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StartseiteBüchermarktDie einsamen Londoner aus der Karibik26.06.2017

Sam Selvon: "Die Taugenichtse"Die einsamen Londoner aus der Karibik

Der in Trinidad geborene Autor Samuel Selvon erzählte 1956 als Erster aus der Perspektive karibischer Einwanderer vom Leben in London, dem ehemaligen Zentrum des zerfallenden Weltreichs. Mit 60 Jahren Verspätung erscheint nun die erste deutsche Übersetzung des postkolonialen Klassikers.

Von Mareike Ilsemann

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Einwanderer aus Westinidien kommen in England an.  (imago / United Archives International)
Einwanderungswelle aus der Karibik: In den 1950ern kamen jährlich über 25.000 Menschen aus Westindien in England an. (imago / United Archives International)
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Ein Klassiker der postkolonialen Literatur, der gerade jetzt hochaktuell ist: "Die Taugenichtse" lautet der deutsche Titel von Samuel Selvons Stadtroman "The Lonely Londoners" aus dem Jahr 1956. Darin erzählt der in Trinidad in der Karibik geborene Autor vom schwierigen Leben einer Gruppe Westinder in der Wahlheimat London und wie sie London für immer verändern. "The Lonely Londoners" – das war der erste Roman, der konsequent in den Mundarten des karibischen Englisch geschrieben wurde. Vermutlich wurde er deshalb so lange nicht übersetzt, denn wer weiß schon, wie ein Trinidader oder Jamaikaner im Deutschen klingt.

Erste Einwanderungswelle aus der Karibik

London war ihnen immer als das Zentrum der Welt verkauft worden. Im Zweiten Weltkrieg hatten Tausende von ihnen für die englische Krone ihr Leben riskiert. Nun brauchte das Mutterland seine schwarzen Söhne als Arbeitskräfte. Auf der legendären SS Windrush kamen 1948 die ersten Migranten aus der Karibik in England an. Unter ihnen könnte auch der Trinidader Moses Aloetta gewesen sein, eine der Figuren sowie Dreh- und Angelpunkt in Sam Selvons Roman über das Leben der karibischen Einwanderer in London: "Moses schickt die Jungs hierhin und dort. 'Zu viele Mokkas inzwischen in Bayswater', sagt er zu ihnen. 'Versucht mal Clapham. Wie man da hinkommt? Unten am U-Bahnhof, da sagen die euch das. Drei von euch gehen vielleicht auch mal King’s Cross Station fragen nach Samson, der macht dort die Koffer, der hilft euch weiter.' Wie ein Sozialarbeiter verteilt Moses die Jungs über ganz London, er will keinen Auflauf in Bayswater – ist schon so schwer genug alles." 

Moses wird seinem Namen gerecht: Für die schwarzen Jungs aus Jamaika, Barbados, Antigua oder Trinidad ist er so etwas wie Anführer und Beistand, der sie durch die gelobte Stadt führt. Der Roman aus dem Jahr 1956 spielt auf dem Höhepunkt der ersten Einwanderungswelle aus der Karibik. Jedes Jahr kamen mehr als 25.000 schwarze Bürger in England an, viele blieben in London. Natürlich ist es auch die Geschichte einer Desillusionierung: Das reale London ist nicht so, wie die Einwanderer es sich vorgestellt haben. "Die Sonne scheint, aber Galahad hat noch nie eine Sonne gesehen, die so aussieht. Ohne Wärme, einfach nur so am Himmel wie eine frühreife Orange. Wenn er hochguckt, hat der Himmel eine Farbe, die ist so trostlos, dass er noch mehr Angst kriegt. Eine Melancholie liegt in diesem Morgen, dass er anfängt, zu zittern."

Vielfalt der karibischen Inseln

Das fremde Klima ist eine Sache. Im Winter leihen sie sich gegenseitig Wollpullover. Auch das Geld ist ständig knapp. Die Arbeit ist hart, wenn sie welche haben, Moses und seine Jungs schieben Nachtschichten. Tragikomisch ist die Szene, in der Galahad vor Hunger im Hyde Park eine Taube fängt und dafür von einer alten Dame als Bestie beschimpft wird. Samuel Selvons Roman brach damals die Vorherrschaft des Standard-Englisch als Literatursprache auf. Der Erzähler kommt eindeutig auch aus der Karibik und gibt konsequent die Perspektive der Einwanderer wieder. Moses, Galahad, Cap, Five und der charmante Big City, sie alle sprechen im Original etwas anders.

In den unterschiedlichen Mundarten der Figuren spiegelt sich die Vielfalt der karibischen Inseln und ihrer Bewohner wieder. Für die Engländer sind sie alle nur Schwarze aus Jamaika. Der Rassismus schmerzt, führt zu Selbstentfremdung, auch wenn die Jungs alle eine ganz eigene Art haben, damit fertig zu werden: "Galahad guckt sich also die Farbe von seiner Hand an und redet mit ihr und sagt: 'Farbe, das liegt alles an dir, weißt du. Warum zum Teufel kannst du nicht blau sein oder rot oder grün, wenn du schon nicht weiß sein kannst? Dir ist schon klar, dass du ganz viel Leid in die Welt bringst? Ich nicht nämlich, sondern du!'"

Britische Seriosität und karibische Leichtigkeit

Sie sind als "koloniale Subjekte" aufgewachsen. Als Citizens erobern sie nun das Zentrum des zerfallenden Empires – zu Fuß, per Bus und Underground. Das heutige Nobelviertel Notting Hill, Bayswater und die Kensington Road sind ihr Revier. Gemeinsam können sie über die fremdenfeindlichen Redner an der Speaker's Corner lachen. Ein kehliges Ke Ke Ke. Narzissen und gepflegter Rasen verkörperten einst Englishness.

Moses und seine Jungs nutzen den Park, um sich etwas Flottes anzulachen und abzuhängen. Und samstags ist Party angesagt: "Habt ihr gesehen, wie er tanzt mit der alten Lady?", sagt Big City. "Himmel, Gütiger, was passiert in diesem London! Das ist hier wie eine Schweiferei im Princess Building Port of Spain! Wer will einen Drink?" [...] Die ganze Zeit schallert die Steelband heiße Nummern, und der gute Five, immer wenn er sieht, dass Harris guckt, lässt er die Hüfte zucken und die Jacke wallen und hüpft, als wenn er mittendrin steckt im Karneval, nur um Harris wild zu machen." 

Karibische Leichtigkeit trifft auf britische Seriosität, zuckende Hüften auf die Stiff Upper Lip. Die Kreolisierung Londons ist nicht mehr aufzuhalten. Sam Selvons Roman erzählt von der Transformation einer Stadt und könnte aktueller nicht sein. Einwanderer verändern die aufnehmende Gesellschaft, und die verändert sie. Die Übersetzerin Miriam Mandelkow hat es geschafft, die Mündlichkeit der Sprache zu transportieren. Dass  jede Figur etwas anders klingt, ist im Deutschen nicht so gut zu erkennen. Aber Mandelkow ahmt das karibische Englisch nach, indem sie die Verbform "sein" stellenweise auslässt, kleine syntaktische Unebenheiten übernimmt und Wörter erfindet, wie etwa die "Schweiferei", die Tanzveranstaltung, in der "abschweifen" und "Schwoferei" stecken dürften.

Absolut ärgerlich ist der Titel der deutschen Version. "Die Taugenichtse" – da klingt die koloniale, negative Wertung mit. Die Einwanderer haben hart geschuftet und immer versucht, das Beste aus der neuen Umgebung zu machen, ohne sich selbst zu verlieren. Am Ende sind auch sie Londoner geworden. "The Lonely Londoners", wie der Roman im Original heißt, Londoner, die oft sehr einsam waren.

Samuel Selvon: "Die Taugenichtse"
dtv, München 2017. 176 Seiten, 18 Euro

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