, sie musiziert wie ein Vogel im goldenen Käfig. Für die Konventionen damals ist das schon mehr, als so manch eine begabte Zeitgenossin zu träumen wagt. Und doch ist es für Fanny ein schweres Schicksal, dem sie sich beugen muss; die Karriere des geliebten und überaus erfolgreichen Bruders Felix vor Augen, leidet sie. Mit ihm bleibt sie aber - wie zahlreiche Briefe dokumentieren - in engem Kontakt: Sie geben sich gegenseitig ihre Kompositionen zu lesen. So sieht auch Felix als erster Fannys Streichquartett aus dem Jahr 1834.

Fanny Hensel: Adagio ma non troppo
aus: Quartett für zwei Violine, Viola und Violoncello Es-Dur
Track 5


Eigentlich liebt Fanny die kleinen Formen - romantische Lieder und kurze Klavierstücke; und sie scheut die größeren Gattungen mit ihren Traditionen und daraus erwachsenen Konventionen. Nur einige wenige Male traut sie sich an die mehrstimmige, rein instrumentale Kammermusik heran: 1834 etwa an die klassische Besetzung aus zwei Geigen, einer Bratsche und einem Cello.

Die Vokalkomponistin Fanny Hensel, wie sie seit ihrer Heirat mit dem Maler Wilhelm Hensel heißt, die Vokalkomponistin hört man insbesondere aus diesem 1. Quartettsatz heraus, dem anfänglichen Adagio. Kein typischer Quartettbeginn, der den strikten Regeln der Sonatenhauptsatzform folgt - aber ein zutiefst beseelter, insbesondere, wenn das Quatuor Ebène ihn spielt. Dominiert wird er von hohen Geigenkantilenen, die wie menschliche Singstimmen daherkommen.

Wie ein gestrenger Lehrer urteilt Bruder Felix über das erste und schlussendlich auch letzte Quartettprojekt seiner Schwester: Er lobt und würdigt, aber er mahnt auch, tadelt und warnt. Zu viel Freiheit in der Form - so lautet seine Kritik. Gemessen am damaligen Zeitgeist trifft er den Nagel auf den Kopf - und gleichzeitig trifft er bei seiner Schwester Fanny offensichtlich einen wunden Punkt, denn sie begründet ihre Kompositionsweise mit - so wörtlich - "einem gewissen Lebensprinzip":

"Es fehlt mir die Kraft, die Gedanken gehörig festzuhalten, ihnen die nöthige Consistenz zu geben. Daher gelingen mir am besten Lieder, wozu nur allenfalls ein hübscher Einfall ohne viel Kraft der Durchführung gehört."

Selbstmitleid? Oder Koketterie? Fakt ist jedenfalls, dass Fanny zu weitaus mehr imstande war als lediglich zu "hübschen Einfällen". Ihr Streichquartett ist sicher nicht so konzentriert und konsequent konzipiert wie die Werke ihres Bruders, aber in seiner Form- und Gedankenfreiheit vielleicht sogar zukunftsweisender als Felix' sieben Kompositionen für die Streicher-Quartettbesetzung. Zwei davon hat das Quatuor Ebène ausgewählt für seine neue Platte: Zu Beginn Felix' erstes veröffentlichtes, Opus 13 in a-Moll, und am Schluss sein letztes, Opus 80 in f-Moll, entstanden wenige Monate vor Mendelssohns Tod im November 1847.

Felix Mendelssohn Bartholdy:
Intermezzo: Allegretto con moto
aus: Quartett für zwei Violine, Viola und Violoncello N. 6 f-Moll, op. 80
Track 9

Wer die Entstehungsgeschichte von Mendelssohns Opus 80 nicht kennt, der ahnt aber spätestens nach dem ersten Satz, dass etwas Furchtbares passiert sein muss: Am 14. Mai 1847 bricht Fanny urplötzlich während einer Probe zusammen. Ein Schlaganfall. Nur wenige Stunden später stirbt sie. Als Felix die Nachricht vom Tod seiner Schwester erhält, ist er am Boden zerstört, er empfindet

"... die größte Leere und Wüste im Kopf und im Herzen."

Nur schwer kann er sich dazu aufraffen, wieder Musik zu schreiben. Keine sechs Monate überlebt er seine Schwester, seine "liebste Fenchel", wie er sie zärtlich genannt hat: Anfang November 1847 stirbt Mendelssohn, nachdem auch er mehrere Schlaganfälle erlitten hat. Sein letztes Streichquartett gilt wohl mit Recht als "Requiem für Fanny", als Abschied von seiner geliebten Schwester, von der Musik und vom Leben.

Felix Mendelssohn Bartholdy:
Allegro assai
aus: Quartett für zwei Violine, Viola und Violoncello N. 6 f-Moll, op. 80
Track 10


Ein letztes Aufbäumen, ein letzter Kraftakt, bevor alle Energie entschwindet. So war es wohl für Felix Mendelssohn Bartholdy, und so spielen auch die vier Streicher vom Quatuor Ebène das "Allegro assai" aus dem f-Moll-Quartett. Sie spielen mit einem Furor, einer Leidenschaft und Hitze, dass man die bodenlose Mendelssohnsche Verzweiflung förmlich spüren kann: Für ihn war Fannys Tod schließlich der denkbar größte Verlust.

Das Quatuor Ebène wird seit seinem kometenhaften Aufstieg nach dem ARD-Wettbewerbssieg 2004 nicht selten als eines der besten jungen Quartette deklariert. Und mit ihrer neuen Mendelssohn-Platte werden die vier Streicher diesem Ruf wieder mal gerecht: Sie beeindrucken mit Intensität - technisch, emotional, interpretatorisch. Die Geiger Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, der Bratschist Mathieu Herzog und der Cellist Raphaёl Merlin sind darüber hinaus kluge Programmgestalter: Sie zeigen anhand des frühen und des späten Werks die Vielfalt von Felix' Quartettschaffen, sie stellen das beeindruckende und weiterhin nicht allzu beachtete Es-Dur-Quartett von Fanny vor, und mit alledem dokumentieren sie die enge Zusammenarbeit, die gegenseitige Inspiration und Zuneigung des ungewöhnlichen Geschwisterpaares Fanny und Felix, die ohne einander nicht konnten - menschlich wie musikalisch.

Felix Mendelssohn Bartholdy:
Presto
aus: Quartett für zwei Violine, Viola und Violoncello Nr. 2 a-Moll, op. 13
Track 4


Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Hensel - Bruder und Schwester. Den beiden und ihrem Streichquartettschaffen hat das Quatuor Ebène aus Frankreich seine neue CD gewidmet, erschienen ist sie bei Virgin Classics und Ihnen wärmstens ans Herz gelegt worden von Maja Ellmenreich.

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